Sunday, June 14, 2026

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Der Lateinunterricht an den Gymnasien soll von zwölf auf acht Stunden reduziert werden. Gleichzeitig will Bildungsminister Christoph Wiederkehr das Fach »Informatik und Künstliche Intelligenz« einführen. Lehrer*innen, aber auch zahlreiche prominente Intellektuelle und Wissenschafter*innen kritisieren diese Pläne. Doch ist das Erlernen einer »toten« Sprache noch zeitgemäß? Wie könnte eine Reform des Bildungssystems aussehen? Report(+) hat drei Experten um eine Einschätzung gebeten.

Bild: iStock


1. Orientiert sich das Bildungssystem zu wenig am Bedarf der Wirtschaft?

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Andreas Salcher, Autor, Keynote Speaker und Mitbegründer der Sir Karl Popper Schule: "Österreich leistet sich ein sehr teures Schulsystem, dessen Output aber sowohl in der Zielgruppe der Bildungsfernen als auch bei den Spitzenschüler*innen dem hohen Input nicht gerecht wird. Die Frage lautet: Wie schließen wir die immer größere Kluft zwischen den Fähigkeiten, die junge Menschen in Zukunft brauchen, und jenen, die seit 30 Jahren unverändert in isolierten 50-Minuten-Stunden gelehrt werden? Meine Erkenntnis aus vielen Research-Reisen: Die Welt teilt sich in Zukunft in die Lerner und die Nicht-Lerner ein. Und die Nicht-Lerner werden zu den großen Verlierern gehören. Jeder einzelne, jedes Unternehmen muss das für sich entscheiden. In Österreich gibt es große Potenziale, die es zukunftsfreudig und innovativ zu nutzen gilt. Bildung ist dafür der größte Hebel, den wir als kleines Land haben. Dafür ist ein neues Set-up notwendig. Wir müssen anfangen, starre Systeme durch lernende, lebendige Systeme zu ersetzen."

 

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John Evers, Generalsekretär des Verbands Österreichischer Volkshochschulen: Ja, wenn wir einen ganzheitlichen Wirtschafts- und auch Bildungsbegriff zugrunde legen, der sich nicht nur auf ganz bestimmte »Skills« konzentriert. Wir müssen z.B. Erwachsene noch viel stärker motivieren, überhaupt an Bildungsangeboten teilzunehmen. Hierbei interessiert vor allem die Frage, welche Kompetenzen Menschen jeweils selbst stärken wollen, um das Berufsleben und Alltagssituationen gut zu meistern. Genau diesen modernen, an den Teilnehmenden orientieren, Bildungsansatz verfolgen die Volkshochschulen.

 

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Ronald Bieber, Generalsekretär der Österreichischen Computer Gesellschaft (OCG): Unser Bildungssystem ist in einer Umbruchphase und die Schritte, die von den Verantwortlichen gesetzt werden, sehe ich durchaus positiv. Mit der Digitalen Grundbildung z. B. wurde ein erster wichtiger Schritt getan, um Jugendliche von heute digital fitter zu machen. Digitale Grundkenntnisse sind für nahezu jeden Beruf essenziell.


2. Halten Sie Fächer wie Latein für überflüssig?

Andreas Salcher: 
»KI statt Latein« ist eine medienwirksame Schlagzeile, aber untauglich, um die fundamentalen Probleme des österreichischen Schulsystems zu lösen. Mit Stundenverschiebungen von Latein zur KI werden diese nicht gelöst werden, unabhängig davon, ob man darin den Untergang des christlichen Abendlandes oder eine mutige Reform sieht. Im Gegensatz zum heutigen Gymnasium setzte Friedrich von Humboldt in seinem ursprünglichen Curriculum des Humanistischen Gymnasiums auf die Vermittlung von tieferem Verständnis in wenigen, dafür zeitlosen Gegenständen: die Sprachen der klassischen Antike Latein und Altgriechisch sowie das Grundwissen über Geschichte, Philosophie und Mathematik. Dazu kamen dem griechischen Ideal folgend Sport und die künstlerisch-ästhetische Erziehung. Wer sich heute für so eine Schule entscheiden möchte, sollte das tun können. Das wird aber nur ein kleine Minderheit betreffen.

