Tuesday, May 19, 2026

Mehrwert für Manager

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Im April und Mai organisiert das Dorotheum wieder große Live-Auktionen für alte Meister und jüngere Wilde. Was in der Epoche von Ebay etwas aus der Zeit gefallen wirken mag, ist für Sammler und Experten nach wie vor unverzichtbar.

Raphael Schwarz, Dorotheum, macht die Auktion zu einem spannenden Erlebnis.


Zum ersten … der Auktionator lässt seine Hand über der Klingel schweben und den Blick über das Publikum gleiten, das an seinen Lippen hängt. Wird der Herr in der Lodenjacke aus der letzten Reihe sein Gebot erhöhen, die Sensalin überbieten, die das flämische Barockmeisterwerk für einen anonymen Kunden erwerben will? Oder ist der Preis beim Biet-Duell zu sehr gestiegen und übertrifft sein Budget? Zum zweiten … Wird die Dame im Chanelkostümchen sich aufraffen und noch ein paar tausend Euro höher bieten, oder kommt vielleicht noch ein potenzieller Käufer am Telefon dazu? Am Bildschirm flackert eine Zahl, ein Online-Interessent ist in die Arena eingestiegen, der Kampf um das Gemälde im üppig vergoldeten Rahmen geht weiter.

Die Stimmung ist diskret aufgeladen im großen Auktionssaal des Dorotheums bei dieser Versteigerung alter Meister. Zwei mannshohe Liliengestecke in güldenen Vasen verbreiten ihr herb-süßes Aroma, Kunden nippen am Gratissekt, Kunstkennerinnen schmökern im hunderte Seiten dicken Hochglanz-Katalog, Schaulustige lehnen an den massiven Marmorsäulen. Niemand von den gut 80 Anwesenden weiß, wie die Kaufpreise sich entwickeln werden, welches Lot kaum seinen Mindestbietpreis erreicht, welches liegen bleiben wird, und welches seinen Schätzwert um ein Vielfaches übertreffen kann. Wer wird sein Nummerntäfelchen schwenken, welcher Telefonbieter in den Preiskampf einsteigen? Der Auktionator versucht, charmant und mit Fachwissen das Gebot nach oben zu lenken, den Überstimmten kann man einen Hauch von Enttäuschung ansehen, wenn das Gebot das Budget übersteigt. Business as usual im größten und wichtigsten Auktionshaus Mitteleuropas. Ebay und Vinted? Nie gehört.

Internationales Auktionsfieber
Jetzt könnte man glauben, in Zeiten von Online-Shopping wären grandiose Versteigerungen vor Saalpublikum ein Relikt vergangener Zeiten, so altehrwürdig wie die zu versteigernden Waren selbst. Dennoch versammeln sich weltweit nach wie vor Kunstliebhaber und Antiquitätenfans, um einander bei Sotheby’s, Christie’s und Co. auf der Jagd nach Bildern, Möbeln oder Juwelen zu überbieten.

Der Wiener Auktionstempel setzt seine wichtigsten Live-Versteigerungen im Frühling und im Herbst an. An verschiedenen Terminen kommen alte Meister genauso unter den Hammer wie heimische Moderne, vergoldete Barockkommoden und mittelalterliche Münzen ebenso wie Schätze aus der kaiserlichen Kleiderkammer – so verkaufte man in den letzten Jahren Rasiermesser, Hausschuhe und eine Uniformjacke von Franz Joseph II. und ein schickes schwarzes Jäckchen seiner Gemahlin Sisi. (Der Kaiser war es auch, der um die Jahrhundertwende das Palais Dorotheum in der Innenstadt erbauen ließ, nicht ahnend, dass man sich hundert Jahre nach seinem Tod wilde Bietschlachten um seine Hausschlapfen liefern würde.)

