Mittwoch, Juli 06, 2022

Die Herausforderungen der letzten beiden Jahre haben auch den rohstoffgewinnenden und -verarbeitenden Betrieben viel Geduld und Flexibilität abverlangt. Mit dem Masterplan Rohstoffe und der Biodiversitätsstrategie 2030+ wurden gleichzeitig hinter den Kulissen wichtige Eckpfeiler für die künftige Ausrichtung der Branche mitgestaltet. (Titelbild: Geotest AG)

Tipp: Diesen Artikel gibt es auch als PDF - inklusive einer großen Rohstoff-Karte: Wo kommen unsere Rohstoffe her? Und wo werden sie knapp? Hier nachzulesen: Weichenstellung für die Zukunft - PDF

In den vergangenen Monaten standen in der Rohstoffbranche wichtige Entscheidungen an. In vielen Ausschüssen und Workshops wurden die Weichen für wegweisende Strategien gestellt, zu denen auch Vertreter*innen des Forum mineralische Rohstoffe ihre Expertise beisteuern durften. Die sichere Versorgung Österreichs mit mineralischen Rohstoffe, die Erhaltung der biologischen Vielfalt und die Förderung der Kreislaufwirtschaft sind die zentralen Themen der Zukunft.

Sie stehen im Mittelpunkt der Maßnahmenpakete, die im Masterplan Rohstoffe 2030, der Biodiversitätsstrategie Österreich 2030+ und der Kreislaufwirtschaftsstrategie formuliert wurden. Der Masterplan Rohstoffe – erarbeitet vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus – folgt dem Ziel, die Eigenversorgung Österreichs mit Rohstoffen zu erhöhen, gleichzeitig die regionale Entwicklung zu stärken und den verantwortungsvollen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen zu gewährleisten. Das soll durch effiziente Gewinnung und Verarbeitung von primären und sekundären Rohstoffen, verstärkt auch aus heimischen Vorkommen, gelingen.


Der Entwurf zur österreichischen Kreislaufwirtschaftsstrategie »Österreich auf dem Weg zu einer nachhaltigen und zirkulären Gesellschaft« ging im Dezember 2021 in Begutachtung. Vier Ziele werden bis 2030 angestrebt: Reduktion des inländischen Ressourcenverbrauchs um 25 Prozent, Steigerung der Ressourceneffizienz um 50 Prozent, Steigerung der Nutzungsrate wiederverwendbarer Stoffe um 35 Prozent und Reduzierung des Materialverbrauchs im privaten Konsum um zehn Prozent.

Das Forum mineralische Rohstoffe gab insbesondere zu den Themen Herstellung und Einsatz hochwertiger Sekundärrohstoffe, Einführung von materialspezifischen Mindestanteilen von Recyclingbaustoffen und Rezyklat-Einsatzquoten kritische Stellungnahmen an das Ministerium ab. In der Novelle des Abfallwirtschaftsgesetzes wurden einige Begriffsdefinitionen hinsichtlich europarechtlich geprägter Bezeichnungen geändert. Die Vorgabe für das Recyclingziel bei Bau- und Abbruchabfällen – 70 Prozent bis 2020 – blieb bestehen.

Die Biodiversitätsstrategie – erarbeitet unter der Ägide des Bundesministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie – richtet sich nach den Vorgaben der EU-Biodiversitätsstrategie und sieht u. a. Schutzgebiete und eine Reduktion der Flächeninanspruchnahme vor. Für den Bereich Rohstoffgewinnung und Rohstoffproduktion sieht der Entwurf, der derzeit zur Begutachtung vorliegt, zahlreiche Maßnahmen vor, die bereits von vorbildlich agierenden Unternehmen vorgenommen wurden. Die Branche zeichnet sich seit langem durch ökologisches Bewusstsein und Verantwortung für die Natur aus.

Die Rohstoffgewinnung hinterlässt unweigerlich ein verändertes Landschaftsbild, durch die zeitlich begrenzten Eingriffe eröffnen sich jedoch auch neue Lebensräume für seltene Tiere und Pflanzen, die in der freien Natur kaum noch anzutreffen sind. Die Beachtung naturschutzfachlicher Rahmenbedingungen sowie Renaturierungsmaßnahmen und die Schaffung ökologisch hochwertiger Flächen sind in vielen Betrieben bereits Standard.

Die Rohstoffgewinnung hinterlässt ein verändertes Landschaftsbild, die zeitlich begrenzten Eingriffe eröffnen aber auch neue Lebensräume. (Bild: BMLRT/Alexander Haiden)

Raumordnung als Basis

Umfassende Aufklärung und die Berücksichtigung hoher Umweltstandards tragen nicht zuletzt zu einer konfliktfreien Rohstoffgewinnung bei. Denn obwohl die Bedeutung der Rohstoffe für unser tägliches Leben und die österreichische Wirtschaft inzwischen hinlänglich bekannt ist, gestalten sich Genehmigungsverfahren von Gewinnungsprojekten oftmals schwierig.

