Samstag, Juli 02, 2022

Christoph Unger ist seit März 2021 bei Rittal an Bord und stärkt als Leiter der Geschäftseinheit »Energy & Power Solutions« die ­Aktivitäten des Technologieunternehmens auf einem derzeit rasant wachsenden Energiemarkt.


Report: Warum hatte sich Rittal im Vorjahr zur Gründung einer neuen Geschäftseinheit entschieden?

Christoph Unger: Rittal ist als Hersteller für die Industrie, Schaltanlagenbau und IT bekannt. Mit den Bereichen Stromverteilung und Stromversorgung in einer eigenen Geschäftseinheit wollen wir systematisch Lösungen und neue Ansätze für die Themen Energiewende, erneuerbare Energien und Transformation von Energiesystemen bieten. Die Business Unit Energy & Power Solutions treibt diese Themen gemeinsam mit Partnern und auch mit den Kunden voran. Wir adressieren damit aktuelle Anforderungen in den Unternehmen, aber auch die Herausforderungen von morgen.

Report: Welche Unternehmenskunden sprechen Sie gezielt an?

Unger: Wir haben mit Infrastrukturlösungen für Niederspannungs-Hauptverteilungen seit mehr als 20 Jahren Markterfahrung in Österreich. Von diesen Erfahrungen sollen nun auch neue Branchen, die sich zum Teil überhaupt erst entwickeln, profitieren. Das betrifft nicht nur die Industrie, sondern auch Maschinenbauer in Bereichen wie Erneuerbare, Trafostationen und Umspannwerke. Es betrifft die Netzbetreiber und auch die Energieerzeugung. Wir wollen unsere erprobten Lösungen aus der Elektrotechnik, Maschinenbau und IT nun auch in Photovoltaik-Systemen verknüpfen. Die Technik muss ja genauso gut funktionieren – normgerecht und den verschiedensten Prüfungen und Zertifikaten entsprechend – und auch zum Vorteil der Endkunden vor Ort. 

Report: Was ändert sich denn mit der PV-Anlage am Dach eines Fabriksgebäudes? Braucht es auch weiterhin einen Wechselrichter?

Unger: Der Wechselrichter bleibt vorerst – so weit geht es in der Praxis noch nicht, dass Anlagen direkt mit dem Gleichstrom der Paneele versorgt werden. Das ist noch ein Thema für die Forschung, wie das kürzlich neu eröffnete Gleichstromlabor DC Lab des AIT. Aber die PV-Anlagen werden größer, auf den Dächern und ebenso fernab von Dächern. 50 kWp ist in der Industrie eigentlich keine große Anlage mehr. Der Trend geht bereits in Richtung 100, 200 oder 500 kWp. Mit den Förderungen aus dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz können auch sehr große Anlagen gebaut werden. Genau für diese Großanlagen in der Fläche mit gewissen Einspeiseleistungen ins Netz bieten wir Lösungen individuell oder in der Standardisierung.

Report: Welches besondere Know-how können Sie in diese Industrie einbringen?

Unger: Unser Steckenpferd ist die gesamte Wertschöpfungskette von der Planung und Konstruktion bis zur Ausführung und dem Betrieb moderner Infrastrukturlösungen mit dem Schaltschrank, Stromverteilung und Klimatisierung. Fürs Engineering hat Rittal mit dem Schwesterkonzern Eplan durchgängige Softwaretools für die Planung von Anlagen. Damit findet bei Bedarf die Projektübergabe von der Planung zur Ausführung komplett digital statt. Wir haben damit einen digitalen Zwilling in der Energieverteilung, der jeden diese Prozessschritte einfacher macht. Dann sind in der Produktion und im Anlagenbau unsere Systeme vom Schaltschrank bis zu den verschiedenen Komponenten für Stromverteilungen entsprechend zertifiziert und geprüft – zum Beispiel nach der wichtigen Norm EN 61439 für alle Bereiche der Elektrotechnik.

Wir beraten hier auch mit unseren Vertriebsspezialisten und Projektexperten österreichweit. So haben sich Kunden vielleicht etwas Geschicktes im Bereich Energiespeicher oder im Bereich Steuerungsbau für Windkraftanlagen überlegt, aber möglicherweise nicht jede Norm selbst gelesen. Wir kennen diese Anforderungen an die Stromverteilung bis ins kleinste Detail. So zeigen wir auch in 3D-Modellen die Integration der Stromverteilung in Steuerungsanlagen und auftretende Wärmeentwicklungen auf. Der Kunde hat seine Lösung, die er kann und die er kennt. Wir kennen die Anforderungen an eine moderne Infrastruktur und die Integration in die Prozesse vor Ort.

