Mittwoch, Juli 22, 2026

Mehrwert für Manager

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Langwierige Zulassungsverfahren bremsen europäische Biotech-Unternehmen aus. Diese verlieren trotz hoher Forschungskompetenz zusehends am Weltmarkt den Anschluss. Was bedeutet das für den aufstrebenden Life-Science-Standort Österreich?

Labor-Mitarbeiter in Schutzkleidung

Österreich hat sich in den letzten Jahren zu einem der führenden Biotech- und Life-Science-Standorte Europas entwickelt. An den Universitätsstandorten Wien, Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck entstanden innovative Cluster, die große international tätige Unternehmen anzogen. Absoluter Hotspot der heimischen Life-Science-Branche ist Wien. In unmittelbarer Nähe des Vienna BioCenters in Neu Marx entsteht bis 2029 auf rund 14.000 m² ein Life Science Center für Biomedizin und Gesundheitsforschung. Die Investitionskosten für die modularen Labor- und Büroflächen belaufen sich laut Wirtschaftsagentur Wien auf 168 Millionen Euro. Als Ankermieterin steht bereits AITHYRA fest – das von der Boehringer Ingelheim Stiftung finanzierte Forschungsinstitut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wird den Schwerpunkt auf Künstliche Intelligenz, Biotechnologie und Gesundheitsforschung setzen.

Bereits im Vorjahr gründete der Schweizer Biotechnologiekonzern Vaccentis im Wiener Biotech-Cluster Seestadt eine Niederlassung, die als zentrales EU-Kompetenzzentrum fungieren soll. Ein besonderer Fokus liegt darauf, die Zulassung der Immuntherapie gegen Krebs bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) vorzubereiten. „Wir sehen die österreichische Hauptstadt als strategischen Brückenkopf in die EU – in einer Zeit, in der wissenschaftliche Exzellenz, regulatorische Agilität und vertrauensvolle Partnerschaften entscheidend sind, um Innovation hochqualitativ und schneller zu den Patientinnen und Patienten zu bringen“, erklärte Ingrid Rauter, Head of R&D and CMO bei Vaccentis, anlässlich der Eröffnung.

Doch die EU-Drehscheibe läuft nicht mehr rund. Einige Unternehmen ziehen ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilungen aus Europa und auch aus Österreich ab oder reduzieren ihr wissenschaftliches Personal.

Stellenabbau in der Branche

Dabei hat die österreichische Bundesregierung im Jänner 2026 Life Sciences als eine von neun Schlüsseltechnologien in der Industriestrategie 2035 verankert. Laut dem Vienna Life Science Report 2025 umfasst die Branche allein in Wien 750 Unternehmen, Forschungseinrichtungen und weitere thematisch relevante Organisationen, die insgesamt rund 49.000 Personen beschäftigen und 22,7 Milliarden Euro erwirtschaften. Rund 81 Prozent davon entfallen auf Biotechnologie- und Pharmaunternehmen.

Der deutsche Pharmakonzern Boehringer Ingelheim hat seit 2021 den Standort Wien sukzessive erweitert und beschäftigt dort über 3.500 Personen. Neben einer Produktionsanlage für biopharmazeutische Arzneimittel wurde in Wien-Meidling auch ein Logistik-Center, ein Gebäude für Qualitätssicherung, eine Energiezentrale sowie Werkstätten errichtet. Derzeit wird ein Bürohaus für 1.000 Mitarbeiter*innen gebaut. Die geänderte US-Gesundheitspolitik wirft jedoch ihren Schatten bis Österreich: Zum Jahreswechsel musste Boehringer Ingelheim in Wien rund 50 Stellen abbauen. Wegen geringerer Nachfrage nach einem Krebsimpfstoff war ein Produktionsstopp erfolgt.

Auch das japanische Pharmaunternehmen Takeda will bis zu 200 Jobs in Österreich streichen. Betroffen ist vor allem der Bereich Forschung und Entwicklung von Biologika. Mit mehr als 4.000 Beschäftigten ist Takeda einer der großen Player am Standort Wien. Erst im Mai 2026 wurde ein großes Life-Science-Labor in der Seestadt Aspern fertiggestellt. Der Konzern investierte 120 Millionen Euro in den Gebäudekomplex, 250 Forscher*innen hätten dort an neuen Therapien in den Bereichen Onkologie und seltene Krankheiten arbeiten sollen. Aufgrund einer Neuausrichtung der globalen Unternehmensstrategie – im Juni übernahm die Managerin Julie Kim den Vorstandsposten – wird Takeda das Labor nicht mehr selbst in Betrieb nehmen und die Räumlichkeiten untervermieten.

