Tuesday, May 19, 2026

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Die Debatte um Souveränität in der IT ist an einem Wendepunkt. Sie ist als ökonomische Notwendigkeit in den Chef­etagen angekommen. Doch es hapert an der Umsetzung.

Bild: iStock

 

Eine Studie des europäischen Open-Source-Spezialisten SUSE räumen 98 Prozent der Befragten in Unternehmen der digitalen Souveränität eine hohe Priorität ein. In einem Umfeld, das von rasanten KI-Innovationen, steigenden Kundenerwartungen und regulatorischem Druck geprägt ist, wird Souveränität zunehmend als unverzichtbare Basis für Zukunftsfähigkeit erkannt. Doch die Realität hinkt dem Anspruch hinterher: Nur etwas mehr als die Hälfte (52 Prozent) der Unternehmen ergreift bereits aktiv Maßnahmen, um diese Souveränität auch praktisch umzusetzen. Besonders deutlich wird das Spannungsfeld im Bereich der künstlichen Intelligenz. 64 Prozent der IT-Entscheider sehen in der Transparenz von KI – also der Kontrolle über Trainingsmodelle und Datenherkunft – den wichtigsten Faktor für künftige digitale Resilienz.

Dennoch investieren viele Unternehmen bei Budgeterhöhungen lieber direkt in KI-Anwendungen statt in die zugrunde liegende souveräne Infrastruktur. Die Erklärung: Der Innovationsdruck ist stärker als die Absicherung von Daten und Infrastrukturen. Lange Zeit dominierten rein betriebswirtschaftliche Kriterien wie Funktionalität, Kompatibilität und Preis die IT-Strategien. Dies führte zu einer tiefgreifenden Abhängigkeit von US-amerikanischen Hyperscalern und Softwareanbietern, deren Einsatz aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit durchaus berechtigt war. Doch rechtliche Dilemmata wie der US Cloud Act sowie geopolitische Spannungen erfordern heute eine kritische Prüfung dieser Strategie. »Blindes Vertrauen bzw. eine zu starke Abhängigkeit von anderen Regionen wie etwa den USA kann sich Europa nicht mehr erlauben«, warnt Michael Maier, Director Austria bei iteratec. Digitale Infrastrukturen sind mittlerweile das »Nervensystem moderner Volkswirtschaften«, ihre Resilienz stelle daher ein besonders hohes Gut dar. Souveränität bedeutet für Maier primär die Fähigkeit, handlungsfähig zu bleiben, selbst wenn Negativszenarien eintreten sollten.

Ähnlich sieht es Michael Bleier, Experte für digitale Souveränität bei WienIT: »Digitale Souveränität bedeutet aus Sicht eines Unternehmens vor allem die Fähigkeit, digitale Infrastrukturen und Dienste selbstständig, selbstbestimmt und sicher zu gestalten und weiterzuentwickeln«. Bleier weist darauf hin, dass angesichts der Komplexität moderner Systeme kein Unternehmen diesen Weg alleine gehen kann: »Es braucht aktiven Wissensaustausch und das gemeinsame Erarbeiten von Rahmenbedingungen und Standards«.

Neuer Handlungsrahmen
Für Harald Leitenmüller, National Technology Officer bei Microsoft, greift die Sichtweise, digitale Souveränität allein als Frage der Abschottung zu verstehen, zu kurz. Zu sehr würde damit Innovation gehemmt werden, da globale Wertschöpfungsketten und Sicherheitsarchitekturen heute untrennbar miteinander verflochten sind. Er argumentiert, dass vollständige Kontrolle in einer vernetzten Welt weder realistisch noch notwendig sei. »Digitale Resilienz bedeutet daher nicht, diese Verflechtungen vollständig zu vermeiden, sondern sie zu verstehen und bewusst zu gestalten«, so Leitenmüller. Souveränität entsteht für ihn durch Wahl­freiheit und Steuerungsfähigkeit, also die Kompetenz, Technologien abgestimmt auf Anforderungen zu wählen und Schutzmechanismen situationsgerecht einzusetzen.

Leitenmüller schlägt hierfür einen risikobasierten Handlungsrahmen vor, der auf drei zentralen Säulen ruht. Auf der technischen Ebene geschieht dies etwa durch Datenresidenz, kundenseitig verwaltete Verschlüsselungsschlüssel oder differenzierte Zugriffskontrollen. In organisatorischer Hinsicht wird Souveränität durch klare Governance-Strukturen, geschulte Teams und regelmäßig getestete Notfallpläne abgesichert. Ergänzt wird dieser Ansatz schließlich durch eine vertragliche Komponente, die Transparenz, Auditrechte, verbindliche Verfügbarkeitszusagen sowie eine gesicherte Datenportabilität umfasst. Wer diese Faktoren aktiv managt und Alternativen bereithält, bleibt laut Leitenmüller auch im Ausnahmefall souverän handlungsfähig.

