Dienstag, Juni 25, 2024

Die Briten haben entschieden. Während die neue Premierministerin Theresa May um glimpfliche Austrittsmodalitäten ringt, wollen die EU-27 Großbritannien den Abschied so bitter wie maöglich machen, schon allein um potenzielle Nachahmer abzuschrecken. Denn verstummt ist die Kritik an Brüssel auch in den anderen Mitgliedsstaaten keineswegs, auch wenn die Folgen des Brexit kaum absehbar sind. Report(+)PLUS hat bei ExpertInnen nachgefragt, wie sie die Zukunft Europas einschätzen.

1. Sehen Sie den Finanzplatz London in Gefahr?

Friedrich Mostböck, Head of Group Research, Erste Bank AG


Längerfristig ja. Es hatten ja unmittelbar nach der Ankündigung des Brexit schon bereits Banken ihr Abwandern erklärt. Auf der anderen Seite sind Alternativ-Finanzzentren (allen voran Frankfurt) naturgemäß daran interessiert, Geschäft anzuziehen. Ich denke, die Voraussetzungen (wie Infrastruktur, etc.) wären vorhanden bzw. weiter ausbaufähig. Gleichzeitig gibt es in London eine Reihe anderer Institutionen, die als Folgeerscheinung abwandern würden und welche einen Bezug zum Bankensektor haben (wie die EBA, European Banking Authority). Ebenso wäre zu erwarten, dass das Euro-Clearing-Geschäft dem Wunsch der EZB entsprechend zukünftig in der Euro-Zone abgewickelt wird.

Gerda Falkner, Leiterin des Instituts für europäische Integrationsforschung, Universität Wien

Die Reaktionen auf das Brexit-Votum waren negativ. Da London als Hauptsitz vieler Banken mit Europa-Geschäft in Frage steht, ist die seither eingetretene Beruhigung fragil. Generell ist infolge ihrer internationalen Verflechtung für Investmenthäuser und Banken in der EU die Risikowahrnehmung gestiegen. Noch schwerer als die ökonomischen Folgen des Brexit-Referendums werden aber die politischen wiegen: Die EU ist durch die Macht der Regierungen ohnehin blockadeanfällig, jetzt drohen Jahre des Stillstands mit Einbrüchen der Wirtschaft und Legitimität durch mangelnde Problemlösungsfähigkeit, fragwürdige Mitbestimmung Großbritanniens in den Gremien, etc.

Thomas Obersteiner, Rechtsanwalt in der Kanzlei Baker & McKenzie, London

Teilweise. Die EU könnte London bestimmte Euro-Finanzdienstleistungen untersagen. Teile des Sektors könnten dann nach Frankfurt oder Paris abwandern. Aber: Londons Stellung als globaler Finanzplatz per se ist nicht in Gefahr. Das vorhandene Know-how, die Liquidität und die Netzwerke lassen sich nicht so einfach verschieben. Die »City« könnte unter Umständen sogar an Bedeutung gewinnen, wenn sie die neue regulatorische Freiheit geschickt nutzt, um ein für Banken attraktives Umfeld zu schaffen.


2. Was bedeutet das Votum für österreichische Unternehmen, die in Großbritannien tätig sind?

Friedrich Mostböck

Wenig. Natürlich sind einige Unternehmen in Großbritannien engagiert bzw. wären exportlastige Unternehmen indirekt über einen Wirtschaftseinbruch in der Euro-Zone betroffen. Von größeren Unternehmen ist im Wesentlichen direkt Wienerberger betroffen. Das Risiko ist aber auch dort überschaubar und überbewertet. Wienerberger erwirtschaftet etwa 10 % des Umsatzes in Großbritannien, hatte diese Vor-Ort-Produktion in britischen Pfund aber immer schon für lokale Kunden. Der Rest ist im relativen Vergleich eher vernachlässigbar.

Gerda Falkner

Eine Phase der Unsicherheit. Das gilt aber auch für Unternehmen anderswo: Im EU-Binnenmarkt herrschten zumindest ansatzweise faire Wettbewerbsbedingungen – das könnte sich zum allseitigen Schaden ändern, falls es künftig zu einem unkontrollierten Standortwettbewerb kommt. Noch schlimmer ist die Unsicherheit aber für die MitarbeiterInnen dieser (und anderer) Unternehmen, wenn sie aus der EU kommen. Theresa May, neue Premierministerin Großbritanniens, will das Schicksal der EuropäerInnen in ihrem Land als Verhandlungsmasse einsetzen. Auch wenn die EU dem das Schicksal der britischen BürgerInnen in der EU entgegenhalten kann, sind jetzt viele Menschen in einer unsicheren Lage.

