Dienstag, April 23, 2024
Im Spannungsfeld der KI
Die beiden Geschäftsführer von Quality Austria, Werner Paar (li.) und Christoph Mondl, mit Isabell Welpe, TU München. (Fotos: Anna Rauchenberger)

Die digitale Transformation interner Prozesse stellt derzeit viele Betriebe vor große Herausforderungen. Vor allem der Einsatz künstlicher Intelligenz wirft dabei viele Fragen auf und wird dennoch bereits als Universallösung gefeiert. Wie Unternehmen von neuen Technologien profitieren können und welchen Stellenwert Qualität künftig einnehmen wird, diskutierten hochkarätige Expert*innen beim 29. qualityaustria Forum.

 
Mehr als 500 Wirtschaftstreibende und Entscheidungsträger*innen waren am 13. März 2024 der Einladung des Zertifizierungsdienstleisters Quality Austria in den Salzburg Congress gefolgt, weitere 500 Teilnehmer*innen schalteten sich online zu. Unter dem Titel »Tausendsassa Qualität – Erwartungen an die eierlegende Wollmilchsau in Zeiten von KI und ESG« war der Themenbogen des diesjährigen Branchenevents weit gespannt und stieß sichtlich auf großes Interesse. »Qualität beginnt damit, Herausforderungen aufzuzeigen und hinzuschauen«, nahm Werner Paar, Co-Geschäftsführer der Quality Austria, in seinem Einleitungsstatement auf die derzeit bewegendste Innovation Bezug: »Künstliche Intelligenz ist kein Trend, sondern eine logische Konsequenz – und wird auch nicht mehr verschwinden.«

Um Chancen und Möglichkeiten dieser und anderer Entwicklungen einschätzen zu können, schafft das qualityaustria Forum alljährlich eine Bühne für den Austausch mit renommierten Expert*innen unterschiedlicher Fachgebiete. »Verschiedene Sichtweisen sind wichtig und erzeugen das notwendige Gesamtbild, um eine nachhaltige Transformation auf allen Ebenen zu ermöglichen«, unterstrich Christoph Mondl, Co-Geschäftsführer der Quality Austria. Auch in der Deloitte-Umfrage für das »Unternehmensbarometer 2024« sahen sich die Befragten für aktuelle Herausforderungen grundsätzlich gut gerüstet, bei näherer Betrachtung zeigte sich aber praktisch in allen Managementfeldern Aufhol- und Verbesserungsbedarf. Rund ein Drittel der Betriebe schätzte die eigene Vorbereitung in den Bereichen Digitalisierung, Cybercrime, KI oder Automatisierung von Geschäftsprozessen lediglich mit der Schulnote »Befriedigend« ein.

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Der Mensch zählt
»Wir werden unsere Arbeitsplätze nicht an KI verlieren, sondern an Menschen, die KI nutzen«, sagte Isabell Welpe, Professorin für Führung, Strategie und Organisation an der TU München, in ihrer Keynote. Künstliche Intelligenz könne Sprachbarrieren verringern, die Produktivität steigern und möglicherweise eine Antwort auf den Fachkräftemangel sein – wenn beispielsweise künftig die KI das Programmieren übernimmt und der Mensch nur noch Anweisungen gibt. Welpe gab aber gleichzeitig zu bedenken, dass die Leistung von KI-Tools noch stark schwanke und teilweise unvorhersehbar sei. Aktuell könne die Technologie ihr Potenzial deshalb nur im Zusammenspiel mit Menschen voll ausschöpfen. Was KI sobald nicht ersetzen könne, seien soziale Verantwortung, zwischenmenschliche Begegnungen und Vertrauen, so Welpe: »Künstliche Intelligenz stellt auch die Art und Weise, wie wir Führung verstehen, auf den Prüfstand. Ich sehe KI als Werkzeug, das uns ermöglicht, effizientere Entscheidungen zu treffen, Arbeitsabläufe zu optimieren und datenbasierte Einblicke ins Geschäft zu geben. Dadurch können sich Führungskräfte auf strategische und soziale Aufgaben konzentrieren.«

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Bild: Frank Eilers, Podcaster und Transformationsexperte.

Das Menschenbild und die menschliche Haltung sind auch für den Podcaster Frank Eilers das Fundament für eine nachhaltige Zukunft. »Das Miteinander, also die Kooperation zwischen Mensch und KI, ist der Schlüssel für den Unternehmenserfolg und gleichzeitig Garant für Qualität«, führte der Transformationsexperte in seinem Vortrag aus: »Nachhaltige Transformation ist viel komplexer als Digitalisierung und muss in den Organisationen als ganzheitlicher Prozess verstanden werden.« Eine wertebasierte Unternehmenskultur, die konsequent auf allen Ebenen umgesetzt wird, führe zwangsläufig zu besserer Qualität. In die Zukunft könne zwar niemand blicken, so Eilers, »aber wir können aus der Vergangenheit und der Gegenwert Denkanstöße ableiten. Wenn wir uns ansehen, wie digitale Elemente Märkte und Unternehmen verändern, dann war KI der nächste logische Schritt.«

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Bild: Clemens Wasner, Gründer und CEO des Start-ups Enlite AI.

