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Frust im Job

Foto: Die Arbeitszufriedenheit ist in den letzten zehn Jahren dramatisch gesunken. Besonders auffällig: Immer mehr junge Menschen verlieren ihren Optimismus und sind skeptisch, überhaupt einen passenden Job finden zu können." Foto: Die Arbeitszufriedenheit ist in den letzten zehn Jahren dramatisch gesunken. Besonders auffällig: Immer mehr junge Menschen verlieren ihren Optimismus und sind skeptisch, überhaupt einen passenden Job finden zu können."

Mehr Stress, schlechte Bezahlung, Zukunftsängste – warum vier von zehn ArbeitnehmerInnen unzufrieden sind und wie sie motiviert werden können.

Seit 19 Jahren misst und analysiert der Arbeitsklima Index der Arbeiterkammer Oberösterreich vierteljährlich die wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen aus Sicht der österreichischen ArbeitnehmerInnen. Der Index liefert gleichzeitig ein verlässliches Stimmungsbild der Bevölkerung bezüglich ihrer Zukunftsperspektiven und der Situation auf dem Arbeitsmarkt – und dieses Bild hat sich stark ins Negative verkehrt.

In den letzten zehn Jahren ist die Arbeitszufriedenheit dramatisch gesunken und erreichte im Frühjahr 2016 ein Rekordtief. Schuld daran ist vor allem der wachsende Pessimismus unter den Beschäftigten. Ein Fünftel der Befragten hat Angst vor Arbeitslosigkeit, 46 % sind grundsätzlich der Meinung, die Arbeitswelt verändere sich zum Negativen. Besonders auffällig: Immer mehr junge Menschen, die sonst das Gesamtergebnis durch ihren Optimismus aufpolierten, sind inzwischen ebenfalls frustriert. »Bereits ein Viertel der Unter-30-Jährigen glaubt, dass sie nur schwer einen neuen passenden Job finden würden«, sagt Studienleiter Christian Hintermayer von meinungsraum.at.

Stimmung im Keller

Abgesehen von der allgemein krisenbehafteten Stimmungslage sind auch immer weniger Menschen konkret mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden. Gaben 2010 noch 82 % der ArbeitnehmerInnen ihrem Unternehmen eine gute Bewertung, sind es jetzt nur noch 63 %. Jeder fünfte Dienstnehmer hat bereits innerlich gekündigt und verrichtet nur Dienst nach Vorschrift – ohne Interesse an den Aufgaben, angesiedelt am unteren Leistungslimit.

Mit einer Jahresarbeitszeit von 1.746 Stunden zählen Erwerbstätige in Österreich zu den Vielarbeitern der EU. Mag sein, dass der Anspruch an eine erfüllende Tätigkeit, die Anerkennung bringen, Spaß machen, Geld abwerfen und dem eigenen Können entsprechen soll, recht hoch gegriffen ist. Das hohe Frustrationspotenzial ist dennoch erstaunlich. Überforderung ist dabei nur ein Aspekt; fehlendes Feedback und das Gefühl, nicht nachvollziehbare Entscheidungen von Vorgesetzten ohnmächtig ausbaden zu müssen, führen ebenfalls unweigerlich zu Verdruss.

»Als frustrierend wird erlebt, wenn man nicht wirklich das machen kann, was man gelernt hat. Unzufrieden macht zudem, wenn man als Person und mit seiner Arbeit nicht gesehen, geschweige denn wertgeschätzt wird«, bestätigt Arbeitspsychologe Paul Jiménez.

Gesundheitlich belastet

In keiner anderen Gruppe sank die Arbeitszufriedenheit so stark wie unter AkademikerInnen. Mehr als die Hälfte zeigt sich enttäuscht von den Karrierechancen. Besonders unter den 26- bis 35-Jährigen ist die Stimmung mies. Daniel Schönherr vom Institut Sora führt dies auf begrenzte berufliche Perspektiven zurück: Vor allem für die Geisteswissenschaften gibt es kaum adäquate Stellen, viele AbsolventInnen arbeiten unter ihrer Qualifikation und in anderen Berufen. Dennoch sind 48 % der AkademikerInnen zuversichtlich, im Fall eines Jobverlust relativ rasch eine neue Stelle zu finden. Unter den Menschen, die maximal einen Pflichtschulabschluss haben, glauben das nur 35 %. Sie sind physisch und physisch auch deutlich stärker beeinträchtigt – die Arbeit wird von Geringqualifizierten zunehmend als gesundheitlich belas-
tend empfunden.