Report: Energie- und Ressourceneffizienz ist bereits seit vielen Jahren ein Thema in Industrie und Gewerbe. Haben sich die Sichtweise darauf und vielleicht auch Maßnahmen über die Jahre verändert?

Unger: Das ist ganz interessant, wenn man die Trends der vergangenen Jahre und künftige Wegrichtungen betrachtet. Während meinem Studium vor gut zehn Jahren habe ich mich schon damit beschäftigt, wenn auch noch nicht allen klar war, wie sich dieses Thema weiterentwickeln wird. Man hat damals bereits von den vielen Green Jobs gesprochen, die es in der Wirtschaft geben wird. Es war eine Erwartungshaltung, die damals natürlich noch nicht einer Praxis entsprochen hatte.

Ein großer Schritt war dann 2014 das Energieeffizienzgesetz. 2016 hatten wir die Talsohle der Energiepreise in Österreich mit einem der günstigsten Preise. Seit letzten Herbst sind die Preise massiv gestiegen und auch die Klimaneutralität, die seit zwei, drei Jahren intensiv diskutiert wird, sorgt nun für einen massiven Schub. Wir haben engagierte politische Programme in Österreich wie die Mission 2030, das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz und zum Beispiel auch ein Klimaticket, das vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre.

Ich war immer der Überzeugung, dass eine CO2-Neutralität immer auch ein Wettbewerbsvorteil ist. Dieses Grundverständnis ist jetzt bei den Firmen angekommen, die auch Maßnahmen dazu umsetzten. Mit dem jüngst gestiegenen Energiepreis multipliziert sich jeder dieser Effekte extrem rasch. Deshalb erwarten wir auch einen rasanten Ausbau dieser Technologien in den nächsten Jahren. Das betrifft die PV und andere Erneuerbare aber auch den Netzausbau und generell eine Elektrifizierung der Wirtschaft und des Verkehrs.

Das »Energy & Power Solutions«-Team von Rittal arbeitet nah am Kunden und ist am Puls der Entwicklungen der Energiemärkte und der Industrie.

Report: In welchen Bereichen beraten Sie Unternehmen hinsichtlich Effizienzmaßnahmen und Energiesystemen?

Unger: Eine Energieeffizienzberatung können wir vor allem im Bereich der Klimatisierung anbieten, da Rittal hier neben Einzelkomponenten auch Gesamtlösungen anbietet und hier nicht nur Energie übertragen, sondern auch verbraucht wird. Rittal hat vor sieben Jahren begonnen, technologische Möglichkeiten wie Wärmepumpen in die Schaltschrankklimatisierung zu integrieren. Mit dem Klimagerät Blue e+ wurde eine drehzahlgeregelte bedarfsoptimierte Nutzung möglich, die bis zu 75 Prozent Energieeinsparungen im Vergleich zu damaligen Standardgeräten gebracht hat.

Wir beraten Unternehmen auch zur Spitzenabdeckung über Energiespeicher. Wir sprechen produzierende Unternehmen, die Energiespeicher herstellen, oder das in Zukunft planen oder in einer Querschnittsmaterie dazu arbeiten, mit unserer Basisinfrastruktur und Erfahrung an. Damit lassen sich zertifizierte Komplettlösungen für Speicher aufbauen.

Unser Team in Österreich umfasst derzeit Personen in Planung und Engineering bis zur Beratung vor Ort. Wir arbeiten sehr nah am Kunden mit den Beteiligten in Projekten zusammen und wir sind stets am Puls der Entwicklungen dieser Märkte. Wir haben mit dem Team in Österreich und international das Know-how, das wir auch stetig weiterentwickeln.


Neue Geschäftseinheit

Zur sicheren und flexiblen Stromverteilung bietet Rittal Energy & Power Solutions das Niederspannungsschaltanlagensystem VX25 Ri4Power für Maschinen und Anlagen sowie das Sammelschienensystem RiLine für Gleich- und Wechselstromanwendungen. Intelligente Engineering-Tools und Konfiguratoren ermöglichen die effiziente Planung von Steuerungs- und Schaltanlagen sowie die automatische Erstellung von Dokumentationen und Bauartnachweisen nach EN 61439.

Eine Ergänzung dabei spielt die Softwarelösung Pro Panel der Rittal Schwesterfirma Eplan. Sie ermöglicht die durchgängige Planung von Schaltschrankaufbauten in 3D und gleichzeitig die Vernetzung mit den Automationslösungen von Rittal.

(Bilder: Rittal)

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