Freitag, Juni 21, 2024

Finanz-Startups, Online-Plattformen und mobile Bezahldienste mischen mit innovativen Angeboten und günstigen Konditionen die gesamte Finanzbranche auf. Ob traditionelle Banken in Zukunft ausgedient haben und was sie noch retten könnte, hat Report(+)PLUS bei ExpertInnen nachgefragt.

1. Wozu brauchen wir noch Banken?

Michael Hilbert, Head of Financial Industries bei Horváth & Partners Österreich: Banken sind und bleiben das Rückgrat der Wirtschaft und des Zahlungsverkehrs. Der grundlegende Kreislauf von Spareinlagen und Krediten ist für jeden Wirtschaftstreibenden und den sogenannten »Häuselbauer« unabdingbar. Daher wird es Banken immer geben. Jedoch ändert sich gegenwärtig das Bild des Bankgeschäftes und die Rolle der Banken grundlegend. Das Geschäftsmodell der Banken steht aufgrund der Niedrigzinsphase sehr stark unter Druck. Gleichzeitig gibt es großen Bedarf, die bestehenden Prozesse schlanker und billiger zu machen. Dies wird noch verschärft durch die Notwendigkeit, massiv in neue digitale Abläufe zu investieren.

Daniela Chikova, Partnerin A.T. Kearney: Das traditionelle Bankgeschäft an sich hat sich über die Jahrhunderte wenig verändert. Sparen, Bezahlen, Veranlagen oder Finanzieren sind auch heute universale Bedürfnisse. Zwei Gegebenheiten haben sich dennoch geändert. Die Kunden entscheiden sich schneller, informieren sich besser und sind anspruchsvoller geworden. Sie sehen es als selbstverständlich an, auch jenseits der Filialöffnungszeiten mit ihrer Bank in Kontakt zu treten. Zusätzlich gewinnen FinTech-Startups, Einzelhandelsunternehmen, Online-Plattformen oder Peer-to-Peer-Plattformen an Boden durch innovative Angebote oder Zugang zu bestehenden Kunden und erhöhen den Druck. Trotz der Herausforderungen haben klassische Finanzinstitute eine solide Basis, um sich am Markt und gegen Angreifer zu behaupten. Ihre Stärken liegen in der Erfahrung bei Einschätzung und Management von Risiken und in der Beratung beim Verkauf komplexer Produkte, besonders bei Wendepunkten im Kundenleben. Die bessere Verknüpfung der Filiale mit der digitalen Welt kann Mehrwert stiften, den die Banken noch nicht ausgeschöpft haben.

Christoph Samwer, Gründer und Geschäftsführer von Lendico »Geld braucht keine Bank.«: Auf dieser Idee beruht das Geschäftsmodell von Lendico. Der digitale Kreditmarktplatz bringt Kreditnehmer und Anleger online zusammen – ganz ohne den Umweg über Bankschalter und Bankberater. Viele Bankkunden haben die Erfahrung gemacht, dass sie bei Festgeld negative Realrenditen erwarten, während sie im Fall eines Dispositionskredits bis über 12 % Zinsen an die Banken zahlen müssen. Genau hier setzt Lendico als digitaler Kreditmarktplatz an: Ohne Bankfilialen und mit innovativer Technik ermöglichen wir Einsparungen, die an Kunden weitergegeben werden. Aus der Sicht der User ist das eine Winwin-Situation: Private Kreditnehmer profitieren von günstigen Krediten und auf Investoren warten attraktive Renditen. Die Bank verliert dabei ihre Rolle als zentraler Akteur. Private Anleger erhalten Zugang zu einer neuen Anlageklasse, die bisher Banken vorbehalten war. So profitieren sie von hohen Renditechancen, voller Kontrolle über ihr Portfolio und monatlichen Rückzahlungen direkt auf das Konto. Nutzer können bequem von zu Hause alles in die Wege leiten. Sowohl die Beantragung eines Kredits als auch das Investieren in private Kreditprojekte geschieht auf der Website.

2. Haben klassische Geldinstitute die digitale Entwicklung verschlafen?

Michael Hilbert: Die Digitalisierung des Bankgeschäftes ist ein Trend, der sich schon seit einigen Jahren abzeichnet. Hier ändert sich auch die Konkurrenzsituation der eingesessenen Banken massiv. Neue Anbieter aus der Technologiebranche drängen in den Markt des Zahlungsverkehrs und Retailgeschäftes – und das sehr erfolgreich. Der österreichische Bankenmarkt hat hier – mit der Ausnahme der Erste Bank – sicherlich sehr spät reagiert, oder teilweise noch gar nicht begonnen, entsprechende Schritte zu setzen. Banken sind hier noch sehr stark in alten analogen Prozessen und Abläufen gefangen, die nur mit hohem Aufwand verändert werden können. Gleichzeitig sind innovative Ideen gefragt. Das ist für diese Häuser ebenfalls oft Neuland.

