Wednesday, January 28, 2026

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Der Cloudmarkt ist von den geopolitischen Verwerfungen betroffen. Was einst heilig war, gilt nicht mehr. Über Risiken und Alternativen spricht Peter Lenz, Managing Director von T-Systems Austria.

Bild: Peter Lenz ist seit 2018 Vorsitzender der Geschäftsführung für die T-Systems Österreich für die Großkundensparte der Deutschen Telekom in Österreich verantwortlich. Zuvor war er in Führungspositionen bei Magna International, OMV AG, ÖBB IKT GmbH und als Konzern CIO bei der ÖBB tätig.

Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft blicken: Wird digitale Souveränität ein fester Bestandteil von IT-Strategien sein oder ein politisch getriebenes Nischenthema?

Peter Lenz: So lange wird es gar nicht dauern. Ich glaube, da ist jetzt schon eine Änderung in den IT-Strategien im Gange. Vieles, was als sakrosankt gegolten hat, gilt jetzt plötzlich nicht mehr. Vor ein paar Monaten noch war es undenkbar, dass die NATO infrage gestellt wird. Mit jeder weiteren geopolitischen Aktion der US-Administration steigt das Interesse an souveränen, europäischen Lösungen weiter. Wer, wenn nicht die Deutsche Telekom, ist prädestiniert, die Antworten darauf zu geben? Wenn ich vor einem Jahr noch gesagt hätte, digitale Souveränität bleibt eine signifikante Nische mit bestenfalls zehn bis fünfzehn Prozent Marktanteil, sehe ich heute mit jedem Ereignis und jeder Debatte wie Venezuela oder Grönland weitere fünf bis zehn Prozent hinzukommen. Irgendwann sind wir dann wahrscheinlich irgendwo bei 80 oder 90 Prozent.

Viele Unternehmen nutzen die Clouddienste globaler IT-Infrastrukturdienstleister aus Kostengründen. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen wirtschaftlich sinnvoller Auslagerung des IT-Betriebs und kritischer Abhängigkeit?

Lenz: Es hat absolut Sinn gemacht und macht es in vielen Fällen noch immer, Public-Clouds von Hyperscalern zu nutzen. Wir reden da über drei große Anbieter, AWS, Google und Microsoft. Aber mit jeder neuen Aktion, die geopolitisch passiert, auch mit Dingen, die man sich vielleicht vor ein paar Wochen noch gar nicht vorstellen konnte, wird die Frage lauter, wie weit man diesen Weg gehen will. Wir erleben aktuell sehr konkret, dass große österreichische Organisationen, die intensiv mit Hyperscalern arbeiten und das eigentlich weiter ausbauen wollten, das jetzt massiv hinterfragen. Was ist, wenn wir unser Geschäft nicht mehr weiter betreiben können? Was passiert, wenn wir auf einer Sanktionsliste landen und vielleicht in ein bis zwei Monaten diese Plattform verlassen müssen? Das ist dann keine theoretische Diskussion mehr.

Geht es Unternehmen in Österreich tatsächlich um Datensouveränität oder stehen nicht eher Service-Bandbreiten der Großen und Skalierbarkeit im Vordergrund?

Lenz: Lange Zeit standen ganz klar die Feature-Breite und die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund. Europäische Anbieter waren da einige Prozentpunkte hinten, auch funktional. Das ist heute aber nicht mehr prohibitiv, die Unterschiede fallen kaum noch ins Gewicht. Die Hyperscaler arbeiten mit massiven Transformations-Vouchern. Das ist gerade aus CFO-Sicht extrem attraktiv, weil es kurzfristig die Bilanz verbessert. Wenn ich aber einen längeren Zeitraum betrachte und einpreise, welche Preiserhöhungen danach kommen werden – Stichwort VMware und Broadcom –, dann schaut die Rechnung ganz anders aus. Und dann ist da noch das Risiko, dass mir im Fall des Falles jemand den Stecker zieht.

Wie bewerten Sie die Ansätze von Microsoft und AWS zu einer souveränen Cloud-Region Europa?

Lenz: Es gab ja schon konkrete Beispiele, etwa eine Aussage im französischen Parlament, wo klar wurde, dass im Fall einer Weisung aus den USA letztlich doch US-Recht gilt. Man kann als amerikanischer Anbieter gerne europäische Datensouveränität versprechen. Wenn diese im Ernstfall aber nicht zieht, dann ist dieses Statement aus meiner Sicht bestenfalls ein Feigenblatt. Da wäre ich persönlich sehr skeptisch.

Wer setzt bereits auf die Open Telekom Cloud und das Angebot der T Cloud? Wie schaut dieses Angebot an Unternehmen im Detail aus?

