Wednesday, May 20, 2026

Mehrwert für Manager

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Über Defizite in der Branche und die kritische Rolle von Biomethan spricht Robert Schweizer, Geschäftsführer der Biopower GmbH, des größten Biogasproduzenten Österreichs. Er hat kurzerhand ein Werkzeug für die industrielle Transformation der gesamten Biogaswirtschaft geschaffen.

Robert Schweizer ist Geschäftsführer von Biopower und Terra Flow Systems.

Wie bewerten Sie die Arbeiten am Erneuerbare-Gas-Gesetz (EGG) und die politischen Ambitionen, eine Terawattstunde Biomethan zu erreichen?

Robert Schweizer: Das EGG ist ein erster wichtiger Schritt und eine notwendige Basis, auch wenn man in der Entwurfsphase die Industrie – also jene, die das Gas produzieren, und jene, die es brauchen – leider nicht an einen Tisch geholt hat. Die Ziele sind mit einer Terawattstunde mittlerweile zwar realistischer geworden als zuvor, und ich höre, dass man es aufgrund der internationalen Spannungen, wie etwa den Angriffen auf die Infrastruktur im Iran oder in Europa, mittlerweile ernster meint.

Dass es nun knapp werden könnte für die echten potenziellen Projekte, die bereits Genehmigungen, Rohstoff- und Projektkonzepte haben, ist nicht ausgeschlossen. Dennoch erleben wir derzeit einen typischen politischen Kuhhandel. Politische Parteien dealen seit Jahren herum und wir verlieren Zeit für wichtige Investitionen für Österreich. Bei einer Terawattstunde im Vergleich zum riesigen Anteil an Graugas würde dies aber faktisch gar nicht ins Gewicht fallen. Hier sollten wir ehrlich bleiben. Wir brauchen hier einen Schulterschluss aller Parteien und echte Entschlossenheit statt polemischer Argumente. Wir müssen Österreich weiterbringen und nicht zu Tode ringen.

Sie haben die Biomethan Wirtschaftsallianz mitinitiiert. Warum braucht es diese neue Stimme?

Wir müssen uns einfach neu erfinden und dazu braucht es eine ganz klare Denkrichtung, die über das bisherige Maß hinausgeht. Der bestehende Biogasverband leistet in vielen Bereichen wertvolle Arbeit, insbesondere im Bereich Schulung, Wissenstransfer und der Unterstützung klassischer Biogasanlagen im Stromregime. Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass die Anforderungen großer Biomethanprojekte und industrieller Marktteilnehmer zunehmend andere wirtschaftliche, strategische und energiepolitische Schwerpunkte verlangen.

Gerade Unternehmen, die Biomethan in großem Maßstab produzieren und damit relevante Mengen für Industrie, Versorgungssicherheit und Energiewende bereitstellen wollen, benötigen zusätzlich eine starke wirtschaftliche und marktorientierte Stimme. Das ist eine strategische Notwendigkeit: Wir brauchen den Aufbau einer neuen, industriell gedachten Industrie, um Biomethan als integralen Bestandteil in sehr großen Mengen im Energiemix zu verankern. Nur mit großen Mengen werden wir endlich die Abhängigkeit von fossilem Graugas oder unsicheren LNG-Importen beenden. Es kann nicht sein, dass die Proponenten der Vergangenheit permanent die Zukunft gestalten und von Dingen erzählen, die vor Jahren gegriffen haben – das interessiert heute niemanden mehr.

In der Biomethan-Allianz haben sich wesentliche Marktplayer wie die Wien Energie, die EVN, Biopower oder die Münzer Bioindustrie und Fuchsluger zusammengetan, um der Politik eine Strategie für die nächsten Jahrzehnte zu präsentieren. Es sind große Marktakteure, die mit dem Rohprodukt Biogas und dem breit nutzbaren Energieträger Biomethan wirklich Massen bewegen wollen.

Biopower plant massive Investitionen, doch die Rahmenbedingungen scheinen schwierig zu sein. Wo liegen die größten Hürden für Unternehmen?

Wir reden allein nur in unserem Fall von rund 27 Millionen Euro, die die Eigentümerfamilie Blochberger investieren will – ein riesiges Volumen für diese Branche. Das Problem ist, dass der Fördergeber zwar die Ziele erreichen will und diese vorgibt, uns aber paradoxerweise bestraft, wenn wir zu früh anpacken. Wenn die Biopower investiert, bevor das EGG final steht, riskieren wir, benachteiligt zu werden – das bringt einen schon zum Nachdenken. Zudem hört man, dass die Investitionszuschussverordnung Gas völlig aus dem Programm genommen werden soll, was uns die Umsetzung nachhaltiger Ideen, wie etwa die zusätzliche saubere Wiederverwendung von abgeschiedenem CO2 für die Lebensmittel- oder Kunststoffindustrie, massiv erschwert oder gar unmöglich macht.

Haben wir in Österreich genug biogene Reststoffe, um diese Mengen industriell zu produzieren?

