Tuesday, January 20, 2026

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Eine Studie der Unternehmensberatung Kearney zeichnet ein ernüchterndes Bild des österreichischen Telekommunikationsmarkts. Im erstmals erhobenen European Telecom Health Index belegt Österreich Rang 9 von 20 untersuchten Ländern. Damit liegt der Markt zwar im oberen Mittelfeld, bleibt jedoch deutlich hinter den europäischen Spitzenreitern zurück. Besonders kritisch bewertet die Studie die geringe Glasfaserabdeckung und niedrige Anschlussquoten.

Bild: iStock


Der European Telecom Health Index im Report "European telecoms 2026: in need of a health boost" bewertet erstmals systematisch die Leistungsfähigkeit der Telekommunikationsmärkte in 20 europäischen Ländern entlang von fünf Dimensionen, darunter finanzielle Performance, Kommerzialisierung, Netzausbau, Marktumfeld und Kundenzufriedenheit. Rund 20.000 Verbraucherinnen und Verbraucher wurden dazu befragt. Österreich positioniert sich insgesamt im Mittelfeld des Rankings. Während Märkte wie Norwegen, Schweden oder die Schweiz die Spitzenplätze belegen, zeigt die Studie, dass Österreich – ähnlich wie Deutschland – bei der Glasfaser-Kommerzialisierung zu den sogenannten „Laggards“ zählt. Diese Gruppe umfasst Länder mit niedriger Abdeckung und geringer Nutzung moderner Netze, deren aktuelle wirtschaftliche Stabilität stark auf der weiteren Nutzung von Altinfrastruktur, vor allem Kupfer- und Kabelnetze, beruht.

„Österreich ist aktuell solide aufgestellt, lebt aber stark von bestehender Infrastruktur“, sagt Christoph Neunkirchen, Partner bei Kearney. „Die Herausforderung liegt darin, diese Stabilität in einen konsequenten Übergang zu zukunftsfähigen Netzen zu übersetzen.“

Solide Position, aber strukturelle Schwächen
Mit 71 Punkten liegt Österreich über dem europäischen Durchschnitt von 69 Punkten. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass weder Marktgröße noch Wohlstand allein ein Garant für digitale Leistungsfähigkeit sind. Der Blick auf Europa insgesamt zeigt, dass strukturelle Schwächen kein österreichisches Einzelphänomen sind: Länder in der unteren Hälfte des Index vereinen rund 70 Prozent der europäischen Bevölkerung und einen Großteil der Wirtschaftsleistung. Das ist ein grundlegendes Risiko für Europas Wettbewerbsfähigkeit insgesamt.

„Österreich bringt viele Voraussetzungen für einen leistungsfähigen Telekommunikationssektor mit – von stabilen Anbietern in einem 3-Spieler-Markt, bis hin zu einer guten Ausgangsbasis im Netzausbau“, sagt Neunkirchen. „Entscheidend wird jedoch sein, ob es gelingt, die Modernisierung im Festnetz schneller in die Fläche und vor allem in die Nutzung zu bringen.“ Ohne deutlich mehr Haushalte und Unternehmen auf Glasfaser drohe auch ein gut aufgestellter Markt an Dynamik zu verlieren.

Begrenzte Investitionsdynamik trotz stabiler Renditen
Österreichs Telekommunikationsmarkt weist aktuell solide finanzielle Kennzahlen auf. So erreicht das Land im Schnitt eine Kapitalrendite von rund 15 Prozent ROCE (Return on Capital Employed), also die Rendite auf das eingesetzte Kapital. Diese Kennzahl spiegelt jedoch vor allem die hohe Auslastung bestehender Netzinfrastruktur wider. Sie sagt wenig darüber aus, ob aktuelle und zukünftige Investitionen, etwa in Glasfaser, unter den heutigen Marktbedingungen vergleichbare Renditen erzielen können.
„Ein stabiler ROCE ist kein Garant für künftige Investitionen“, so Neunkirchen. „Die zentrale Frage ist, ob sich die nächste Ausbaustufe im Glasfasernetz wirtschaftlich tragen lässt – und dafür braucht es deutlich höhere Nutzung.“

