Montag, August 08, 2022

Im Interview mit dem Bau & Immobilien Report erklären ÖGNI-Geschäftsführer Peter Engert und Peter Fischer, Leiter Real Estate PwC Österreich, warum Österreich für die EU-Taxonomie nur schlecht gerüstet ist, warum die Politik radikal umdenken muss und warum Länder wie Dänemark einen uneinholbaren Startvorteil haben. 

Titelbild: Peter Engert (l.) und Peter Fischer fordern einen Stakeholder-Dialog der Politik mit der Branche.

Report: Wie gut ist die österreichische Bau- und Immobilienbranche aus Ihrer Sicht für die EU-Taxonomie gerüstet?

Peter Engert: Die Branche ist ganz schlecht gerüstet. Wir haben jahrzehntelang den Bestand völlig ignoriert. Die Taxonomie gilt aber nicht nur für den Neubau, da sind wir sehr gut, aber im Bestand, und das ist der bei weitem größere Anteil, haben wir einen enormen Aufholbedarf. Die Gebäude, die vor 1945 errichtet wurden, sind zum Großteil in einem guten Zustand, nach 1945 ist der Zustand aber oft katastrophal. Dafür braucht es alle Anstrengungen.

Report: Wie könnten diese Anstrengungen aussehen?

Engert: Wir brauchen mehr thermische Sanierung. Wir sind derzeit Spezialisten für Fassadenanstriche, aber das ist zu wenig. Wir brauchen in all diesen Gebäuden eine neue technische Gebäudeausstattung mit einem vernünftigen Verhältnis von Heiz- und Kühlanlagen. Oberstes Ziel muss die Energieeinsparung sein. Es gibt bei den Bestandshaltern auch durchaus Interesse, wir sehen aber eine mangelnde Bereitschaft der Industrie, hier tätig zu werden. Da steht immer noch der Neubau im Fokus. Dafür braucht es entsprechende Maßnahmen, die Sanierung, Re- und Upcycling forcieren und auch von der Politik unterstützt werden. Es gibt so viel wertvolles Material, das beim Rückbau mit der Abrissbirne vernichtet wird. Das muss sich ändern.

Peter Fischer: Diese Ausführungen gelten für Gebäude nach 1945. Das traditionelle Wiener Zinshaus ist keine unanständige Sache. Da wurde in der Regel immer ein bisschen etwas gemacht, nie etwas Großes, aber das reicht für Taxonomie-Grün. Das ist ja auch logisch. Als die Zinshäuser gebaut wurden, war ein zentrales Thema das Heizen, entsprechend wurde auf die Wärmedämmung Wert gelegt. Zudem ermöglichen die Zinshäuser einen großen Nutzungsmix, von der Wohnung über Büros und Arztpraxen bis zum Gewerbe. 
Wir alle lieben Norditalien. Wenn Sie nach Triest fahren, sehen Sie an jedem Fenster einen Fensterladen. Als diese Fensterläden eingebaut wurden, war es in Triest um 1,5 Grad kühler als in Wien. Oft sind es ganz einfache Maßnahmen, die eine große Wirkung zeigen.

Ein wichtiger Punkt ist, wie Peter Engert, richtig gesagt hat, der Kreislaufgedanke. Es ist auch wirtschaftlich sinnvoll, sich von Anfang an Gedanken darüber zu machen, was mit dem Material am Nutzungsende passieren soll. Das passiert natürlich jetzt auch schon, aber der Recyclinggedanke wird nie fertig gedacht. Natürlich ist es schwierig, Verbundkunststofffenster zu recyceln, aber in vielen anderen Bereichen ist es keine Raketenwissenschaft, wenn man sich rechtzeitig darüber Gedanken macht. Die wichtigste Frage ist ja auch, ob überhaupt abgerissen werden muss. 

Report: Bei Neubauten kann man sich darüber Gedanken machen, was mit dem Material am Ende passieren soll. Beim Bestand ist es dafür zu spät…

Fischer: Stopp, das stimmt so nicht. Man kann auch am Bestand arbeiten. Die Zauberformel dazu heißt »manage to green«. Dabei wird kein zusätzlicher Boden versiegelt. Da braucht es auch ein Entgegenkommen der Politik. Wenn statt einem Abbruch ein Aufbau genehmigt wird, ist das ökologisch sinnvoll, es wird verdichtet und erneuert. Da ist die Politik auch sehr einsichtig. Ich bin seit 30 Jahren in der Immobilienbranche. Wir haben immer nur gebaut und saniert, weil es egal war. Damit hat man Geld verdient. Aber wir haben es verabsäumt, Projekte fertig zu denken. Dazu zwingt uns ESG jetzt.

