Monday, March 09, 2026

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Trotz technologischer Fortschritte verläuft der Ausbau der Wasserstoffwirtschaft europaweit langsamer als erwartet. Doch jetzt kommt Bewegung in die Branche: Österreich will mit vier Großprojekten zur internationalen Wasserstoff-Drehscheibe werden. Einige Unternehmen bringen sich mit neuen Allianzen bereits in Stellung.

Bild: iStock

 

Unter Fachleuten ist man sich einig: Für die Dekarbonisierung der Industrie und zum Erreichen der Klimaschutzziele ist Wasserstoff der Energieträger der Zukunft. Das gilt insbesondere für Schwertransporte auf Land und Wasser sowie für Prozesse in der Stahl- und Chemieproduktion, die sich nicht elektrifizieren lassen. Auch als Langzeitspeicher für erneuerbare Energien hat Wasserstoff viel Potenzial.

Die hohen Erwartungen konnten bisher jedoch nicht erfüllt werden. Der Ausbau einer konkurrenzfähigen Wasserstoffwirtschaft kommt nur langsam voran. Als Alternative zu Öl, Kohle und Gas kommt nur grüner, also mit erneuerbarer Energie erzeugter, Wasserstoff infrage. Die dafür benötigten Mengen stehen jedoch derzeit nicht zur Verfügung. Auch die Kapazitäten für die Elektrolyse reichen bei Weitem nicht aus. Die Katze beißt sich in den Schwanz: Ohne breites Angebot sind die Preise für Wasserstoff nicht konkurrenzfähig, aufgrund der geringen Nachfrage bleiben Investitionen in neue Produktionsanlagen aus.

Bis 2030 will die EU jährlich zehn Millionen Tonnen grünen Wasserstoff selbst herstellen sowie weitere zehn Millionen Tonnen importieren. Ob dieses ambitionierte Ziel erreicht werden kann, ist mehr als fraglich. Die Infrastruktur ist weder für den bestehenden Strombedarf aus Wasser-, Wind- und Solarkraft, noch für die Erzeugung von Wasserstoff ausreichend.

Teuer und ineffizient?
Auch in Österreich fand die angekündigte Wasserstoffrevolution bisher nicht statt. Prominente Kritiker wie Heinz Kopetz, Obmann des Vereins Energypeace und früherer Aufsichtsrat der Energie Steiermark AG, halten die Wasserstoffproduktion ohnehin für einen »ineffizienten Prozess, der die Endenergie verteuert«: »Die physikalischen Eigenschaften von Wasserstoff, der hohe Stromeinsatz und die Kosten der Produktionsanlagen bedingen, dass die Energie im Wasserstoff immer deutlich teurer ist als im Strom, der zu seiner Erzeugung verwendet wird.«

Für eine Tonne Wasserstoff mit einem Energiegehalt von 22 MWh sind rund 50 MWh elektrische Energie und mehr als 9.000 Liter Wasser erforderlich – ein Drittel der eingesetzten Energie geht also bei der Herstellung verloren. Wird der Wasserstoff methanisiert oder mit CO2 zu flüssigen Kraftstoffen synthetisiert, gibt es weitere Umwandlungsverluste. Hier setzt die Forschung an, um mit der Weiterentwicklung der Technologien bei der Erzeugung, der Speicherung und dem Transport von Wasserstoff bessere Ergebnisse zu erzielen.

Österreichs Wasserstoffbedarf wird für 2040 mit rund 1,4 Millionen Tonnen pro Jahr beziffert. Will man diesen Wasserstoff in lokalen Elektrolyseanlagen selbst erzeugen, würde sich der Strombedarf mehr als verdoppeln. Um die Versorgung österreichischer Industriebetriebe langfristig sicherzustellen, sind demnach Wasserstoffimporte unumgänglich.

