Sonntag, Juni 16, 2024
Schritt in die Zukunft
Bild: iStock

Künstliche Intelligenz wird als Schlüsseltechnologie für die nächste Evolutionsstufe ­unserer Wirtschaft und Gesellschaft gesehen. Jetzt geht es nur noch um die Umsetzung.


Künstliche Intelligenz mag noch in den Kinderschuhen stecken, die Fantasie einer breiten Einsatzfähigkeit im beruflichen und privaten Alltag ist umso größer. Dies gilt insbesondere für den Bereich der generativen KI, der seit einigen Jahren eine beeindruckende Entwicklung aufweist. Die Fähigkeit, Inhalte wie Texte, Bilder, Videos oder Code zu generieren, macht diese KI-Form zu einem leistungsfähigen Werkzeug, das direkt Einsatzmöglichkeiten in der Produktion, im Kundenservice, in der Softwareentwicklung, im Marketing sowie in vielen weiteren Bereichen bietet.

Eine aktuelle Studie von Amazon Web Services hat den Einfluss von KI auf die europäische Wirtschaft untersucht. Im Jahr 2023 hat bereits ein Drittel der Unternehmen in Europa KI eingesetzt, 2022 waren es erst 25 Prozent. Sollte der Einsatz von KI und anderen digitalen Technologien mit gleichem Tempo weiter voranschreiten, dann könnte dies bis 2030 zu einer zusätzlichen Bruttowertschöpfung von 600 Milliarden Euro in Europa beitragen.

Die Studie erfasst auch den weit verbreiteten Optimismus, dass KI-Technologien positive Veränderungen vorantreiben können. Die Unternehmen gehen davon aus, dass KI ihre Produktivität steigert (83 %), Aufgaben und Transaktionen automatisiert (87 %), die Entscheidungsfindung und Analyse verbessert (84 %) und zur Personalisierung von Kundenerfahrungen beiträgt (86 %). Die Bürger*innen in Europa sind laut der Umfrage der festen Überzeugung, dass KI in den nächsten fünf Jahren wichtige öffentliche Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheitswesen und sogar Bereiche wie Landwirtschaft sowie Sport und Kultur positiv verändern wird. Gleichzeitig wird aktuell der Mangel an qualifiziertem Personal als wesentliches Hindernis für die Einführung von KI identifiziert. Weniger als jedes fünfte europäische Unternehmen (19 %) gibt an, dass es einfach ist, neue Mitarbeiter*innen mit den richtigen Fähigkeiten zu finden.

Potenzial ausschöpfen
Für Unternehmen, die den Sprung gewagt haben, hat die Investition in digitale Technologien in der Tat erhebliche Vorteile gebracht: 70 % der Unternehmen, die KI einsetzen, geben an, dass sie ihre Geschäftsprozesse bereits gestrafft haben, 75 % sagen, dass sie ihre Einnahmen gesteigert haben, und 75 %, dass sie die Innovation gefördert haben. Diese Zahlen unterstreichen die beträchtlichen Vorteile, die auf diejenigen warten, die über die Fähigkeiten und Kompetenzen verfügen, um sich in der digitalen Landschaft zurechtzufinden.

Aktuelle »Large Language Modelle (LLMs)« eignen sich zur Bewältigung repetitiver, datengesteuerter, automatisierter und zeitkritischer Kommunikationsaufgaben. »Sie sind – besser als wir Menschen – in der Lage, große Datenmengen zu verarbeiten und Aufgaben in einer hohen Geschwindigkeit abzuarbeiten, Prozesse zu automatisieren und einheitliche Antworten zu geben«, beobachtet Markus Nutz. Der Geschäftsführer der Digitalagentur Spinnwerk sieht Menschen dadurch in einer gestärkten Position, sich »um komplexere und kreativere Dinge, die auch emotionsabhängige Interaktionen, Einfühlungsvermögen und strategisches Denken erfordern«, kümmern zu können. Die KI wird manche Bereiche und Sparten komplett umgestalten, ist er überzeugt.

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Bild: Markus Nutz ist Gründer und Geschäftsführer der Digitalagentur Spinnwerk.

»Wir müssen uns jedoch nicht davor fürchten, komplett ersetzt zu werden, sondern sollten die technologischen Möglichkeiten als Chance sehen«, rät Spinnwerk-Chef Nutz.