Im März 2026 wurde bekannt, dass Sandoz am Standort Kundl mindestens 100 Arbeitsplätze abbaut, weitere 30 Stellen fallen in Langkampfen im Bezirk Kufstein weg. Der auf die Produktion von Generika spezialisierte Konzern schließt das Development-Center und stellt die Produktion von Thyronin ein. Die Antibiotika-Abteilung soll hingegen bestehen bleiben. Das Schweizer Unternehmen beschäftigt in Österreich 2.700 Mitarbeiter*innen und hatte in den letzten zwei Jahren 200 Millionen Euro in den Ausbau der Penicillin-Produktion investiert, aber auch erhebliche öffentliche Mittel in Anspruch genommen.

Mehr Tempo

Die drei aufgezeigten Fälle sind symptomatisch: Europas Pharmaindustrie verliert trotz hoher Innovationskraft sukzessive an Einfluss im globalen Wettbewerb. Viele Konzerne produzieren schon länger bevorzugt in Asien, wo schneller und effizienter Profite eingefahren werden können. Nun wandert auch die Forschung zusehends ab: Mit steigenden regulatorischen Anforderungen und wachsendem Kostendruck bleibt die Konkurrenzfähigkeit auf der Strecke.

Die USA sind nach wie vor führend in der biomedizinischen Forschung. China hat in der Forschung, Entwicklung und Produktion von Medikamenten jedoch stark aufgeholt. Europas wichtigstes Ass, die gut ausgebildeten Wissenschafter*innen und Fachkräfte, sind am Weltmarkt inzwischen kein Vorteil mehr. Insbesondere in den Bereichen Biotechnologie und Biopharmazie verfügt China bereits selbst über hochqualifiziertes Personal. Mit massiven Investitionen in Biotech-Cluster und strategische Programme versucht die chinesische Regierung, neue Technologien zu forcieren und Produkte schneller auf den Markt zu bringen. Enormes Wachstum gibt es in der Genomforschung und der biobasierten Industrie.

Europa gerät zunehmend in Zugzwang. Um Versorgung, Wissen und Wertschöpfung in diesem kritischen Bereich zu sichern, braucht es dringend engere Kooperationen und gezielte Investitionen. Zu viel Potenzial bleibt sonst auf der Strecke. „Klinische Forschung findet heute zunehmend dort statt, wo Verfahren effizient, planbar und innovationsfreundlich gestaltet sind. Europa hat hier in den vergangenen Jahren deutlich an Wettbewerbsfähigkeit verloren“, warnt Alexander Herzog, Generalsekretär des Verbands der pharmazeutischen Industrie Österreichs (Pharmig). Mit der im Frühjahr 2026 beschlossenen Richtlinie „Choose Europe for Life Sciences“ will die Europäische Kommission europäische Forschung und Entwicklung wieder an die Weltspitze bringen und die Abhängigkeit von Drittstaaten in der Versorgung mit Arzneimitteln verringern.

Um Genehmigungsverfahren zu beschleunigen, wurde Anfang 2026 das Pilotprojekt „FAST EU“ gestartet, an dem nahezu alle EU- und EWR-Staaten beteiligt sind. Ziel ist es, multinationale, klinische Studien künftig innerhalb von 70 statt bisher 110 Tagen zu genehmigen, unter anderem durch eine stärkere gegenseitige Anerkennung der Bewertungen.

Zentrale Plattform

Neben kürzeren Fristen soll in Österreich mit der Plattform „Clinical Trials Austria“ eine zentrale Anlaufstelle für Unternehmen und Forschungseinrichtungen geschaffen werden, die Projekte besser koordiniert und Österreich als Standort für internationale Forschung attraktiver und sichtbarer macht. Ähnliche Initiativen sind in Spanien, Deutschland und Dänemark sehr erfolgreich.

„Planungssicherheit und stabile Bedingungen sind entscheidend, damit wir unseren Beitrag leisten können, die Versorgung mit Arzneimitteln zu sichern, Innovation voranzutreiben und Therapien rasch zu den Patientinnen und Patienten zu bringen“, betont Pavol Dobrocky, Geschäftsführer des Boehringer Ingelheim Regional Center Vienna und Pharmig-Präsident. Verlässliche Rahmenbedingungen würden beeinflussen, ob Investitionen, Forschung und Produktion nach Österreich kommen oder in andere Regionen abwandern.

Derzeit beteiligen sich nur Universitätskliniken und andere Forschungseinrichtungen an medizinischen Studien. Öffentliche Spitäler verfügen in der Regel nicht über die nötigen infrastrukturellen und personellen Ressourcen, zumal die Vertragserstellung für Einrichtungen außerhalb des universitären Systems bis zu 300 Tage dauern kann. Neben mehreren Ministerien sind jeweils auch Bund und Länder in den Abwicklungsprozess eingebunden – ein ungeheurer Aufwand. Hier bedürfe es dringend einer Harmonisierung, so Bernhard Mraz, Präsident der Gesellschaft für Pharmazeutische Medizin. Spanien habe „mit einer Multi-Stakeholder-Plattform für klinische Studien mittlerweile zu einem Höhenflug angesetzt“.

