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Vorwurf mit Sprengkraft: Das Fraun­hofer Institut habe absichtlich falsch gerechnet, um Erneuerbare besser dastehen zu lassen, als sie sind.

Bild: iStock


Am 14. Jänner 2026 wirft der Energieanalyst Thomas Eisenhuth der vielzitierten Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) zu den Stromgestehungskosten vor, »absichtlich falsch gerechnet« zu sein. Der Vorwurf zielt nicht nur auf methodische Details, sondern auf das Fundament energiepolitischer Argumentationen: Die Fraunhofer-Zahlen, so Eisenhuth, dienten als Legitimationsbasis für den massiven Ausbau von Photovoltaik, Windkraft und Speichern – und zugleich für die Abkehr von fossilen Neubauten, den Kohleausstieg und die Marginalisierung der Kernenergie.

Tatsächlich gehört die Fraunhofer-ISE-Studie zu den meistzitierten Arbeiten ihrer Art. In der Version von Juli 2024 (deutsch) beziehungsweise Oktober 2024 (englisch) vergleicht sie die sogenannten Levelized Cost of Electricity (LCOE) unterschiedlicher Technologien – von Photovoltaik und Wind über Biomasse bis hin zu Kohle, Gas, Wasserstoff und Kernkraft. Das Ergebnis ist klar: Erneuerbare Energien seien bereits heute günstiger als konventionelle Kraftwerke, und ihr Kostenvorsprung werde sich bis 2045 weiter ausbauen. Sinkende Investitionskosten, Lernkurven und steigende CO₂-Preise treiben diese Prognose.

Korrekt, aber unvollständig
Die Berechnungsmethode selbst ist Standard: Die LCOE geben an, was eine Kilowattstunde Strom über die gesamte Lebensdauer einer Anlage kostet – inklusive Investitionen, Betrieb, Finanzierung und Abschreibung. Nicht berücksichtigt werden allerdings Systemkosten wie Netz­ausbau, Reservekapazitäten oder Speicher. Genau hier setzt eine der zentralen Kritiken an. LCOE liefern keinen Systemblick, sondern vergleichen Technologien isoliert. In Fachkreisen ist das kein Geheimnis, sondern ein seit Jahren diskutierter Schwachpunkt.
Eisenhuth liefert Beispiele wie die Fraunhofer-Studie konventionelle Kraftwerke systematisch schlechterstellt.

Lebensdauer, Auslastung
So werden für Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke vergleichsweise kurze technische Lebensdauern angesetzt – oft 25 bis 40 Jahre. Historisch zeigt sich jedoch, dass insbesondere Kernkraftwerke mit Modernisierungen häufig 50 oder gar 60 Jahre und länger laufen. Kürzere Annahmen erhöhen rechnerisch die Kosten pro Kilowattstunde. Ähnlich gelagert ist die Kritik an den Volllaststunden. Während klassische Dauerläufer in der Vergangenheit auf 7.000 bis 8.000 Stunden pro Jahr kamen, rechnet die Studie für die Zukunft mit deutlich geringeren Werten. Das ist plausibel in einem System mit hohem Anteil fluktuierender Erneuerbarer, blendet aber Szenarien aus, in denen konventionelle Kraftwerke weiterhin eine hohe Auslastung haben könnten. Auch bei der Finanzierung klaffen die Annahmen auseinander: Erneuerbare profitieren von niedrigen Kapitalkosten und günstigen Zinsen, konventionelle Anlagen von höheren Risikoaufschlägen. Das verzerrt die Kostenvergleiche.

Lernkurven ja, Kosten nein
Besonders umstritten ist, dass Lernkurven – also Kostensenkungen durch Skalierung – ausschließlich für Photovoltaik und Wind angesetzt werden. Konventionelle Technologien gelten als »ausgereift«. Das ist gängige Praxis, unterschlägt aber Potenziale bei Gas und Atom.

Unbestritten berechtigt ist hingegen der Vorwurf, dass Netzanbindungs- und Integrationskosten fehlen. Der notwendige Ausbau der Stromnetze schlägt in den kommenden Jahrzehnten mit hunderten Milliarden Euro zu Buche. Auch Speicher, Backup-Kapazitäten und Systemstabilität bleiben im LCOE-Ansatz außen vor. Internationale Vergleiche, etwa erweiterte Kostenanalysen aus den USA, zeigen: Rechnet man Wind- und Solarstrom inklusive Speicher, relativiert sich der vermeintliche Preisvorteil gegenüber modernen Gaskraftwerken deutlich.

Kein Rechenfehler, sondern eine Perspektive
Bleibt die Kernfrage: Ist die Fraunhofer-Studie »absichtlich falsch gerechnet«? Die nüchterne Antwort lautet: nein. Sie arbeitet mit etablierten Methoden und Annahmen, dazu gehört: Der politische Wille.

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