Donnerstag, Mai 23, 2024

Der Technologiedienstleister Vinci Energies setzt auf ein internationales, einheitliches Auftreten seiner Sparten. CEO Norbert Herzog und Business Unit-Leiter Uwe Thiel über Ziele und Fokusbranchen.

Report: Seit dem Jahr 2010 ist Cegelec ein Teil der VINCI-Gruppe. Welche Branchen sprechen Sie an?

Norbert Herzog:
VINCI ist mit rund 190.000 Mitarbeitern und 40 Mrd. Euro Umsatz ein sehr erfolgreiches Bauunternehmen. Cegelec ist seit 2010 in die Vinci-Gruppe integriert und ist ein Anbieter für elektrotechnische und automatisierungstechnische Lösungen. Die Vinci-Gruppe befasst sich zu einem großen Teil mit klassischen Bauprojekten, eine weitere Sparte befasst sich mit Betreibermodellen. Der dritte wesentliche Bereich ist Vinci Energies mit rund 64.000 Mitarbeitern und zirka 9 Mrd. Euro Umsatz. Die Sparte befasst sich mit Elektrotechnik, Automatisierung, Brandschutz und Facility Management.

Report: Der Cegelec-Geschäftsbereich »Energy & Environment« tritt nun unter dem Namen Actemium auf. Was sind die Gründe dafür?

Herzog:
Wir wollen mit dem Markennamen Actemium mehr Sichtbarkeit unserer Energie- und Umweltpalette am Markt erreichen. Innerhalb der Sparte Vinci Energies gibt es unterschiedliche Marken, die in allen Ländern präsent sind – unabhängig von lokalen firmenrechtlichen Strukturen. Sie sollen unsere Kompetenzen darstellen. Gründe für diese Markenphilosophie gibt es viele. Einerseits erleichtert es die firmeninterne Vernetzung, andererseits ermöglichen Networking und Kompetenz-Synergien international zu agieren und die Kundenanforderungen im Zuge von globalen Projektrealisierungen zu erfüllen.
Hier in Österreich treten wir derzeit mit drei Marken auf: Cegelec befasst sich mit Verkehrstechnik und regionaler Dienstleistung. Dann gibt es Citeos für Straßenbeleuchtung und innovative Beleuchtungslösungen. Und schließlich Actemium für die produzierende Industrie, hier werden elektrotechnische und automatisierungstechnische Lösungen gebündelt. Mitarbeiter, die unter diesem Namen auftreten, wissen, was bei Industriekunden gefragt ist und wie Industrieanlagen geplant und gebaut werden. Die Business Units haben sich mittlerweile zu Experten entwickelt, deren übergreifende Kompetenz im Zuge der jahrelangen Fokussierung sogar das Wissen unserer Kunden übertreffen soll. Dazu ist es auch üblich, dass wir schon sehr früh in die Projekte eingebunden werden, auch wenn Investitionen erst geplant werden.

Report: Setzt der Actemium-Geschäftsbereich auf einem bestehenden Standbein in Österreich auf oder wurde er komplett neu aufgebaut?

Herzog:
Es gab bereits einen Auftritt der Marke Actemium in Enns. Das Unternehmen Controlmatic GmbH ist in den Branchen Papier, Chemie und Stahl tätig und tritt seit 2005 unter diesem Markennamen auf.
Jetzt werden alle anderen Bereiche der Cegelec, die sich mit Energie- und Umwelttechnik befassen, ebenfalls unter diesem Namen geführt. Sie können sich vorstellen, welche Synergien hier bei Know-how und Ressourcenfragen und gemeinsamen Projektentwicklungen möglich sind. Cegelec hat sich seit jeher mit Energieinfrastruktur in Industriebetrieben befasst. Vinci Energies hat sich wiederum auf die Geschäftsprozesse der Industriekunden fokusiert. Jetzt wächst das zusammen: Wir bieten sowohl die Kompetenz auf der Energieversorgungsseite und auch die Kompetenz im Prozessbereich.
Damit können wird die Herausforderungen unserer Kunden im Konzernverbund ganzheitlich betrachten.