Das Argument, dass zu wenig Rohstoff da wäre, kann ich absolut nicht teilen; wir müssen den Rohstoff nur neu denken. Laut ÖWAV landen aktuell über 500.000 Tonnen an biogenen Stoffen im Restmüll und in der Verbrennung. Und das sind nur die gemonitorten Zahlen. Wenn man das Beispiel eines Flughafens nimmt, finden Sie dort oft gar keine Biotonne – das landet alles im Restmüll und geht in die thermische Verwertung. Wir bauen in Ziersdorf die größte Bioabfallaufbereitungsanlage Österreichs, um in der Endausbaustufe etwa 100.000 Tonnen Bioabfall und/oder überlagerte Lebensmittel zu entpacken und energetisch zu nutzen.

Das Credo muss klar sein: Erst die Energie aus biogenen Abfällen und Reststoffen gewinnen, danach gegebenenfalls kompostieren und niemals wertvolle organische Rohstoffe direkt verbrennen. Alles andere ist klimapolitische Heuchelei – denn es kann nicht von Nachhaltigkeit gesprochen werden, während gleichzeitig regionale Energiepotenziale bewusst vernichtet werden.

Sie haben mit Terra Flow Systems eine digitale Infrastruktur für die industrielle Transformation der Biogasbranche entwickelt. Warum reicht Excel dafür längst nicht mehr aus?

Ich bin Betriebswirt und will nicht nur wissen, dass unsere Anlagen zum Beispiel zu 98 Prozent ausgelastet sind, sondern ob diese Auslastung auch wirtschaftlich erreicht wurde. Mit Terra Flow Systems, als eigenem ersten digitalen Nervensystem der Branche, holen wir uns das Kommando in die Biogasanlage zurück und beenden die permanente unberechtigte Angst des Betreibers vor Rohstoffmangel oder Erlösverlust.

Es ist ein marktplatzähnliches System: Man schreibt aus, welchen Rohstoff man braucht, und die registrierten Landwirte und Partner im Netzwerk können darauf anbieten. Das System automatisiert alles – von der Vertragsgestaltung über die Logistik bis hin zur Zertifizierung. Ein Auditor für Nachhaltigkeit zum Beispiel in Wien kann künftig via Fernzugriff über seinen Account innerhalb der TFS die plausiblen und transparenten Daten und Fakten unserer Anlagen in Niederösterreich prüfen, ohne unnötig das Büro zu verlassen oder CO2 wie etwa durch die Anreise zu verursachen.

Terra Flow Systems wurde speziell für Biogas-, Biomethan- und kaskadisch genutzte Anlagen entwickelt, um Prozesse zu automatisieren, Kosten zu senken und datenbasierte Entscheidungen zur neuen Norm zu machen.

Wohin soll die Reise mit der Lösung gehen? Haben Sie internationale Ambitionen?

Wir werden das Produkt weltweit ausrollen, denn es gibt kein vergleichbares System. Mein Wunschbild ist, dass ein motivierter Unternehmer z. B. in Indien, der Biogas produzieren will, die TFS nutzt, seine Parameter eingibt und sofort von unserem gesammelten Know-how profitiert, ohne teure Berater für jede Lernkurve zahlen zu müssen. Das System gibt Handlungsempfehlungen auf Basis von KI und lernt ständig mit. Wir wollen der gesamten Branche eine zweite Chance geben, indem wir sie entfesseln, digitalisieren und sie aus der Abhängigkeit von großen Konzernen oder politischen Einzelschicksalen befreien.

Unternehmerisch denken, den Schulterschluss wagen, dann wird alles gut.

 

Detail shot of a modern biogas plant in Germany. Cross processed and vignette added.

Fakten: Markt für Biomethan

Das österreichische Biomethanpotential wird es derzeit nur zu einem geringen Teil genutzt. Rund 2 TWh Biogas werden pro Jahr in Österreich produziert, nur ca. 0,15 TWh werden auch tatsächlich zu Biomethan aufbereitet und ins Gasnetz eingespeist. Dies entspricht ca. 0,17% des jährlichen Gasbedarfs in Österreich. Aus dem restlichen Biogas wird bandförmig Ökostrom erzeugt, die Speicherbarkeit des gasförmigen Energieträgers bleibt dabei ungenutzt. Laut dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzpaket (EAG) soll bis 2030 der Anteil von national produziertem erneuerbarem Gas am österreichischen Gasabsatz auf 5 TWh erhöht werden. Zu den aktuell größten Erzeugern gehören Energieversorger wie die RAG Austria AG, Wien Energie, EVN und die Energie AG und spezialisierte Unternehmen wie Biopower und Pöttinger.

Der Unterschied zwischen Biogas und Biomethan liegt vor allem im Reinheitsgrad und der Verwendung: Biogas ist das Rohprodukt, das durch die Vergärung von Biomasse (wie Gülle oder Bioabfall) entsteht. Es besteht nur zu etwa 50–70 % aus Methan; der Rest sind CO2 und andere Begleitgase. Es wird meist direkt vor Ort zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt. Für Biomethan wird Biogas gereinigt und aufbereitet, bis es fast reines Methan ist (ca. 98 %). In dieser Qualität ist es identisch mit Erdgas und kann direkt in das bestehende Erdgasnetz eingespeist oder als Kraftstoff genutzt werden.

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