Digitaler Turbo

Digitaler Turbo

Die CoronaPandemie hat einen Technologiesprung gebracht – und Förderprogramme, durch die Betriebe gestärkt aus der Krise kommen können. Digitalisierung erweist sich dabei als Schlüsselfaktor.

Der Lockdown im März 2020 traf viele Unternehmen ebenso überraschend wie hart. Auf einen Schlag sank die Konsumnachfrage in manchen Bereichen auf Null, im Tourismus und damit verknüpften Branchen wie Kultur, Verkehr, Dienstleistungen und Gastronomie zeichneten sich erhebliche Wertschöpfungseinbußen ab. Dass Wirtschaftsforscher im zweiten Quartal dieses Jahres bereits den Tiefpunkt erreicht sahen, gibt jenen Unternehmerinnen und Unternehmer, die in den letzten Monaten kaum Umsätze generieren konnten, nur wenig Trost.

Das Unterstützungspaket der Bundesregierung bildete zwar eine gute Basis, erwies sich jedoch teilweise als zu bürokratisch oder nicht treffsicher. Um rasche und unkomplizierte Hilfe zu ermöglichen, stellte die Stadt Wien in Kooperation mit der Wirtschaftsagentur Wien bereits zwei Tage nach dem Lockdown Homeoffice-Förderungen in der Höhe von zehn Millionen Euro zur Verfügung. Mehr als 2.000 Wiener Kleinst-, Klein- und Mittelbetriebe konnten durch diese Unterstützung, den Umstieg auf Remote-Work leichter bewerkstelligen. »Wichtig war es uns, all jene zu unterstützen, die aus verschiedenen Gründen keinen Anspruch auf eine Finanzierung vom Bund haben oder eine zusätzliche Anstoß-Finanzierung für nachhaltige Projekte benötigen«, legte Hans Arsenovic, Vizepräsident der Wirtschaftskammer Wien, den Fokus auf die 70.000 Ein-Personen- und Kleinstunternehmen der Bundeshauptstadt.

Stadt Wien und Wirtschaftskammer Wien schnürten schon Mitte März gemeinsam ein erstes, 35 Millionen schweres Unterstützungspaket für betroffene Betriebe, das später auf 150 Millionen Euro aufgestockt wurde – nach dem Motto »Wien hält zusammen«, wie WK-Wien-Präsident Walter Ruck unterstrich: »Zusammen müssen wir alle Anstrengungen setzen, um gemeinsam diese für uns alle schwierige Zeit möglichst unbeschadet zu überstehen. Die regionale Wirtschaft bestmöglich am Laufen zu halten, Arbeitsplätze zu sichern und nach der Krise schnell zu starten, sind dabei zentrale Ziele.«

Boom bei Online-Shops

Digitalisierung erweist sich dabei als Schlüsselfaktor. Kleinen Unternehmen, die ihre digitale Kraft ausbauen wollen, griff die Stadt Wien im Frühjahr gezielt mit einer Online-Offensive unter die Arme. »Das Programm ›Wien Online‹ ist die größte Förderaktion für kleine und mittlere Betriebe, die Wien je gestartet hat«, erklärt Peter Hanke, Stadtrat für Finanzen, Wirtschaft, Digitalisierung und Internationales. Bis zu 10.000 Euro – 75 % ihrer Investitionen – bekamen Betriebe ersetzt, um einen Online-Auftritt zu starten oder weiter auszubauen. Unterstützt wurden Anschaffungskosten für Hard- und Software, Versand, Lager, Beratungs- und IT-Dienstleistungen, Marketing- und Lizenzkosten.

Das Förderprogramm setzte an einem Punkt an, der durch die Coronapandemie stark an Bedeutung gewonnen hat: dem Online-Shopping. Um das Geschäft nicht völlig ausländischen Online-Riesen zu überlassen, forcierten viele kleine Betriebe ihre Online-Präsenz. Wie sich zeigte, nahmen Konsumentinnen und Konsumenten das Angebot lokaler Produkte und Dienstleistungen gerne in Anspruch oder wurden erst auf die Vielfalt in nächster Nähe aufmerksam. »Gesehen zu werden, ist auch ein Fakt, das man auf keinen Fall unterschätzen darf«, meint Ursula Wagner, die im 6. Wiener Bezirk den Vintage-Laden Fräulein Kleidsam führt.

Bewirkte Corona zunächst einen Betriebsstopp, eröffneten sich durch den Web­shop für so manche völlig neue Perspektiven. Johannes Kößler, Betreiber der Buchhandlung Seeseiten in Wien-Donaustadt, konnte durch den Online-Shop neue Kunden gewinnen. Für Theresa Imre, Gründerin des digitalen Bauernmarktes markta.at und schon vor der Krise online, bedeutete die Pandemie eine Bewährungsprobe: »Wir hatten die zwanzigfache Bestellmenge. Aber jetzt konnten wir auch zeigen, was wir die ganze Zeit aufgebaut hatten.« Durch den Lockdown stieg das Interesse der Bevölkerung an gesunder Ernährung mit regionalen Produkten – die Online-Plattform verbindet die Nachfrage aus dem urbanen Raum mit dem ländlichen Angebot an hochwertigen Lebensmitteln direkt von den Produzenten.