Dass die Erfolgswelle von KI nicht ganz überraschend gekommen ist, zeigen auch die Zahlen. In Österreich gibt es bereits über 300 Anbieter, die KI-Lösungen für fast alle Branchen und Unternehmensfunktionen entwickeln. »Auch für KMU gibt es mittlerweile viele Möglichkeiten, die oftmals keine speziellen Kenntnisse erfordern«, verwies Clemens Wasner, Gründer des AI-Start-ups Enlite AI, auf leicht verfügbare Open-Source-Programme, die den Bedarf der meisten Unternehmen abdecken. Hochspezialisierte Fachleute brauche es für deren Anwendung nicht mehr, aber dennoch grundlegende IT-Qualifikationen: »Coding ist ein Mangelberuf, trotzdem beschäftigen sich bisher nur wenige damit. Das ist eine Baustelle, die sich Unternehmen unbedingt anschauen sollten.« Das für Mitte 2024 erwartete neue Microsoft-Betriebssystem Windows 12, in das KI-Funktionen bereits tief integriert sein sollen, zeige, wohin die Reise geht: »KI wird in Zukunft direkt am Gerät ausgeführt werden.«

Qualität als Fundament
Einfache Lösungen funktionieren in einer komplexen Welt nicht mehr. Um qualitativ hochwertige Produkte herzustellen oder Dienstleistungen anzubieten, müssen Unternehmen heute sämtliche Einflussfaktoren berücksichtigen. KI und Digitalisierung sind dabei zwar drängende, aber nicht die einzigen Themen. »Qualität schaffen wir heute nur, wenn wir vielschichtig denken, die internen und externen Zusammenhänge und Abhängigkeiten betrachten und sowohl neue als auch bewährte Technologien in Hinblick auf ihre Effizienz nutzen«, sagte Innovationsexperte und qualityaustria-Netzwerkpartner Markus Reimer. Integrierte Managementsysteme (IMS) bündeln alle Unternehmensbereiche und schaffen die nötigen Voraussetzungen für Entwicklungen, z. B. Innovationsprojekte – auch wenn zu Beginn meist noch nicht absehbar ist, ob sie erfolgreich sein werden.

Egal ob KI oder Nachhaltigkeit: Wer nicht frühzeitig dabei ist, wird möglicherweise später das Nachsehen haben. Einen Reisekompass durch die Welt der ISO-Normen und ESG-Kriterien und deren Wechselwirkungen gaben Axel Dick und Anneli Fischer, beide Quality Austria. Mit den neuen Richtlinien und Berichtspflichten warten auf die Unternehmen umfangreiche Aufgaben. Jene Organisationen, die ein IMS implementiert haben, verfügen jedoch bereits über eine solide Grundlage für den Nachweis der Nachhaltigkeitskriterien und die Reportings.

Einblicke in die praktische Umsetzung gaben Dieter Hammerer, Managing Director Fruits der Rauch Fruchtsäfte GmbH, und Martin Weger, Bereichsleiter Produktion Großmaschinen bei Engel Austria. Der Standort St. Valentin des oberösterreichischen Spezialisten für Spritzgießmaschinen wurde 2023 als »Fabrik des Jahres« ausgezeichnet. Rund 700 Maschinen pro Jahr werden hier für breit gefächerte Einsatzbereiche in der Kunststoffindustrie gefertigt. Mehr als 14 Millionen Euro investierte das Unternehmen in das neue Technikum im Großmaschinenwerk, das 2022 eröffnet wurde.

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Bild: Dietmar Hammerer, Rauch Fruchtsäfte GmbH, und Martin Weger, Engel Austria.

Die Basis des Erfolgs liegt für Martin Weger in der konsequenten strategischen Ausrichtung, die regelmäßig anhand von Reifegradmodellen schnittstellenübergreifend weiterentwickelt wird: »Wir nutzen Zertifizierungen als Trägerrakete für neue Geschäftsmodelle.« Am Beispiel der Erweiterung einer Spritzgussanlage lassen sich die Vorteile messen: Die Leistung stieg um 15 Prozent und die Effizienz um zehn Prozent, während die Durchlaufzeit um 65 Prozent deutlich verringert werden konnte.

Der Fruchsafthersteller Rauch blickt auf eine mehr als 100 Jahre zurückreichende Geschichte zurück, in deren Verlauf der Familienbetrieb seine Geschäftsfelder immer wieder adaptieren musste. Seit einiger Zeit verfolgt das Unternehmen eine neue HR-Strategie, die Mitarbeiter*innen auf ihrem Karrierepfad begleitet und dabei mit einem spielerischen Ansatz punktet.

Kollektiver Lösungsprozess

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Bild: Markus Hengstschläger, Leiter des Zentrums für Pathobiochemie und Genetik.

