Donnerstag, Mai 23, 2024

Weltweit tobt ein Wettkampf um die höchsten und größten Gebäude aus Holz.  Im Wettstreit mit anderen Baustoffen geht es vor allem um die Themen Brandschutz und Errichtungskosten. Parallel dazu sorgt ein Forschungsprojekt in Cambridge für Aufsehen.

Das höchste Vorzeigeprojekt Österreichs, das Holzhochhaus HoHo in Aspern Seestadt, wird eine Klasse für sich. Es ist das weltweit erste 24-geschoßige Holzhochhaus und liegt voll im Trend. Direkt neben der U-Bahn und dem See der Seestadt gebaut, signalisiert das HoHo Selbstbewusstsein. Bedenken zu der Lage gibt es keine. Mit Holz ist eben alles machbar. So soll es wohl aussehen und sich eben auch verkaufen. Das spürbare Erleben des Elements Holz steht im Vordergrund der Planung. »Wir wollen die übliche Kombination Kinocenter, Erlebnisgastronomie und Shopping-Meile vermeiden, da diese von der Holzatmosphäre gar nicht profitieren könnten. Die HoHo-Wien-Mieter suchen das Besondere«, betont Baumeisterin Caroline Palfy von der  cetus Baudevelopment GmbH . Bis 2018 soll das HoHo Wien fertig sein.

Rasante Aufholjagd

Nicht nur Länder mit einer reichen Holzbautradition wie Österreich sind in den Wettbewerb der Holzbauer eingestiegen: Mailand punktet mit der Via Cenni, dem größten Wohnbauprojekt Europas aus Holz, London lässt aufhorchen mit ganzen Stadtteilen, die dem Trendmaterial Holz gewidmet sind.
Zwar sind die 84 Meter Höhe des HoHo verglichen mit dem Burj Khalifa in Dubai mit 828 Metern, derzeit das höchste Gebäude der Welt, nicht viel. Auch den Vergleich mit dem Empire State Building in New York mit 381 Metern hält es nicht stand. Aber überlegt man, dass noch vor wenigen Jahren der Holzbau nur der Öko-Fraktion der Architekten vorbehalten war und vor allem beim Bau von Einfamilienhäusern zum Einsatz kam, dann ist die Entwicklung atemberaubend schnell.

Stadtbrände und Brandbomben

Ein zentrales Problem, mit dem sich Holzbauer auf der ganzen Welt herumschlagen müssen, ist der Brandschutz. Auch in Deutschland sind maximal fünf Geschoße in Holzbauweise zulässig, für höhere Varianten bedarf es einer Sondergenehmigung. »Beim Bauen aus Holz denken viele an die Stadtbrände im Mittelalter und die Brandbomben im Krieg«, sagt Tom Kaden. Der Berliner Architekt gilt als Pionier in der Holzbauszene: Bereits 2008 baute er ein siebenstöckiges Wohnhaus im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Fürsprecher seines Konzepts, so der Geschäftsführer des Berliner Büros Kaden und Lager GmbH, sei ausgerechnet die Feuerwehr gewesen. »Die wissen, dass Stützen aus Holz einem Brand länger standhalten als Stahl.« Holz ist zwar schneller entzündlich, aber die Abbrennrate ist besser berechenbar: Selbst verkohlte Balken können noch einiges halten, wenn Stahl schon längst geschmolzen wäre.

Erster siebengeschoßiger Wohnbau aus Holz

Bild: HoHo in der Seestadt Aspern: das weltweit erste 24-geschoßige Holzhochhaus.

Das Projekt e3 wurde auf einem Grundstück in der Berliner Esmarchstraße realisiert. Es handelt sich hierbei um die erste siebengeschoßige Holzkonstruktion in einem großstädtischen Zentrumsbereich Europas. Mit dem Projekt e3 konnte eindeutig der Beweis erbracht werden, dass 22 Meter hohe, siebengeschoßige Bauten mit Holzkonstruktion im urbanen Kontext so realisiert werden können, dass alle deutschen Brandschutzvorschriften eingehalten werden und die optische Anmutung keinesfalls anheimelnd-gemütlich ist. Damit rücken auch Hochhäuser mit Holzkonstruktionen mehr und mehr in den Bereich des Machbaren.
Das Baumaterial Holz erfordert gerade beim Brandschutzplan höchste Standards. Drei Säulen waren für das Projekt von zentraler Bedeutung: Neben der Planung kurzer, komplett rauchfreier Fluchtwege sowie der Installation einer Rauchmeldeanlage wurde der Feuerwiderstand der tragenden und aussteifenden Holzbauteile durch eine lücken- und hohlraumlose Brandschutzbekleidung (Kapselung) mit Gipsfaserplatten maximiert.

