Dienstag, Juni 25, 2024

Die hohe Arbeitslosigkeit in ihren Heimatländern treibt zunehmend auch Spanier, Portugiesen und Griechen nach Deutschland und Österreich – trotz eingetrübter Konjunkturprognosen und sprachlicher Barrieren. Im Tourismus und der IT-Branche werden die neuen Arbeitskräfte mit offenen Armen empfangen.


Die Krise hat auch Gewinner. Wie kaum ein anderes Land profitiert derzeit Deutschland von der Massenarbeitslosigkeit in Südeuropa. In Scharen strömen tausende hochqualifizierte Arbeitskräfte in die Bundesrepublik, die im Euroraum mit stabilen Wachstumszahlen herausragt. Die Konjunkturprognosen trübten zuletzt auch die Erwartungen für das kommende Jahr, am Zustrom der Zuwanderer wird das zunächst nur wenig ändern.

Zwar zogen noch immer mehrheitlich Polen nach Deutschland – im ersten Halbjahr 2012 rund 89.000 Personen –, auffällig ist jedoch der starke Zuzug aus EU-Ländern, die von der Finanz- und Schuldenkrise besonders schwer betroffen sind. In den ersten sechs Monaten 2012 stieg die Zahl der Zuwanderer aus Griechenland um 78 % (plus 6.900 Personen), aus Spanien kamen 53 % mehr (plus 3.900) und aus Portugal ebenfalls 53 % mehr (plus 2.000) als im Halbjahresvergleich.

>> Wachstumstreiber <<

Experten wie der Ökonom Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg bewerten diese Migration äußerst positiv: »Für Deutschland ist das großartig.« 50 bis 70 % der Zuwanderer sind Hochschulabsolventen, viele davon aus naturwissenschaftlichen und technischen Fächern, aber auch Krankenschwestern und Pflegepersonal. Zusätzlich zu ihrer guten Qualifikation zeigen die Fachkräfte auch hohe Motivation, rasch die fremde Sprache zu erlernen. Deutsche Unternehmen werben gezielt auf Jobmessen in Madrid und Athen um neues Personal. »Deutschland hat durch die Krise an Attraktivität gewonnen«, so Brücker. Zuwanderung sei zum Wachstumstreiber geworden. Um dieses Niveau zu halten, ist man auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. In kaum einem anderen Land in Europa wird sich nach OECD-Berechnungen der demografische Wandel so massiv auswirken wie in Deutschland. Schon Mitte des kommenden Jahrzehnts stehen rund drei Millionen Arbeitskräfte weniger zur Verfügung. Wird nicht rechtzeitig gegengesteuert, büßt die Wirtschaft stark an Wachstum ein.  

Wie in Österreich trat auch in Deutschland erst sehr spät – im Mai 2011 – die Freizügigkeitsbestimmung in Kraft, die den Arbeitsmarkt auch für Bürger der östlichen EU-Staaten öffnete. Länder, die diese Regelung schon früher akzeptierten, hatten damit im Werben um die bestqualifizierten Arbeitskräfte die Nase vorne. Durch die vergleichsweise niedrigen Arbeitslosenraten – Österreich (4,5 %) vor Luxemburg und Niederlande (je 5,4 %) sowie Deutschland (5,5 %) – wandelt sich langsam das Bild. Mit zwei wesentlichen Unterschieden: Zum einen kommen die Migranten nun zunehmend auch aus Südeuropa, zum anderen hat vor allem Deutschland als Zielland an Attraktivität gewonnen. Für das kommende Jahr zeigen die Konjunkturprognosen eine deutliche Abkühlung. Ob sich die Zuwandererströme dadurch einbremsen, bleibt abzuwarten. Denn vor allem junge Leute sehen angesichts der dramatischen Jugendarbeitslosigkeit in ihren Herkunftsländern kaum noch Perspektiven. EU-weit sind derzeit 14 Millionen 15- bis 29-Jährige arbeitslos oder ohne Ausbildung.

