Donnerstag, Juni 13, 2024

Was 2015 bringen wird: Professionelle Zukunftsforscher erzählen, was sie von 2015 erwarten.

Reinhold Popp: Die Welt im Wandel
Bedeutungsverlust schulischer Zeugnisse: 2015 werden schulische Zeugnisse weiterhin weniger wichtig und immer mehr Betriebe bevorzugen bei Bewerbungen eigene Kompetenz-Überprüfungen. Wo und wie diese Kompetenzen – und das damit verbundene Wissen – erworben wurden, spielt eine immer geringere Rolle. Außerdem hat schulisches Wissen ein immer früheres Ablaufdatum und das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des Bildungssystems sinkt rasant. Gleichzeitig steigt der Stellenwert von internetgestützten individuellen Lernprozessen. Digitale Dolmetschprogramme: 2015 wird in mehreren Elektronik- und Internetkonzernen fieberhaft an der Verbesserung der heute noch gewöhnungsbedürftigen Übersetzungsprogramme gearbeitet. Diese Innovation wird mittelfristig die globale Kommunikation revolutionieren. Denn auf unserem Planeten gibt es rund 7.100 Sprachen und auch zukünftig werden wohl nur wenige Menschen mehr als ein oder zwei Fremdsprachen gut beherrschen. Fortschritt im Kampf gegen den Hunger: 2015 werden 88 Prozent aller Bewohner unseres Planeten zumindest halbwegs ausreichend zu essen haben. Einige davon essen sogar viel zu viel. Gleichzeitig werden rund 800 Millionen Menschen chronisch unterernährt sein und täglich mehr als 7.000 Kinder verhungern! Allerdings wäre genug für alle vorhanden; ja sogar mehr als genug. Denn bei einer intelligenten und effizienten Nutzung der weltweit vorhandenen Nahrungsressourcen könnten sogar neun bis zehn Milliarden Menschen ernährt werden. Dazu bräuchte es aber eine globale Arbeits-, Bildungs-, Ernährungs-, Gesundheits- und Sozialpolitik. 2015 wird es bei dieser zentralen Zukunftsfrage zwar keinen Durchbruch geben, aber – wie bereits seit mehreren Jahren – wieder kleine Fortschritte. Doping im Alltag: 2015 wächst der Leistungsdruck in Beruf und Bildung weiter und im Privatleben wird die Hoffnung auf Harmonie immer öfter enttäuscht. Zur besseren Bewältigung der Last des Lebens hält die Pharmaindustrie eine breite Palette an leistungssteigernden Pillen bereit und die Medizintechnik arbeitet an stimulierenden Neuro-Implantaten. Was im Sport als Doping verpönt ist, hat beim Streben nach dem schnellen Sieg in Schule und Beruf ein deutlich besseres Image. Gesund sind diese selbstoptimierenden Power-Produkte freilich nicht. Besser wäre es, Nein zu sagen, wenn der Druck zu groß und die Lebensqualität zu klein wird. Denn auch 2015 werden die Friedhöfe voll sein mit Menschen, die sich zu Lebzeiten für unersetzlich hielten.

Reinhold Popp ist einer der wenigen Hochschullehrer im deutschsprachigen Raum, die sich systematisch mit Zukunftsforschung befassen. Weit über die Welt der Wissenschaft hinaus ist er durch seine Interviews, Kolumnen und Kommentare in Presse, Hörfunk und Fernsehen sowie durch seine lebendigen Vorträge auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt.
Kontakt: www.reinhold-popp.at; Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein..