Nicht alle Auktionen finden aber vor Publikum statt, die Mehrheit der Versteigerungen wickelt auch das Dorotheum online ab. Saalauktionen vor Publikum bedeuten für ein Auktionshaus einen Mehraufwand – man stellt ausgewählte Stücke in den Wochen zuvor in den Filialen im Ausland aus, organisiert Previews, man schenkt Getränke aus und betreut die Gäste. Auktionatoren beginnen schon lange vor dem Event mit der Vorarbeit, balancieren auf einem schmalen Grat zwischen Showman und Kunstgeschichte-Experten. »Als Auktionator kann ich das Tempo dem Interesse individuell anpassen und mit einer inszenierten Dramaturgie für Spannung sorgen. Diese Dramaturgie ist gut überlegt und lange vorbereitet«, sagt Dorotheum-Auktionator Raphael Schwarz, der seit fast 20 Jahren mit Verve und Witz Versteigerungen moderiert.

Trotz des Aufwands wollen die Auktionshäuser aber nicht auf diese Events verzichten. Nicht nur, weil die Live-Auktionen sich gesteigerten Interesses seitens der Presse und breiteren Öffentlichkeit erfreuen. Auktionator Schwarz sieht in ihnen eine besondere Art des Kunst-Shoppings. »Als internationales und traditionelles Auktionshaus finden wir, dass Live-Auktionen sehr wichtig sind, da wir uns dadurch von den vielen kleinen Online-Auktionshäusern abheben. Die Spannung im Saal ist unglaublich.« Er vergleicht die Events mit einer Opernaufführung, die man sich zwar auch im Fernsehen anschauen kann, wo das Saalpublikum aber alle Sinne angesprochen bekommt. »Andere mitbieten zu sehen oder dem Auktionator in die Augen schauen zu können, ist für viele ein unvergleichliches Erlebnis. Das Knistern und die Spannung im Auktionssaal sind online nicht so spürbar.«

Wenn Experten kämpfen
Kunsthistorikerin und Tafelkulturistin Annette Ahrens arbeitete am Anfang ihrer Karriere in einem Auktionshaus und kennt die Motive der Auktionsbesucher gut. »Es geht um das Live-Fighten, um das Ereignis. Wenn ich zu einer Auktion gehe, kann ich mich noch mal ganz kurzfristig entscheiden und sagen, da biete ich mit – das will keiner, also das kaufe ich jetzt. Oder aber ich gehe höher, als ich eigentlich geplant habe, weil ich es plötzlich ganz schrecklich gerne haben möchte.« Ein gewisses Konkurrenzdenken spiele bei den Ersteigerungen auch eine Rolle. »Wenn ein Sammler sieht, dass jemand neben ihm sitzt, der das Lot auch haben möchte, möchte er es natürlich noch lieber haben.«

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Ins gleiche Horn stößt auch Jean-Paul Vaugoin, Inhaber von Österreichs letzter Silberschmiede Jarosinsky & Vaugoin in Wien-Neubau und Experte für edles Essbesteck (Bild). »Ich glaube, dass man besondere Objekte live sehen möchte, und auch wissen möchte, wer der Kontrahent ist. Ich mag Auktionen auch gerne, weil eine gewisse Spannung in der Luft liegt. Natürlich erhoffen sich die Einbringer einen guten Verkauf. Man merkt es, wenn sie da sind, sieht, wie sie mitzittern. Es ist auch spektakulär, wenn sich zwei Bieter ein Match liefern und das Objekt den doppelten Schätzwert erzielt. Ich habe schon das Gefühl, dass Live-Auktionen auch etwas sehr Archaisches an sich haben – wie vor 2000 Jahren, als jemand Waren auf einer Agora verkaufte.«

Ein wichtiger Vorteil von Auktionshäusern und Offline-Händlern ist für den niederösterreichischen Antiquitätenexperten Josef Renz, der selbst bei Auktionen ein- und verkauft, dass man die Stücke vorher besichtigen kann. »Ich möchte es sehen, möchte spüren, wie die Qualität ist. Es gibt ja hunderte Merkmale, die man bei einer Antiquität begutachten kann, die Rückseite der Leinwand zum Beispiel. Als Experte kann man so die vorhandene Qualität bestimmen. Ein Foto könnte technisch verfeinert worden sein und kann einem nicht den eigentlichen Eindruck ersetzen. Auch die Beschreibung könnte von einer KI verfasst worden sein. Die Provenienzforschung ist gerade für Sammler ausgesprochen wichtig und wird online manchmal vernachlässigt.«

