Montag, Dezember 06, 2021
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Lieferketten neu gedacht

Rohstoffengpässe und Lieferverzögerungen bremsen die Produktion und damit auch den Konjunkturaufschwung. Die Integration digitaler Technologien erweist sich auch im Supply Chain Management zunehmend als wichtiger Wettbewerbsfaktor – sie machen Unternehmen resilienter und zu attraktiven Geschäftspartnern.

Die Weltwirtschaft erholt sich derzeit schnell und kräftig. Doch statt an Fahrt aufzunehmen, bremst sich der Aufschwung nun selbst aus. Betriebe kommen mit der Produktion nicht nach, die Lagerbestände sind großteils aufgebraucht, es fehlt an Rohstoffen. Bestehende Aufträge können nicht im gewünschten Ausmaß abgearbeitet werden.

In Österreich lag das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal 2021 mit plus 3,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal deutlich höher als der Durchschnitt des Euro-Raumes (plus 2,2 %).
»Als Folge der unerwartet frühen und kräftigen Konjunkturerholung kommt es zu starkem Lagerabbau und beträchtlichen Materialengpässen. Dies wirkt preistreibend und bremst die Wucht des Aufschwungs«, sagt Stefan Schiman, Verfasser des aktuellen WIFO-Konjunkturberichts.

32 Prozent der österreichischen Industriebetriebe sind nach eigenen Angaben mit Materialmangel konfrontiert. Aufgrund des erheblichen Mangels an Halbleitern (Microchips) werden in der Kfz-Branche trotz hoher Nachfrage wieder mehr Mitarbeiter*innen zur Kurzarbeit angemeldet. Die Preise für Industrierohstoffe haben sich von April 2020 bis Mai 2021 mehr als verdoppelt.

Fast jeder zweite heimische Industriebetrieb will seine Verkaufspreise demnächst anheben. Steigende Beschaffungskosten setzen auch die boomende Bauwirtschaft unter Druck; die Preise für Betonstahl, Holz und Dämmstoffprodukte verzeichnen zweistellige Zuwachsraten.



Laut Schätzung der Oesterreichischen Nationalbank (oeNB) dämpfen diese Effekte die heimische Wirtschaftsleistung bislang um rund eine Dreiviertelmilliarde Euro. Deutschland ist von den aktuellen Materialengpässen doppelt so stark betroffen wie Österreich, auch bedingt durch die unterschiedliche Position innerhalb globaler Lieferketten.

Während österreichische Unternehmen vorwiegend als Zulieferer agieren, erfolgt in Deutschland die Endfertigung. Verzögerungen in frühen Stufen der Produktionskette haben oft starke Auswirkungen an deren Ende zur Folge. Die Schwierigkeiten dürften bis 2022 andauern, erst danach ist mit Aufholeffekten zu rechnen.

Zirkuläre Ökosysteme

Schon in der Vergangenheit setzten politische Konflikte und Klimakatastrophen der Weltwirtschaft wiederholt zu. Die Pandemie hat die Schwächen internationaler Lieferketten abermals aufgezeigt. Waren Produktionsausfälle zunächst durch Werkschließungen und Quarantänemaßnahmen bedingt, sorgt nun die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten für Instabilität. Die Auswirkungen sind derzeit in vielen Branchen zu spüren.

Resilienz lautet das in diesen Tagen oft strapazierte Zauberwort. Auf die Supply Chain bezogen, ist damit Krisenfestigkeit gegenüber disruptiven Ereignissen und Entwicklungen gemeint, die die Versorgungssicherheit ins Wanken bringen. Vorausschauendes Risikomanagement, die Diversifizierung des Lieferantenportfolios, die Neuausrichtung von Liefer- und Produktionsnetzwerken sowie die Implementierung integrativer Planungslösungen sind mögliche Maßnahmen, um die Resilienz der Unternehmen diesbezüglich zu stärken.

Bild: Vernetzung zwischen Lieferanten, Dienstleistern und Kunden führt zu mehr Flexibilität, Transparenz und Resilienz.

Bisher wurden Lieferketten linear betrachtet und hinsichtlich der Transportkosten und Zollbeschränkungen stetig optimiert. Das starke Lohngefälle führte zur Auslagerung der industriellen Fertigung an wenige, weit entfernte Standorte und Regionen, wo sich erhebliche Teile der Weltproduktion konzentrieren.

Lagerbestände wurden so knapp wie möglich gehalten, ausgefeilte Prozesse sorgten für Belieferung »just in time« oder »just in sequence«. Der heute erforderlichen Flexibilität in den Beschaffungs- und Vertriebswegen kann eine linear ausgerichtete Wertschöpfungskette jedoch kaum mehr gerecht werden. Nach Meinung vieler Experten liegt die Zukunft in zirkulären Ökosystemen, die stärker als bisher regional verankert sind und Lieferanten, Kunden und Partner vernetzen. Nachhaltigkeit und kurze Durchlaufzeiten stehen im Vordergrund.

»Basis dieses Ökosystems ist ein verknüpftes Datennetzwerk sowie vernetzte Prozesse, mit denen die Partner entlang der Wertschöpfungskette simultanen Zugriff auf relevante Supply-Chain-Informationen wie Bestellungen, Lieferungen oder Kapazitäten haben und kollaborieren können«, erklärt Reinhard Geissbauer, Partner bei PwC Deutschland. »Ein Höchstmaß an Transparenz erlaubt es beispielsweise, in Echtzeit genau zu wissen, was in der Supply Chain passiert und diese proaktiv zu steuern.«

Vollständige Transparenz

Modernes Supply Chain Management (SCM) umfasst indessen bereits weit mehr als reine Logistiklösungen. Materialwirtschaft, Lagerhaltung, Transporte und Netzwerkplanung liefern wichtige Daten zur Prognose und ganzheitlichen Planung der Rohstoff- und Warenströme auf Echtzeit-Basis. Innovative Ansätze und Technologien unterstützen die Analyse dieser Informationen.
Bei BMW ist man mit dem Projekt »Connected Supply Chain« auf dem Weg zu einer weltweit vernetzten, datengetriebenen Lieferkette.