Um die Eingewöhnung zu erleichtern, greifen einige Unternehmen den angeworbenen Mitarbeitern kräftig unter die Arme. Ein mehrwöchiger Intensivsprachkurs ebnet die gröbsten Sprachbarrieren. Die Unterbringung erfolgt oft in eigens angemieteten Appartementhäusern, die Personalabteilung hilft bei Behördenwegen. Denn fühlen sich die Menschen in der neuen Umgebung nicht wohl, sind sie auch schnell wieder weg – außer Spesen nichts gewesen, heißt es dann für die Firmen.

>> Abschreckende Bürokratie <<

Auch Österreich will von der aktuellen Wanderungsbewegung profitieren, bisher mit eher bescheidenem Erfolg. 2011 lag der Wanderungssaldo aus Zu- und Wegzügen laut Statistik Austria mit plus 35.604 Personen um fast 30 % höher als 2010. Die zahlenmäßig größte Migrantengruppe sind zwar nach wie vor Deutsche, gefolgt von rumänischen Staatsangehörigen. Besonders stark stieg jedoch die Zahl der zugezogenen Ungarn, Polen und Slowaken. Zwei Drittel der Zuwanderer kamen im Vorjahr aus den seit 2004 beigetretenen EU-Staaten. Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, wurde im Juli 2011 die Rot-Weiß-Rot-Card eingeführt. Mittels Punktesystem soll hochqualifizierten Nicht-EU-Bürgern die Jobsuche in Österreich ermöglicht werden. Statt der anvisierten 8.000 Bewilligungen für »Schlüsselkräfte« wurden im ersten Jahr jedoch nur 1.556 Karten vergeben – vorwiegend an Manager, Informatiker und Sportler aus Russland, Bosnien und den USA. Juristen berichten von langen, bürokratischen und teilweise schikanösen Verfahren, die ausländische Spitzenkräfte eher abschrecken würden. Obwohl die Bewerber hochdotierte Jobangebote großer Unternehmen in der Hand hätten, scheitert der Antrag manchmal an Spitzfindigkeiten wie beispielsweise »veralteten« Sprachzeugnissen, deren Ausstellung länger als 18 Monate zurückliegt.

Etwas weniger kompliziert erscheint da die Beschäftigung von EU-Bürgern, die ihren Arbeitsort ohnehin frei wählen dürfen. Angesichts der knappen Personalressourcen in einigen Branchen ergreift die Wirtschaftskammer Österreich nun selbst die Initiative und lädt ihre Mitglieder zu »Rekrutierungsreisen« ins Ausland ein, wie etwa Ende November nach Madrid und Barcelona. Das Außenwirtschaftscenter vermittelte österreichischen KMU vor Ort Bewerbungsgespräche mit Facharbeitern und Ingenieuren mit Universitätsabschluss. Bereits im Oktober bemühte man sich bei einer Jobmesse in Lissabon um geeignete Fachkräfte. Von 130 Interessenten, die sich am Österreich-Stand informierten, entsprachen aber nur acht bis zehn den Anforderungsprofilen, berichtete der steirische AMS-Vertreter Hermann Gössinger. Viele Unternehmen erwarten Deutschkenntnisse – zumindest in Portugal eine unrealistische Vorstellung.

Für das Vorarlberger Technologieunternehmen Gantner Electronic, Marktführer im Bereich Zutritts- und Abrechnungslösungen, verlief eine ähnliche Aktion im Juni dagegen sehr erfolgreich. »In Westösterreich ist der Pool an Fachkräften ausgetrocknet. Wir müssen mit süddeutschen und Schweizer Unternehmen um die besten Köpfe konkurrieren«, sagt Geschäftsführer Elmar Hartmann. »Die Ausbildungsqualität in Spanien ist – besonders im technischen Bereich – im Wesentlichen sehr gut. Für uns ist es allerdings ganz entscheidend, dass die Bewerber auch in unser Team passen.« Inzwischen arbeiten bereits vier Spanier in der Software-Entwicklung und haben sich gut integriert. Das Unternehmen bot breite Unterstützung – von der Wohnungssuche bis zum Import des eigenen Pkw, von der Meldebestätigung bis zur Anmeldung des privaten Internet-anschlusses. »Kulturelle Barrieren gibt es ganz wenige und die Verständigung erfolgt in Englisch, was besonders im Entwicklungsbereich keine Hürde darstellt. Allerdings sind alle vier bemüht, Deutsch zu lernen und wollen längerfristig in Vorarlberg bleiben«, bestätigt Hartmann.
Auch bei der Rhomberg Bau-Gruppe zieht man eine positive Bilanz: »In Madrid konnten wir eine Vielzahl an hochqualifizierten Bewerbern interviewen und haben schließlich einen spanischen Mitarbeiter eingestellt. Er hat sich gut ins Team integriert und fühlt sich in Vorarlberg sehr wohl«, erzählt Personalmanagerin Karin Hubalek. »Für mich persönlich war es eine interessante Erfahrung und eine gute Plattform für den Austausch mit anderen Betrieben.«