Bei fast einem Viertel der Beschäftigten reicht der Urlaub nicht aus, um sich von den beruflichen Strapazen erholen zu können. Das betrifft vor allem Menschen im Handel und in Gesundheitsberufen. Die Auswirkungen sind signifikant: ArbeitnehmerInnen, die sich im Urlaub ausreichend ausruhen können, sind generell zufriedener. Allerdings musste jede/r Fünfte schon einmal Abstriche vom bereits vereinbarten Urlaub machen, weil es der Chef so wollte. Meist war die hohe Arbeitsdichte der Grund dafür. Vielfach werden Urlaubstage auch für Arztbesuche und Behördenwege genutzt oder um Kinder und andere Angehörige zu betreuen.

»Ausschlaggebend für die Arbeitszufriedenheit sind körperliche Belastungen und psychischer Stress. Das ist der Grund, warum Bauarbeiter traditionell zu jenen Beschäftigten zählen, die am wenigsten zufrieden sind. Zum anderen wirken sich auch betriebliche Faktoren wie die Arbeitszeitregelung oder die Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten auf die Zufriedenheit aus«, erklärt Johann Kalliauer, Präsident der AK Oberösterreich. Neben Bauarbeitern sind seit langem Reinigungskräfte und TextilarbeiterInnen am unglücklichsten mit ihrem Beruf.

Die Rangliste der Berufsgruppen mit der höchs­ten Zufriedenheit führen die Schönheits- und Gesundheitspflege gemeinsam mit den KindergartenpädagogInnen an, gefolgt von Büroangestellten ohne Kundenkontakt. GeschäftsführerInnen und Bankangestellte, die in den Jahren 2010 bis 2013 noch ganz vorne lagen, rutschten seither weit ab.

Geringes Gehalt demotiviert

Nicht allen ist klar, warum der Job keine Freude mehr macht. Dieser Zustand kommt schleichend, es läuft nicht mehr rund. »Irgendwann fühlen wir, dass etwas nicht stimmt. Wir gehen ungern zur Arbeit und es gibt Situationen, in denen wir uns klein fühlen«, beschreibt Change-Expertin und Bloggerin Stephanie Kempe diese Erkenntnis.

Zufriedenheit und Motivation sind erfahrungsgemäß durch Gehaltserhöhungen nur für kurze Zeit zu heben. In der Regel verflüchtigen sich die positiven Effekte nach ein paar Monaten. Allerdings gilt das nur für gut verdienende Mitarbeiter. Sobald das Gehalt ein Niveau erreicht hat, mit dem die wichtigsten Bedürfnisse des Lebens wie Wohnen, Kleidung und Nahrung abgedeckt sind, ist eine Einkommenssteigerung nur in geringem Ausmaß spürbar. Geld spielt keine existenzielle Rolle mehr, ein Gehaltssprung würde nicht als Ansporn nützen.

Anders bei Niedrigverdienern: Sie empfinden ein Plus am Konto als Erleichterung und Chance, dem täglichen finanziellen Druck zu entkommen – und zwar durchaus längerfristig. Die Gehaltserhöhung bietet gleichzeitig die ermutigende Perspektive, dass es auch im kommenden Jahr bergauf gehen wird. Das betrifft insbesondere Familien, die regelmäßig größere Ausgaben für Kinder und Haushalt bestreiten müssen, aber auch jüngere Mitarbeiter, die am Beginn ihrer Berufslaufbahn stehen und sich eine eigene Existenz aufbauen.

Das Gehalt ist ein klassischer Hygienefaktor. Wird es als zu gering empfunden, leidet die Arbeitszufriedenheit und schlägt in Demotivation um. In diesem Zusammenhang kommen auch die steigenden Lebenserhaltungskosten zum Tragen: In Wien sind die Mieten seit 2007 um ein Drittel gestiegen, die Gehälter aber bei weitem nicht im selben Ausmaß mitgezogen. Sich eine wirtschaftliche Existenz oder gar ein kleines Vermögen aufzubauen, wird immer schwieriger.

