Sonntag, April 14, 2024

Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Österreichs Energie, befürchtet 'Stranded Investments'.Die E-Wirtschaft wettert gegen den Hype rund um Smart Meter und fordert mehr Investitionssicherheit.

Die flächendeckende Einführung intelligenter Strom- und Gaszähler ist ein wesentlicher Inhalt der Marktliberalisierungspolitik in Europa. In den EU-Staa­ten sollen Brüssel zufolge innerhalb der nächsten zehn Jahre wenigstens 80 Prozent der Haushalte in den Genuss der sogenannten »Smart Meter« kommen. Die elektronischen Zähler für den Energieverbrauch können tagesaktuell Verbrauchsdaten der Kunden an die Energieversorger übermitteln und ermöglichen neue Produkte und Services am Energiemarkt. Das klassische Konzept des Nachtstrom-Tarifs mit angepassten Entgelten wird künftig dank der feinen Abstimmung von Verbrauch und Verrechnung wesentlich flexibler umsetzbar sein.

Von »Wunsch und Wirklichkeit« sprechen derzeit aber die Energieversorger selbst, spricht man sie auf die neuen Möglichkeiten der smarten Zählerkästen und Netze an. »Die Milliardeninvestitionen für die flächendeckende Einführung von Smart Metering in Österreich erfordern noch umfangreiche Vorarbeiten. Neben der Finanzierung sind sowohl die datenschutzrechlichen Aspekte als auch der Leistungsumfang verbindlich festzulegen, damit es zu keinen Stranded Investments kommt«, erklärt die Generalsekretärin von Österreichs Energie, Barbara Schmidt. Die Branche befürworte zwar Smart Metering als »wichtige Voraussetzung für die Umgestaltung der Energiesysteme in Richtung Nachhaltigkeit«. Zukunftstrends, wie E-Mobility oder der verstärkte Ausbau der dezentralen Stromerzeugung werden stets verknüpft mit der Einführung von Smart Grids und Smart Meter diskutiert. Die heimische E-Wirtschaft sei prinzipiell auch bereit, zu investieren. Dafür müssen allerdings die Rahmenbedingungen geklärt werden, »was derzeit noch nicht der Fall ist«, so Schmidt. Österreich dürfe nicht in eine ähnliche Falle laufen wie die Niederlande, wo beispielsweise der Einsatz der Smart Meter aus Datenschutzgründen von der Zustimmung jedes einzelnen Kunden abhängig ist.

Ein flächendeckender Roll-out von Smart Meter verursacht laut einer Studie von Capgemini im Auftrag der E-Wirtschaft voraussichtlich Mehrkosten von rund 2,53 Mrd. Euro gegenüber der Beibehaltung der konventionellen Zähler bis 2028. »Davon entfallen 1,9 Milliarden Euro auf die Investitionskosten und 634 Mio Euro auf laufende Kosten«, erklärt Michael Trampert, Leiter des Bereichs Energy & Utilities bei Capgemini. Der derzeit einschätzbare finanzielle Nutzen, den Smart Meter für Stromkunden und Netzbetreiber bewirken, betrage dagegen lediglich 127 Mio Euro. »Damit bleiben gesamtwirtschaftliche Mehrkosten in der Größenordnung von ca. 2,4 Mrd. Euro, das sind 25,35 Euro pro Zählpunkt und Jahr. Für die österreichischen Stromnetzbetreiber werde das bis 2028 jährliche Kosten von 43 Euro pro Zählpunkt bedeuten, die abzugelten sind. Nach reinen Wirtschaftlichkeitskriterien macht die flächendeckende Einführung von Smart Metering zurzeit keinen Sinn«, so Trampert.

Klare Regelungen erforderlich
Im Interesse der Stromkunden seien vor der Einführung von Smart Metering klare gesetzliche Datenschutzregelungen zu formulieren, erklärt Datenschutzexperte und Rechtsanwalt Rainer Knyrim: »Sonst ist durchaus möglich, dass Datenschutzprobleme das gesamte Smart Metering-Projekt zum Scheitern bringen, wenn das nicht ordentlich gelöst wird.« Daten der Smart Meter unterliegen laut Knyrim voll dem Datenschutz, weil sie automationsunterstützt gesammelt werden. Die Netzbetreiber sind damit zur Geheimhaltung verpflichtet. Das Datenschutzgesetz erlaube Zugriffe auf derartige Daten nur mit Zustimmung der Kunden, per Gesetz oder zur Erfüllung der wirtschaftlichen Aufgaben des jeweiligen Unternehmens. Knyrim: »Dagegen wäre eine zentrale Zählpunktdatei eine Datenbank, die einen weiteren Schritt zum gläsernen Bürger bedeutet – mit dem Ergebnis der maximalen Datenverfügbarkeit für Interessenten bei minimalem Datenschutz für die Kunden.«

Reinhard Bremer, Wien Energie. »Smart Meter bringen vorerst wenig betriebswirtschaftliche Vorteile und kosten sehr viel Geld.«Investitionssicherheit gesucht
Eine umfassende Klärung der wichtigen Fragen und damit Investitionssicherheit ist für Reinhard Brehmer, Geschäftsführer des Verteilernetzbetreibers Wien Energie Stromnetz, entscheidend dafür, ob Smart Meter in Österreich erfolgreich eingeführt werden können. »Wir brauchen klare gesetzliche Regelungen, Kostenwahrheit und einen guten Datenschutz, sonst können wir diese innovativen Technologien nicht zur Wirkung bringen«, so Brehmer. Anders als in Nordamerika, wo die smarten Zähler wegen des enormen Stromverbrauchs der Haushalte auch hohe Effizienzgewinne bringen könnten, sei die mögliche Ersparnis bei österreichischen Haushalten gering. »Smart Meter ist für uns in erster Linie eine Enabler-Technologie, die zwar langfristig volkswirtschaftlichen Nutzen stiften kann, aber vorerst wenig betriebswirtschaftliche Vorteile hat und sehr viel Geld kostet.« Es bleibe abzuwarten, ob eine allfällige Automatisierung durchgehend bis zu den wichtigsten Strom-Verbrauchsgeräten andere Ergebnisse erbringen könne.

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