Donnerstag, Februar 22, 2024

Gebäude, Fahrzeuge und sogar Rechenzentren könnten in naher Zukunft nicht nur Effizienz und Sicherheit für die Stromnetze liefern, sondern überhaupt die Energiewende ermöglichen. Michaela ­Sadleder, Country Sales Managerin bei Eaton, sieht die Anbindung ans »Grid« als große Chance, um den steigenden Energiebedarf umweltfreundlich und leistbar zu gestalten.

Sie sagen, dass auch mit der aktuellen geopolitischen Situation und den Energiepreissteigerungen jedes Gebäude zu einem Energiezentrum werden muss. Was bedeutet das?

Sadleder: Im Unterschied zum eindirektionalen Energiesystem der Vergangenheit, bei dem Energie vom Versorger erzeugt und zu den privaten Verbrauchern geliefert wurde, wird die Zukunft ein dezentrales und multidirektionales System sein. Es ist in Teilen auch heute schon Realität. Unsere Produkte und Lösungen zielen genau darauf ab: auf »Everything as a Grid« oder im speziellen Fall der Gebäude »Building as a Grid«. Jedes Gebäude ist dabei Teil des Energiesystems und des Netzes. Nehmen wir als Beispiel eine Bäckerei oder Tischlerei: Wenn bereits erneuerbare Energie etwa über Photovoltaik am Dach verfügbar ist, kann die Effizienz mit der Nachrüstung eines Speichers erhöht werden. Ein bisschen weiter in die Zukunft geschaut, werden mit Modellen wie »Vehicle to the Grid« auch Elektrofahrzeuge Teil des Energiesystems. Sie werden dann im Bedarfsfall Energie ins Gebäude oder ins Netz zurückspeisen.

Die Bereiche, die wir abdecken, sind unser Kernsortiment von Komponenten für Energieverteilung, Schutz und Sicherung bis hin zu Ladestationen für die Elektromobilität. In Zukunft werden wir auch im Bereich der Energiespeicher Lösungen anbieten. Unser Know-how ist sehr breit mit dieser Kernkompetenz der sicheren Energieverteilung aufgestellt – im Vergleich zu anderen, die sich oft nur auf einzelne Segmente wie etwa Elektromobilität spezialisiert haben.

Die meisten Gebäude sind allerdings noch nicht aktive Teilnehmer des Energiesystems. Vor welchen Herausforderungen steht hier die Branche?

Sadleder: Die Technik und die Produktlösungen sind vorhanden. Handlungsbedarf sehe ich vor allem im Schüren des Bewusstseins für dieses wichtige Thema in der Bevölkerung und auch in der Wirtschaft. Das verändert sich gerade, da jeder Private und jeder Betrieb mit Entsetzen auf die Strom- und Gasrechnung schauen. Energie ist wieder etwas, mit dem ich sorgsam und effizient umgehen soll.

Eine weitere Herausforderungen haben wir mit dem Fachkräftemangel. Die Elektrotechniker*innen Österreichs sind gut ausgelastet und werden das auch weiterhin sein. Elektrotechnik ist ein Energiewendeberuf und hier müssen zusätzliche Kapazitäten geschaffen werden, um die Klimaziele Österreichs erreichen zu können. Initiativen der Elektrotechniker*innen zielen zum Beispiel auf eine Ausbildung für Tätigkeiten speziell im Ausbau der Erneuerbaren und Installationen von Ladestationen für die E-Mobilität ab, die keine langjährige Vorbildung einer Lehre oder eines HTL-Abschlusses benötigen. Diese dreimonatige Ausbildung ist auch für Berufsumsteiger interessant. Die Energiewende in Österreich steht und fällt mit der Installationskapazität – also sind diese zusätzlichen Kräfte enorm wichtig.

Bilden Sie auch selbst in Ihrem Unternehmen aus?

Sadleder: Wir können für unserem Produktionsstandort in Schrems jährlich 50 Auszubildende in verschiedensten Bereichen gewinnen. Die Lehrwerkstätte bildet im Maschinenbau aus – durch die hohe Fertigungstiefe vor Ort bauen wir auch Werkzeuge und Sondermaschinen. Der zweite Ausbildungsschwerpunkt liegt auf Elektrotechnik.

Seit März 2020 ist Sadleder bei Eaton, davor war die gebürtige Steirerin zwölf Jahre bei Rexel tätig.