Wettrennen
Während manche Firmen noch ganz am Anfang stehen, gestalten andere den Prozess federführend mit. »Unternehmen haben das selbst in der Hand«, betont Robert Kreillechner, Managing Director Fujitsu in Österreich. »Auch wenn es oft noch unbekannte Gewässer sind, surfen viele Betriebe seit der ersten Welle mit und haben sich dadurch entscheidende Vorteile geschaffen – zum Beispiel Infrastruktur, Talents und Wissen.«

Die breitere Verfügbarkeit von KI-Plattformen wird Innovationen in verschiedenen Branchen vorantreiben, ist der Experte überzeugt: Logistikunternehmen können generative KI für die Optimierung von Lieferungen nutzen, Gesundheitsdienstleister zur Beschleunigung der Forschung und Kreative zur Erzeugung ansprechender Inhalte. Doch auch jene, die nicht zu den First Movern gehören, haben keinesfalls den Anschluss verpasst – denn »die Schnelligkeit, mit der KI voranschreitet, ist Fluch und Segen zugleich«, meint Kreillechner. KI sei keine Einbahnstraße, sondern eine mehrspurige Autobahn – viele Entwicklungen auf verschiedensten Fahrbahnen, die einander abwechselnd überholen.

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Bild: Robert Kreillechner, Managing Director Fujitsu Österreich

Mit KI-Plattformen wie Fujitsu Kozuchi können Unternehmen Innovationen schnell und ohne teure Infrastruktur testen, um festzustellen, ob das Modell die gewünschte Unterstützung bietet.

Rechenzentren und Fake-Shops
Auch der Rechenzentrumsspezialist Digital Realty hat kürzlich sein Angebot einer KI-Plattform ausbaut. »Wir sind bemüht, die Energieeffizienz unserer Rechenzentren kontinuierlich zu verbessern, um unsere globalen Emissionsreduktionsziele zu erreichen. ›Apollo‹ hilft uns dabei, diese zu erreichen und gleichzeitig unsere Kunden beim nachhaltigen Wachsen zu unterstützen«, betont Chris Sharp, Chief Technology Officer von Digital Realty. Mit der KI-Plattform mit dem Götternamen wurden an Standorten des Unternehmens insgesamt rund 18 Gigawattstunden Energiesparmöglichkeiten ausgemacht und bereits auch umgesetzt. Die Lösung erkennt Unregelmäßigkeiten, wie etwa verstopfte Filter oder undichte Ventile. Sie nutzt maschinelles Lernen, um Optimierungsmöglichkeiten in Rechenzentren aufzuzeigen – priorisiert nach potenziellen Einsparungen in Megawattstunden. Die Selbstlernfähigkeit der Plattform ermöglicht, Maßnahmen aus den Analysen heraus auch in anderen Rechenzentren anzuwenden.

In Österreich setzen Forschung und Wirtschaft gemeinsam auf die maschinelle Unterstützung bei der Erkennung von gefälschten Webshops. Das Linzer Unternehmen X-Net Services hat mit dem Österreichischen Institut für angewandte Telekommunikation und dem AIT ein Tool entwickelt, das Konsument*innen während des Onlineeinkaufs schützt. Der kostenlose »Fake-Shop Detector« warnt im Browser vor betrügerischen Onlinehändlern. Dabei werden Webseiten durch den Einsatz von KI in Echtzeit analysiert und hinsichtlich ihrer Ähnlichkeit zu bereits bekannten betrügerischen Anbietern bewertet. Den Betreibern zufolge kann eine Erkennungsgenauigkeit von mehr als 91 Prozent in der Praxis erzielt werden.

Generative KI
Während klassische Datenanalysen mit Machine Learning bereits als »alte« KI bezeichnet werden, leitet »GenAI« nun eine Trendwende ein. In seiner »IT Trends-Studie 2024« prognostiziert der Technologiedienstleister und Berater Capgemini ein starkes Wachstum für generative KI. Denn viele Organisationen würden beim Einsatz noch am Anfang stehen: Pilotprojekte sind vor wenigen Monaten angelaufen, für den Einsatz im Tagesgeschäft ist es häufig noch zu früh. Mittelfristig werden generative KI-Systeme aber die höchsten Zuwachsraten im KI-Bereich verzeichnen, so die Berater. Das sei auf das große Einsatzspektrum entsprechender KI-Systeme zurückzuführen – von der Softwareentwicklung und Erstellung von Inhalten aller Art über virtuelle Assistenten für Mitarbeitende bis zur Datenbearbeitung und Kommunikation mit Kund*innen. Ein anderer Grund ist, dass viele Softwareanbieter KI-Funktionen in ihre Produkte integrieren werden. So werden Organisationen generative KI nutzen können, ohne eigene Lösungen entwickeln zu müssen.

