Dienstag, Mai 28, 2024
Nachfolger gesucht
Bild: iStock

Die Übergabe des eigenen Betriebs ist immer eine schwierige unternehmerische Entscheidung. Wer sorgfältig vorausplant, übergibt das Lebenswerk aber in gute Hände und bietet Nachfolger*innen einen beachtlichen Startvorteil in die Selbstständigkeit.

Für jede Unternehmerin, für jeden Unternehmer kommt irgendwann der Zeitpunkt, den viele lange hinausschieben und daher viel zu spät zu planen beginnen: Der Betrieb, oftmals das eigene Lebenswerk, soll in gute Hände übergeben werden. »Zu uns kommen oft Personen der Generation 70+, die ihr Leben lang in ihrem Unternehmen gearbeitet haben. Sie dachten einfach nie daran, dass sie es ja auch verkaufen könnten«, erzählt Claudia Schwingenschlögl, Geschäftsführerin der Valetum OG. Treten dann gesundheitliche Probleme auf, muss es meist recht rasch gehen.

Dennoch ist die Betriebsübergabe aus Altersgründen nicht mehr der häufigste Grund. Auch wirtschaftliche Umstände können dazu führen, etwa wenn Investitionen oder Technologiewechsel anstehen, auf die sich die Eigentümer*innen nicht mehr einlassen möchten. Manchmal möchten diese den erwirtschafteten Wert des Unternehmens auch einfach nur realisieren.

»Je früher man beginnt, desto besser – denn nicht nur die Umsetzung, auch die Planung nimmt Zeit in Anspruch«, erklärt Clemens Schmidgruber, Vorstandsvorsitzender der Jungen Wirtschaft Wien. »Die tatsächliche Dauer ist von der Größe des Betriebs und der jeweiligen Branche abhängig. Unsere Empfehlung lautet, mindestens ein Jahr vor der geplanten Übergabe mit der Vorbereitung zu beginnen und den Betrieb ›übergabefit‹ zu machen.« Neben dem Unternehmenswert und den Zahlungsmodalitäten müssen mit dem bzw. der Nachfolger*in u. a. Gewährleistungspflichten, die Form der Übernahme (Kauf, Pacht, Schenkung), die zu übernehmenden Objekte (z. B. Liegenschaften), Termine und Fälligkeiten sowie das Bestehenbleiben von Rechten (Renten, Wohnrecht, Mitarbeit etc.) geklärt werden.

Diskretion wahren
Bei einer familieninternen Nachfolge gestaltet sich der Prozess – abgesehen von möglichen emotionalen Verstrickungen – in der Regel noch recht einfach. Bei der Übergabe an bisherige Manager*innen und Mitarbeiter*innen stehen finanzielle, rechtliche und steuerliche Fragen im Mittelpunkt. Weitaus häufiger werden Unternehmen jedoch an außenstehende Nachfolger vergeben, die bisher in keiner Verbindung zur Firma standen. Eine breite Plattform bietet beispielsweise die Nachfolgebörse der Wirtschaftskammer. Auch Firmenmakler und auf Betriebsübergaben spezialisierte Unternehmensberatungen vermitteln zwischen Unternehmen und Kaufinteressenten.

»Es macht immer den Eindruck, als ob die Suche eines potenziellen Käufers das Schwierige wäre. Das ist es aber nicht«, räumt Rudolf Fantl, Geschäftsführer der Fantl Consulting GmbH, mit einem gängigen Vorurteil auf. »Unsere Arbeit beginnt beim Filtern möglicher Kaufinteressenten und führt bis zum Vertragsabschluss – dieser Prozess muss gut getaktet sein. Wir sind im DACH-Raum mit verschiedenen Netzwerken verbunden, versenden Newsletter an 3.000 Personen und sprechen einzelne Kontakte auch direkt an.«

Vertraulichkeit ist dabei oberstes Gebot. »Wir geben Unterlagen erst heraus, wenn das Interesse begründet und die Finanzierung gesichert ist, immer natürlich mit dem Einverständnis des Eigentümers«, erklärt Fantl. Davor erhalten potenzielle Käufer*innen nur anonymisierte Factsheets mit den wichtigsten Kerngrößen des Unternehmens.