Was unternimmt Eaton bei der Ansprache von Frauen für technische Berufe?

Sadleder: Auch wenn Eaton bereits einen hohen Frauenanteil hat – der sicherlich die Ausnahme am Markt ist –, hat die gesamte Branche noch einen Diversifizierungsbedarf. Persönlich achte ich darauf, dass unsere global gesetzten Diversitätsziele auch in meiner Organisation erreicht werden können. Das ist nicht immer einfach. Wenn man es aber kontinuierlich und strukturiert angeht, wird dieses Ziel  erreicht. Zuletzt haben wir unser Team mit weiblicher Kompetenz im technischen Bereich verstärken können.

Wir wissen, dass wir als Arbeitgeber Mitarbeitenden zusätzlich  größtmögliche Flexibilität – etwa mit Arbeitsorten – bieten müssen. Die letzten zweieinhalb Jahre haben diese Veränderung beschleunigt. Und Diversität hört nicht beim Thema Männer und Frauen auf. Wir brauchen einen guten Mix aus technischen Spezialist*innen und zusätzlichen Kompetenzen in den Bereichen Digitalisierung und Vertrieb und auch die Kombination von jungen mit älteren, erfahrenen Mitarbeitenden. Hier gibt es international auch ein Trainee-Programm, in dem Absolvent*innen aus der Elektrotechnik in den Ländern in verschiedenen Funktionen rotieren können. Die Trainees sammeln dabei viel Erfahrung, bleiben nach unserer Erfahrung meist im Unternehmen und haben auch die besten Chancen auf Führungspositionen.

In welcher Weise werden technisch gesehen Gebäude künftig eine aktivere Rolle spielen?

Sadleder: Auf dem ersten Blick steht beim Thema Energieeffizienz eigentlich die Wärmebilanz an erster Stelle. Der erste Schritt ist eine Ausstattung des Gebäudes mit einem Erneuerbaren-Energie-System, das auch die Wärmeproduktion beinhalten kann – mit beispielsweise Wärmepumpen oder im ländlichen Bereich auch mit Biomasse. Elektromobilität ist ebenfalls nicht mehr aufzuhalten. Bei den steigenden Neuanmeldungen in Österreich wird sich jeder Errichter und Betreiber von Gebäuden früher oder später mit Ladestationen auseinandersetzen müssen. Das beinhaltet dann vielleicht auch Energiespeicher, um Spitzen abzudecken, den Eigenverbrauch der Energie aus Erneuerbaren zu optimieren und die Versorgungssicherheit auch bei einem Blackout zu wahren.

Es gibt bereits Vorgaben im Neubau in Österreich, die auf den Ausbau mit Erneuerbaren zielen (Anm. siehe Kasten unten). Dazu werden wir Lösungen für Erneuerbaren-Energie-Gemeinschaften auf den Markt bringen – mit dem Ziel, das Zusammenschalten von Erzeugern und Verbrauchern so einfach wie möglich zu gestalten.

Generell müssen wir uns alle überlegen, wie Energie vor Ort am besten genutzt werden kann. Dazu gibt es flexible Lösungen für die Nachrüstung einer Gebäudesteuerung und -automation. Eaton hat dazu eine Funklösung am Markt, mit der drahtlos unterschiedliche Elemente wie etwa eine Jalousien-Steuerung oder ein Thermostat zentral angesteuert werden können. Ich sehe das große Plus hier in der Nachrüstfähigkeit bei Renovierungen. Im Gebäudebestand beträgt die Renovierungsquote in Österreich lediglich drei Prozent. Hier eröffnen sich definitiv großartige Möglichkeiten mit überschaubarem Aufwand für die Verbesserung der Energieeffizienz für Gebäudebetreiber und -nutzer*innen.

Der dritte Schritt ist die Sicherheit der Stromversorgung im Gebäude. Entsprechend von Normen und Vorschriften ist bei einem Energie-Upgrade möglicherweise ein Fehlerlichtbogen-Schutzschalter notwendig. Der Brandschutzschalter AFDD+ bietet Menschen Schutz gegen Brände, die durch Fehlerlichtbögen ausgelöst werden können.



Ist derzeit überhaupt eine Wirtschaftlichkeit bei Stromspeichern im Gebäude gegeben? Was sind Ihre Erwartungen dazu?