>> Zukunftsberuf Koch <<


Griechenland und Spanien sind nach der EU-Herbststatistik die Länder mit den höchsten Arbeitslosenraten. Für 2013 wird ein neuerlicher Anstieg – Griechenland 24 %, Spanien 26,6 % – prognostiziert. Erst 2014 ist leichte Entspannung in Sicht. Angesichts dieses Gefälles präsentiert sich Österreich tatsächlich als »das gelobte Land«, wie AMS-Vorstand Johannes Kopf meint, auch wenn 4,5 % »für österreichische Verhältnisse eine hohe Arbeitslosenquote« sei. Fast paradox ist der Umstand, dass eine große Zahl an offenen Stellen dennoch nicht besetzt werden kann. Vor allem in diversen technischen Branchen sowie im Tourismus fehlen seit Jahren Fachkräfte. Zu den »Mangelberufen«, für die ein vereinfachtes Zuwanderungsverfahren vorgesehen ist, zählen beispielsweise Dachdecker, Schweißer, Bautischler, Schlosser, Spengler, Werkzeugmacher, Maschinenbautechniker, Starkstromtechniker, IT-Techniker und Krankenpfleger.

Hotelier Helmut Peter, Altwirt des berühmten Weissen Rössls am Wolfgang­see, machte sich im November gemeinsam mit Tourismuskollegen aus dem Salzkammergut und dem AMS Oberös­terreich auf, um in Griechenland nach geeigneten Köchen und Kellnern zu suchen. Ostdeutsche Fachkräfte, die jahrelang im Saisongeschäft auf Skihütten und in Alpenhotels  aushalfen, bleiben inzwischen lieber zu Hause. Gerade die Engpässe in der Gastronomie seien aber »hausgemacht«, meint Gewerkschafter Robert Maggale, Sekretär der vida-Bundesfachgruppe Tourismus: »Die Bedingungen für Lehrlinge und Nachwuchskräfte in der Branche müssen besser werden, anstatt die Notlage junger Menschen aus Krisenländern auszunutzen.« Unregelmäßige Arbeitszeiten, Überstunden an Wochenenden und Feiertagen und ein Mindestlohn von lediglich 1.300 Euro locken nur wenige österreichische Jugendliche ins Gastgewerbe, wo selbst in 5-Sterne-Häusern oft ein rüder Umgangston herrscht. Äußerungen wie jene von Starkoch Mario Plachutta, wonach Österreichs Lehrlinge ohnehin nur »unbrauchbare Analphabeten« und »das Spiegelbild der verrotteten Gesellschaft« wären, sind ebenso wenig förderlich.  Gemessen an der Nachfrage ist Koch ein Zukunftsberuf: Allein in Wien verzeichnet das AMS derzeit mehr als 400 offene Stellen. Arbeitssuchende können innerhalb weniger Stunden vermittelt werden und aus Angeboten von Luxushotels bis zur Pizzeria am Eck wählen. 

Die Verlierer stehen ebenfalls fest: Für Arbeitslose, die lediglich über eine Pflichtschulausbildung oder gar keinen Abschluss verfügen, sinken die Chancen auf dem Arbeitsmarkt gegen null. Einfache Hilfsarbeiterjobs sterben aus. Der Wind weht zunehmend rauer – die Arbeitslosenstatistik von November wies im Jahresvergleich ein Plus von 6,7 % auf, die Zahl der Langzeitarbeitslosen stieg um 30 %. In den Industrieregionen Oberösterreichs und der angeblichen Boombranche Gesundheitsberufe verloren besonders viele Menschen ihren Job.  Der Konjunktureinbruch wirft seine Schatten voraus.

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