Donnerstag, August 20, 2026

Mehrwert für Manager

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Wenn sich alles im Wirtschaftsleben intersektional miteinander vernetzt, tun sich isolierte Einheiten schwer. Business-Ecosysteme bieten Auswege aus diesem Dilemma. Sie sind ein Erfolgsrezept – und das nächste ganz große Ding.

KI-generiere Illustration zum Thema Mensch, Technik und Multitasking
Bild: iStock

Im Italien des 15. Jahrhunderts gab es einen bemerkenswerten Schub an Prosperität. Ausgelöst wurde er von der Medici-Dynastie in Florenz, die die Besten ihres Fachs aus Philosophie, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Design um sich versammelte, ihnen Freiraum für schöpferisches Handeln gab und ihnen die dafür erforderlichen Ressourcen zukommen ließ. So bildete sich ein buntes Netzwerk vielfältigster Talente, die einander befruchten konnten, indem sie die unterschiedlichsten Kompetenzen, Fachrichtungen, Denkarten und Kulturen intersektional miteinander verknüpften. Es entstanden Stätten der Inspiration, der Kreativität, der Diversität, der Innovation, der Transformation und des Wachstums von epochaler Bedeutung. Der schwedisch-amerikanische Autor und Har­vard-Absolvent Frans Johannsson nennt dies den Medici-Effekt.

Im Gegensatz zur direktionalen Kreativität, bei der man der Richtung einer Grundidee folgt, verbindet intersektionale Kreativität zwei oder mehr unterschiedliche Konzepte miteinander. Solche Überkreuzbefruchtung treibt völlig neue Ideen voran und sorgt für unerwartete Neukombinationen. Intersektionale Kreativität entsteht vor allem an Schnittstellen und Knotenpunkten, dort also, wo sich Bahnen kreuzen. Im kleinen Stil passiert das bereits in der Kaffeeküche, beim unkomplizierten Austausch auf Messen und Events, auch auf Barcamps und in Coworking-Spaces sowie überall da, wo Fach-, Branchen- und Silobarrieren abgebaut werden. In großem Stil entwickelt sich intersektionale Kreativität überall dort, wo Ökosysteme für Innovationen entstehen, etwa in Technologiezentren, Innovationsparks und an den digitalen Hotspots der Welt.

Wie Zukunft entsteht
Schnittstellen sind die dynamischsten Orte für Fortschritt und Wandel. Sie gestatten einen Ausbruch aus vorherrschenden Denkmustern und etablierten Vorgehensweisen. Sie bieten beste Chancen für die Neuverknüpfung von Möglichkeiten. Sie erweitern, wie bei einer Straßenkreuzung, den Horizont und lassen neue Blickwinkel entstehen. Man kommt auf neue Gedanken und kann in neue Richtungen gehen. An Schnittstellen treten überraschende, faszinierende, kühne, außergewöhnliche, bahnbrechende Ideen zutage, die den Lauf der Dinge stark beeinflussen oder sogar radikal verändern können. Sie ermöglichen das Andocken weiterer Ideen im gesamten System und zugleich die Fortentwicklung an den einzelnen Strängen. Wer sich auf den Weg zu solchen Schnittstellen macht, wer sie findet und clever besetzt, macht sich unschlagbar.

In einer hypervernetzten Welt ist niemand mehr eine Insel. So wird die Businesswelt fortan nicht länger ein Allerlei von Einzelanbietern sein, sondern eine Welt von Ecosystemen. Wenn sich alles miteinander vernetzt, tun sich isolierte Einheiten schwer. Die Grenzen zwischen den Branchen fallen und ihr Zusammenspiel wird neu definiert. Inzwischen verbinden sich ganze Industrien miteinander, um fortan am Markt zu bestehen. Selbst ehemalige Konkurrenten arbeiten durchdacht zusammen, um für die Kunden attraktiver zu werden. Statt Mono-Produkte zu pushen, werden Servicepakete um ein Kernleistungsversprechen herum zusammengestellt und von verschiedenen Anbietern gemeinsam erbracht. So werden Business-Ecosysteme zur nächsten evolutionären Stufe einer erfolgreichen Wirtschaft.

Höherer Kundennutzen
Business-Ecosysteme umkreisen die anvisierten Käufergruppen mit einer Auswahl von Lösungen, die zwar von verschiedenen Anbietern stammen, jedoch aus Kundensicht ein perfekt aufeinander abgestimmtes Komplettangebot ergeben, das Passendes nahtlos miteinander verknüpft und bequem zugänglich macht. Biologische Ökosysteme (wie zum Beispiel Meeresbiotope) dienen Business-Ecosystemen als Vorbild und Analogie. Letztere umfassen ein kollaboratives Netzwerk rechtlich autonomer, lose gekoppelter wirtschaftlicher Akteure, die sich ergänzen. So schaffen sie im Miteinander einen höheren Kundennutzen als jeder Einzelne für sich allein, weil der Kunde alles aus einer Hand erhält und das Ganze wie aus einem Guss funktioniert.

