Dienstag, April 23, 2024
Berufe verschwinden und entstehen
Bild: iStock

Die Arbeitswelt verändert sich – und mit ihr Geschäftsfelder und Jobprofile. Neue Berufe entstehen, andere verschwinden. Was bald gefragt ist und was nicht, wissen Personalexpert*innen.

Zwei Drittel der heutigen Volksschüler*innen werden im Laufe ihres Lebens in Jobs arbeiten, die es heute in dieser Form noch nicht gibt. Aber auch traditionelle Berufe befinden sich im Wandel. Zusätzliche Qualifikationen werden vielfach schon jetzt benötigt. Digitale Technologien wie Data Analytics, Robotics, Machine Learning und ChatGPT nehmen Einfluss auf Arbeitsprozesse und erfordern neue Fähigkeiten. Diese oft als »Future Skills« bezeichneten Kompetenzen beziehen sich nicht nur auf den Umgang mit modernen Technologien. Auch Soft Skills verlieren nicht an Bedeutung: Die Anpassungsfähigkeit und die sozialen Kompetenzen des Menschen werden umso wichtiger, wenn Berufe und Tätigkeiten durch Automatisierung wegbrechen.

Das ist zugleich die gute Nachricht: Die Arbeit wird uns nicht ausgehen, die Beschäftigungszahlen steigen sogar kontinuierlich an. Es deuten sich aber schon jetzt große Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt an. Während einige Berufe kaum zu ersetzen und stark nachgefragt sind, wird es andere bald nicht mehr geben. »Die Erfolgsfaktoren der Berufe der Zukunft sind Empathie, Interaktion und Spezialisierung«, sagt Alexander Börsch, Chefökonom und Director Research Deloitte Deutschland. Er untersuchte die Effekte der Digitalisierung und erstellte basierend auf dieser Analyse ein Modell der Berufswelt im Jahr 2035.

Drei Faktoren flossen in die Analyse ein: Die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen verändert sich, nicht zuletzt durch die demografische Entwicklung. Weiters sind Berufe nicht in ihrer Gänze von technologischen Entwicklungen betroffen, da sie sich meist aus verschiedensten Tätigkeiten zusammensetzen. Und schließlich sind digitale Technologien sehr vielfältig und können einzelne Berufsbilder auch erweitern oder unterstützen.

Was nicht ersetzbar ist

Wer von Zukunftsberufen spricht, denkt in erster Linie an Digitalisierung und damit verbundene IT-Fertigkeiten. »Der unmittelbar naheliegende Schritt wäre, dass wir mehr Menschen mit technischen Skills benötigen – mehr Informatiker*innen, mehr Data Scientists und mehr Leute, die sich mit Robotik und künstlicher Intelligenz beschäftigen. Eine gewisse technische Grundkompetenz wird zunehmend in allen Berufen relevant«, bestätigt Trendforscher Franz Kühmayer. Eine vielversprechende Zukunftsperspektive bieten darüber hinaus jedoch jene Berufe, die sich durch hohen Innovationsgehalt und Kreativität auszeichnen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die Deloitte-Studie: 65 Prozent der Arbeitszeit in den analysierten Berufen können nicht durch Technologie ersetzt werden – vor allem betrifft das jene Tätigkeiten, die durch einen hohen Grad an menschlicher Interaktion und Empathie charakterisiert sind. Dem entsprechend wird der Personalbedarf in Gesundheitsberufen bis 2035 um 26 Prozent zunehmen und der Bildungsbereich um 20 Prozent wachsen.

Robotics und Data Analytics sind die Schlüsseltechnologien mit dem größten Impact. Sie können 25 bis 35 Prozent der Arbeitszeit ersetzen, wie Börsch erläutert: »Automatisierung betrifft vor allem Routinetätigkeiten, die nach denselben Mustern verlaufen. Die Jobs der Zukunft sind dagegen wissensintensiv und erfordern Spezialisierung, Kreativität und analytische Fähigkeiten.«

Wo KI unterstützt

Neue Technologien haben schon immer Arbeitsweisen verändert. Die Erfindung der Dampfmaschine brachte ebenso eine Zäsur am Arbeitsmarkt wie Computer und das Internet. In den 2010er-Jahren war unter dem Schlagwort »Industrie 4.0« von einer Revolution der Arbeitswelt die Rede: Roboter würden bald nicht nur in Fabrikhallen, sondern auch in Büros Einzug halten. Tatsächlich sind Fließbandarbeiter*innen in der Produktion kaum noch zu finden. Die prognostizierte große Kündigungswelle blieb jedoch – trotz fortschreitender Automatisierung – aus. »Dass Berufe aufgrund des technologischen Fortschritts oder veränderter ökonomischer und politischer Zielsetzungen verschwinden und andere entstehen, ist nichts Ungewöhnliches«, betont Sabine Putz, Expertin für Arbeitsmarktforschung und Berufsinformation beim AMS Österreich. »Handwerksberufe hingegen blieben meist erhalten und gingen nur in der Quantität stark zurück oder änderten ihr Tätigkeitsprofil – das gilt auch heute noch.«

Auch KI-Anwendungen werden nicht zu einer geringeren Beschäftigungsrate führen, wenngleich viele Prozesse, etwa in der Buchhaltung, inzwischen mittels RPA (Robotics Process Automation) automatisiert ablaufen. Die Anwendungsgebiete verlagerten sich zunehmend von der Industrie ins Finanzwesen und die öffentliche Verwaltung, zuletzt wurden viele Use Cases für den juristischen und medizinischen Bereich entwickelt.