Österreichische Chance
Während die Diskussion oft um die fehlenden europäischen Hyperscaler kreist, sieht Christoph Becker, CEO von ETC, die Chancen an einer anderen Stelle. Er ist überzeugt, dass das globale Rennen um die Basistechnologie der KI-Modelle längst entschieden ist. »Österreichs wahre Chance liegt in der Souveränität der Anwender«, erklärt Becker. Das Risiko für den Standort liege eher in mangelnder Anpassungsfähigkeit: Laut Daten von ETC glauben 37,4 Prozent der österreichischen Arbeitnehmer fälschlicherweise, dass KI ihr Jobprofil nicht verändern wird. Becker betont, dass österreichische »Hidden Champions« wie AVL List oder Andritz Souveränität dadurch beweisen, dass sie spezialisierte Modelle für industrielle Nischen – etwa Turbinensteuerungen oder Motorenoptimierung – präziser bedienen als die globale Konkurrenz. Souveränität entstehe durch jene »KI-Literacy«, die Fachkräfte zu Prozessstrategen macht.

Trotz der klaren Visionen gibt es handfeste Hindernisse für europäische Innovationen. Michael J. Kräftner, Gründer und CEO von CELUM, sieht vor allem die Finanzierung und überbordende Regulatorik als Bremse. Er mahnt, dass wirtschaftliche Überlebensfähigkeit nicht vom Bestehen einer einzelnen Partnerschaft abhängen darf. »Europa muss aufwachen und eine Vorreiterrolle in Zukunftsbereichen wie KI anstreben«, fordert Kräftner, dessen Unternehmen als einer der letzten großen Player zu 100 Prozent in österreichischer Hand ist. Das Problem seien nicht fehlende Ideen, sondern dass diese durch »Regulatorien und mangelnde Finanzierungsmöglichkeiten gebremst werden«. Sein Appell an die Politik ist deutlich: Es müssen Kapitalmarktinstrumente geschaffen werden, die europäisches Kapital für europäische Innovation im großen Rahmen zugänglich machen.


Weiterführende Interviews zum Thema: 

Wertschöpfung in Europa. Vernetzt zu sein, aber nicht abhängig, wünscht Robert Mallinson, Co-CEO und Geschäftsführer von LANCOM Systems heimischen Unternehmen: https://www.report.at/markt/wertschoepfung-in-europa

Der Mensch wird zum Auftraggeber. Über die wachsende Geschwindigkeit von KI in der Industrie und die Wahl der richtigen Partner. Im Gespräch mit Johannes Rauer-Zechmeister, Experte für KI-Lösungen bei Siemens: https://www.report.at/tech/die-kunden-haben-probleme-hier-mitzuhalten

 

 

 

 

Pragmatisch: Tipps für die digitale Souveränität

1. Strategische Abwägung
Da ein vollständiger Umstieg von gewachsenen Softwarelandschaften technisch und kulturell extrem komplex ist, kann dieser oft innovationshemmend wirken. Digitale Souveränität sollte daher nicht als »Alles-oder-nichts«-Konzept, sondern als Strategie verstanden werden, die Risiko, Kontrolle und Abhängigkeiten gezielt gegeneinander abwägt.

2. Handlungsfähigkeit als Ziel
In einer Zeit geopolitischer Spannungen bedeutet Souveränität die Fähigkeit, selbst beim Eintritt von Negativszenarien voll handlungsfähig zu bleiben. Da digitale Infrastrukturen das Nervensystem der Wirtschaft sind, müssen Unternehmen kritisch prüfen, wo blindes Vertrauen in einzelne Regionen die eigene Resilienz gefährdet.

3. Bedarfsgerechte Modelle
Ein kompletter Verzicht auf leistungsfähige globale Anbieter ist oft nicht notwendig, da Hybridmodelle meist die beste Lösung bieten, um Souveränität mit funktionaler Tiefe zu vereinen. Entscheider müssen hierfür klären, welche Bereiche absolute Autarkie erfordern und wo strategische Abhängigkeiten zugunsten von Innovationsgeschwindigkeit akzeptabel sind.

Quelle: iteratec

 

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