Montag, Juni 24, 2024
Fridays For Future: Aktivistinnen im Gespräch
Bild: iStock

Wirtschaft und Gesellschaft werden sich aufgrund der Klimakrise verändern müssen, denn die Auswirkungen daraus sind bereits sichtbar. Technologie allein wird nicht die Lösung sein – der entscheidende Hebel ist unser Verhalten.

Marlene Buchinger, Chief Climate Officer des Beratungsunternehmens Buchinger|Kuduz (Link) und Spezialistin für Klimatransformation und Nachhaltigkeit, hat mit zwei Klimaaktivistinnen in Tirol gesprochen. Ein Auszug aus dem Gespräch.

Die Interviewpartnerinnen

Katharina Geistlinger (Bild oben) war nach Abschluss des Diplomstudiums der Erneuerbaren Energietechnik mehrere Jahre in Südamerika tätig. Als Projekttechnikerin hat sie PV- und Kleinbiogasanlagen umgesetzt. Danach absolvierte sie sowohl das Master- als auch das Doktoratsstudium der Physik an der Universität Innsbruck. Katharina ist derzeit bei den Parents For Future und der Gruppe Letzte Generation aktiv.

Michaela Atzenhofer (Bild oben) ist seit sieben Jahren bei den Innsbrucker Immobilien beschäftigt. Seit 2020 ist sie zudem Betriebsratsvorsitzende und begann im gleichen Jahr Rechtswissenschaften an der Universität Innsbruck zu studieren. Michaela ist Mitglied bei Fridays For Future Innsbruck.

 

Die weltweiten Emissionen im Jahr 2022 sind im Vergleich zu 2021 um weitere 0,9 % gestiegen. Das ist frustrierend. Wie bringt ihr die Motivation auf ständig dranzubleiben?

Michaela Atzenhofer: Ich will kein Mensch sein, der zuschaut, wenn etwas Schlimmes vor sich geht. Ich will ein Mensch sein, der dagegen ankämpft. Auch wenn die Gruppe in der Unterzahl ist. Es ist das ständig daran Arbeiten, das einem Motivation zurückgibt, auch wenn es oft ganz anstrengend ist. Mich motivieren die netten Leute, die man trifft.

Katharina Geistlinger: Es ist ein Gefühl aus dem tiefsten Inneren. Man kann einfach nicht zusehen, dass wir klimatechnisch in eine komplett falsche Richtung unterwegs sind. Ich habe drei Kinder und wir haben eine Verantwortung, welche Zukunft sie haben können. Mir geht es total schlecht, wenn ich das nicht machen würde.

Das Klimaschutzgesetz ist bereits 2020 ausgelaufen und der Neuentwurf ist seit mehr als 800 Tagen überfällig. Wir brauchen rasche Veränderungen. Ich persönlich hätte nicht den Mut mich auf die Straße zu kleben. Wie bringt man diesen auf?

Katharina: Das ist eigentlich ganz einfach, wenn man die Fakten und die Prognosen kennt und sich anschaut, was in den letzten Jahren passiert ist, dann ist das der nächste Schritt. Es ist Mut und es ist aber auch die Hoffnung, dass es etwas bewirkt. Und es ein Zeichen zu zeigen „Genug mit Business as usual“.

Welche Konsequenzen entstehen dadurch für dich?

Katharina: Sehr große Konsequenzen: Man ist auf einen Schlag bekannt und steht sofort im Rampenlicht. Jeder kennt einen – besonders in einem kleinen Dorf. Das war überraschend. Es kommen finanzielle und juristische Folgen auf mich zu, für die ich die volle Verantwortung übernehme. Und man bekommt die ganze Bandbreite von positiven und negativen Rückmeldungen bis hin zu gefährlichen Drohungen.

Michaela, Veränderungsfähigkeit und Nachhaltigkeit sind große Schlagworte. Du bist in Eurem Unternehmen nicht nur Mitarbeiterin, sondern auch Betriebsratsvorsitzende. Was verändert Euer Unternehmen schon konkret?

Michaela: Vor Jahren wurde dieses Thema schon mal von Mitarbeitenden thematisiert, das war noch vor Fridays For Future. Wenn man mit dem Fahrrad zur Firma gefahren ist und sich Gedanken über seinen CO2-Ausstoß gemacht hat, wurde man als links-grüner Hippie abgestempelt – und das ging gar nicht. Mittlerweile merke ich im Unternehmen, dass sich ganz viel getan hat. Weil wir konkret daran arbeiten.