Dem Versorgungsmangel will Österreich mit der Beteiligung am Wasserstoff-Südkorridor »SoutH2« begegnen. Die nötige Expertise wird in der Hydrogen Import Alliance Austria (HIAA) – einem Zusammenschluss von acht Unternehmen – gebündelt. Vom Aluminiumhersteller Amag, der Gas Connect Austria, LAT Nitrogen und der früheren Borealis Melamin bis zur OMV, Feuerfeststoffeproduzent RHI, Verbund AG, voestalpine und Wiener Stadtwerke sind sämtliche Big Player entlang der Wertschöpfungskette an Bord. Der zunächst priorisierte Südkorridor soll ab 2035 große Wasserstoffproduzenten in Nordafrika via Italien und Österreich mit Abnehmern in Zentraleuropa verbinden.

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»Der SouthH2 Corridor macht Österreich zum Herzstück der europäischen Wasserstoffversorgung«, ist Brigitte Straka-Lang, Geschäftsführerin des Fernleitungsbetreibers TAG GmbH, überzeugt.

Grundsätzlich ist die österreichische Erdgasinfrastruktur gut ausgebaut und auch für Wasserstoff nutzbar. Speicherlösungen, um saisonale Stromüberschüsse aus Sonnen- und Wasserkraft »haltbar« zu machen, spielen auch für eine kontinuierliche Verfügbarkeit eine wichtige Rolle. Der Ausbauplan werde aber weiter gedacht, so Verbund-CEO Michael Strugl: »Österreich ist – noch immer – in einer guten Ausgangslage, um eine zentrale Rolle bei der Verteilung von Wasserstoff in Europa einzunehmen.« Mit dem »European Hydrogen Backbone« soll eine pipelinegebundene Transportinfrastruktur nach und quer durch Europa entstehen.

Österreich positioniert sich hier als Transit- und Verteilungsknoten und bringt Speicher- und Netzkompetenz ein. Versorgungsrouten aus dem Norden liefern grünen Wasserstoff aus Skandinavien über Deutschland und das Baltikum. Die Anbindung Österreichs über Bayern und Tschechien an diesen Nordkorridor ist bis 2032 geplant. Ein Westkorridor soll Produktionsstätten in Portugal und Spanien via Frankreich mit Deutschland verbinden. Auch in Richtung Osten – beginnend in Rumänien und der Ukraine – gibt es ähnliche Überlegungen, sollten die politischen Gegebenheiten es zulassen.

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Doch auch andere Nationen wie die Schweiz arbeiten an möglichen Beschaffungswegen, warnt Strugl: »Zögert Österreich, werden diese Transportrouten an uns vorbeigebaut – und mit ihnen rücken die Chancen auf den Zugang zu leistbarem Wasserstoff, die Einnahmen aus Transitgebühren und die Schaffung weiterer Arbeitsplätze in weite Ferne.«

Gebündelte Kräfte
Bis 2026 stellt die österreichische Bundesregierung insgesamt 820 Millionen Euro zur Verfügung, um ein Wasserstoff-Startnetz auf Schiene zu bringen. Zusätzlich werden vier nationale Großprojekte mit 275 Millionen Euro gefördert. Neben der geplanten Elektrolyseanlage der OMV in Bruck an der Leitha und zwei Kooperationen von Verbund und AustroCel Hallein zur Erzeugung von Biomethanol bekam das von der Energie Steiermark eingereichte Projekt »Hydrogen Hub Bergla« im Bezirk Deutschlandsberg den Zuschlag. Mit der Realisierung dieser vier Projekte würde sich die in Österreich bereits installierte Elektrolysekapazität von 28 Megawatt um weitere 170 Megawatt erhöhen.