Ähnlich »handverlesen«, so Co-Geschäftsführerin Alexandra Reichel, geht die auf Übergaben spezialisierte Unternehmensberatung Valetum, vor: »Die geordnete Übergabe ist vor allem für das Personal wichtig.« Die Verkaufsabsichten sollten vor Lieferanten, Kunden und Belegschaft geheim bleiben, solange noch keine Interessenten ein konkretes Angebot vorgelegt haben. Das Worst-Case-Szenario erlebte die Beraterin mit einem Eigentümer, der schon beim Erstgespräch erklärte: »Auf die Homepage habe ich schon geschrieben, dass ich verkaufen will, und den Mitarbeitern habe ich es auch schon gesagt.« »Bis sich der erste Interessent meldete, hatte er kein Personal mehr – die guten Leute gehen zuerst«, meint Reichel.

Bild: Claudia Schwingenschlögl und Alexandra Reichel sind mit ihrer Unternehmensberatung Valetum auf Betriebsübergaben spezialisiert.

Startvorteil für Nachfolger
Auf die heimischen Klein- und Mittelbetriebe kommt eine Nachfolgewelle zu. Ein guter Teil der derzeit aktiven Unternehmensgeneration wird sich im Lauf der kommenden zehn Jahre aus dem Erwerbsleben zurückziehen, allein in Wien betrifft es nach Angaben der Wirtschaftskammer rund 12.000 Betriebe. Die meisten dieser Unternehmen stehen sehr solide da und bieten eine gute Ausgangsbasis für den Sprung in die Selbstständigkeit. Was jedoch nur wenige Jungunternehmer*innen auf dem Radar haben: Eine Betriebsnachfolge ist eine gute Option gegenüber einer Neugründung. »Bei einer Neugründung startet man quasi bei Null, bei einer Nachfolge wird oft ein großer Kundenstamm und ein Netz von Lieferanten übergeben. Hinzu kommen konkrete Zahlen zur Unternehmensplanung und eine vorhandene Infrastruktur«, erläutert JWW-Chef Clemens Schmidgruber die Vorteile: »Nachfolger können meist in Verträge einsteigen und sparen sich so langwierige Verhandlungen. Viele Genehmigungen sind durch den Vorgänger bereits vorhanden und müssen nicht neu beantragt, sondern oft nur noch überprüft werden.«

Einer Studie der KMU Forschung Austria zufolge entwickelt sich die Mehrzahl der Unternehmen nach einer Übernahme wirtschaftlich erfolgreich. 61 Prozent der Betriebe erzielten Umsatzsteigerungen, 60 Prozent steigerten das Investitionsvolumen. Die Beschäftigungssituation blieb bei etwa der Hälfte stabil, 36 Prozent der Nachfolger*innen stellten sogar zusätzliches Personal an. Damit gut aufgestellte Betriebe nicht schließen müssen und das mit viel Herzblut und Mühe aufgebaute Know-how und Kundennetzwerk durch eine Schließung nicht für immer verloren geht, brauche es auch ein stärkeres Bewusstsein bei den potenziellen Übernehmern, ist Schmidgruber überzeugt: »Betriebsübernahmen sind in der Öffentlichkeit oft nicht so präsent und spielen eine eher kleinere Rolle. Doch man muss das Rad nicht immer neu erfinden.«

Um Betriebsübernahmen attraktiver zu machen, setzt sich die Junge Wirtschaft Wien für Verbesserungen der Rahmenbedingungen ein. Regelungen, die das Neugründungsförderungsgesetz (NeuFög) für Neugründungen brachte, sollten auch für erstmalige Übernahmen gelten – konkret etwa Erleichterungen bei den Lohnnebenkosten der Mitarbeiter*innen, da Nachfolger*innen gesetzlich verpflichtet sind, das bestehende Personal zu übernehmen.

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Interview: »Bedenken ehestmöglich klären«

Rechtliches und finanzielles Know-how sind für eine geordnete Übergabe unerlässlich. Die Umsetzung erfordert aber auch viel Feingefühl, meint Boris
Pelikan, Geschäftsführer von Raiffeisen Continuum.

 

Bild: Boris Pelikan ist Geschäftsführer bei Raiffeisen Continuum.

Was ist bei einer Betriebsnachfolge zu beachten?

Boris Pelikan: Betriebsnachfolgen erfordern nicht nur fundierte Fachkenntnisse zu rechtlichen und finanziellen Belangen, sondern vor allem auch Feingefühl bei der Umsetzung. Alteigentümer*innen müssen sich schließlich von ihrem beruflichen Lebenswerk verabschieden. Es ist daher entscheidend, den Prozess frühzeitig unter Einbindung aller Stakeholder zu planen, um einen reibungslosen Übergang sicherzustellen. Zudem ist es ratsam, klare Kommunikationswege zu etablieren, um etwaige Bedenken ehestmöglich zu klären und bestehende Erwartungen zu erfüllen.

Wie erfolgt eine fundierte Bewertung des Unternehmens?

