Tuesday, May 19, 2026

Mehrwert für Manager

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Über die spezifische Rolle Wiens als Datendrehscheibe und wie KI die technische Architektur der Branche verändert, spricht Yves Zischek. Er ist Managing Director von Digital Realty in Österreich und der Schweiz und damit verantwortlich für den größten Rechenzentrumsbetreiber hierzulande.

Bild: Yves Zischek, Digital Realty: „Wir bleiben dem österreichischen Markt voll verpflichtet und beobachten auch sehr genau die Potenziale des Landes, etwa in den Regionen um Linz oder Salzburg, um unsere Position als führender Betreiber weiter zu festigen. Das Ziel ist es, nicht nur die größte Kapazität zu bieten, sondern das innovativste Ökosystem für die digitale Zukunft Österreichs zu gestalten.


Digital Realty baut aktuell den Standort Wien-Floridsdorf aus. Wie ist der Baufortschritt und mit welcher Nachfrage rechnen Sie für Ihre Rechenzentrumsinfrastruktur in den nächsten Jahren?

Yves Zischek: Wir bauen in Floridsdorf aktuell den größten Rechenzentrumscampus in Österreich mit einer zusätzlichen Kapazität von 40 Megawatt. Die Leistung am Standort beträgt derzeit etwa 25 Megawatt, langfristig fassen wir durchaus eine Größenordnung von 100 Megawatt ins Auge. Das Projekt wird in Etappen umgesetzt, um flexibel auf die Anforderungen der Unternehmenskunden reagieren zu können. Das architektonische Konzept sieht vor, dass wir zunächst die Gebäudehüllen fertigstellen und den Innenausbau erst dann finalisieren, wenn die individuellen Standards der Mieter – etwa im Bereich spezieller Löschsysteme – feststehen, da nachträgliche Umbaumaßnahmen sehr kostspielig wären. Die Eröffnung der ersten Tranche ist für November 2026 geplant, mit den bereits ersten Kunden.

Welche Bedeutung kommt dem Standort Österreich innerhalb der europäischen Datenlandschaft zu? Wie entwickelt sich der Markt?

Österreich hatte in den letzten Jahren nur begrenzt Kapazitäten in den Stromnetzen für die Anbindung von neuen Standorten. Hier wurde mit Partnern wie Strabag und Siemens etwa ein neues Umspannwerk im Norden Wiens gebaut, das bereits in Betrieb ist. Aktuell spüren wir wieder deutlich Bewegung im gesamten Markt, der gerade aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Der Bedarf für Rechenzentrumsinfrastruktur am Standort Österreich steigt an, was man auch an den laufenden Standortinvestitionen von internationalen Playern wie Google oder Microsoft sieht. Das ist schon insgesamt ein gutes Zeichen: Die Großen sind gekommen, um zu bleiben. Kleinere Dämpfer gibt es aktuell mit der Blockade der Straße von Hormus, die sich auf die globalen Lieferketten etwa bei Computerchips auswirkt.

Österreich insgesamt und speziell auch Wien haben eine klassische Rolle als Tor zum Osten. Wir bekommen aber immer wieder Anfragen für die entgegengesetzte Richtung, also für ein „Gate to the West“. Für viele osteuropäische Länder ist Wien ein politisch stabiler Ankerpunkt innerhalb der Europäischen Union, der eine hervorragende Vernetzung bietet. Während das energieintensive Training von KI-Modellen aufgrund der Strompreise und des wertvollen Platzes eher in den USA, den Nordics oder im Mittleren Osten stattfindet, ist Wien der ideale Standort für die sogenannte Inference. Hier führen Unternehmen ihre eigenen Daten mit bereits trainierten Modellen zusammen, um daraus neue, lokale Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Wie wirkt sich dieser Hunger nach KI-Ressourcen konkret auf die technische Architektur Ihrer Rechenzentren aus?

Die operative Herausforderung ist gewaltig, da wir heute einen technologischen Spagat zwischen traditionellen Unternehmensanwendungen mit geringer Leistungsdichte und hochperformanten KI-Systemen bewältigen müssen. Während klassische IT-Umgebungen oft nur ein bis drei Kilowatt pro Rack benötigen, verlangen moderne KI-Szenarien Dichten von bis zu 250 Kilowatt, was eine Abkehr vom klassischen Hohlboden hin zu innovativen Kühlkonzepten über die Decke und „Liquid-to-Liquid“-Systemen erfordert. In unserem neuen Gebäude am Standort Zürich testen wir bereits diese hybriden Ansätze, die es ermöglichen, sowohl Standard-Server als auch wassergekühlte High-Density-Racks im selben Raum effizient zu betreiben. Interessanterweise begünstigt KI sogar die Nachhaltigkeit, da diese Systeme mit höheren Betriebstemperaturen arbeiten können, was die effiziente Einspeisung der Abwärme in städtische Fernwärmenetze erleichtert.

Bei der Sektorkopplung gibt es bei der Nutzung von Abwärme aus Rechenzentren bereits ein erstes Projekt an Ihrem Standort gemeinsam mit dem Abnehmer Krankenhaus Floridsdorf? Was ist darüber hinaus noch zu erwarten?

