Freitag, Juni 14, 2024
Raus aus dem Elfenbeinturm
Innovation sollte als elementarer Bestandteil der Unternehmensstrategie verstanden werden. (Fotocredit: iStock)

Unternehmen brauchen Innovationen wie einen Bissen Brot, um im Wettbewerb bestehen zu können. Universitäten und Hochschulen können die Basis dafür liefern: Sie entwickeln Lösungen für die großen Themen der Zukunft. 

Text: Angela Heissenberger

Fahrrad, Buchdruck, Dampfmaschine, aber auch Glühbirne oder Smartphone: Erfindungen bewegen und verändern die Welt. Bis heute sind Universitäten und Hochschulen Orte der Erfindungen. Diese werden jedoch oft in jenen Unternehmen auf den Weg zur Marktreife gebracht, die zu Partnerschaften mit der Wissenschaft bereit sind. Um die manchmal noch recht nahe an der Grundlagenforschung liegenden Ergebnisse in ein konkretes Produkt oder ein Verfahren überzuführen, sind noch erhebliche Investitionen nötig. »Das Schwierigste ist, den geeigneten Partner für die Technologie zu finden«, sagt Tanja Sovic, Leiterin des Bereichs Patent- und Lizenzmanagement der TU Wien. »Das Ziel besteht darin, eine synergetische Beziehung aufzubauen, in der beide Seiten voneinander profitieren und gemeinsam erfolgreich sind.«

Die universitäre Forschung verharrt keineswegs im Elfenbeinturm, sondern beschäftigt sich mit den großen Themen der Zukunft: Mobilität, Gesundheit, Klimawandel. Das zeigt beispielsweise der »Staatspreis Patent«, die höchste staatliche Auszeichnung für innovative Erfindungen und Marken in Österreich. 2023 wurde der Preis dem Team rund um Michael Harasek vom Institut für Verfahrenstechnik der TU Wien verliehen. Den Forscher*innen gelang es, Wasserstoff aus Gas mit einem besonders hohen Reinheitsgehalt herauszufiltern. »Grüner« Wasserstoff ist vor allem für Anwendungen in der Industrie als Alternative zu fossilen Energieträgern von Bedeutung.

Nicht jede Idee führt zu einem Produkt – so manches vielversprechende Projekt scheitert auf halbem Weg. (Foto: iStock)


Disruptiver Markt

Viele Unternehmen stehen vor der Herausforderung, sich in einem sich disruptiv verändernden Markt mit anderen Kundenbedürfnissen und neuen technologischen Möglichkeiten behaupten zu müssen. »Innovation bezeichnet die Fähigkeit von Unternehmen oder besser Organisationen, auf alle Disruptionen und Marktverwerfungen zu reagieren, sie zu antizipieren und im besten Fall für den eigenen Geschäftszweck zu nutzen«, sagt Thorsten Reiter, Dozent an der Universität St. Gallen. Innovation müsse als »elementarer Bestandteil der Unternehmensstrategie« verstanden werden.

Die Innovationskraft – also die Fähigkeit, das eigene Know-how in konkreten Geschäftsideen, Produkten und Services umzusetzen – hängt stark von der Führung und Kultur eines Unternehmens ab. Es braucht mitunter viel Mut und einen langen Atem, um den Aufbruch ins Ungewisse zu wagen. Rasche wirtschaftliche Erfolge sind selten und so manche, anfangs vielversprechende, Idee muss auf halbem Weg doch begraben werden. 


»Veränderungen als Chance begreifen« - Denn nur so können Unternehmen langfristig bestehen, meint Patricia Neumann, CEO der Siemens AG Österreich. Zum Interview: Link


Rainer Gaggl, Geschäftsführer der T.I.P.S. Messtechnik GmbH, geht dabei nach dem Motto »Wer wagt, gewinnt« vor: »Für die nachhaltige Entwicklung des Unternehmens ist es essentiell, in neue Ideen zu investieren. Nicht jede Idee führt zu einem Produkt, aber wenn von zehn Ideen die Hälfte realisiert wird, ist man vorne mit dabei. Das Risiko lässt sich durch eine kluge Herangehensweise – mehrstufige Entwicklungs- und Investitionsschritte mit entsprechenden Validierungsschritten – gut minimieren.« Das Kärntner Familienunternehmen, spezialisiert auf Halbleiter-Prüftechnik, wurde im Rahmen der Verleihung des »Staatspreis Innovation« mit dem Sonderpreis ECONOVIUS der Wirtschaftskammer Österreich ausgezeichnet. Den Anstoß zu innovativen Lösungen holen sich die T.I.P.S.-Mitarbeiter*innen »aus erster Hand«, so Gaggl, »durch intensiven Austausch mit Kunden und potenziellen Neukunden auf internationalen Workshops und Fachmessen«. 

Martin Eberhart (li.) und Rainer Gaggl, T.I.P.S. Messtechnik GmbH, wurden für ihr zukunftsweisendes Halbleiter-Prüfverfahren mit dem ECONOVIUS-Preis der WKO ausgezeichnet. (Foto: Helge Bauer)


Das Beste aus zwei Welten

Stillstand kann sich heute kein Unternehmen mehr leisten – auch und schon gar nicht KMU. Flache Hierarchien und eine positive Fehlerkultur sind wichtige Voraussetzungen, damit auch unausgegorene Ideen ausprobiert werden können. Zusätzlich muss das Unternehmen aber auch Freiräume schaffen, die Mitarbeiter*innen unterschiedlicher Abteilungen die Möglichkeit zum Austausch geben. Nicht zuletzt bringen Kooperationen mit wissenschaftlichen Einrichtungen das Beste aus zwei Welten zusammen: neueste Erkenntnisse aus der Spitzenforschung und die langjährige Erfahrung in der praktischen Anwendung im Betrieb.

Ein Paradebeispiel für die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft ist der tpv Technologiepark Villach, wo die Silicon Austria Labs (SAL) erst kürzlich den größten Mikroelektronik-Reinraum Österreichs eröffneten. »Wir sind eine Brücke zwischen Forschung und Anwendung«, betont SAL-Geschäftsführerin Christina Hirschl. »Unsere Teams in den Laboren und unsere Industriepartner haben jetzt optimale Bedingungen, um an Halbleitern zu forschen und neue Materialien zu testen.« Die Räumlichkeiten stehen auch mittelständischen Betrieben für die Fertigung von Prototypen und Kleinserien zur Verfügung.

Die Silicon Austria Labs in Villach schlagen eine Brücke zwischen Forschung und Anwendung. (Foto: Helge Bauer)


Indessen wächst der Campus weiter: Das Hightech-Unternehmen Wild, ein Spezialist für optomechatronische Produkte für Medizin und Industrie, plant ein modernes Entwicklungs- und Produktionszentrum. Für Wolfgang Warum, Managing Director und CTO der Wild-Gruppe, ist die Infrastruktur des Standortes der größte Pluspunkt: »Mit Impulsgebern wie dem High Tech Campus Villach, dem Forschungszentrum Silicon Austria Labs, dem Ausbildungszentrum und der Fachhochschule bietet sich hier für uns ein ideales Umfeld, um den Wissenstransfer zu intensivieren und Innovationen voranzutreiben.«


Von der anderen Seite aus betrachtet: Wie wird aus einem Forschungsprojekt ein Unternehmen? Report (+) PLUS hat sich angeschaut, wie es um Österreichs Spin-offs bestellt ist - und vor welchen Herausforderungen Wissenschaftler*innen stehen, die gründen wollen: Ungenutztes Potenzial

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