Daniela Chikova: Die Technologiefirmen stellen seit einigen Jahren Branche für Branche auf den Kopf, mit Amazon den Einzelhandel, mit Apple die Musikindustrie und mit Google gleich unseren ganzen Alltag. Wann also werden sie die Finanzwelt neu erfinden? Werden Banken, wie wir sie heute kennen, bald nicht mehr existieren? Das wohl nicht. Aber Technologiefirmen laufen sich bereits warm und machen den Banken einen Teil ihrer Wertschöpfungskette streitig. Geldhäuser rund um den Globus müssen sich intensiver mit der Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle befassen. Andernfalls erleiden sie das gleiche Schicksal wie Unternehmen aus besagten Branchen, wo die Digitalisierung in kurzer Zeit ganze Konzerne überrollt hat. Bislang haben sich viele Geldhäuser darauf konzentriert, ihre Vertriebswege zu integrieren und Angebote wie Mobiles Banking per App oder die digitale Brieftasche (E-Wallets) zu lancieren. Das wird aber nicht ausreichen. Verbesserungen in der IT und in der Prozesslandschaft als auch das Einbetten der kulturellen Veränderungen stehen als Nächstes auf der Tagesordnung. Banken haben bei der Bewältigung dieser Veränderungen keine Zeit zu verlieren.

Christoph Samwer: Es ist gar nicht so sehr, dass Banken die digitale Entwicklung verschlafen. Vielmehr sind es die Verbraucher, die aufwachen und feststellen: »Stimmt! Ich brauche dafür keine Bank. Bessere Konditionen bekomme ich bei den digitalen Konkurrenten.« Eine ähnliche Entwicklung haben wir in anderen Branchen bereits gesehen. Amazon hat den Buchhandel revolutioniert, weil es die Interessen der Käufer besser bedient hat. Die Menschen wollten offensichtlich Empfehlungen für das nächste Buch oder selbst Rezensionen schreiben. Apple hat mit iTunes die Musikindustrie verändert, Zalando wurde innerhalb weniger Jahre der wachstumsstärkste Modehändler in Europa. Neue Marktteilnehmer ermöglichen neue Lösungen und Verbraucher lassen sich von guten Produkten gern überzeugen. So wird es auch in unserem Bereich sein. Fast jede Bank hat eine Internetseite und ein Onlinekonto, entscheidend ist aber, ob das digitale Angebot auch die Bedürfnisse der Kunden befriedigt. Lendico ist ein junges Unternehmen, das sich täglich die Frage stellen muss, ob sein Angebot besser ist als bestehende. So behalten wir die Kundensicht auf das Produkt Kredit und Geldanlage.

3. Wie kann das Thema Sicherheit gelöst werden?

Michael Hilbert: Eines der wesentlichen Argumente für bestehende Banken wird auch in Zukunft das Vertrauen und die Sicherheit im Zahlungsverkehr sein. Dieses haben sich die Institute über viele Jahre in der direkten Kundenbeziehung erarbeitet. Dagegen stehen heute die starken Bedenken hinsichtlich ihrer Innovationskraft. Die Digitalisierung und neue Anbieter von Bankdienstleistungen sind logische Folge und verstärken natürlich auch die Sicherheitsbedenken. Doch der Zug der Digitalisierung ist nicht mehr aufzuhalten, die Frage der Sicherheit kann daher nur mit kräftigen Investitionen in die Technologie gelöst werden.

Daniela Chikova: Relativ simple Angriffe wie Carbanak, bei dem über viele Monate unbemerkt von über 100 Banken in 30 Ländern eine Milliarde US-Dollar erbeutet wurden, zeigen, dass oft grundlegende Schutzmechanismen nicht umfassend umgesetzt sind. Ganzheitliche Informationssicherheit muss nämlich über IT-Sicherheit hinausgehen und auch die Dimensionen Strategie, Organisation, Prozesse und Kultur mit berücksichtigen. Nur wer sich in die Angreifer hineinversetzen kann, kann Angriffe voraussehen und sie wirksam abwehren. Und dann üben, üben, üben.

Christoph Samwer: Lendico war von der ersten Stunde an ein digitales Unternehmen, von Tech-Experten aufgebaut und weiterentwickelt. Um die Sicherheit der Investitionen zu maximieren, arbeiten wir mit einem ausgefeilten Auswahlprozess und aktivem Forderungsmanagement. Anhand eines Algorithmus und verschiedener Scorings können wir das Ausfallrisiko eines Kreditprojekts berechnen und so eine sehr präzise Einschätzung zum Verlustrisiko der Anlage geben. Jedes Projekt durchläuft zudem einen rigiden Auswahlprozess – nur Kreditprojekte mit einer hohen Kreditqualität schaffen es auf den Lendico-Marktplatz. Aber: Die Geldanlage ist trotz aller Vorkehrungen mit dem Risiko eines Ausfalls verbunden. Um das Verlustrisiko zu reduzieren, raten wir, das Portfolio ausreichend zu diversifizieren.

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