Thomas Obersteiner

Die Abwertung des Pfunds und die drohende Rezession der britischen Wirtschaft sind die unmittelbarsten Folgen. Die rechtlichen Folgen werden sich erst im Zuge der Verhandlungen über die zukünftigen Wirtschaftsbeziehungen genau bestimmen lassen. Unternehmen mit spezifischen Interessen in Großbritannien sollten den Verhandlungsprozess genau beobachten und sich gegebenenfalls einbringen. Vorsichtshalber sollten Verträge mit UK-Bezug schon jetzt auf mögliche Brexit-Folgen, zum Beispiel die Einführung von Handelszöllen, geprüft werden.


3. Zerfällt die Euro-Zone?

Friedrich Mostböck

Das ist teilweise in die Kategorie »Verschwörungstheorie« einzuordnen. Aus der EU auszutreten, ist die eine Sache, aus der Euro-Zone auszutreten ist technisch wie wirtschaftlich und geldpolitisch schon deutlich schwieriger. Was der Brexit mit Sicherheit für die EU (und nicht Euro-Zone) bewirken wird, ist politischer Druck sowie Druck zur Reformwilligkeit.

Gerda Falkner

Das muss nicht sein, ist aber möglich als Folge zunehmender ökonomischer und politischer Fliehkräfte. Die Herausforderungen sind für einzelne Volkswirtschaften unterschiedlich, ebenso die Wirkungen der EZB-Politik. Zusätzlich stiftet der sich verbreitende Populismus Unfrieden, der – wie im Vorfeld des Brexit – teils sogar Lügen als Mittel der politischen Propaganda einsetzt. »Nationale« Interessen werden zunehmend gegen das Allgemeininteresse gesetzt, obwohl die großen Probleme der Zeit eigentlich nur gemeinsam sinnvoll bewältigt werden können.

Thomas Obersteiner

Nein – zumindest nicht wegen des Brexit. Das Votum und ein allfälliger EU-Austritt Großbritanniens haben zwar negative Auswirkungen auf die Euro-Zone, bedrohen die gemeinsame Währung aber nicht unmittelbar. Die nachhaltig schlechte Wirtschaftslage und strauchelnden Banken in großen Euro-Staaten, insbesondere in Italien, sind bedrohlicher. Zum Glück ist Großbritannien nicht Mitglied der Euro-Zone. Ein EU-Austritt eines Euro-Staates dieser Größe wäre eine enorme organisatorische Herausforderung und könnte auch ihr Ende bedeuten.

Meistgelesene BLOGS

Firmen | News
01. März 2024
Unter dem Motto „Mission Zukunft - Transformation der Wirtschafts- und Energiesysteme" veranstalten die Deutsche Handelskammer in Österreich in Kooperation mit Fraunhofer Austria Research das Deutsch-...
Firmen | News
14. März 2024
Bereits zum dritten Mal verleiht die auf Informationssicherheit spezialisierte Zertifizierungsinstanz CIS - Certification & Information Security Services GmbH die begehrte Personenauszeichnung „CI...
Firmen | News
25. März 2024
Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel und Künstliche Intelligenz (KI) spielt dabei eine entscheidende Rolle. Unternehmen weltweit erkennen zunehmend die Bedeutung von KI für ihre Produktivität und W...
Alfons A. Flatscher
21. März 2024
 Mit KI-Technologien bleibt kein Stein auf dem anderen. Ganze Berufsstände, die sich bisher unangreifbar fühlten, geraten plötzlich in eine Krise. Legionen von Programmierern arbeiten gerade an d...
Firmen | News
15. März 2024
Moos auf dem Dach sieht zwar eine Weile ganz hübsch aus, aber zu viel kann dann doch auch die Funktion des Daches beeinträchtigen. Flechten, Algen, Vogelkot und andere Schmutzablagerungen hingegen seh...
Andreas Pfeiler
27. März 2024
Die Bundesregierung hat ein lang überfälliges Wohnbauprogramm gestartet. Ausschlaggebend dafür war ein Vorschlag der Sozialpartner, der medial aber zu Unrecht auf einen Punkt reduziert und ebenso inte...
Redaktion
09. April 2024
Die Baubranche befindet sich gerade in einem riesigen Transformationsprozess. Dabei gilt es nicht nur, das Bauen CO2-ärmer und insgesamt nachhaltiger zu gestalten, sondern auch Wege zu finden, wie man...
Mario Buchinger
04. März 2024
Der Faktor Mensch wird noch von vielen Manager*innen unterschätzt und oft nur auf Kostenaspekte reduziert. Diese Einschätzung ist fatal und fällt betreffenden Unternehmen zunehmend auf die Füße. Warum...

Log in or Sign up