- Details
- Officetalk
Österreichs größte Baureserve steht leer
Beim Jubiläum zum zehnjährigen Bestehen des Architekturmagazins MASSIV! INSIDE diskutierte am 29. Juni in Wien eine ExpertInnenrunde, wie aus dem Bestand Zukunft wird. Caroline Rodlauer (Rosa Architektur), Architektin und Ortsbildsachverständige aus dem Salzkammergut, brachte dabei eine unbequeme Rechnung mit: Österreichs größte Baulandreserve ist längst gebaut – sie steht nur leer.
Video by Gerhard Popp. Mehr von Gerhard Popp gibt es unter https://www.linkedin.com/in/gerhard-popp-wien/
Beim Stichwort „visionär bauen“, so Rodlauer, denke man meist an neue Materialien, neue Energietechnik, recyclebare Baustoffe. Sie setzt bewusst woanders an. „Umbauen statt neu bauen gehört zu den nachhaltigsten Formen des Bauens“, bringt sie es auf den Punkt. Oder, wie sie es im Vortrag formuliert: Der nachhaltigste Quadratmeter sei womöglich jener, der bereits gebaut, bezahlt und genutzt wurde – und der vom Abriss bewahrt werden könnte.
Damit verschiebt sich die Frage. Nicht der Neubau entscheidet über die Zukunft des Bauens, sondern der intelligente Umgang mit dem, was schon da ist. Für die Baubranche ist das weniger Ideologie als Ökonomie: Sanierung, Umnutzung und Nachverdichtung erschließen Substanz, die längst Infrastruktur, Lage und Geschichte hat.
Das Paradoxon: Wohnungen, die niemand sieht
Beim Bodenverbrauch sei Österreich „Europameister im negativen Sinn“, so Rodlauer. Stimmige Nachverdichtung, hält sie dagegen, vermeide Bodenversiegelung. Genau hier liegt für sie der Hebel – und das Versäumnis.
Denn gleichzeitig steht in Österreich enorm viel leer. Laut Statistik Austria, so Rodlauer im Vortrag, gehe es um rund 40.000 Hektar Gebäudeleerstand – umgewandelt entspräche das nach ihrer Hochrechnung etwa fünf Millionen Wohneinheiten in der Größe von 60 bis 70 Quadratmetern. Verbraucht wird Boden also dort, wo zugleich Substanz ungenutzt verfällt.
Ihr Lehrbeispiel kommt vom Land: eine abgeschriebene Supermarkt-Filiale, daneben ein zweiter, baugleicher Markt auf der grünen Wiese, während der alte verfällt – samt versiegelten Parkflächen. „Kannibalische Siedlungsentwicklung“ nennt sie das. Der ländliche Raum, nicht die Großstadt, ist ihr eigentliches Thema – und dort entscheidet sich viel.
Wenn die Bauordnung zum Bodenfresser wird
Womit Rodlauer beim heikelsten Punkt ist, einem, der BauunternehmerInnen unmittelbar betrifft: dem Baurecht. Die größten Bodenfresser seien für sie die Rahmengesetze selbst – Raumordnung, Bauordnung, Brandschutz. Denn nach wie vor sei ein Neubau rechtlich oft leichter zu errichten, als eine Sanierung dieselben Parameter zu erfüllen hätte. „Und dann entscheidet man sich natürlich oft als Planer oder als Bauherr dazu, abzureißen und neu zu bauen, weil es eben rechtlich einfacher ist.“
Ihr Plädoyer: Die Hürden nicht abschaffen, aber an den Bestand anpassen – mehr Praxisnähe, mehr Einzelfallbeurteilung. Gesetze, die für den Neubau geschrieben wurden, ließen sich nicht eins zu eins auf historische Substanz übertragen; fünf Zentimeter zu niedrige Raumhöhe oder zu schmale Fenster könnten ein ganzes Sanierungsprojekt kippen. Für ein Tourismusland, das von seinen alten Ortsbildern lebe, sei das ein Widerspruch.
Visitenkarte des Ortes
Denn der Bestand ist für Rodlauer mehr als Kubatur. Baukultur stifte Identität, belebe Ortskerne – und sei, wie sie ihren BürgermeisterInnen gern sage, die „Visitenkarte des Ortes“. Wo saniert statt abgerissen werde, bleibe nicht nur graue Energie erhalten, sondern auch ein Stück Kulturgeschichte; dazu kämen regionale Wertschöpfung und Handwerk. Bei Erweiterungen freilich, betont sie, sei „das Stadtbild zu wahren und auf einen stimmigen Dialog zwischen Alt und Neu zu achten“.
- Details