Mittwoch, Februar 28, 2024
Betont gut – Beton tut gut – Beton ist gut?

„Zubetonieren“ - „Betonkopf“ - im Alltag verwenden wir den Begriff Beton meist eher in negativen Kontexten. Warum ist das so? Die VÖZ, Beton-Fürsprecherin begibt sich mit dem Kulturanthropologen Roland Girtler auf Spurensuche.

Beton und Natur - das passt auf den ersten Blick nun nicht gerade zusammen. Die VÖZ,  Vereinigung der österreichischen Zementindustrie, sieht aber ein erstes Umdenken in der Baubranche: Die Ressource Boden zu schonen sei mittlerweile eines der wichtigsten Themen, Lösungsansätze sind das Bauen bzw. Aufstocken in die Höhe. „Verdichtung und in die Höhe bauen wird in Zukunft noch mehr Österreichs bestimmende Bauform sein, denn der Boden ist wertvoll und das Bewusstsein ist nun endlich da, dass der Wald und die grüne Wiese geschützt werden müssen.“, so Sebastian Spaun, Geschäftsführer der VÖZ.

Im Zusammenhang mit dem Thema Bodenverbrauch und Versiegelung gibt es im deutschen Sprachgebrauch aber häufig eine missbräuchliche Verwendung des Begriffs Beton. Die VÖZ wollte der Ursache dafür auf den Grund gehen und fragte nach bei Roland Girtler, Schriftsteller, Soziologe und Kulturanthropologe an der Universität Wien. Girtler beschäftigte sich intensiv mit der Herkunft des Wortes Beton und präsentierte überraschende Ergebnisse. „Eine sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Begriff Beton zwingt zu einem Blick auf die Historie – und führt zu der Erkenntnis, warum das eigentlich auch gut ist, dass nicht nur verbal so viel ,betoniert´ wird“, fasst Girtler zusammen.

Wenn man den Begriff „Beton“ googelt, erhält man 219 Millionen Treffer. Die Ergebnisse reichen von betont über betonen bis zu Ziehbeton. Häufig wird Beton als Synonym für etwas Negatives verwendet, da liest man von „Die Opposition betonierte den Bürgermeister“, „eine einzementierte Meinung haben“, „Betonköpfe“ oder auch „Das Land wird zubetoniert“.

Dazu Girtler: „In meiner Jugend sagte man ,Ich betonier Dir eine´, ,Die Fußballmannschaft steht da wie Beton´ oder auch ,Ich verpass Dir Betonpatscherl und dann hau ich Dich in den Donaukanal´. Diese Redewendungen drücken Bedrohung oder Macht aus. So wie auch das heute oft verwendete ,Zubetonieren´ im Zusammenhang mit der Zersiedelung und dem Bodenverbrauch.“

Plakative Slogans

Dass keine der Aussagen der sprachwissenschaftlichen Wahrheit entspricht, spielt keine Rolle, meint Girtler, denn es geht um plakative Slogans, die mit Hilfe von „Beton“ getroffen werden. Das ist gewollt so und das kommt gut an. Dass der Umgang mit dem Begriff Beton – sei es als Substantiv, als Verb oder als Adjektiv gebraucht – so lässig gehandhabt wird, ist für Girtler als begeisterter Sprachphilosoph höchst spannend:

„Da muss ich bei den Römern anfangen und ihrem ,opus caementicium´, dem sogenannten römischen Beton. Seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. bauten die Römer mit einer betonähnlichen Substanz. Sogar Zuschlagsstoffe kannten die klugen Römer, womit sie einen wasserdichten Estrichmörtel erzeugten. Der Stein, in der Folge der Industrialisierung dann der Beton, steht für Massivität, Stabilität, Langlebigkeit und Robustheit. Für Beton braucht man Zement. Zement war und ist ein bedeutender Kulturgegenstand, ein epochales Ereignis im Entstehen der römischen Baukultur.“

Die negative Verwendung des Wortes Beton oder auch Zement erklärt Girtler so: „Sobald subjektiv empfunden wird, dass von einem Material zu viel eingesetzt wird, wettern Menschen dagegen. Das hat auch viel mit Emotionen zu tun.“ Baumaterialien spielen eine wichtige Rolle beim Verstehen der Menschen. In Altaussee zum Beispiel, Girtlers zweiter Heimat, wurden Häuser aus Holz gebaut, aber ihr Fundament war immer aus Stein oder später aus Zement und Beton.

Girtler erläutert: „Das ist weder gut noch schlecht, das ist die Baukultur der Menschen in Altaussee, wo es viel Holz gab, aber auch das Bewusstsein, dass jedes Gebäude ein beständiges Fundament benötigt. Das ist doch betont gut, Beton tut offensichtlich gut, sorgt für eine Jahrhunderte haltende, stabile Grundlage – also ist Beton doch eigentlich gut?“

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