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Wohin mit dem Geld?

Renaissance des Sparstrumpfs. 14 % bewahren ihr Geld zuhause auf. Renaissance des Sparstrumpfs. 14 % bewahren ihr Geld zuhause auf.

Die trübe Finanzmarktentwicklung entmutigt private Anleger zusehends. Alternativen zu Sparstrumpf und Sparbuch sind rar. Investiert wird daher vorwiegend in Konsumgüter.

Es geht bergab – mit den Zinsen und mit der Sparquote. Die Attraktivität von Anlageprodukten welcher Art auch immer sank zuletzt auf einen historischen Tiefstand. Laut Oesterreichischer Nationalbank (OeNB) legen die Österreicherinnen und Österreicher nur noch drei Prozent ihres verfügbaren Einkommens an. Gleichzeitig wurden längerfristig Gebundene auf täglich fällige Einlagen umgeschichtet. Auch das quartalsweise erstellte Stimmungsbarometer des Meinungsforschungsinstituts GfK verzeichnete im Jahresverlauf 2013 ein schwindendes Interesse an fast allen Anlageprodukten. Das mäßige Vertrauen in Banken spielt dabei keine unwesentliche Rolle. Die Finanzkrise hat deutliche Spuren hinterlassen. Im Branchenvergleich kommen Banken und Versicherungen nur auf den neunten Platz, hinter der Pharmaindustrie und Nahrungsmittelherstellern. Im internationalen Vergleich liegen Österreichs Finanzdienstleister im Mittelfeld, in 15 von 25 Ländern schneiden Banken und Versicherungen noch schlechter ab.

Kaum reale Erträge

Dem Vertrauensverlust begegnet die Finanzbranche mit einer Serviceoffensive. Während Standardvorgänge wie Überweisungen immer mehr automatisiert und in den Selbstbedienungsbereich verlagert werden, sind ausgedehnte Öffnungszeiten für Beratungsgespräche inzwischen bei den meisten Instituten selbstverständlich. Geht es ums Thema Geldanlage, sind auch die besten Bankberater ratlos. Die Zinsen bleiben im Keller, Wertpapiere kommen nur für eine Minderheit infrage, Immobilien sind für »kleine« Sparer unerschwinglich. Auch das Interesse an Lebensversicherungen und Pensionsfonds geht zurück. Infolge des anhaltenden Abwärtstrends liegen die Finanzinvestitionen der privaten Haushalte erstmals seit 30 Jahren auf dem Niveau der realwirtschaftlichen Investitionen.

»Demzufolge stagnierte auch das Finanzvermögen der privaten Haushalte im ers­ten Halbjahr 2013 bei 490 Milliarden Euro und liegt mit einem Jahreswachstum von 1,9 % im Durchschnitt des Euroraums«, erklärt Andreas Ittner, Vize-Gouverneur der OeNB. Historisch geringe Einlagenzinsen machen es Anlegern derzeit kaum möglich, mit Spareinlagen reale Erträge zu erzielen. Mehr noch: Der möglichst risikolose Werterhalt der Ersparnisse wird zur wahren Herausforderung. Im August 2013 erhielten Anleger auf täglich fällige Einlagen im Durchschnitt nur noch jährlich 0,4 % Zinsen – weit unter der Inflationsrate. Selbst mit Bindungsfristen von mehr als zwei Jahren lag die Verzinsung im Neugeschäft nur bei 1,5 %.

»Sparer suchen in Zeiten mangelnder Orientierung nach größtmöglicher Flexibilität, um jederzeit rasch auf Veränderungen reagieren zu können«, bestätigt Johannes Turner, Direktor der Hauptabteilung Statistik in der OeNB. Mit 75 Milliarden Euro entfielen Ende Juni 2013 bereits mehr als ein Drittel der gesamten Einlagen auf täglich fällige Mittel.

