Freitag, Dezember 02, 2022

Bei allem Potential und möglicher positiver Entwicklungen ist BIM allerdings noch immer in der Pilotphase. Das soll weder Planer*innen noch Auftraggeber*innen davon abhalten, Projekte mit BIM anzugehen, denn eine funktionierende Anwendung von 0 auf 100 kann es nicht geben. Man muss es üben und es braucht regelmäßige reality-checks und einen ehrlichen Dialog, um die Grenzen des aktuell sinnvoll Möglichen immer wieder auszuloten. Ein Gastkommentar von Thomas Hoppe.

 

1. Die Programm-Inkompatibilitäten der verschiedene Software-Anbieter sind mittels Schnittstellen auszugleichen. Auf lange Sicht fehlt ein allgemeines Austauschformat, welches alle Software-Anbieter verlustfrei verarbeiten können. Daraus folgen Workarounds (Schnittstellen, IFC), die Einstiegshürden und Mehraufwand für Planende bedeuten. Dieser Aufwand, und das damit verbundenen Risiko, wird in der Regel aber nicht abgegolten. Wer BIM also ernsthaft forcieren will, muss dringend bei diesem Grundproblem ansetzen!  

2. Der Aufwand für diese Workarounds im offenen Datenaustausch forciert Closed-BIM-Anwendungen. Planende müssen dafür geschlossene BIM-Software-Welten betreiben und bleiben quasi unter sich. Das ist teuer, führt zu Abhängigkeiten von Software-Herstellern und es steht der Etablierung einer innovations- und wettbewerbsfreundlichen Open-BIM-Kultur in Österreich im Weg. Das ist insbesondere für die klein- und mittelständisch-strukturierte planende Branche in Österreich, aber auch für Auftraggeber*innen, die den höheren Aufwand durch höhere Preise zu spüren bekommen, ein Riesenproblem. 

3. Planung ist EU-weit und national ineinandergreifend normiert. Für Österreich ist es daher möglich, auch bei BIM in Leistungsphasen, vorzugehen, was Rechtssicherheit für alle Beteiligten bringt. Die nationalen Abläufe sind im Hinblick auf BIM zu adaptieren. Das passiert in Österreich etwa mit der Etablierung eines s.g. Merkmalservers. Die wichtige Grundlagenarbeit dafür wird zu einem Gutteil ehrenamtlich von Vertreter*innen der Branche - in mühevoller Kleinarbeit – vorangetrieben, hier fehlt das Engagement der öffentlichen Hand. 



4. Während BIM mühevoll vom Workaround zur Standardanforderung weiterentwickelt wird, sind AuftraggeberInnen und Planende mit hochgeschraubten Anforderungen und Erwartungshaltungen konfrontiert. Diese werden, immer weiter durch Versprechungen und Ankündigungen der Softwarehäuser gesteigert. Das führt zu babylonischer Verwirrung der tatsächlichen Potentiale und Möglichkeiten und am Ende zu einem undurchdringlichem Interessenwirrwarr. Es braucht dringend ein realistisches agiles Vorgehen. Viel mehr Hands-On - und viel weniger BIM-Marketing!

5. Planung ist ein gesamtheitlicher Prozess. BIM ist eine mögliche Methode. Es ist per se nicht innovativ und ersetzt keine unabhängige Planung, sondern es tendiert immer wieder zur Standardisierung! Unabhängigkeit und Innovation sind aber der Kern einer guten Planung, die gepaart mit bautechnischer Expertise immer die Interessen von Auftraggeber*innen und Allgemeinheit im Auge hat. BIM, sprich Planung, relevante Bauwerksdaten und 3D-Datenmodelle, müssen dem Zweck dienen, die Planungs- und Baukultur in der DACH-Region zu unterstützen und seelenlose Uniformität in Schach zu halten. 

Kurzum, die Diskussion zu BIM muss von einer träumerischen, auf eine rationale Ebene gebracht werden. Es ist ein weiteres wichtiges Instrument für Planer*innen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr!


Zum Autor

Arch. DI Thomas Hoppe ist Ziviltechniker und Architekt in Wien und war 2008 einer der Mitbegründer der dokspace Webservices GmbH, einem österreichischen CDE Anbieter für Bauprojekte.

Von 2018 bis 2022 war er Sektionsvorsitzender der ArchitektInnen der Kammer der Ziviltechniker*innen Wien, Niederösterreich, Burgenland. Seit 2020 ist er Vorsitzender des Fachgremiums zum Thema BIM in der Bundeskammer der Ziviltechniker*innen.

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