Bild: DHL Supply Chain implementierte für das Tetra-Pak-Lager in Singapur eine integrierte Lieferkette, die über einen »digitalen Zwilling« koordiniert wird.


31 Werke in 15 Ländern, 1.800 Lieferanten an 4.500 Standorten, 1,1 Millionen Transportstatusmeldungen pro Tag zeigen die Komplexität dieses Vorhabens. Ein KI-basiertes Programm sorgt in dem globalen Netzwerk mit verschiedensten Dienstleistern für vollständige Transparenz. Die Positionsdaten einer Lieferung werden alle 15 Minuten aktualisiert, um mögliche Verzögerungen rechtzeitig zu erkennen.
DHL erstellt für die Optimierung der Prozesse im Lagerhaus einen digitalen Zwilling. Bestands- und Betriebsdaten werden intelligent verknüpft und Forecast-Szenarien virtuell visualisiert, um den Wareneingang und -ausgang effizienter abzustimmen.

Wettbewerbsvorteile

Auch KMU können mit der Digitalisierung ihrer Lieferkette einen Mehrwert generieren. Vielfach bedeutet diese nicht nur einen Wettbewerbsvorteil, sondern ist sogar Voraussetzung für die Kooperation mit großen Partnern. Im internationalen Business steht Transparenz inzwischen an erster Stelle und ist in Ausschreibungen maßgeblicher Bestandteil. Konzerne greifen häufig auf mittelständisch geprägte Zulieferer zurück – können diese den geforderten digitalen Reifegrad jedoch nicht erfüllen, kommen andere Anbieter zum Zug.

»Smart Data Analytics hat uns enorme Vorteile gebracht. Im After-Sales wurden notwendige Handlungsfelder identifiziert, Disposition und Produktion von Ersatzteilen sind besser planbar und der Einkauf läuft zielsicherer ab«, resümiert David Lindner, Marketing- und Exportleiter der Lindner Traktorenwerke GmbH. Das Tiroler Familienunternehmen, österreichischer Marktführer bei Maschinen bis 100 PS, avancierte mit Hilfe des Fraunhofer Instituts auch zum digitalen Vorreiter in der Branche.

Bild: David Lindner, Lindner Traktorenwerke: »Smart Data Analytics hat uns enorme Vorteile gebracht.«

Auch das Großhandelsunternehmen Weyland Stahl + Holz GmbH setzt seit langem auf digitale Lösungen. »Bereits seit Jahren forcieren wir die direkte Anbindung an unser ERP-System sowohl bei Lieferanten als auch bei Kunden. Das fängt bei der elektronischen Übermittlung von Mail-Rechnungen und Zertifikaten an und geht weiter bis zur direkten Vernetzung des ERP-Systems auf Einkaufs- und Verkaufsseite. Der Auftrag wird somit komplett durchgebucht, ohne dass es eines manuellen Eingriffs bedarf.

Im Bereich der Eingangsrechnungen etablieren wir gerade ein System, das mittels OCR die Rechnung analysiert, selbstständig verschlagwortet und in der Endausbaustufe automatisch verbucht«, erklärt Juniorchef Otto Weyland. Die schlankeren Prozesse spielen personelle Ressourcen in der Administration frei, zudem passieren weniger Fehler. »Die Anbindung auf beiden Seiten der Lieferkette wird zukünftig eine immer wichtigere Rolle spielen«, ist Weyland überzeugt: »Wir wollen bei dieser Entwicklung vorne dabei sein.«

Bild: Otto Weyland jun., Weyland Stahl + Holz: »Die Anbindung auf beiden Seiten der Lieferkette wird eine immer wichtigere Rolle spielen.«

Sicherheitslücken

Zwei Faktoren werden die Entwicklung von SCM-Lösungen zusätzlich beschleunigen: der Klimawandel und Cybersecurity. Ersterer war beim Forum Automobillogistik im Februar 2021 zentrales Thema: Das Erreichen der Klimaziele werde großen Einfluss auf das künftige Ausgestalten und Managen der Lieferketten haben, sieht sich etwa Gerd Walker, Leiter Produktion und Logistik der Volkswagen AG, in der Verantwortung. Die Verringerung des CO2-Fußabdrucks habe oberste Priorität – »diese Prozesse sind in unserer Hand«.

Das Thema Sicherheit stellt angesichts der zunehmenden Vernetzung eine große Herausforderung für die beteiligten Unternehmen dar. Mit der Zahl der Partner wächst auch die Gefahr an möglichen Sicherheitslücken. Künstliche Intelligenz und Blockchain-Anwendungen könnten auch hier einen Entwicklungsschub bewirken.

»Wir erwarten eine Welle neuer Lösungen für die Sicherheit und Governance innerhalb der Lieferkette, insbesondere in den Bereichen Datenschutz, Cyber- und Datensicherheit«, bestätigt Christian Titze, Vice President Analyst bei Gartner. »Das bedeutet fortschrittliche Track-and-Trace-Lösungen, intelligente Verpackungen und RFID- und NFC-Fähigkeiten der nächsten Generation.«


»Die Logistik wird immer smarter und digitaler« - Interview mit Alexander Winter, CEO von DB Schenker Österreich