Das beginnt bei kleinen Dingen, wie etwa der Mobilität: Wir haben E-Bikes, E-Smarts und das Jobticket. Ich fahre mit den Öffis und zahle vom Tirol-Ticket nur 10 %. Das ist etwas, was die Mitarbeitenden ans Unternehmen bindet.

Ich erlebe, dass junge und vor allem neue Mitarbeiter*innen mehr Wert auf Klimatransformation legen. Viele kommen mit dem Rad zur Arbeit, sogar wenn sie jeden Tag von Zirl nach Innsbruck radeln (Anm. 18 km in jede Richtung). Das Radfahren hat sich mittlerweile zum Wettbewerb entwickelt, was wiederum den Zusammenhalt im Team steigert. Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind und dass es ein Benefit für Unternehmen ist, wenn solche Investitionen getätigt werden. Denn man fühlt sich als Mensch in dem System.

Warum kommt die Klimatransformation nicht wirklich vom Fleck? Ist es, dass wir Dinge wie intakte Wasserversorgung oder gesunde Luft als Selbstverständlichkeit wahrnehmen und zu wenig wertschätzen?

Michaela: Ja, aber das ist rückläufig. Wir werden aufgrund der Klimakrise Wasserknappheit oder Lieferengpässe bei Nahrungsmitteln haben. Einen Medikamentenengpass gibt es gerade auch und viele der Wirkstoffe entstehen in der Natur, die wir zunehmend zerstören. Wir können uns bewusst entscheiden, massiv entgegenzusteuern und uns im Rahmen der Möglichkeiten anzupassen, oder wir rattern mit voller Wucht da rein.

Katharina: Es ist ein anderer Zugang zu Wohlstand und was einen glücklich macht. Weniger Verkehr ist beispielsweise eine Steigerung der Lebensqualität, wenn man an die Menschen denkt, die an Straßen wohnen, etwa am Innsbrucker Südring.

Die anstehenden Herausforderungen durch die Klimakrise, den Verlust der Biodiversität oder der Eintrag von schädlichen Substanzen in die Umwelt sind riesig. Schaffen wir die Veränderung? Wenn ja, was gibt Euch Hoffnung?

Michaela: Ich finde EU- oder weltweite Beschlüsse, wie das Meeresschutzabkommen, gut. Da kommt endlich etwas von ganz oben. Aber es geht zu langsam. Persönlich glaube ich, dass wir nicht die Kurve kriegen. Wir müssen schauen, wo wir zum Schluss landen und was ist dann noch da.

Katharina: Mir gibt es Hoffnung, wenn man in der Geschichte zurückschaut und Beispiele wie die Hainburger Au sieht. Als ziviler Widerstand und Engagement die Politik dazu gebracht haben, sehr schnell eine Entscheidung zu treffen und woraus schlussendlich ein Nationalpark entstanden ist. Ich habe die Hoffnung, dass wir Menschen tief in uns drinnen gute und gescheite Wesen und nicht zu dumm sind, um unsere eigene Lebensgrundlage zu zerstören.

Zum Schluss, was wünscht Ihr Euch von den Leser*Innen dieses Formats?

Michaela: Was mir ganz, ganz wichtig ist: Man sieht, dass es immer mehr Menschen gibt, die die Aktivist*innen anfeinden und sich das Recht rausnehmen zu beleidigen oder handgreiflich zu werden. Bitte vergesst nicht, das sind Menschen! Niemand von uns tut das gerne, wir hätten alle gerne lieber Freizeit anstatt sieben Tage die Woche an diesem Thema zu arbeiten.

Wir werden oft mit Vorurteilen konfrontiert und hören: „Geht mal arbeiten“. Obwohl wir wochenlang oft keinen einzigen Tag frei haben und das ehrenamtlich nebenher machen. Aber wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir es einfach nicht mehr schaffen wegzuschauen und wir machen es für uns alle – für die gesamte Gesellschaft. Daher gibt es keinen Grund untergriffig zu werden. Zumal es eh nichts bringt. Ihr könnt das tun, aber wir werden sowieso weitermachen!

Link zum Gespräch in voller Länge mit den weiteren Gesprächspartnerinnen Melanie Lechner und Sofia Scherer, erschienen unter dem Titel "Die Klimatransformation ist weiblich" am 24. April 2023: www.buchingerkuduz.com/blog/die-klimatransformation-ist-weiblich 

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