Horst Opaschowski: Stimmungslage so positiv wie seit 2011 nicht mehr
Krisenherde in aller Welt. Wirtschaftsprobleme im Euroraum. Doch Österreich und Deutschland geht es gut. So viele Erwerbstätige wie noch nie. So wenige Arbeitslose wie seit langem nicht mehr. Und entsprechend positiv ist auch die Stimmungslage. Im Vergleich zu den Vorjahren hat die positive Stimmung einen Höchstwert erreicht. Immer mehr Bürger haben das Gefühl, in einer stabilen Phase der Bestzeit zu leben. Gut leben können: Davon ist vor allem die junge Generation überzeugt. Das persönliche Wohlergehen der Bevölkerung erreicht ein Rekordniveau. Die mentale Stärke überrascht, der Zukunftsoptimismus der Jugendlichen auch. Trotz weltweiter Finanz-, Wirtschafts-, Gesellschafts- und Umweltkrisen blickt die sogenannte »Generation Krise« optimistisch in ihre eigene Zukunft, obwohl gut zwei Drittel der Bevölkerung der Ansicht sind: Für die junge Generation wird es immer schwieriger, ebenso abgesichert und im Wohlstand zu leben wie die Elterngeneration. Materieller Wohlstand und persönliches Wohlergehen sind für die nächste Generation nicht dasselbe. Die junge Generation beweist Realismus. Fast zwei Drittel der unter 34-Jährigen befürchten mehr Arbeitsplatzunsicherheit. Und jeder Zweite rechnet gar damit, dass die Wohlstandswende im Alltag ankommt. Trotzdem resigniert die Jugend nicht. Sie setzt auf den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Die Arm-Reich-Debatten der letzten Zeit haben bei der Bevölkerung ihre Spuren hinterlassen. Bei allem persönlichen Optimismus für das kommende Jahr 2015 zweifelt ein großer Teil der Bevölkerung daran, ob Wirtschaft, Politik und Gesellschaft für schlechtere Zeiten in naher Zukunft hinreichend vorgesorgt haben. Die Bürger wollen nicht länger in einer Gesellschaft ohne Zukunftssicherung leben. Sie wollen sich daher mehr selber helfen und hoffen auf eine Mitmach- und Zusammenhaltsgesellschaft. Sie wollen in einer besseren Gesellschaft leben und auch mithelfen, eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Es besteht allerdings die Gefahr, dass die Euphorie in Enttäuschung umschlägt, sobald sich die Wohlstandswende ankündigt. Niemand will dann zu den Verlierern gehören. Von der Bestzeit über die Wohlstandswende bis zur neuen Bescheidenheit ist vielleicht nur ein Schritt. Dazu kommt die Sorge vor Überfremdung im eigenen Land durch Flüchtlinge und Asylbewerber. Eine wachsende Zahl von Bürgern glaubt, sich bald nicht mehr heimisch fühlen zu können. Dies erklärt auch die Ausbreitung islamkritischer Bewegungen. Wenn Politiker hierauf keine zukunftsfesten Antworten und Lösungen finden, droht der materielle Wohlstand zum sozialen Unwohlstand zu werden. Ungelöste soziale Konflikte neigen dazu, zu eskalieren. Ob es der Politik gefällt oder nicht: Eine neue politische Trias – Initiativen, Bürgerforen und Volksentscheide – werden die Demokratie »im Namen des Volkes« beleben. Parteien werden dabei tendenziell in die zweite Reihe zurückgedrängt.

Prof. Dr. Horst Opaschowski ist Zukunftswissenschaftler und gilt international als »Futurist« (XINHUA/China) und »Mr. Zukunft« (dpa). 2014 gründete er mit der Bildungsforschern Irina Pilawa, seiner Tochter, das Opaschowski Institut für Zukunftsforschung in Hamburg und veröffentlichte gemeinsam mit ihr das Buch »So wollen wir leben!« (Gütersloh 2014).


Thomas Huber: Der Vormarsch des Wir-Gefühls
Unsicherheit ist das drängendste Gefühl der kommenden Monate. Nach Jahren gefühlter Angleichung wird unsere Welt wieder größer, sie wird unübersichtlicher. Die Insel der Stabilität, auf der Westeuropa so lange gelebt hat, dass es sich wie der Normalzustand angefühlt hat, wird kleiner. Im kommenden Jahr wird die Diskussion um die systemischen Unterschiede die Auseinandersetzungen bestimmen: Gibt es eine Alternative zur Wachstumslogik in unserer Ökonomie, gibt es gute Politik ohne Machtansprüche, gibt es Ausgleich ohne Gewalt? Dieses Gefühl der Unsicherheit ist eine direkte Folge einer Welt, die immer multipolarer wird. Es gibt keinen mehr, der vorne ist – wir alle sind mittendrin, ohne genau zu wissen, worin. In unseren immer komplexer werdenden Gesellschaften haben immer mehr Menschen das Gefühl, die Orientierung zu verlieren, keine Chance mehr zu haben, keine Rolle mehr zu spielen: Das erklärt die dunkle Faszination der viel diskutierten Radikalisierung. Das Gemeinsame als Herausforderung für Unternehmen Seit einiger Zeit nimmt aber auch ein anderer Trend immer klarere Form an: Das »Wir« steht wieder hoch im Kurs. Teilen oder »sharen«, tauschen und gemeinsam nutzen, Kollaboration und Gemeinschaft, all das hat Konjunktur. Das transnationale Bekenntnis zu den freiheitlichen Werten unserer Kultur nach den jüngsten Terrortaten zeigt, dass die Gesellschaften auch zunehmend lernen, mit solcher Komplexität umzugehen, Ungleichzeitigkeit zu tolerieren und doch gemeinsam für offene Werte Haltung zu zeigen. Dieses »Wir« ist aber auch eine massive Herausforderung der Unternehmen. Unsere Ökonomie ist immer noch »heroisch« ausgelegt, wie es der Systemtheoretiker Dirk Baecker nennt. An der Spitze steht einer, der weiß, wo vorne ist, und die gesamte Organisation ist darauf ausgerichtet, die vorgegebene Strategie mit höchstmöglicher Deckung umzusetzen. Die immer deutlicher sichtbar werdende Wir-Kultur setzt dem einen diskursiven Prozess entgegen. In Zukunft müssen Unternehmen nach neuen Wegen suchen, mehr Partizipation zu ermöglichen, ohne dabei in endlosen Wiederholungsschleifen zu versinken. Viele »Hidden Champions« aus dem europäischen Wirtschaftsraum zeigen, das dies ein äußerst interessanter Weg für die wirtschaftliche Zukunft ist.