Report: Welche waren die größten Projekte in den vergangenen Jahren?

Uwe Thiel:
Aktuell sind wir zum Beispiel beim Umbau der Müllverbrennungsanlage Spittelau der Fernwärme Wien tätig. Wir sind mit der elektrotechnischen Modernisierung der beiden Verbrennungslinien beauftragt, wobei die Arbeiten an Linie zwei gerade fertiggestellt worden sind. Die Kessel werden nun die nächsten zwei Monate ausgeheizt, dann folgt ein dreimonatiger Probebetrieb, der im August endet und in den Dauerbetrieb übergeht. Im September wird dann mit der Demontage der alten Kesselanlage und der Rohrleitungen der anderen Linie begonnen. Actemium liefert das Engineering, angefangen bei der Mittelspannungs- und der 400-Volt-Schaltanlagen, die gesamte Verkabelung der Elektro-, Mess-, Steuer- und Regelungstechnik. Wir installieren leittechnische Schnittstellen, wie auch die Kabeltragsysteme, bis hin zu den Beleuchtungsanlagen und verantworten deren Inbetriebnahme. In Deutschland gibt es andere Projekte, beispielsweise im Gassektor, die vom Auftragsvolumen her aber nicht vergleichbar sind – allerdings mit kürzeren Durchlaufzeiten.

Herzog: Das bislang größte Projekt, das die Einheit in Österreich realisiert hat, war der Umbau und die Erweiterung der Hauptkläranlage Wien von 2002 bis 2005. Vergangenes Jahr gab es weitere Arbeiten daran. Das damalige Auftragsvolumen betrug 37 Mio. Euro. Uns ist bei allen Projekten wichtig, die Wertschöpfung weitgehend regional zu erbringen. Wenn Spezialkompetenz benötigt wird, wie bei der Kläranlage Wien, müssen die technischen Lösungen teilweise erst entwickelt werden. Wir können dazu im Unternehmen mit unseren unterschiedlichen Geschäftseinheiten sehr flexibel agieren, da diese dann genau auf die gefragten Gebiete spezialisiert sind.
Beispielsweise gibt es im Bereich der Müllverbrennung eine nicht festgeschriebene Allianz innerhalb der Unternehmensgruppe zwischen unseren Standorten Wien und Berlin. Dabei liefern wir üblicherweise die Energietechnik, während sich das Team in Berlin auf die Kraftwerksleittechnik fokussiert. Gemeinsam bieten wir dann Projekte in einem Paket in Europa an. So haben wir in den letzten Jahren drei Anlagenprojekte in Skandinavien realisieren können. Dennoch gibt es in der Vinci-Gruppe keine Top-down-Vorgaben, wie die Einheiten agieren oder zusammenarbeiten müssen. Unsere Business Units suchen sich selbst die Ansprechpartner im Konzern, die passend sind.

Thiel: Gleichzeitig sehen wir die Vorteile eines großen Netzwerkes. Wir bei Actemium können in Summe auf mehr als 19.000 Ingenieure und Techniker weltweit zugreifen, die wiederum verschiedenste Erfahrungen einbringen.

Herzog: Und wir haben keine eigenen Produkte, die wir verkaufen müssen. Wir sind Integratoren und suchen uns einfach die passenden Lösungen, um Projekte zu realisieren. Das bringt oft einen wesentlichen Vorsprung gegenüber Herstellern im industriellen Bereich, die zugleich als Integratoren auftreten und klarerweise ihre eigenen Produkte bevorzugen. Wir sehen zuletzt aber häufig, dass sich diese Hersteller strategisch aus dem Projektgeschäft zurückziehen und sich auf ihre Produkte und Lizenzverkauf beschränken wollen.

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