Wie sich Unternehmen bestmöglich auf die Zukunft vorbereiten und in einem herausfordernden Umfeld die Qualität hochhalten können, beleuchtete abschließend Markus Hengstschläger, Leiter des Zentrums für Pathobiochemie und Genetik an der Medizinischen Universität Wien, in einem mitreißenden Vortrag. »Noch nie war die Zukunft so vorhersehbar wie jetzt und noch nie war der Mensch so gläsern wie jetzt«, konstatierte der Bestsellerautor. »Und trotzdem haben wir vieles nicht vorhergesehen – die Finanzkrise, Fukushima, Trump, den Ukraine-Krieg und auch die Pandemie nicht.« Mit erfrischenden Vergleichen über Kinder, die im Turnsaal Bälle fangen sollen, ohne zu wissen, aus welcher Richtung sie kommen, regte Hengstschläger zum Überdenken starrer Unternehmensstrategien an.

Als mögliches Konzept, um die individuelle Lösungsbegabung zu fördern, gab er dem Publikum die »Formel 3/24« mit auf den Weg: Jede Mitarbeiterin, jeder Mitarbeiter bekommt 24 Stunden Zeit, um drei Lösungsvorschläge zu erarbeiten. »Nicht jede Idee muss gleich funktionieren«, plädierte der Genetiker für eine tolerante Fehlerkultur. In der Regel aktiviere diese Methode die Eigeninitiative aller Beteiligten und setze einen kollektiven Lösungsfindungsprozess in Gang.



Qualitätsprofis ausgezeichnet

Im feierlichen Rahmen des qualityaustria Forums werden jedes Jahr zwei Persönlichkeiten für herausragende Leistungen im Bereich Qualitätsmanagement geehrt. Diesmal kürten die Österreichische Vereinigung für Qualitätssicherung (ÖVQ) und Quality Austria Stefan Hackl, Rail Cargo Group, zum Qualitäts-Champion 2024. Über den Nachwuchspreis Qualitäts-Talent freut sich Aida Zulic, NTS AG.

Der 39-jährige Wiener Stefan Hackl implementierte für die Rail Cargo Group einen innovativen Trainingsansatz beim Onboarding und bei der Wissensvermittlung. Das von ihm initiierte und umgesetzte »Serious Game« macht in effizienter Weise die komplexen Zusammenhänge bei der Steuerung von Schienentransporten sicht- und erlebbar und vermittelt Mitarbeitenden ein Gesamtverständnis des Geschäftsmodells der Rail Cargo Group. Im Vergleich zu klassischen Trainings konnte mit diesem Tool bei gleichen Ergebnissen der Zeitaufwand messbar reduziert werden. Der Ansatz erwies sich im Unternehmen als so erfolgreich, dass an weiteren Anwendungen gearbeitet wird.

»Nur ein Team, das begeistert an gemeinsamen Qualitätsstandards arbeitet, ist langfristig erfolgreich. Stefan Hackl hat uns vor allem damit überzeugt, komplexe Zusammenhänge auf spielerische Art und Weise zu vermitteln, damit Begeisterung zu schaffen und wesentlich zum Qualitätsmanagement des Unternehmens beizutragen«, sagt Jury-Leiter Alexander Woidich. Die Jury aus Fachexpert*innen stand wieder vor der
Herausforderung, aus vielen spannenden Einreichungen und Projekten die beiden herausragendsten auszuwählen. ÖVQ und Quality Austria wollen mit der Auszeichnung die vielen Hidden Talents im Qualitäts- und Projektmanagement vor den Vorhang holen und die hohe Qualität der heimischen Unternehmen unterstreichen.

Neben dem Qualitäts-Champion wird auch jährlich ein Nachwuchs­preis vergeben. Dabei muss es sich keineswegs um bereits implementierte Projekte handeln, auch Ideen oder innovative Ansätze in Bereichen wie Qualität, Nachhaltigkeit oder Digitalisierung können gewinnen. Das Qualitätstalent 2024 ist die 27-jährige Grazerin Aida Zulic. Mit der Einführung eines Qualitätsmanagementsystems nach ISO 9001 im IT-Unternehmen NTS AG konnte sie die Jury überzeugen. Der jungen Qualitätsmanagerin ist es gelungen, mithilfe eines konsequenten Prozessmanagements die NTS AG zur ISO 9001 Zertifizierung zu führen. Neben der Integration des Prozessmanagements in das parallel eingeführte ERP-System waren die Motivation und Einbindung von Schlüsselpersonen wichtige Erfolgsfaktoren des Projekts.

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Bild: Strahlende Gewinner*innen (v.li.): Werner Paar (CEO Quality Austria), Alexander Woidich (Leiter der Jury), Aida Zulic (Qualitäts-Talent), Stefan Hackl (Qualitäts-Champion), Bettina Oestreich-Grau (ÖVQ-Vizepräsidentin), Christoph Mondl (CEO Quality Austria).

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