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In New York wird nicht nur mit Grundstücken gehandelt, sondern auch mit dem Raum darüber. Sogenannte Air Rights machen es möglich, zusätzliche Bauhöhe zu kaufen – und führen zu Konstruktionen, die aussehen, als würde ein Haus über einem Haus entstehen.

In New York werden ungenutzte Luftrechte zu handelbarem Baupotenzial. Foto: REPORT/Eva Flatscher

Wer in New York nach oben blickt, sieht mehr als Wolkenkratzer. Man sieht ein Geschäftsmodell. Zwischen Glasfassaden, historischen Backsteinbauten und schmalen Grundstücken wird seit Jahrzehnten mit einem Gut gehandelt, das auf den ersten Blick gar nicht greifbar ist: Luft.

Gemeint sind Luftrechte, im Englischen Air Rights. Sie beschreiben jenes Baupotenzial, das einem Grundstück laut Flächenwidmung grundsätzlich zusteht, aber nicht ausgeschöpft wird. Ein niedriges Gebäude in einer Zone, in der deutlich höher gebaut werden dürfte, „besitzt“ also ungenutzte Baufläche – nicht neben sich, sondern über sich.

Und genau diese Rechte können in New York unter bestimmten Voraussetzungen übertragen oder verkauft werden. Das Ergebnis ist eine Stadt, in der Bauhöhe nicht nur eine Frage des Grundstücks ist, sondern auch der Verhandlung. Wer nebenan oder in einem definierten Planungsbereich zusätzliche Luftrechte erwirbt, darf höher, dichter oder größer bauen, als es das eigene Grundstück allein erlauben würde.

Das klingt abstrakt, wird im Stadtbild aber sehr konkret. Besonders spektakulär sind Projekte, bei denen neue Baukörper über bestehenden Gebäuden schweben oder scheinbar auf ihnen aufsitzen. Was aussieht wie architektonische Akrobatik, ist in Wahrheit auch Immobilienmathematik: Ungenutzte Kubatur wird monetarisiert, Bauvolumen wird verschoben, Stadt wird vertikal verdichtet.

Für Eigentümer niedriger Gebäude kann das ein lukratives Geschäft sein. Sie verkaufen ein Recht, ohne ihr Haus abreißen zu müssen. Für Projektentwickler wiederum sind Air Rights ein Schlüssel, um an begehrten Standorten zusätzliche Nutzfläche zu schaffen. Gerade in Manhattan, wo Grund und Boden knapp und teuer sind, wird jeder Quadratmeter – auch der imaginäre in der Höhe – zur handelbaren Ressource.

Die bekanntesten Beispiele finden sich rund um große Verkehrsbauten, historische Gebäude und Grundstücke mit niedriger Bebauung. Bahnhöfe, Kirchen, Theater oder ältere Wohnhäuser haben ihre mögliche Bauhöhe oft nicht ausgeschöpft. Ihre ungenutzten Rechte können zur Grundlage für neue Hochhäuser werden. So wächst New York nicht nur auf Grundstücken, sondern über ihnen.

Städtebaulich ist das nicht unumstritten. Kritiker sehen in Air Rights ein Instrument, das Skyline und Nachbarschaften verändert, Schatten wirft und Dichte an Orte bringt, die dafür nicht immer vorbereitet sind. Befürworter verweisen dagegen auf die effiziente Nutzung knappen Stadtraums, zusätzliche Investitionen und die Möglichkeit, historische Bauten wirtschaftlich zu erhalten, weil deren Eigentümer Baupotenzial verkaufen können, statt selbst abzureißen.

Für Europa ist das Modell interessant, aber nicht eins zu eins übertragbar. Eigentumsrecht, Widmung, Denkmalschutz und Planungsverfahren funktionieren anders. Trotzdem stellt New York eine Frage, die auch in Wien, München oder Zürich an Bedeutung gewinnt: Wie kann eine Stadt wachsen, wenn Boden knapp, teuer und politisch sensibel ist?

Die Antwort aus New York lautet: Man handelt nicht nur mit Fläche. Man handelt mit Möglichkeit.

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In New York werden ungenutzte Luftrechte zu handelbarem Baupotenzial. So können neue Baukörper über oder neben bestehenden Gebäuden entstehen. Foto: REPORT/Eva Flatscher

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