 


Wer, was besser kann

Die Maschine
- Einfacher Kundenservice: KI-gesteuerte Chatbots können wenig komplexe Kundenanfragen effizient bearbeiten.
- Übersetzungen: KI-gestützte Sprachtools helfen bei der Übersetzung von Dokumenten, E-Mails und interner Kommunikation in mehrere Sprachen.
- Verwaltungsaufgaben: KI kann das Dokumentenmanagement, die Planung von Meetings und die Organisation interner Kalender vereinfachen sowie Texte und E-Mail-Korrespondenz zusammenfassen und auch automatisieren – etwa für zielgruppengerechte Ansprache.

Der Mensch
- Kundenberatung: Menschen sind besser in der Lage, komplexe Kundenanfragen und Beschwerden zu bearbeiten, Kund*innen persönlichen Support zu bieten und auf diese einzugehen.
- Krisenmanagement: In Krisensituationen oder bei sensiblen Themen können Menschen durchdachte, einfühlsame und kontextgerechte – zum Beispiel interkulturell passende – Antworten geben.
: Kreative Inhalte: KI kann zwar bei der Erstellung von Inhalten helfen, aber Menschen sind besser darin, originelle, emotional ansprechende und kulturell relevante Inhalte zu erstellen – etwa mit Humor und nuancierter Kommunikation, die menschliche Erfahrungen widerspiegelt.

Quelle: Spinnwerk

 


Interview: Radosław Kędzia, Senior Vice President European Region bei Huawei, über die Rolle von Informationstechnologie und KI-Lösungen auch für eine nachhaltige Wirtschaft.

Interview: Umsatzsteigerungen und neues Geschäft sind für Unternehmen der wichtigste Treiber für KI-Projekte – sofern dieser Schritt überhaupt gewagt wird. Martina Sennebogen, Vorstandsvorsitzende bei Capgemini Österreich, im Gespräch.

KommentarWas müssen Unternehmen beim Einsatz von künstlicher Intelligenz beachten? Neben moralischen Fragen sind beim Einsatz von KI im Bereich der HR auch gesetzliche Schranken zu berücksichtigen, erklären die Arbeitsrechtsexpertinnen Franziska Egger und Theresa Weiss-Dorer, E+H Rechtsanwälte GmbH.


Tipps: Datenstrategie im Zeitalter der KI

Der Datenmanagement-Experte Nicolas Veltzé, General Manager Austria bei Commvault, empfiehlt drei Aspekte für den Aufbau einer modernen Datenstrategie. Unternehmen sollten sie berücksichtigen, um den Möglichkeiten, Anforderungen und Gefahren durch KI gerecht zu werden.

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1. Hybride IT verwalten

Während IT-Entscheidungsträger Prozesse immer schneller und selbstverständlicher in die Cloud verlagern, halten sie weiterhin große Teile ihrer Daten vor Ort gespeichert, darunter oft ihre sensibelsten Unternehmensdaten. Um alle Informationen in hybriden Umgebungen optimal nutzen und gleichzeitig absichern zu können, bedarf es daher Tools, die die gesamte IT-Infrastruktur miteinander verbinden können, einschließlich öffentlicher und privater Clouds sowie Legacy Hardware wie Mainframes.

2. Kosteneffizienz

Das Datenmanagement und das damit einhergehende Erfassen und Speichern von Daten verursacht hohe Kosten. Mit modernen Tools können Unternehmen ihre Storage-Kosten senken, indem sie unter anderem den Speicherort ihrer Daten entsprechend den Kriterien der Verfügbarkeit und Zugriffshäufigkeit auswählen. So sollte Daten, die keinen hohen Schutz erfordern, an einen kostengünstigeren Speicherort verschoben werde. Gleiches gilt für Archivdaten auf teurem Hochleistungsspeicher, auf die nur selten zugegriffen wird.

3. Schutz der Unternehmens-Assets

Eine KI-gestützte Datenmanagement-Lösung kann Netzwerkverkehrsmuster, Systemprotokolle und Verhaltensanomalien analysieren, um Anzeichen für einen Cyberangriff zu erkennen. Mithilfe fortschrittlicher Algorithmen und Machine Learning analysiert sie Daten auf Dateiebene und erkennt Anomalien, die auf potenzielle Cybergefahren oder Probleme mit der Datenintegrität hinweisen können, wie zum Beispiel eine plötzliche Zunahme der Dateigröße, ungewöhnliche Zugriffsmuster oder einen veränderten Dateiinhalt. Dazu können Alarme bei Anomalien ausgelöst werden, wenn vordefinierte Schwellenwerte oder Risikostufen überschritten werden.

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