Gebündelt werden die heimischen Kräfte zur Umsetzung der Wasserstoffstrategie im Hydrogen Partnership Austria (HyPA) mit allen relevanten Stakeholdern und Schnittstellen in und außerhalb Österreichs. Zudem sollen Investitionen in Forschung und Innovation den Standort Österreich stärken. Die FH Oberösterreich eröffnete ein neues Wasserstoff-Forschungszentrum, in dem gezielt an der Weiterentwicklung von Komponenten gearbeitet wird. Das Austrian Institute of Technology AIT leitet das europäische Projekt Endurion für eine effizientere und ressourcenschonende Generation von Elektrolyseuren.

In Ostösterreich entsteht ein »Hydrogen Valley«. Im Wasserstoff-Großlabor H2REAL werden Anwendungen und Technologien erprobt. Ziel ist die Schaffung eines integrierten Wasserstoffnetzwerks aus Unternehmen und Institutionen, um Synergien zu nutzen. Koordiniert wird das Projekt von Wien Energie; 13 weitere Industrie- und fünf Forschungspartner*innen, die alle Bereiche von Produktion über Speicherung und Verteilung bis Verbrauch abdecken, sind beteiligt. Derzeit sind europaweit 84 Hydrogen Valleys in Aufbau oder Planung, rund 100 sollen es werden. Das Ziel ist, damit die Gesamtkosten des grünen Energieträgers auf zwei Dollar pro Kilogramm zu senken – ab diesem Preis wäre Wasserstoff gegenüber anderen Energieträgern wettbewerbsfähig.

Der Speicherspezialist RAG Austria sieht sich für eine Wasserstoffzukunft schon jetzt gut aufgestellt. »In unseren RAG Valleys ist bereits die gesamte Wertschöpfungskette umgesetzt und bereit für eine Skalierung«, heißt es seitens des Unternehmens – auch hinsichtlich »mittelfristig notwendiger Importe«. Die Stromproduktion mit Photovoltaik, die Wasserstoffproduktion und die saisonale Speicherung sowie die Nutzung des Wasserstoffs im Winter für Strom und Wärme wird am Standort in Gampern bereits erfolgreich demonstriert.

Bleibt die Frage der Wirtschaftlichkeit. Im Vorjahr ermittelte die RAG Austria erstmals einen Richtwert für Investitions- und Speicherkosten, um Kalkulationen für weitere Wasserstoffprojekte zu erleichtern. Die gesamten Investitionen – von Bohrungen über Anlagen, Verdichter und Leitungen bis hin zur Infrastruktur und dem erforderlichen Kissengas – wurden mit 600 bis 700 Euro pro Megawattstunde Speichervolumen berechnet. Daraus ergibt sich ein Speichertarif von 30 bis 40 Euro pro Megawattstunde. Diese Kosten lassen sich aber laut Meinung der Expert*innen nicht 1:1 auf den Endkundenpreis von Wasserstoff umlegen, da ähnlich wie bei Erdgas nur ein geringerer Teil des Gesamtumsatzes über Speicher geführt wird. Wenn nur rund ein Fünftel des Wasserstoffs gespeichert werden muss, ergibt sich für die Speicherung ein Aufpreis pro verbrauchtem Kilogramm Wasserstoff von etwa 20 Eurocent.

Green Hydrogen factory concept. Hydrogen production from renewable energy sources

Die Player

1. OMV
Gemeinsam mit Siemens Energy und Strabag errichtet die OMV die größte Elektrolyseanlage Österreichs und eine der größten Europas. Das Projekt »UpHy large« soll bis zu 23.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr liefern. Abgesichert wird das 700 Millionen Euro schwere Unterfangen durch die European Hydrogen Bank. Masdar, eine Investorengesellschaft aus Abu Dhabi, hält 48 % der Anteile.

2. voestalpine
Mit Primetals Technologies und Rio Tinto startet die voestalpine das Forschungsprojekt »Hy4Smelt« für eine CO2-neutrale Stahlerzeugung. Dabei wird wasserstoffbasierte Direktinduktion mit einem elektrischen Schmelzprozess kombiniert. Das Gesamtvolumen beträgt rund 170 Millionen Euro, unterstützt von der EU und nationalen Förderungen. Die Inbetriebnahme ist für 2027 geplant.