Auch findet er Online-Auktionen eher unpersönlich und leidenschaftslos, und es fehle der Eindruck, wer das Gegenüber ist: »Bei einer Live-Auktion merkte man, wenn ein anderer Mensch, der sich perfekt auskennt, sich für ein Stück interessiert. So weiß man, dass auch er sich denkt, dass das Lot qualitätsmäßig unterbewertet ist. Wenn mehrere hochgebildete Leute ein Stück haben möchten, ist viel Potenzial da. Dann ist es ein »Fighten« und ein Jagdgefühl, es entsteht natürlich ein gewisses Konkurrenzdenken in der Auktion, was die Sache spannender macht, positiver als einfach nur ein anonymer Mausklick.«

Bieten, aber unerkannt
Dennoch gibt es auch bei Publikumsauktionen die Möglichkeit, anonym bzw. per Stellvertreter*in mitzusteigern (es muss ja nicht jeder wissen, wie viele Rembrandts man sich für die Zweitvilla kauft, außerdem kann nicht jeder wegen einer Ming-Vase einfach um die halbe Welt jetten). Gebote kann man schriftlich aufgeben, was aber den Nachteil hat, dass man leicht überboten werden kann. Zum Glück kann man aber auch per Telefon oder im Internet mitbieten. »Unsere Kundinnen und Kunden sind sehr gut informiert, beziehungsweise sie werden von uns vorab genau informiert, worin die Unterschiede von Online zu Live Auktionen bestehen« sagt Auktionator Raphael Schwarz. »Viele wissen aber nicht, dass sie auch bei Live-Auktionen über unsere Online-Plattform von der ganzen Welt aus teilnehmen können und durch eine Kamera in den Auktionssaal geschaltet sind und als registrierte Kunden online bei Live-Auktionen teilnehmen können.«

Man kann aber auch Sensale engagieren. Dieser sehr österreichische Beruf eines bzw. einer Auftragsbieter*in ermöglicht, das Kämpfen bei Auktionen gegen ein paar Prozent des Kaufpreises einem Profi zu überlassen. Im Dorotheum ist es Sensalin Renate Krenmayr, die dem Haus seit dreieinhalb Jahrzehnten verbunden ist. Auch in ihren Augen wohnt Live-Versteigerungen Spannung inne, fast wie bei einem Krimi. »Der Mensch mit seinen Emotionen kann nie von einer Maschine ersetzt werden.« Sie selbst finde es spannend, bei Auktionen den gesamten Preis­entwicklungsprozess mitzuverfolgen, und nicht nur einfach auf ein Endergebnis zu klicken.

Auktions-Anfängern rät sie, ihre Scheu abzulegen, auch, weil man im Gegensatz zum Freiverkauf den Preis selbst gestalten könne (wobei man aber auch die anfallenden Spesen von ca. 20 % mitbedenken sollte). Ein klein wenig schade findet Krenmayr an der Verlagerung kleinerer Auktionen ins Internet, dass manche Kund*innen nicht mehr den Weg in die Dorotheergasse finden. »Früher gab es Puppen- und Eisenbahnauktionen vor Saalpublikum, auch Versteigerungen von Jagdwaffen und Büchern. Dieses ganz spezielle Publikum gibt es heute nicht mehr. Da herrschte eine Stimmung wie bei einem Kinobesuch.«

Auktionator Raphael Schwarz sieht in der Reduktion der Live-Termine aber durchaus etwas Positives. »Der große Unterschied zu früher ist, dass aufgrund der wenigen Live-Auktionen wieder mehr Publikum in den Saal kommt. Neu sind auch die vielen Zuschauerinnen und Zuschauer, die einfach nur einen spannenden Abend erleben möchten, ohne mitbieten zu wollen.«

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