Donnerstag, Juni 13, 2024

Familienunternehmen wachsen nur langsam, erwiesen sich aber in der Krise als recht resistent. Für Veränderungen sind dennoch nur wenige gerüstet – fehlendes Kapital, Preisdruck und ein rasch wechselndes Marktumfeld erschweren zunehmend den langfristigen Fortbestand der Betriebe.

Von Angela Heissenberger

Ende Jänner war für den Leibnitzer Fliesenlegerbetrieb Pollak Schluss. Der Familienbetrieb musste am Handelsgericht Graz Insolvenz beantragen. Der steigende Preisdruck bei der öffentlichen Aufträgen ließ kaum noch Rentabilität zu, auch Restrukturierungsmaßnahmen brachten nicht den erhofften Aufschwung. Die Überschuldung beträgt 1,2 Millionen Euro. Geschäftsführer Michael Pollak zieht eine Fortführung des Betriebes nicht in Erwägung, 18 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz. Gleichzeitig stellte die insolvente Müllner-Holz Handelsgesellschaft einen Sanierungsantrag ohne Eigenverwaltung. Bei Jahresumsätzen von rund drei Millionen Euro konnte das oststeirische Unternehmen nur geringe Gewinne erwirtschaften. Zu kämpfen hatte Geschäftsführer Karl Müllner vor allem mit dem rapiden Preisverfall für Holz: »Unwetter haben in den vergangenen Jahren europaweit zu großen Windwürfen und damit zu einem Überangebot an Holz auf dem Markt geführt. Dadurch haben sich die Preise insbesondere im Energieholzsektor negativ entwickelt. Dieser Bereich war zuletzt massiv defizitär.« Der Liquiditätsengpass konnte trotz intensiver Bemühungen nicht mehr behoben werden. Künftig will man sich mit deutlich reduziertem Personalstand – zuvor 16 Mitarbeiter – auf die Geschäftsfelder Industrieholz und Brennholz konzentrieren. Die beiden steirischen Betriebe sind nur zwei Beispiele für etablierte Familienunternehmen, denen die Konjunkturflaute und schwierige Marktbedingungen schließlich den Hals abschnürten. Die geringe Kapitalausstattung lässt vielen KMU kaum Luft zum Atmen. Kommen dann wie im Fall Müllner-Holz noch unbeeinflussbare Faktoren wie ungünstige Witterungsverhältnisse dazu, wird der Spielraum schon sehr gering.

In der Hängematte

Doch nicht immer sind die Probleme auf »höhere Gewalt« zurückzuführen. Die im November 2014 veröffentlichte »Family Business Survey« der Beratungsgesellschaft PwC Österreich geht mit den heimischen Familienbetrieben hart ins Gericht. Eine konservative Unternehmensstrategie und mangelnde Flexibilität würden Wachstum und langfristigen Fortbestand zunehmend behindern. »Der Wettbewerb für familiengeführte Unternehmen wird härter«, weiß Rudolf Krickl, Partner bei PwC Österreich. »Familienunternehmen dürfen sich nicht auf ihrem unternehmerischen Können ausruhen. Sie müssen aufgeschlossen sein gegenüber neuen Trends, Märkten und Kulturen und innovativ und professionell agieren.« Besonders auffällig ist die Zurückhaltung im Bereich neuer Technologien. Während deutsche Familienunternehmen den technischen Fortschritt als bedeutendsten Trend betrachten, sehen nur 42 % der heimischen Pendants Bedarf, ihre Organisation digital zu adaptieren. Dabei schreitet die Globalisierung unaufhaltsam vorwärts: Österreichs Familienbetriebe erzielen bereits mehr als die Hälfte ihrer Umsätze im Ausland. In den nächsten fünf Jahren soll dieser Anteil auf knapp 60 % steigen. In Deutschland umfasst das Exportgeschäft nur ein Drittel der Umsätze. Kontinuierliches Wachstum steht zwar auch im Fokus, im internationalen Vergleich will man es aber hierzulande deutlich gemächlicher angehen. Lediglich 2 % der befragten Unternehmen streben rasches, aggressives Wachstum an. Preisdruck, die wirtschaftliche Lage und das Rekrutieren von qualifiziertem Personal werden in Österreich als wichtigste Herausforderungen gesehen. Ein weiterer interessanter Gegensatz zu unserem Nachbarn: Deutsche Unternehmen sehen die Priorität eher im Halten von qualifizierten Mitarbeitern. Auch der erschwerte Zugang zum Kapitalmarkt macht vielen zu schaffen. Die meisten Unternehmen sind eigenkapitalorientiert. Fremdfinanzierung erfolgt fast immer über die Hausbank. Beteiligungen sind für viele Eigentümer nur dann eine Option, wenn sie die Kontrolle und strategische Unabhängigkeit behalten. »Passende Partner zu finden, die keine Ansprüche auf Kontrolle und übermäßigen Einfluss fordern, gestaltet sich in der Praxis jedoch schwierig«, erläutert Yann-Georg Hansa, Partner Audit bei KPMG Austria.