Die unterschiedlichen Nutzungsansprüche von Siedlungs-, Verkehrs- und Schutzgebieten widersprechen einander teilweise. Zudem sorgt die Bewilligung einer Abbaustätte oder Aufbereitungsanlage in unmittelbarer Wohnnähe meist wegen der befürchteten Verkehrsbelastung für Unmut. Die Rohstoffbranche ist hier besonders gefordert, in Abstimmung mit Politik, Verwaltung und Gesellschaft tragfähige Lösungen zu finden. Die Basis dafür bildet eine funktionierende Raumordnung, die vorrangige Schutzzonen und die Nutzung vorhandener Lagerstätten verbindlich regelt.

Mineralische Rohstoffe sind auch in Österreich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Der Großteil der nationalen Vorkommen – knapp 90 Prozent – fließen in die Bauwirtschaft und Infrastruktur. Aber auch für viele Produkte des täglichen Bedarf wie Zahnpasta, Lacke und Pharmazeutika sind sie unverzichtbar. Trotzdem schlagen sich konjunkturelle Schwankungen unmittelbar nieder. Am Höhepunkt der Krise erwies sich die Baubranche mit über 250.000 Beschäftigten als Fels in der Brandung, die einen noch größeren Konjunktureinbruch verhindert hat.

Noch gibt es Sandberge wie diese zu Genüge - aber wie lange noch? (Bild: bv-miro)

Auch 2021 ist die Bauwirtschaft kräftig gewachsen und so verzeichnete auch die Baustoffindustrie ein starkes Umsatzplus. Anhaltende Lieferengpässe und hohe Rohstoff- und Energiepreise bremsen nun den Aufschwung. Um bauen zu können, braucht es Baurohstoffe wie Sand, Kies und Naturstein, Mergel für Zement zur Betonerzeugung sowie Lehm und Ton für Mauer- und Dachziegel. Österreich kann den Bedarf an mineralischen Baurohstoffen – jährlich rund 100 Millionen Tonnen – in den nächsten Jahrzehnten zur Gänze aus heimischen Lagerstätten abdecken. 

Versorgungsrisiko

Der Zugang zu Rohstoffen wird zunehmend zum Standortfaktor. In einem Einfamilienhaus stecken rund 450 Tonnen mineralische Rohstoffe, für einen Autobahnkilometer sind 160.000 Tonnen erforderlich. Statistisch gesehen befindet sich in jeder zweiten österreichischen Gemeinde eine Abbaustätte. Die 950 Sand- und Kiesgruben und rund 350 Steinbrüche sowie die angeschlossenen weiterverarbeitenden Betriebe sind vor allem in wirtschaftlich schwachen Regionen wichtige Arbeitgeber. Abgesehen von der höheren Umweltbelastung sind Baurohstoffe auch aus wirtschaftlichen Gründen nur beschränkt handelsfähig: Bei Distanzen über 30 Kilometer überschreiten die Transportkosten die Gestehungskosten des Rohstoffs.

In einem Autobahnkilometer stecken 160.000 Tonnen mineralische Rohstoffe. (Bild: t-kies)

Die Verfügbarkeit von Baurohstoffen wurde lange Zeit als unproblematisch eingestuft,  weil diese überall verfügbar schienen. Allerdings wächst auch in diesem Bereich das Versorgungsrisiko. Im Jahr 2050 leben in Österreich rund 9,5 Millionen Menschen. Pro Jahr müssen bis dahin 50.000 neue Wohnungen gebaut werden sowie zusätzliche öffentliche Infrastruktur wie Schulen, Krankenhäuser, Kläranlagen und Industriebauten. Mit der Nachfrage steigt auch der Ressourcenverbrauch. Aus geologischer Sicht stehen Baurohstoffe derzeit noch reichlich zur Verfügung, der Zugang wird jedoch immer schwieriger.

Bei anderen mineralischen Rohstoffen zeigt sich bereits eine Verknappung, die sich durch die Abhängigkeit von Importen und die aktuelle geopolitische Lage noch verschärft hat. Die Neuausrichtung der nationalen Rohstoffstrategie, die auch wieder den Fokus auf heimische Vorkommen richtet, kommt somit gerade noch rechtzeitig.

Ganz Europa muss sich gegenwärtig der Frage stellen, wie die Versorgung mit Rohstoffen auch in Zukunft gewährleistet werden kann. Österreich kann dazu einen vielleicht nicht unwesentlichen Beitrag leisten. 

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