»Waren und Dienstleistungen online zu präsentieren und zu verkaufen, ist für alle Betriebe quer durch alle Branchen wichtiger denn je«, ermutigt Alfred Harl, Obmann des Fachverbands Unternehmensberatung, Buchhaltung und IT (UBIT) der Wirtschaftskammer Österreich, die heimischen Unternehmen, den Plattform-Riesen wie Amazon & Co mit regionalen Produkten und Serviceleistungen Paroli zu bieten: »Sie können große, internationale Mitbewerber in Sachen Qualität eindeutig schlagen.«

Derzeit sind erst 20 % der heimischen Händler im E-Commerce tätig. Die Initiative »KMU.DIGITAL« des Bundesministeriums für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort und der Wirtschaftskammer Österreich wird deshalb fortgesetzt. Im Vorjahr verzeichnete das Programm starke Nachfrage, mehr als 3.000 Unternehmerinnen und Unternehmer nahmen das Angebot einer Digitalberatung in Anspruch. »Die Kombination aus Beratung und Umsetzung sowie die individuelle Begleitung der KMU führt dazu, dass digitale Tools erfolgreich in den Betrieben eingesetzt werden«, freut sich Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck.

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen stellt das Ministerium für das zweite Halbjahr 2020 nochmals drei Millionen Euro zur Verfügung, um Klein- und Mittelbetriebe bei ihrem Schritt in die Digitalisierung zu unterstützen.

Besser gerüstet

Die Auswirkungen auf den Digitalisierungsgrad sind im ganzen Land spürbar. Bisher lagen Österreich und Deutschland nach der Beurteilung des europäischen Digitalisierungsindex DESI im Mittelfeld der europäischen Staaten.

Neben dem Ausbau der Telearbeit und des Online-Handels wird sich auch die verstärkte Nutzung von Lern- und Bildungsangeboten in der Performance bemerkbar machen. Auch Zertifizierungsanbieter wie SAP oder Quality Austria setzen zunehmend auf E-Learning und Webinare.

Das Coronavirus initiierte Veränderungen »in einer Breite und Geschwindigkeit, die zuvor völlig unvorstellbar war«, wie Karin Larnhof, Marketing Manager beim Wiener IT-Beratungshaus msg Plaut Austria, bestätigt: »Binnen weniger Tage wurden neue digitale Kommunikationstools implementiert und Hürden technischer oder organisatorischer Natur, die einen reibungslosen Arbeitsablauf verhindern könnten, überwunden.«

Für eine mögliche »zweite Welle« im Herbst und Winter sind die österreichischen Unternehmen nun merklich besser gerüstet. »Vieles wird nach der Krise anders sein als zuvor, dazu zählt vor allem die Art und Weise, wie Unternehmen arbeiten«, meint Mathias Kimpl, Geschäftsführer von domonda. Das österreichische Startup schloss mit dem Fintech Adam eine Kooperation, um Klein- und Mittelbetrieben maßgeschneiderte Lösungen für eine Digitalisierung der Finanzprozesse und datenbasierte Entscheidungen zu bieten. »Schluss mit Papieren und Ordnern – eine digitale Finanzabteilung ist nicht nur effizienter, sondern ermöglicht auch eine viel bessere Steuerung jedes Unternehmens«, ist Bernhard Frühlinger, Geschäftsführer von Adam überzeugt. Was in Großunternehmen dank integrierter Systeme automatisiert abläuft, ist für KMU meist noch immer die handgestrickte Excel-Tabelle, so Frühlinger: »Die strukturierte digitale Aufbereitung und Analyse der finanziellen Daten im Unternehmen ist einer der Schlüsselfaktoren, die entscheiden, wie gut Unternehmen die nächsten Monate bewältigen können.«

Plattformen als Motor

Laut einer vom Beratungsunternehmen Accenture im Auftrag des Bundesministeriums für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort erstellten Studie könnte eine Erhöhung des Digitalisierungsgrades ein BIP-Wachstum von 1,9 % pro Jahr bewirken. »Die Digitalisierung ist der Impfstoff gegen die Corona-Wirtschaftskrise«, bestätigt Michael Zettel, Country Managing Director von Accenture Österreich. »Während wir alle auf den Impfstoff zur Bekämpfung der Gesundheitskrise warten, haben wir mit der Digitalisierung die Antwort auf die schwierige wirtschaftliche Lage.« Allein der Einsatz von künstlicher Intelligenz habe das Potenzial, bis 2030 sieben Milliarden Euro Wertschöpfung zu generieren.

Technologieführer haben die Nase vorn: Sie weisen ein bis zu doppelt so schnelles Umsatzwachstum auf. »Unternehmen, die bereits früh in die digitale Transformation investiert haben, sind doppelt so erfolgreich wie Nachzügler«, sieht Studienautor

Philipp Krabb vor allem bei KMU noch großen Nachholbedarf – erst 6 % nutzen Big-Data-Analysen für ihr Business: »Die Krise hat allen die Bedeutung von digitalen Angeboten vor Augen geführt. Ohne Online-Angebote hätten einige Unternehmen den Lockdown nicht überstanden.«

Heimische Unternehmen sollten sich stärker auf Online-Marktplätzen tummeln – ein Wirtschaftsfaktor, der in Europa noch weitgehend unterschätzt werde. Die umsatzstärksten Unternehmen der Welt sind mittlerweile Plattformen, trotzdem beträgt der europäische Anteil an der globalen Plattformwirtschaft nur 4 %. Österreich mischt auf den virtuellen Handelsplätzen mit einem Prozent nur marginal mit und verpasst damit möglicherweise eine wichtige Chance, wie Accenture-Chef Zettel betont: »Die 2020er-Jahre sind das Jahrzehnt der Plattformwirtschaft.«

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