3. RAG Austria
Der Energiespeicherbetreiber RAG Austria speichert Wasserstoff saisonal in unterirdischen Lagerstätten und liefert im Rahmen des Projekts »H2 cross border« seit September 2024 grünen Wasserstoff über Pipelines von Österreich nach Deutschland. Abnehmer sind u. a. Meggle Group und Shell Energy Deutschland. Der Markthochlauf scheitert jedoch bislang an regulatorischen Hürden.

4. Verbund
Zwei der vier von der Regierung geförderten Projekte betreffen das gemeinsame Vorhaben von Verbund und AustroCel Hallein, aus grünem Wasserstoff und CO2, das bei der Verwertung von Holzresten anfällt, Biomethanol zu erzeugen. Dieser erneuerbare Kraftstoff soll entweder als Treibstoff oder in der chemischen Industrie zum Einsatz kommen.


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Österreichs Strategie

Bis 2026 stellt die österreichische Bundesregierung insgesamt 820 Millionen Euro für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft bereit. Eine klare Importstrategie, die Wasserstoffzertifizierungs-Verordnung, Investitionszuschüsse für Elektrolyseanlagen und ein neues Gaswirtschaftsgesetz für das Wasserstoff-Startnetz schaffen die nötigen Rahmenbedingungen. Zusätzlich werden vier nationale Großprojekte mit 275 Millionen Euro gefördert. Die gemeinsame Importstrategie mit Deutschland und Italien sowie mit den Partnerländern Algerien und Tunesien bindet Österreich in die europäische Wertschöpfungskette ein. Der Umfang der DD variiert nach Unternehmensgröße und den eingesetzten Ressourcen – die Kosten trägt der/die Kaufinteressent*in. Bei Produktionsbetrieben werden neben der technischen Ausstattung u. a. auch IT-Prozesse, Datensicherheit und umweltrechtliche Aspekte geprüft.

 

Im Gespräch: »Klare politische Signale«

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Österreich kann eine zentrale Rolle im europäischen Wasserstoffnetz spielen, ist Martijn van Koten, Vorstandsdirektor der OMV AG, überzeugt. Die Voraussetzungen sind gut.

Welche Rolle wird Wasserstoff im Energiesystem der Zukunft einnehmen?

Martijn van Koten: Grüner Wasserstoff wird ein zentraler Baustein eines klimaneutralen Energiesystems sein. Er ermöglicht die Dekarbonisierung industrieller Prozesse, die sich nicht elektrifizieren lassen, und unterstützt die Transformation von Raffinerien wie Schwechat. Großanlagen wie das 140-MW-Projekt in Bruck an der Leitha zeigen, wie Wasserstoff Versorgungssicherheit und Energiewende verbindet.

Wo liegen die größten Herausforderungen beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft?

Van Koten: Die größten Herausforderungen liegen im raschen Ausbau von Produktionskapazitäten, in hohen Investitionskosten und in der Schaffung verlässlicher Fördermechanismen. Ebenso entscheidend sind Infrastruktur wie Pipelines sowie langfristige regulatorische Rahmenbedingungen. Projekte dieser Größenordnung benötigen Planungssicherheit, Partnerschaften und klare politische Signale.

Kann Österreich tatsächlich zur Wasserstoff-Drehscheibe werden?

Van Koten: Österreich hat mit Projekten wie unserer 140-MW-Elektrolyseanlage und der Anbindung an zentrale Industriecluster gute Voraussetzungen, eine wichtige Rolle im europäischen Wasserstoffnetz zu spielen. Die Kombination aus erneuerbaren Ressourcen, Infrastruktur und strategischen Partnerschaften stärkt diese Position. Voraussetzung bleibt ein koordinierter Ausbau von Produktion, Transport und Marktstrukturen.

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