Sadleder: Bei der aktuellen Preissituation ist die Wirtschaftlichkeit schneller gegeben und es gibt auch Förderungen dazu. Zudem steigert ein effizientes Energiesystem den Wert eines Gebäudes. Ich sehe das als weitaus größeren Faktor als Einsparungen im Energiebereich. Denn ein Gebäude mit einer schlechten Energiebilanz wird in Zukunft möglicherweise nicht mehr so einfach verkaufbar und vermietbar sein.

Welche weiteren Assets können künftig eine aktivere Aufgabe in den Netzen bekommen?

Sadleder: Mit der fortschreitenden Digitalisierung und dem Bedarf an Rechenzentren könnten diese künftig auch die Netzqualität und Energieeffizienz unterstützen. Wir bieten unterbrechungsfreie Stromversorgungsprodukte für kleinere Anlagen im einphasigen Bereich, und rechenzentrumskonform im dreiphasigen Bereich mit unserer »EnergyAware«-Technologie an Bord an. Das Riesenbatteriesystem, aus dem eine USV besteht, kann dann für eine »Fast Frequency Response« herangezogen werden, um Schwankungen auszugleichen und so das Stromnetz stabiler zu machen. Diese kurzfristige Bereitstellung von Batteriekapazität aus dem Datacenter steckt noch etwas in den Kinderschuhen. Die Technologie ist vorhanden und sie ist bereit – es gibt aber von gesetzlicher Seite her Nachholbedarf, diesen Ausgleich auch rechtlich zu ermöglichen. Wir arbeiten dazu gezielt auch in einer internationalen Partnerschaft mit Microsoft und rüsten Standorte mit unseren effizienten Lösungen aus. Im Sinne eines »Everything as a Grid« werden künftig auch Datencenter Teil des Energienetzes sein.

Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie beim Ausbau der Erneuerbaren in Österreich?

Sadleder: Für das Erreichen der Klimaziele werden wir bei Photovoltaik nicht nur kleinteilige Erzeugung benötigen, sondern Großanlagen, die in der Anbindung auch Mittelspannungsanlagen benötigen. Unsere Schaltanlagen sind bereits seit den 1960er-Jahren luft- beziehungsweise vakuumisoliert und damit frei von Schwefelhexaflorid. SF6 ist ein Treibhausgas, das fast 24.000-mal schädlicher als CO2 ist, aber immer noch in der Isolation von Schaltanlagen breit zum Einsatz kommt. Auch bei sachgemäßem Betrieb und Entsorgung von SF6-Anlagen kann es zu Leckagen und Gasaustritt kommen – das ist hinsichtlich des Klimafaktors extrem kontraproduktiv. Darum ist es so wichtig, dies in der Öffentlichkeit und auch in der Förderlandschaft zu diskutieren. 

Wie ist dazu die Situation in den Stromnetzen und auch das rechtliche Rahmenwerk derzeit gestaltet?

Sadleder: Für alle anderen Anwendungsfälle wurde Schwefelhexaflorid bereits 2014 durch die EU verboten. Diese EU-Verordnung sieht aber noch kein vollständiges Verbot auf der Mittelspannungsebene vor. Wir rechnen mit maximal fünf bis zehn Prozent SF6-freien Schaltanlagen in Österreich – 90 bis 95 Prozent der Bestandsanlagen enthalten immer noch das schädliche Isoliergas. Erst vor kurzem habe ich in einer Ausschreibung ein ausdrücklich gefordertes SF6-Mittelspannungsprodukt entdeckt. Offenbar ist das Bewusstsein dafür noch nicht überall vorhanden. Aber wir haben auch Partner und Energieversorger, mit denen wir regelmäßig SF6-freie Projekte umsetzen. Der Markt für alternative Isolationen wächst. Das betrifft nicht nur einen Anlagenneubau – auch Nachrüstungen sind möglich.

(Bilder: Eaton)


Über das Unternehmen

Eaton ist ein Anbieter von Energiemanagement-Lösungen und hat im Jahr 2021 einen Umsatz von weltweit 19,6 Milliarden Dollar verzeichnet. Zum Produktportfolio gehören elektrische Bauelemente wie Schutz- und Leistungsschalter, Stromverteiler und Schaltanlagen, Energiespeicher, Verbrauchszähler, Sensoren und Relais sowie Maschinenbauteile wie Ventile, Zylinder, Getriebeteile, Filter und Pumpen. Eaton beschäftigt in Österreich aktuell rund 1.000 Mitarbeiter*innen an zwei Standorten, Wien und Schrems.

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