Glasfaser-Nutzung bleibt hinter dem Potenzial zurück
Besonders kritisch bewertet die Studie die geringe Kommerzialisierung moderner Netze. In Österreich liegt die Glasfaserabdeckung laut Studie bei rund 50 Prozent, die Anschlussquote bei gerade 25 Prozent, obwohl die Infrastruktur vielerorts bereits verfügbar ist. Österreich erscheint hier bei den Nachzüglern in einem Cluster gemeinsam mit Deutschland und der Schweiz. Denn die Studie warnt, dass diese Konstellation langfristig Risiken birgt: Mit der zunehmenden Digitalisierung von Industrie, Verwaltung und Dienstleistungen steigt der Bedarf an stabilen, hochleistungsfähigen Netzen deutlich.

Zum Vergleich: In den führenden europäischen Märkten erreicht die Glasfaser-Nutzung rund 84 Prozent. Diese Länder kombinieren hohe Abdeckung mit hoher Nachfrage und erzielen dadurch stabile Renditen sowie eine hohe Kundenzufriedenheit. Österreich müsse laut Studie vor allem den Anschluss von Haushalten und Unternehmen auf moderne Netze beschleunigen, um Umsätze überhaupt generieren zu können und diesen Rückstand aufzuholen.

Marktstruktur, Fragmentierung und Investitionsbedarf
Einen weiteren Belastungsfaktor stellt die Marktstruktur in ganz Europa dar. Laut Neunkirchen ist der Kontinent weiterhin zu stark fragmentiert: 90 Mobilfunknetzbetreiber im Jahr 2025 gegenüber 92 im Jahr 2010. Dabei zeigt die Studie, dass Märkte mit drei Netzbetreibern – so wie in Österreich der Fall – im Durchschnitt höhere EBITDA-Margen und bessere Kapitalrenditen erzielen als Vier-Anbieter-Märkte. Europaweit ist die Konsolidierung seit Jahren kaum vorangekommen, während es in den USA und in China nur jeweils etwa drei Anbieter gibt, die in ihren Märkten für mehr als 97 Prozent der Mobilfunkumsätze verantwortlich sind.

„Die Fragmentierung in Europa und die komplexe Regulierung kosten Investitionskraft“, meint Neunkirchen. „Eine Wettbewerbsfähigkeit auf Augenhöhe wird so nicht möglich sein und ein unabhängiges Europa mittelfristig unterbunden.“

Wechselbereitschaft der Kunden hoch
Die europaweite Verbraucherbefragung im Rahmen der Studie zeigt, dass Kundinnen und Kunden in den leistungsstärksten Märkten deutlich zufriedener sind und seltener den Anbieter wechseln. In den Top-5-Ländern sinkt die Abwanderungsquote um zehn bis 15 Prozent, während der Umsatz pro Kunde um bis zu 15 Prozent steigt. In Märkten mit geringer Anschlussquote – darunter auch Österreich – ist die Wechselbereitschaft höher und die Erwartung an bessere Netzqualität ausgeprägter.

Europaweit beziffert die Analyse den zusätzlichen Investitionsbedarf zur Erreichung der eigenen Gigabit- und 5G-Ziele bis 2030 auf 174 Milliarden Euro. 45 Millionen Europäerinnen und Europäer könnten bis zum Ende des Jahrzehnts ohne ausreichende Hochgeschwindigkeitsanbindung bleiben. Auch für Österreich macht die Studie deutlich, dass langfristige Wettbewerbsfähigkeit nur dann gesichert ist, wenn Investitionen in digitale Infrastruktur wirtschaftlich tragfähig werden und regulatorische Rahmenbedingungen die Nutzung moderner Netze fördern.

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