Nachfolgelösung

Als Nagelprobe erweist sich oftmals die Betriebsübergabe, auch wenn sie innerhalb der Familie erfolgt. Ein bekannter Name allein ist zu wenig – das bekommen nachfolgende Familienmitglieder rasch zu spüren. Der gute Ruf eines Unternehmens kann schnell verspielt sein, wenn Qualität und Leistung nicht gehalten werden. Selbst auf langjährige Kunden ist kein Verlass, wenn diese meinen, mit dem Firmengründer sei auch ihre Bezugsperson abhanden gekommen. Umso wichtiger ist eine frühzeitige Vorbereitung der Betriebsnachfolge, die Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden in die Veränderungen einbindet. Mehr als die Hälfte der österreichischen Eigentümerfamilien plant innerhalb der kommenden fünf Jahre eine Übergabe an die nächste Generation, doch nur 22 % haben bereits einen soliden Nachfolgeplan dafür entwickelt. Bedenkt man, dass Experten für die klare Definition und Übertragung der unterschiedlichen Rollen und Aufgaben fünf bis sieben Jahre empfehlen, wird die Zeit schon reichlich knapp. Den »Baby-Boomern« falle der Schritt in die Pension besonders schwer, meint Krickl: »Seit die derzeitige Unternehmergeneration die Verantwortung übernommen hat, hat sich die Welt völlig verändert. Die ältere Generation neigt dazu, die eigenen Kinder zu unterschätzen. Offiziell gibt sie das Management zwar ab, in der Praxis trifft sie aber weiter alle wichtigen Entscheidungen.«

Rentabilität unter Druck

Trotz aller Schwierigkeiten blicken knapp zwei Drittel der österreichischen Familienbetriebe optimistisch in die Zukunft. Acht von zehn Befragten planen Investitionen, mehr als ein Drittel davon im eigenen Land. Der rückläufige Gewinn bereitet dennoch große Sorgen, wie das halbjährlich für 18 europäische Länder veröffentlichte »European Family Business Barometer « aufzeigt. »Die Themen Gewinndruck, Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte sowie die Komplexität bei der Einstellung von Arbeitskräften werden auch 2015 ganz oben auf der Agenda der österreichischen Familienunternehmen stehen«, meint KPMG-Partner Hansa. Laut KMU Forschung Austria sind in Österreich 90 % der Unternehmen, Ein-Personen-Betriebe (EPU) eingerechnet, Familienunternehmen. Zieht man die 104.400 EPU ab, bleiben 156.400 Betriebe, die zumindest einen Mitarbeiter haben. Diese im engeren Sinn »klassischen« Familienunternehmen stellen immerhin 54 % der heimischen Betriebe – und sind ein entscheidender Wirtschaftsfaktor: Sie beschäftigen 67 % aller  Erwerbstätigen, insgesamt rund 1,7 Millionen Menschen. Vor allem in ländlichen Gebieten sind Familienunternehmen oft die einzigen Arbeitgeber und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der Infrastruktur und des Wirtschaftsstandortes. Die Erwartungen hinsichtlich der lange diskutierten Steuerreform sind besonders unter den KMU sehr hoch. Das heiße Eisen Vermögenssteuer wurde zuletzt von Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl ideologisch zur »Mittelstandssteuer« verbrämt: »Erbschaftssteuern und die Übergabe von Familienbetrieben vertragen sich wie Katz und Maus«, so Leitl. Die überdurchschnittlich hohe Steuer- und Abgabenquote belaste schon jetzt die heimischen Betriebe, die geplanten Eigentums- und Vermögenssteuern würden sie in ihrer Substanz treffen.


Buchtipp: Wenn Frauen führen

Frauen sind oft nur die zweite Wahl, wenn es um die Unternehmensnachfolge geht. Noch immer denken Firmenpatriarchen zuerst an ihre Söhne – dabei machen Töchter die Sache gar nicht schlecht, oftmals sogar besser. Gerade weil ihre Rolle nicht selbstverständlich ist, füllen Unternehmerinnen ihre Tätigkeit mit großer Leidenschaft und Überzeugung aus. 28 Porträts geben Einblick, in die unterschiedliche Nachfolge- und Führungsstrategien erfolgreicher Familienbetriebe unter weiblicher Führung. Mit dem Generationenwechsel gehen meist auch Veränderungen in der Unternehmenskultur einher, ein neuer, kooperativer Führungsstil hält Einzug. Bei vielen wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum zentralen Thema und Knackpunkt. Hier kann eine Tandemkonstellation, bei der die Führungsaufgaben zumindest in der Anfangsphase geteilt werden, Entlastung bringen. Expertentipps und Anregungen bezüglich möglicher Stolperfallen runden das überraschend unterhaltsame Buch fachlich ab. Besonders hilfreich dürfte das Kapitel »Liebe Väter...« für Firmengründer sein, denen das Loslassen schwer fällt.

Daniela Jäkel-Wurzer, Kerstin Ott: Töchter in Familienunternehmen. Wie weibliche Nachfolge gelingt und Familienunternehmen erfolgreich verändert.
Verlag Springer Gabler 2014
ISBN: 978-3-662-44333-0

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