Thomas Huber, ausgebildeter Kommunikationsdesigner, ist Geschäftsführer des Zukunftsinstituts. Als Redaktionsleiter verantwortet er zudem alle Studienpublikationen des Zukunftsinstituts sowie das Monatsmagazin TREND UPDATE.
Kontakt: www.zukunftsinstitut.de; Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein..


Andreas Reiter: Das gute Leben
Noch nie hatten es Unternehmen mit so vielen Unsicherheitsfaktoren zu tun – die Märkte sind nervös, das Wachstum in Europa mehr als fragil (anders als in den USA oder in Asien), systemische Risiken nehmen zu (vom taumelnden Russland über anschwellende Flüchtlingsströme bis hin zu wachsenden sozialen Unterschieden, die sich in dubiosen Strömungen wie z.B. Pegida entladen). Keine Frage, Europa ist im institutionalisierten Krisenmodus. Die Unsicherheiten – und die Unberechenbarkeiten – nehmen auch 2015 zu (wer hätte etwa vor einem halben Jahr gedacht, dass der Ölpreis auf unter 50 Dollar abstürzt?). Aus der Risikoforschung wissen wir, dass Menschen Unsicherheiten bedrohlicher finden als eine konkrete Gefahr (der sie ja aktiv begegnen können). Das Streben nach (ökonomischer und sozialer) Sicherheit ist somit eines der großen europäischen Leitthemen für die nächsten Jahre. Je mehr tradierte Sicherheiten wegbrechen und Optionen aufpoppen, je mehr wir unsere Komfortzonen verlassen müssen, desto stärker wird die Sehnsucht des Einzelnen nach Haltegriffen. Es ist kein Zufall (und nicht nur ökonomisch zu erklären), dass in Österreich 22,6 Prozent der 25- bis 34-Jährigen laut Eurostat im Hotel Mama wohnen. Die Jungen, beruflich an Provisorien und Praktika gewöhnt, sind Synonym für eine Gesellschaft im Übergang: Zaghaft tastet sich diese voran, sammelt nur langsam Kraft für (dringend notwendige) radikale strukturelle Veränderungen. Vorerst bleibt man aber lieber bei inkrementellen Verbesserungen und – im wahrsten Sinn – beim Alten. Man greift zu Marken, die Orientierung versprechen, zu Manufaktur- Labels und wertigen Produkten, die Komplexität reduzieren, zu regionalen Produkten, die eine Firewall vor den globalen Umbrüchen sind. Die Frage nach dem guten Leben, nach Lebensqualität steht 2015 mehr denn je im Vordergrund, treibt Menschen und somit auch Wirtschaft und Gesellschaft um. Gewinnen werden Unternehmen, die Produkte und Convenience- Dienstleistungen intelligent verschränken, Marken, die für das Common Good stehen, sowie Erlebnisse, die soziales Prestige verleihen. Dabei geht es immer auch um soziales Glück – Wohlstand ist primär soziales Wohlbefinden. Die blühenden Start-ups der Sharing Economy sind auch vor diesem Hintergrund der sozialen Interaktion und des Community Building zu bewerten. Und wo bleibt 2015 die echte Innovation? Die radikale Neuerung? Auf diese werden wir noch warten und bis dahin im veganen Fitnessstudio eine Runde drehen müssen. Der disruptive Wandel (Life Sciences, M2MKommunikation, selbstfahrende Autos usf.) nimmt erst langsam an Fahrt auf. Aber diese smarte Welt von morgen ist nicht aufzuhalten – eine gute Wende jenseits aller Glücksversprechen nimmt sie aber nur, wenn der Mensch die Richtung vorgibt – und dafür braucht er ein Koordinatensystem.

Zukunftsforscher Andreas Reiter gründete 1996 das ZTB Zukunftsbüro in Wien, das Unternehmen und den öffentlichen Sektor im deutschsprachigen Raum in strategischen Zukunftsfragen, Produktentwicklung und Profilierung berät. Andreas Reiter ist Referent bei internationalen Kongressen sowie Lehrbeauftragter an der Donau-Universität Krems und am MCI in Innsbruck.
Kontakt: www.ztb-zukunft.com, http://blog-ztb-zukunft.com.

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