Renaissance des Sparstrumpfs

Alternativen sind rar. »Der Abwärtstrend beschränkt sich nicht auf einzelne Produkte, sondern betrifft mehr oder weniger den gesamten Anlagebereich«, sagt Sonja Buchinger, Finanzmarktexpertin des Marktforschungsinstituts GfK. Seit den 80er-Jahren erhebt GfK Austria in jährlich 18.000 Interviews, die quartalsweise ausgewertet werden, die Anlagepräferenzen der Österreicher über 15 Jahre. Im zweiten Quartal 2013 zeigte sich erstmals seit vielen Jahren eine erstaunliche und gleichermaßen bedenkliche Tendenz: Immer mehr Menschen ziehen offenbar mangels attraktiver Möglichkeiten das Sparen zu Hause in Betracht. Während 2006 nur 5 % ihr Geld daheim aufbewahrten, sind es nun bereits fast drei Mal so viele (14 %). Ob im Sparstrumpf oder unter der Matratze, allein die Annahme, das eisern Ersparte wäre in den eigenen vier Wänden sicherer und bes-ser aufgehoben, spiegelt die Verunsicherung der Bevölkerung deutlich wider – und stellt zudem eine nicht zu unterschätzende Gefahr für das Bankengeschäft dar.

Das frühere Liebkind der Österreicher, der Bausparvertrag, hat mit der Prämienkürzung im Jahr 2012 stark an Popularität eingebüßt. Stuften 2011 noch 53 % der Befragten diese Sparform als besonders attraktiv ein, waren es 2013 nur noch 40 %. Trotz der Halbierung der staatlichen Förderung bleibt der Bausparvertrag aber das beliebteste Anlageprodukt – anderswo gibt es noch weniger Rendite.

Die Begeisterung für Gold und Immobilien – 2012 immerhin noch auf Rekordniveau – hat stark nachgelassen. Der Goldpreis ist eingesackt, mit einem neuerlichen Höhenflug spekulieren nur noch hartgesottene Zocker. Grundstücke und Eigentumswohnungen, die trotz astronomischer Preise noch Wertzuwächse erwarten lassen, gibt es kaum.

Private Vorsorgeprodukte wie Lebensversicherungen oder die staatlich geförderte Zukunftsvorsorge verlieren ebenfalls seit 2011 kontinuierlich an Attraktivität. Einzig Investmentfonds weisen seit dem Vorjahr eine stabile Entwicklung auf, allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Im ersten Halbjahr 2013 kauften private Haushalte Zertifikate mit einem Volumen von 1,6 Milliarden Euro zu, das Fondsvermögen stieg damit auf rund 41 Milliarden Euro. Mit 8 % des gesamten Finanzvermögens spielen Investmentfonds als Anlageinstrument jedoch eine untergeordnete Rolle. Lediglich rund 10 % aller Haushalte haben in diesem Segment investiert. Auch andere Kapitalmarktprodukte sind nur für eine Minderheit interessant. 5 % der Haushalte besitzen Aktien, 3 % verzinsliche Wertpapiere.

Kein Wunder also, dass die Konsumausgaben in den vergangenen vier Jahren überdurchschnittlich stark stiegen und sich zu einer wesentlichen Stütze der österreichischen Wirtschaft entwickelte. Die Kauflaune der Österreicher blieb auch angesichts der lauen Konjunkturprognosen, die sich Konsumenten anderer europäischer Länder doch aufs Gemüt schlug, ungetrübt. Daran ändert auch der für 2014 erwartete dramatische Anstieg der Arbeitslosenzahlen vorerst nichts. Statt ihr Geld zu horten, geben es die Österreicher lieber aus. Manchmal vorausschauend für die Sanierung oder Wärmedämmung ihrer Eigenheime, aber auch für kurzfristigen Genuss: Die heimischen Supermarktketten stocken ihre »Luxus«-Produktlinien rasant auf – Kaviar und Trüffel für alle, bevor das Land untergeht.

Last modified onDienstag, 10 Dezember 2013 14:55
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