John Evers: Nein, ich halte Bildungsinhalte selten für einfach »überflüssig«. Latein wird auch an vielen Volkshochschulen unterrichtet. Es kommt dabei vor allem immer auf das »Wie« an. Selbstverständlich KANN (und soll) ein gut gestalteter Latein-, Spanisch- oder Türkischunterricht auch einen wichtigen Beitrag zur Demokratie- oder Medienbildung leisten. Genau hier gilt es Unterrichtende generell zu unterstützen! Ja, vor allem im Sinne von Zugangsbeschränkungen an Universitäten. Die aktuelle Praxis, viele Studierende quasi zwangsweise in Crashkurse zu schicken, damit sie dieses Selektionskriterium erfüllen, halte ich für eine Verschwendung von Ressourcen.

Ronald Bieber: Nein – das muss man differenzierter sehen: Latein schafft ein grundlegendes Sprachverständnis und bildet die Basis vieler moderner Sprachen. Genauso vermittelt informatisches Denken das notwendige Fundament für unsere digitale Welt und sollte so früh wie möglich erlernt werden. Die OCG setzt dieses Basiswissen seit Jahren erfolgreich z. B. mit dem »Biber der Informatik« um, den letztes Jahr mehr als 65.000 Jugendliche absolviert haben.


3. Welche Fähigkeiten und Qualifikationen sind in Zukunft entscheidend?

Andreas Salcher: Unrealistische Lehrpläne gehören nicht reformiert, sondern abgeschafft und durch individuelle Lernpfade ersetzt, die sich am tatsächlichen Leistungsniveau jedes Schüler orientieren. Die bis zu 21 Gegenstände sollten auf umfassende Disziplinen wie »Naturwissenschaften und Mathematik«, »Geisteswissenschaften«, »Deutsch und Literatur«, »Fremdsprachen, gerne auch Latein für jene, die das wollen« und Persönlichkeitsbildung und Sport sowie zusätzliche Wahlfächer reduziert werden. Neue Inhalte wie z. B. KI, Finanz- und politische Bildung sollten im Rahmen dieser Disziplinen gelehrt werden. Fazit: Universalbildung schlägt zu frühe Spezialisierung. Lieber wenig wirklich verstehen, als nichts über alles wissen.

John Evers: In der Arbeitswelt und der Gesellschaft brauchen wir einen viel stärkeren Fokus auf Fähigkeiten, die nicht unbedingt an einen bestimmten Beruf oder Fachbereich gebunden sind. Damit sind »Soft Skills« oder sogenannte transversale Kompetenzen wie kritisches Denken, Kommunikation, Problemlösung und Teamfähigkeit gemeint. Und wir brauchen gut in allen ausgestattete Bildungsinstitutionen, in denen die Teilnehmenden nachweislich in diesem Sinne gestärkt werden. Das gilt gerade auch für die – chronisch unterfinanzierte – gemeinnützige Erwachsenenbildung.

Ronald Bieber: Fähigkeiten wie problemlösungsorientiertes Denken, digitale Basiskenntnisse und KI-Kompetenzen sind unerlässlich und im Digitalen Kompetenzrahmen der EU (DigComp) abgebildet. Umso schöner ist es, dass der ICDL (Europäischen Computer Führerschein) diesen DigComp komplett abdeckt und in über 800 Schulen, in der Erwachsenenbildung und vermehrt bei Unternehmen angeboten wird. Zentral wird sicherlich auch die Rolle des AMS sein, um die digitalen Kompetenzen der Arbeitssuchenden zu fördern und zu zertifizieren.

Fotos: Lukas Beck, M. Obermair, Scheitz

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