Warum in die Ferne schweifen?

Warum in die Ferne schweifen?

Dank Corona bleiben viele diesen Sommer zu Hause, statt ins potenziell verseuchte Ausland
zu fahren. Passt: Hier ist es eh auch super.

Wissen Sie, eigentlich wär ich genau jetzt irgendwo am Meer. Kroatien, Griechenland, Portugal, Italien, Spanien, Tunesien, Türkei – wo genau, mir alles powidl, Hauptsache Sandstrand, Meer, gern Palmen, eventuell Hängematte. Warum das heuer nicht geht, muss nicht nochmal erwähnt werden, Fakt ist: Aus Jux und Tollerei ins Ausland zu fahren, geschweige denn zu fliegen, dort mit wildfremden potenziellen Superspreadern in denselben Sangriakübel zu safteln und Handtuch an Handtuch mit fleischverarbeitenden Packagetouristen aus Wanne-Eickel oder nur halb durchseuchten Wikingern aus Malmö zu verbringen, klingt eigentlich dann gar nicht so geil.

Deshalb: Ich bleib diesen Sommer schweren Herzens patriotisch im Land und erfreue mich an dem, was Österreich so zu bieten hat – immerhin fahren ja gar nicht so wenige andere Leute freiwillig hierher, und das jedes Jahr.

Und zwar hab ich mir so eine Highlights-Route zusammengestellt, die das Beste von überall zu einem Paket verknüpft. Starten werd ich in der Bundeshauptstadt. Jawohl, Wien hat mehr zu bieten als Lipizzaner, Hofburg und Schönbrunn.

Vor allem zu Coronazeiten, denn ein Besuch der öffentlichen Bäder dieser Metropole bietet Abkühlung ebensosehr wie Nervenkitzel: Wer sich beim intimen Anstellen an Büffet und Wasserrutsche zwischen ausgeweiteten Tattoo-Wänsten mit keck am Kinn getragener Maske nicht den Thrill fürs Leben holt, lässt sich auch von einer unklimatisierten U6-Fahrt zur Stoßzeit nimmer erschüttern. Positiver Nebeneffekt der Maskerade ist zudem, dass man seine Mitreisenden im Waggon nicht mehr so genau sieht – eine klassische Wiener Win-win-Situation.

Doch weiter gehts, ins weite Land rundum, wo man die meisten Warnschilder und Fußangeln, die feindselige Ureinwohner zur Abwehr urbaner Spaziergänger im Wienerwald ausgelegt haben, halbherzig doch schon wieder entfernt hat.  Ins Burgenland führt die weitere Reise, zu malerisch leergefegten einsamen Straßendörfern – wie bitte? nein, das hat mit der Pandemie nix zu tun, da ist’s immer so –, weiter ins Steirische: Dort möge man sich, wenn einem schon sonst nix einfällt, zumindest an der ortsüblichen Aussprache des andernorts verhassten Wortes »Corona« ergötzen.

Weiter an Kärntner Seen, wo man sich mit Mundschutz abends unerkannt auf weißen Wörthersee-Feten auf ein Bussibussi mit Menschen trifft, die man sonst nur aus den »Seitenblicken« und diversen Untersuchungsausschüssen kennt, weiter ins Salzkammergut nach Hallstatt, das mangels chinesischer Touristen in Kulturschockstarre stumm daliegt, bis hin zum Highlight-Ziel dieses Urlaubs: Ischgl, Promille-Perle der Alpen, ein Ort nicht nur von gastronomischer, sportlicher und sexueller Relevanz, sondern auch von unbestrittener  zeitgeschichtlicher Bedeutung und – was für eine Unique Selling Proposition – der wohl am besten durchseuchte und deshalb sicherste Urlaubsort Europas!

Ja, ein Abend im Kitzloch darf einfach nicht fehlen, ein Themenschnapserl »Viroler Luderwasser« inklusive, gefördert von Wirtschaftskammer, Tiroltourismus, Hotellerie-, Seilbahn- und Funktionärs-Härtefonds.

Ja, das wird ein guter Sommer. Und immer dran denken: Desinfizieren, desinfizieren, desinfizieren. Prost.

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