Laut einer PwC-Umfrage erwarten 52 Prozent der Arbeitnehmer*innen weltweit, dass sich KI in den nächsten fünf Jahren positiv auf ihre Karriere auswirken wird. Fast ein Drittel ist der Meinung, dass sich ihre Produktivität und Effizienz bei der Arbeit steigern wird. Viele sehen moderne Technologien auch als Chance, neue Fähigkeiten zu erlernen. Hier sieht Nicole Prieller, Workforce Transformation Lead bei PwC Österreich, vor allem das Management gefordert: »CEOs wissen, dass sie ihr Unternehmen immer wieder neu erfinden müssen, um die nächste Herausforderung zu bestehen. Denn ohne Transformation werden die Arbeitgeber die aktuellen Herausforderungen nicht bewältigen. Dabei dürfen Führungskräfte nicht immer der gleichen Gruppe von Fachkräften hinterherlaufen, sondern müssen bestehende Talente erkennen und im Unternehmen weiterbilden.«

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Bild: Nicole Prieller, Workforce Transformation Lead bei PwC Österreich: »Führungskräfte müssen Talente erkennen und im Unternehmen weiterbilden.«

Mittels KI-basierter HR-Software können Unternehmen beispielsweise die Leistungs- und Entwicklungsdaten ihrer Mitarbeiter*innen mit den benötigten Berufsprofilen abgleichen, um niedriger qualifizierten Beschäftigten die Möglichkeit zum Erwerb der erforderlichen Kompetenzen zu geben. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels sei es ratsamer, Mitarbeiter*innen weiterzubilden, statt sie zu entlassen, meint Steffi Bärmann, Lektorin an der FH Wien der WKW: »KI kann zeigen, welche Kompetenzen Beschäftigte erwerben sollten.«

Tradition zählt

Bei den heutigen Volksschulkindern liegen – wie vor Jahrzehnten – die traditionellen Berufe hoch im Kurs. Lehrerin und Ärztin führen bei Mädchen die Liste der Wunschberufe an, bei Buben sind es Mechaniker und Polizist. Wie die jüngste Vergangenheit zeigt, können jedoch innerhalb kurzer Zeit völlig neue Jobs entstehen: Auch E-Commerce-Spezialist*innen, Data Scientists und 3D-Druck-Manager gab es vor zehn Jahren noch nicht.

Viele »Schreibtischberufe«, sogenannte »White Collar Jobs«, dürften hingegen mittelfristig durch KI oder andere Technologien ersetzt werden. Die großen Gewinner dieser Entwicklung sind Berufsfelder, die körperliche Arbeit in Kombination mit sozialer Zuwendung, besonderer Geschicklichkeit oder Kreativität erfordern. Dazu zählen der Gesundheitsbereich und das Handwerk. Vor allem Tätigkeiten, die sich nicht wiederholen und eine nicht vorhersehbare Interaktion benötigen, scheinen aus heutiger Sicht recht zukunftssicher. Berufe wie Drohnenverkehrsmanager, Blockchain-Datenschutzbeauftragte, Syn-Biologin, Prompt Designer oder Personal Data Broker gibt es noch nicht – aber möglicherweise schon sehr bald.


Future Skills – Welche Fähigkeiten wir in Zukunft brauchen

Neben technologischen Fortschritten können – wie die vergangenen Jahre gezeigt haben – auch Wirtschaftskrisen, Pandemien und der Klimawandel erhebliche Veränderungen der Arbeitswelt bewirken. Das Beratungsunternehmen McKinsey hat jene Fähigkeiten identifiziert, die notwendig sind, um kompetent auf heutige und zukünftige Herausforderungen einzugehen und agile Lösungen zu schaffen – unabhängig vom Unternehmen und der Branche: Technische Grundkompetenzen, aber auch nicht-digitale Skills, vor allem Kreativität und Kommunikation, gewinnen an Bedeutung.

Agilität. Nichts ist so beständig wie der Wandel – das wusste schon Heraklit. Flexibilität ist in der Wirtschaft wichtiger denn je. Eingefahrene Strukturen und Denkmuster bremsen nur. Unternehmen, die auf flache Hierarchien und Selbstverantwortung setzen, können schneller auf Veränderungen reagieren. Wichtige Voraussetzung: Lernfähigkeit. Nur wer zum lebenslangen Lernen bereit ist, bleibt erfolgreich.

Kreativität. Neue Lösungen zu entwickeln, Zusammenhänge zu erkennen und den Blick über den Tellerrand zu wagen – diese Fähigkeiten erhalten die Innovationskraft des Unternehmens. Dafür braucht es aber auch entsprechenden Freiraum und Ausstattung mit Ressourcen sowie eine offene Fehlerkultur, die auch mögliche Flops toleriert.

Emotionale Intelligenz. Wer nicht in Teams arbeiten oder diese führen kann, wird es in der Arbeitswelt künftig schwer haben. Empathie und Einfühlungsvermögen sind entscheidende Soft Skills, um Beziehungen zu fördern und Konflikte zu entschärfen. Sie prägen die Unternehmenskultur und tragen wesentlich zur Produktivität und damit zum Erfolg bei.

Kritisches Denken. Was bei allen Trends nicht verloren gehen sollte, ist der gesunde Menschenverstand. Bestehende Prozesse und Strukturen, aber auch die eigene Arbeit, regelmäßig zu hinterfragen und zu optimieren, ist eine notwendige Voraussetzung, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Wer die Stärken und Schwächen möglicher Lösungsansätze rasch identifizieren kann, ist klar im Vorteil.

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