Pelikan: Eine umfassende und fundierte Bewertung basiert nicht nur auf der Analyse von Kennzahlen, sondern auch auf der Anwendung verschiedener Multiplikatoren. So lässt sich ein realistischer und marktüblicher Kaufpreis ermitteln. Neben den finanziellen Faktoren berücksichtigen wir zudem die strategische Positionierung des Unternehmens sowie potentielle Wachstumsmöglichkeiten. Das Zusammenspiel dieser Parameter gewährleistet eine objektive und zuverlässige Wertermittlung.

Wie kann die Finanzierung sichergestellt werden?

Pelikan: Eine maßgeschneiderte Finanzierung, die individuellen Bedürfnissen und Herausforderungen Rechnung trägt, ist unerlässlich für eine erfolgreiche Unternehmensnachfolge. Wir bieten Finanzierungslösungen an, die auf die spezifischen Anforderungen des Unternehmens und der Nachfolger*innen zugeschnitten sind. So stellen wir sicher, dass die finanziellen Rahmenbedingungen optimal auf die Nachfolgeplanung abgestimmt sind.


Analyse: M&A-Markt im Aufschwung

Am globalen Markt für Unternehmenstransaktionen (»Mergers & Acquisitions« – M&A) herrscht seit dem Rekordjahr 2021 aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage Zurückhaltung bei Deal-Aktivitäten. Für 2024 erwartet die Beratungsgesellschaft PwC nun erstmals wieder einen Aufschwung. Ein wesentlicher Grund sind stabilere Finanzmärkte, die durch die nachlassende Inflation und die erwarteten Zinssenkungen begünstigt werden. Weiters haben die geringeren M&A-Aktivitäten im Jahr 2023 zu einem Rückstau geführt.

»Auch in Österreich war die Anzahl der Transaktionen rückläufig«, bestätigt Gregor Zach, M&A-Leader bei PwC Österreich. Große Deals wie der Verkauf des Logistikunternehmens Cargo-Partner an die japanische Nippon Express, der Verkauf des Verpackungsunternehmens Constantia Flexibles an die amerikanische One Rock Capital Partners und die Abspaltung des Tower Business der Telekom Austria haben jedoch eine Trendwende eingeleitet.

Der Motor der Deals-Aktivität in Österreich sind zunehmend Investitionen in nachhaltige Technologien. Das lässt sich auch an aktuellen M&A-Aktivitäten ablesen: So übernimmt Borealis das italienische Recycling-Unternehmen Rialti und das flämische Unternehmen Renasci. Verbund kaufte das oberösterreichische PV-Unternehmen Solarpower. Die OMV erwarb eine Beteiligung an der kanadischen Eavor Technologies, die geothermische Lösungen entwickelt. »M&A gilt nach wie vor als wichtiges Mittel für Transformation. Durch solche Transaktionen können Unternehmen notwendige Technologien, Ressourcen und Know-how viel schneller aufbauen als das aus eigener Kraft möglich wäre«, erklärt Gerald Eibisberger, Deals Leader bei PwC Österreich. »2024 wird es besonders auf Schnelligkeit, Know-how und Mut ankommen.«

Bild: Gregor Zach ist M&A-Leader bei PwC Österreich.

Die häufigsten Fehler im Übergabeprozess

1. Bewertung
Gründer*innen haben häufig eine subjektiv gefärbte Sicht, was den Wert ihres Unternehmens betrifft. Eine von Expert*innen erstellte marktkonforme, professionelle Bewertung liefert eine realistische Basis für die Preisgestaltung und die weiteren Verhandlungen.

2. Kommunikation
Kaufinteressenten beharren mitunter auf Vertragsdetails, die Konfliktsituationen herbeiführen und den Verkauf noch kurz vor dem Abschluss platzen lassen können. Erfahrene Vermittler*innen greifen in diesen Fällen lenkend ein und bieten alternative Lösungen als Ausweg.

3. Emotionen
Nicht nur bei der Wertfindung, auch wenn der Verkaufsprozess in die entscheidende Phase geht, verstellen Emotionen auf Seiten des bzw. der Eigentümer*in mitunter den klaren Blick auf die Umstände. Der Bezug auf sachliche, transparente Fakten kann hier helfen.

4. Unterlagen
Bei kleineren Unternehmen fehlen oft die nötigen Dokumente und Verträge, etwa weil Vereinbarungen per Handschlag getroffen wurden oder Unterlagen nicht mehr auffindbar sind. Das kann die Unternehmensprüfung verzögern, potenzielle Käufer*innen springen möglicherweise ab.

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