Lenz: Wir haben bereits österreichische Kunden, die die Open Telekom Cloud nutzen, aktuell noch aus deutschen Rechenzentren in Biere bei Magdeburg. Das funktioniert sehr gut und wir nutzen es auch selbst. Parallel evaluieren wir intensiv, die Open Telekom Cloud auch nach Österreich zu bringen. Es gibt starkes Interesse von Banken, Versicherungen, dem Public-Sector und großen Städten. Ein, zwei weitere Anfragen noch, dann haben wir einen Business-Case, der sich auch mit einem physischen Standort in Österreich rechnet.

Inhaltlich bekommen Kunden Compute-, Container-, Datenbank- und Big Data-Services sowie KI aus einer souveränen Umgebung, die nach Stand der Technik gegen externe Interventionen abgeschottet ist. Das geht vom Hardware- bis zum Software-Stack, Kunden-Software und -Datenbanken laufen problemlos darauf. Klar ist aber auch, dass die Office-Suite Microsoft 365 nie komplett abgeschottet laufen kann. Hier müssten Unternehmen auf alternative Lösungen wie etwa Open Office setzen – das sehe ich aber noch nicht im großen Stil. Dafür sind die Microsoft-Lösungen zu tief in den Unternehmensarchitekturen integriert.

KI verschärft die Debatte um Datenhoheit. Welche Anforderungen ergeben sich dadurch für souveräne IT-Architekturen?

Lenz: KI bringt das Thema Souveränität noch einmal auf eine ganz andere Ebene. Wir sehen einen klaren Bedarf an abgeschotteten Systemen, wo ich garantieren kann, dass über den gesamten Stack hinweg niemand von außen zugreift. Deshalb bauen wir gerade auch im KI-Bereich souveräne Angebote aus. In München geht im Februar ein großer Nvidia-Stack mit neuester Chiptechnologie in Betrieb. Durch die geografische Nähe ist das auch für österreichische Kunden hochinteressant. Da reden wir dann nicht nur über Rechenleistung, sondern über komplette Software-Stacks bis hin zu konkreten Anwendungen. Etwa für aufwändige Simulationen im Automobilbau, im Flugzeug- oder Drohnenbau, wo sich Rechenzeiten von zwei Wochen auf zwei Stunden verkürzen lassen. Das bringt sehr schnell einen messbaren Nutzen für Unternehmen.

Wünschen Sie sich eine aktivere europäische Politik in der Souveränitätsdebatte? Also zum Beispiel regulatorische Anforderungen an größere Unternehmen bei der Wahl des IT-Infrastruktur-Partners?

Lenz: Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir für digitale Souveränität eine Regulierung brauchen. Politisch finden die Debatten bei Themen der Integrität von Staaten und etwa bei Zöllen ja bereits statt. Natürlich wäre es unterstützend, wenn der Staat gewisse sensible Daten nicht mehr auf amerikanischen Hyperscalern sehen will. Aber ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Vielmehr findet die Souveränitätsfrage bei IT längst auf Geschäftsführungs- und Vorstandsebene in den Unternehmen statt. Da geht es um die ganz klassische Abwägung bei der Wahl der Anbieter und unternehmerischen Risiken.

Welche Themen werden IT-Dienstleistungen in diesem Jahr prägen?

Lenz: Das Thema Souveränität wird aus meiner Sicht klar von einer signifikanten Nische Richtung Mainstream gehen. Die Frage, ob man in allen Aspekten schon die richtigen Antworten hat, kann man heute noch mit nein beantworten, aber diese Antworten kommen jetzt sukzessive. Je mehr Nachfrage entsteht, desto mehr Sinn macht es auch, weiter zu investieren. Ein zweites großes Thema ist der tatsächliche Nutzen von künstlicher Intelligenz. Es geht um echte Business-Cases versus Ausprobieren. Dazu passt auch unsere Industrial-Cloud-Initiative in München, die genau darauf abzielt.

Ein weiterer Treiber bleibt SAP, insbesondere die SAP-Rise-Thematik, mit der Unternehmen in die Cloud gebracht werden. Viele Organisationen stehen weiter vor der Entscheidung: Hyperscaler oder souveräne Alternativen. Stark bleibt auch das Thema Gesundheitsdaten und Digitalisierung im Gesundheitsumfeld. Da gibt es enormen Aufholbedarf und auch einen wachsenden Willen, hier zu investieren. Und schließlich geht es sehr stark um Effizienzsteigerungen, auch durch den Einsatz von KI, also um die Ablöse repetitiver manueller Tätigkeiten. Unternehmen müssen Kosten sparen, ihre Produktivität erhöhen und ihre Mitarbeitenden entlasten.

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