Beim Geld hört die Loyalität zum Unternehmen auf. Knapp 20 % der ArbeitnehmerInnen wären einer deutschen Umfrage zufolge zu einem Jobwechsel bereit, wenn der neue Arbeitgeber eine bessere Altersvorsorge und zusätzliche Gesundheitsleis-tungen anbietet. »Wenn am Ende des Monats das Geld nicht reicht, wird es für den Arbeitgeber schwer, seine Mitarbeiter langfristig an das Unternehmen zu binden«, sagt George Wyrwoll, Sprecher des Benefits-Spezialisten Sodexo.

Wie der Job Confidence Index der Page Group zeigt, gehen 61 % der BewerberInnen bei einer Neuanstellung von einem Gehaltssprung aus. »Allerdings sind fast 40 % der Befragten auf Jobsuche, da sie sich persönlich weiterentwickeln wollen. Arbeitgeber setzen hier oft zu wenig Reize, um ihre Mitarbeiter zu fördern und im Unternehmen zu halten«, plädiert Christoph Trauttenberg, Direktor bei Michael Page Österreich, für ein Gesamtpaket aus entsprechender Vergütung und Work-Life-Balance. Themen wie flexible Arbeitszeitmodelle, Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen sollten in Führungsstrategien Einzug halten. Trauttenberg rät aber auch BewerberInnen, in ihren Forderungen realistisch zu bleiben: »Die Arbeitswelt ist im Umbruch, Umstellungsprozesse benötigen ihre Zeit.«

Sprung in die Selbstständigkeit

Finanzielle Einbußen und der Verlust von Statussymbolen, etwa eines Firmenwagens, spielen bis zu einem Alter von etwa 50 Jahren eine gewichtige Rolle. Viele Menschen haben in dieser Zeit eine Familie zu ernähren, ein Kredit für Haus oder Wohnung muss abbezahlt werden. Im Lauf der Zeit kippt diese Einstellung: Die Vorstellung, noch 15, 20 Jahre im selben Trott dahinzutraben, wirkt recht ernüchternd.

Dahinter steht ein grundsätzliches Dilemma der modernen Arbeitswelt. Je höher man auf der Karriereleiter klettert, desto mehr Zeit geht in strategischen und administrativen Aufgaben verloren. Mit dem einstmals gewählten Beruf hat all das Organisieren, Managen und Budgetverwalten nicht mehr viel zu tun. Nicht zufällig kommt der Wunsch, beruflich noch etwas Sinnvolles zu machen, das auch emotional erfüllt, in dieser Lebensphase. Das Problem dabei: Menschen sind heute auf dem Arbeitsmarkt schon ab 45 nicht mehr gefragt, so fundiert ihre Qualifikationen auch sind.

Bleibt der Sprung in die Selbstständigkeit. Der Zahnarzt, der ein Lokal aufmacht, die Versicherungsmaklerin, die zur Yoga-Trainerin umsattelt – sie alle gehen mit einem radikalen Jobwechsel ein hohes Risiko ein, zumal mit zunehmendem Alter auch Mut und Selbstvertrauen sinken, noch einmal etwas Neues zu wagen.


Checkliste Neuorientierung

 Ist-Zustand

  • Warum bin ich unzufrieden? (Aufgaben, Kollegen, Vorgesetzte, Arbeitsbelastung)
  • Wie groß ist meine Unzufriedenheit?
  • Haben sich die Rahmenbedingungen in letzter Zeit geändert?
  • Bin ich noch motiviert?
  • Wann war ich richtig stolz auf mich?
  • Wofür stehe ich freiwillig früher auf?
  • Was setzt in mir ungeahnte Kräfte frei?

 Zielbestimmung

  • Von welchem Beruf habe ich schon immer geträumt?
  • Welcher Job/welches Unternehmen entspricht meinen Werten?
  • Was kann ich am besten?
  • Wo liegen meine Schwächen?
  • Wo sehe ich mich in zehn Jahren?

Rahmenbedingungen

  • Habe ich genug Kraft für einen Neuanfang?
  • Habe ich finanzielle Reserven?
  • Unterstützt mich mein privates Umfeld?
  • Was hindert mich an einer beruflichen Neuorientierung?
  • Wer ist von meiner Entscheidung betroffen?
  • Worin liegt meine Verantwortung?
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