Chancen als Modellregion

Eine aktuelle Analyse des Instituts für Pharmaökonomische Forschung (IPF) belegt die wirtschaftliche Bedeutung klinischer Prüfungen, im Zuge derer neue Medikamente entwickelt werden. Die jährliche Wertschöpfung dieser Prüfungen beträgt rund 174 Millionen Euro. Da pharmazeutische Unternehmen, die diese Studien beauftragen, die Kosten für Diagnostik, Therapie, administrative Leistungen etc. übernehmen, ersparen sie dem Gesundheitssystem gleichzeitig Ausgaben von 122 Millionen Euro.

Die Zahl industriegesponserter klinischer Prüfungen zur Entwicklung neuer Medikamente ist in Österreich rückläufig. Während 2021 noch 492 klinische Studien an heimischen Krankenhäusern durchgeführt wurden, waren es 2024 nur noch 430. Besonders häufig handelt es sich um Studien der Phasen I und II, also die frühen, oft sehr komplexen Entwicklungszyklen neuer Präparate. Klinische Studien der angewandten Forschung in den Phasen III und IV werden von Pharmaunternehmen bevorzugt in Ländern durchgeführt, wo es einen relevanten Markt für diese Produkte gibt – derzeit noch meist in den USA, immer häufiger aber in Asien.

Die Teilnahme an Studien ist für die Gesundheitsversorgung ein entscheidender Faktor. Sie bringt nicht nur Patient*innen einen früheren Zugang zu neuen Therapien, sondern auch den medizinischen Institutionen mehr Fachwissen und dem ärztlichen Personal die Chance zu internationaler Forschungstätigkeit, erklärt Dejan Baltic, Medical Director der Amgen GmbH: „Grundsätzlich steht Österreich im internationalen Vergleich nicht schlecht da. Es gibt aber durchaus Möglichkeiten, sich zu verbessern. Österreich darf nicht sagen: Wir sind ein kleines Land und können ohnehin nichts bewirken.“

Tatsächlich hätte Österreich durchaus gute Chancen, sich als Modellregion zu etablieren. In den Bereichen Krebsforschung, digitale Medizin, Bioprozesse und Medizintechnik verfügen die heimischen Life-Science-Standorte über wichtiges Know-how. Die Integration in internationale Daten- und Forschungsnetzwerke könnte den Zugang zu Fördermitteln für angewandte Forschung ermöglichen und die industrielle Verwertung von Produkten erleichtern. Gelingt es aber nicht, die Innovationszyklen zu beschleunigen, könnten bald in vielen europäischen Standorten die Lichter ausgehen.

„Der Standort braucht Rückenwind“

Hohe Kosten und langsame Zulassungsverfahren lassen internationale Investoren abwandern. Alexander Mülhaupt, General Manager der Roche Austria GmbH, fordert bessere Rahmenbedingungen und Innovationsanreize.

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Report(+): Warum verliert Europa im globalen Wettbewerb zusehends an Boden?

Alexander Mülhaupt: Europa agiert oftmals defensiv nach dem Prinzip „Playing not to lose“, geprägt von kurzfristigem Denken und Risikovermeidung, während die USA und China stark investieren und daher wachsen. In zehn Jahren hat sich Europas Anteil an weltweiten klinischen Studien von 22 % auf 12 % nahezu halbiert. Die neue Clinical Trial Regulation (CTR) sollte Verfahren harmonisieren, doch die bürokratische Umsetzung komplexer EU-Regularien verlangsamt die Zulassungsprozesse in der Praxis zusätzlich.

Report(+): Ist der Standort Österreich in Gefahr?

Mülhaupt: Österreich punktet mit politischer Stabilität, Sicherheit und hoher Lebensqualität. Der Standort braucht Rückenwind, denn wir sehen den hohen Druck durch steigende Kosten als Resultat des demografischen Wandels und komplexer Strukturen. Föderale Fragmentierung und langsame Vertragsprozesse lassen internationale Investitionen zunehmend abwandern. Wenn unsere Rahmenbedingungen und Innovationsanreize nicht international wettbewerbsfähig bleiben, riskieren wir – trotz unserer hervorragenden Ausgangslage – abgehängt zu werden.

Report(+): Welche Maßnahmen braucht es, um die Innovationskraft zu stärken?

Mülhaupt: Es ist wichtig, dass wir vom Reden ins Tun kommen und eine integrierte Life-Sciences-Strategie umsetzen, die Forschung, Produktion und Marktzugang als Einheit betrachtet. Wir müssen den Wert unserer Innovationen und ihren langfristigen Nutzen für Patient*innen sowie für das Gesundheitssystem besser erkennen. Den enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mehrwert von Innovationen übersehen aktuelle Bewertungssysteme leider noch – hier müssen wir gemeinsam an nachhaltigen Lösungen arbeiten.

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