Die Vorkehrungen für den neuen Campus in Wien sind getroffen, die physischen Anschlüsse für das Fernwärmenetz sind bereits im Rohbau fertiggestellt. Es gibt hier aber noch keinen Vertrag, es stellt sich noch eine gewisse Henne-Ei-Frage. Energieversorger benötigen exakte Daten über die verfügbare Wärmelast, bevor sie die entsprechenden Zentralen final ausbauen. Dazu braucht es aber noch den Hochlauf in den Leistungen, die Neukunden beziehen werden. In der Schweiz sind solche Maßnahmen oft schon Teil der gesetzlichen Baubewilligung, und ich bin überzeugt, dass dies auch in Österreich bald zum Standard wird, da die Bevölkerung zu Recht fragt, welchen gesellschaftlichen Mehrwert Rechenzentren über die bloße Vernetzung hinaus bieten können. Wir machen das auch nicht aufgrund der Publicity, sondern glauben absolut an eine gemeinsame Zukunft souveräner Datenstandorte, an denen Unternehmen mit lokaler Steuerleistung und österreichischen Mitarbeitenden auch einen aktiven Beitrag zur regionalen Energieeffizienz leisten.

In der Schweiz haben wir bereits ein Rechenzentrum mit einem PUE-Wert von 1,1 in Betrieb. In diese Richtung wollen wir natürlich auch in Wien arbeiten. (Anm. Die „Power Usage Effectiveness“ gibt das Verhältnis des gesamten Energieverbrauchs eines Rechenzentrums zur Energieaufnahme der darin betriebenen IT-Infrastruktur an. Ein Wert nahe 1,0 bedeutet, dass fast die gesamte Energie direkt für die Rechenleistung – und nicht traditionell auch zur Kühlung – genutzt wird.)

Viele Unternehmen betreiben ihre Server-Infrastruktur nach wie vor im eigenen Haus. Warum – oder wann – sehen Sie einen Wechsel zu einem professionellen Co-Location-Partner wirtschaftlich sinnvoller?

Die Argumente liegen klar bei der Effizienz und der massiven Senkung der Betriebskosten, wie Beispiele zeigen. Einzelne Kunden haben durch die Auslagerung zu uns ihre Aufwände um den Faktor zehn reduzieren können. Ein eigenes Rechenzentrum, vielleicht im Keller eines Bürogebäudes, ist selten auf maximale Energieeffizienz optimiert. Die Energiekosten laufen mit den Betriebskosten des Gebäudes oft einfach mit. Bei einem dezidierten Rechenzentrumsstandort wie von Digital Realty überwachen Spezialisten den Betrieb rund um die Uhr und setzen hocheffiziente Kühlsysteme ein – das ist unser Kerngeschäft. Zudem profitieren Kunden von der sogenannten „Data Gravity“: Daten suchen die Nähe zu anderen Daten. In unseren Zentren entstehen Ökosysteme aus Cloud-Providern, KI-Anbietern und Geschäftspartnern, das über direkte, kurze Leitungswege neue Synergien ermöglicht.

Wir setzen mit einer Business-Initiative auch auf die persönliche Vernetzung unserer Unternehmenskunden untereinander. Und mit unserer PlatformDIGITAL bieten wir die Möglichkeit, lokale Softwareservices auf Knopfdruck global in über 400 Rechenzentren verfügbar zu machen, was gerade für österreichische Boutique-Firmen ein enormes Skalierungspotenzial ohne das Risiko hoher Auslandsinvestitionen bedeutet.

Sie sprechen oft davon, dass Digitalisierung ein Hebel für Nachhaltigkeit ist.

Ein Beleg für diese Dynamik ist der sogenannte DESI-Index, ein von Universitäten entwickeltes Modell, das den Zusammenhang zwischen digitalem Reifegrad und ökologischem Fußabdruck untersucht. Die Daten zeigen sehr deutlich, dass eine Volkswirtschaft, die massiv in Digitalisierung investiert, in einer ersten Phase zunächst einen Anstieg des Stromverbrauchs und der Kohlenstoffemissionen verzeichnet. Das liegt am Aufbau der notwendigen physischen Infrastruktur wie Rechenzentren und Servern. Aber ab einem bestimmten Schwellenwert kehrt sich dieser Effekt um, weil mit der Digitalisierung ressourcenintensive Prozesse effizienter gestaltet werden können. Wir sehen das heute schon sehr eindrucksvoll in der Pharmazie, wo früher unzählige reale Labortests notwendig waren, die heute durch hocheffiziente digitale Simulationen substituiert werden. Letztlich ermöglicht diese Entwicklung völlig neue, nachhaltige Geschäftsmodelle, etwa in der medizinischen Diagnostik, bei denen die intelligente Nutzung von Daten dazu führt, dass wir als Gesellschaft insgesamt effizienter und umweltfreundlicher agieren können.

Sie haben eine berufliche Vergangenheit bei den Schweizerischen Bundesbahnen. Welche Analogien sehen Sie zwischen dem Schienenverkehr und der digitalen Infrastruktur?

In beiden Fällen handelt es sich um physische Basisinfrastrukturen, die für Zeiträume von 50 Jahren und mehr geplant und gebaut werden, was eine langfristige Verantwortung für die Stabilität und Sicherheit eines Landes mit sich bringt. Mich fasziniert die Arbeit mit Hardware, die man angreifen kann. Gleichzeitig haben wir die Herausforderung, diese gewaltigen Anlagen konstant in die nächste Generation zu führen, während sich die Welt um sie herum immer schneller dreht. In einer Ära, in der die Entwicklungsgeschwindigkeit von Software die menschliche Adaptionsgeschwindigkeit oft überfordert, fungiert die physische Hülle des Rechenzentrums als stabiler Anker. Dieser ermöglicht erst die fortschreitende Digitalisierung.

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