Engert: Das größte Problem haben wir mit Gebäuden nach 1945. Da wurde auf Masse gesetzt, da mussten Lücken gefüllt und Wohnraum geschaffen werden. Dieses Thema muss man analytisch angehen. Ideal ist es, wenn man ein Gebäude nur sanieren muss, thermisch und technisch. Wenn man nicht sanieren kann, dann muss man wenigstens verdichten. Der Abriss muss immer die letzte Option sein, aber nicht mit der Birne, sondern mit Verstand. Was kann man recyceln, was wiederverwerten.

Report: Sie fordern, Projekte zu Ende zu denken. Passiert das? Und wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Engert: Die meisten Projektentwickler sind es gewohnt, auf der grünen Wiese zu bauen. Das ist vorbei. Da muss es zu einem Umdenken kommen. Projektentwickler müssen lernen, auf Brownfields zu arbeiten und gemeinsam mit dem Bestandshalter grüne Lösungen finden. Das hilft allen. Damit reduziert sich auch der Landverbrauch und wir können der Verödung der Innenstädte entgegenwirken.

Fischer: Hier müssen auch alle zusammenarbeiten, sonst überholt uns die Politik, es überholt uns die Macht des Faktischen. Es geht nicht mehr darum, ob man es machen will, sondern ob man mit den Konsequenzen leben kann, wenn man es nicht macht.

Engert: Gerade die Politik ist aber gefragt, flexibel zu sein. Das hat die Pandemie gezeigt. Wenn man ein Hotel in ein Wohngebäude umbauen will, ist das eine gute Sache, weil es mit vergleichsweise geringem Aufwand möglich ist. Das darf dann aber nicht an den Raumhöhen scheitern, die vielleicht drei Zentimeter zu niedrig sind. Man kann nicht Umweltschutz fordern, aber mit dem Verwaltungsrecht bremsen. Wir sind sofort bereit, der Politik mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Die EU-Taxonomie gilt seit 1.1.2021 und wir haben immer noch kein Ministe­rium, das dafür zuständig ist. 

Report: Welches Ministerium sollte das sein?

Engert: Aus meiner Sicht ist das ein Umweltthema.

Fischer: Da muss ich erstmals widersprechen. Das muss ins Kanzleramt, das ist Chefsache. Am wichtigsten ist aber, dass sich die Politik mit den Stakeholdern an einen Tisch setzt. Das Zauberwort heißt Stakeholder-Dialog.

Report: Wo steht Österreich im europäischen Vergleich? Gibt es Unterschiede zu anderen Ländern?

Engert: Keine gravierenden. Die meisten Länder sind im Neubau gut und haben beim Bestand Aufholbedarf.

Fischer: Ich glaube, dass die skandinavischen Länder schon einen gewissen Vorsprung haben. Die sind bei der Umsetzung von ESG deutlich strenger, fördern es aber auch. Da sind aber auch die Rahmenbedingungen andere. Dänemark ist völlig gläsern, das muss man politisch nicht gutheißen, hilft bei einem Thema wie ESG aber enorm. In Österreich stellt schon die Datenschutzgrundverordnung eine große Hürde dar, dass man von den Bestandshaltern die relevanten Daten erhält.

Report: Wie sieht die Kooperation von ÖGNI und PwC aus? Welchen Mehrwert können Sie gemeinsam bieten?

Engert: PwC ist gut in ESG, hat aber keine Techniker, die einen Gebäudezustand messen können. Die ÖGNI ist gut beim Messen des Gebäudezustands, hatten aber wenig Ahnung von ESG. Deshalb ist eine Zusammenarbeit logisch, auch im Sinne der Bestandshalter, die ESG berichten müssen. Peter Fischer hat dann die Idee gehabt, Test-Beispiele zu zeigen. Das Interesse daran war unglaublich, jeder wollte Test-Beispiel sein. Egal ob das Gebäude Taxonomie-Rot oder Taxonomie-Grün war. Unter diesen Test-Beispielen haben wir alle Arten von Gebäuden, von Wohnen bis Büro, von Alt bis Neu. Alle diese Teilnehmer sind verpflichtet, sämtliche Daten offenzulegen und Begehungen zu erlauben. Damit kann man erleben, was Taxonomie-Rot oder Taxonomie-Grün bedeutet. Damit können wir viele Menschen erreichen, die jetzt vielleicht noch nicht im Detail verstehen, worum es geht.

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