Für vorausdenkende Firmenlenker:innen eröffnen solch unternehmensübergreifende Organisationsformate immense Möglichkeiten, auf Kundenbedürfnisse einzugehen und einzigartige Komplettlösungen anzubieten. Die Fähigkeit, solche Systeme zu gestalten, zählt zu den Schlüsselkompetenzen der Zukunft. »Bis 2030 werden mehr als 30 Prozent der weltweiten Umsätze in Business-Ecosystemen erwirtschaftet werden«, meint Michael Lewrick, ein international tätiger Experte für Innovationsstrategien. Wie hoch die Anziehungs- und Ertragskraft derartiger Systeme ist, zeigen uns frühe Pro­tagonisten seit Jahren. Ein Paradebeispiel dafür ist Apple. Mit diversen Endgeräten, einer Vielzahl von Services und mehr als 500 Stores weltweit hat das Unternehmen aus Cupertino ein Universum erschaffen, aus dem eingefleischte Fans nicht mehr desertieren. Auch rund um das iPhone selbst ist in Zusammenarbeit mit Dritt­anbietern ein für den User höchst attraktives Ecosystem entstanden. Weitere exzellente Beispiele: Red Bull und Fessnapf.

Von Netzwerkeffekten profitieren
Partnerschaften zwischen Unternehmen gab es natürlich auch früher, doch diese verfolgten meist eigennützige Ziele. Vor allem ging es um Kostenersparnisse oder die Erhöhung der Absatzzahlen, also um Eigeninteressen. Business-Ecosysteme hingegen werden um die heutigen und zukünftigen Bedürfnisse der Menschen herum entwickelt. So erschaffen sie über die Firmengrenzen hinaus gemeinsam mit anderen Partnern einen größeren Mehrwert für die Kunden, als einer allein das je könnte. Infolgedessen werden alle beteiligten Akteure eine höhere Wertschöpfung und bessere Ergebnisse erzielen. Denn solche Ecosysteme unterliegen dem Netzwerkeffekt: Bessere Angebote locken mehr Käufer an, diese locken mehr Anbieter an, und deren Angebote wiederum locken immer weitere Käufer an. Ergo: Die Attraktivität steigt für alle.

Perfekte Basis für ein funktionierendes Business-Ecosystem sind maximale digitale Unterstützung, eine Online-Plattform und die Nutzung gemeinsamer Daten. Die Verknüpfung von Disziplinen, Industrien und Technologien verbunden mit der exponentiellen Zunahme von Rechenleistungen lassen dabei mehr Möglichkeiten entstehen als jemals zuvor. Zugleich sind die Kosten zukunftstauglicher Technologien inzwischen teils dermaßen hoch, dass man sie nur noch gemeinsam stemmen kann, um weiterhin profitabel zu sein. Die hohe Komplexität vernetzter Systeme und der dafür notwendige Zuwachs an Kompetenz bewältigt ein Unternehmen oft kaum mehr allein. Beides kann nur noch im Verbund mit Partnern bewältigt werden. Nicht Übertrumpfen und Dominanz, sondern Augenhöhe und Miteinander sind dabei entscheidend.

Kollaboration ist Trumpf
So weicht das alte Feindbilddenken von Konfrontation, Marktanteilen und Wettbewerb in Business-Ecosystemen einem Handeln, bei dem Kollaboration eine entscheidende Rolle spielt. Wer aus dem Mindset von Konkurrenz und Einzelunternehmertum ausbricht, ein branchenübergreifendes Miteinander zugunsten der Kunden als neue Marschrichtung akzeptiert, dies mit sozialer Verantwortung und dem Schutz unseres Heimatplaneten verknüpft, erzeugt Aufpreisbereitschaft und bindet seine Kunden auf Dauer. Diese wollen aus solchen Systemen gar nicht mehr raus, weil sie eine emotionale Heimat gefunden haben. Zudem entsteht eine engagierte Community, die enorme Multiplikatoreneffekte erzeugt, sprich: Die Kunden werden zu Botschaftern und kostenlosen Verkäufern. Und das ist auch in Zukunft der beste Weg zum Erfolg.


Buchtipp

Anne M. Schüller: Narrative für eine bessere Zukunft. Wie kraftvoll erzählte Geschichten unser Leben und die Arbeitswelt positiv wandeln.
Verlag Vahlen 2026, ISBN: 978 3 8006 7998 0

Die Autorin
Anne M. Schüller ist Businesscoach, Keynote-Speaker und mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als führende Expertin für Touchpoint Management und eine kundenzentrierte Unternehmensführung. Zu diesen Themen hält sie Impulsvorträge auf Tagungen, Fachkongressen und Online-Events. 2015 wurde sie in die Hall of Fame der Geman Speakers Association aufgenommen und 2024 als Unternehmerin der Zukunft ausgezeichnet.
www.anneschueller.de 

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