Die Konstruktion des Wohnbereiches besteht fast vollständig aus Holz. Ausgenommen sind hiervon lediglich die beiden vorelementierten Brandwände zum linken und rechten Nachbargebäude sowie zwei Ortbetonkerne für die Haustechnik. Höchste Qualitäts- und Ausführungsstandards sowie eine extrem kurze Bauzeit waren gewährleistet, da die Holzkonstruktion unter kontrollierten Bedingungen in einer klimatisierten Halle industriell vorgefertigt wurden. Das Ergebnis: Bereits nach einer Bauzeit von nur neun Monaten konnte dem Bauherrn das neue Haus übergeben werden. Eine Besonderheit dieses Gebäudes ist, dass das Material Holz an der Außenfassade nicht in Erscheinung tritt, da in diesem urbanen baulichen Kontext eine langsam verwitternde Holzfassade ein absoluter Fremdkörper gewesen wäre. Holz wurde daher in erster Linie als Konstruktions- und Dämmmaterial genutzt.

Holzspezialisten aus Österreich

Bild: Geringes Transportgewicht, eine optimale Ausnutzung der Rohmaterialien, hohe Flexibilität, Nachhaltigkeit und einfache Handhabung zeichnen das für die Flüchtlingskrise entwickelte Egger Konzepthaus aus.

In Sachen Holzbau-Know-how ist Österreich weltweit führend. Carsten Ritterbach, Leitung Verkauf/Marketing EGGER Building Products, kann etwa auf eine eigene, spektakuläre Referenz verweisen. »Unser neues Stammhaus in St. Johann in Tirol ist ein reiner Holzbau mit vier Geschoßen und fast 10.000 m².« Die zwei viergeschoßigen Baukörper aus vorgefertigten Holzbaumodulen sind durch ein glasüberdachtes Atrium miteinander verbunden. Zwölf Meter lange Holz-Module schaffen Raum für 250 Arbeitsplätze. Außerdem hat Egger gemeinsam mit dem Architekten Bruno Moser und dem Holzbauunternehmen Saurer das Egger Konzepthaus entwickelt, ein modulares System, um in der Flüchtlingskrise schnell verfügbaren, leistbaren und nachhaltigen Wohnraum zu schaffen. »Geringes Transportgewicht, eine optimale Ausnutzung der Rohmaterialien, hohe Flexibilität, Nachhaltigkeit und einfache Handhabung zeichnen unser Konzept aus«, fasst Ritterbach zusammen.

Der markanteste Unterschied zu herkömmlichen Raumzellen oder Containern ist dabei das Gebäudevolumen. Das gesamte Gebäude wird in gedämmten Flächenelementen zerlegt angeliefert, um den Transport und die Lagerkosten zu minimieren. Die schnelle Montage erlaubt es, binnen kürzester Zeit auch mehrstöckige Gebäude zu errichten, die im Grundriss an den jeweiligen Standort und die Nutzung angepasst sind. Auch für das höchste Holzgebäude Großbritanniens, in der Londoner Wenlock Road, kommen das Brettsperrholz und das Know-how für die zehn Wohngeschoße aus Tirol. Gemeinsam mit der B & K Structures hat binderholz Bausysteme das Grundkonzept für das Holzhybridgebäude entwickelt. Die Massivholz- und Stahlkonstruktion wurde gemeinsam mit der gesamten Montage des Projektes von den Österreichern umgesetzt.

Auch für das hinsichtlich seines Volumens aktuell größte Holzbauprojekt der Welt in der Londoner Dalston Lane kommt das Brettsperrholz, das von Architekt Andrew Waugh als »der massive Baustoff der Zukunft« bezeichnet wird, aus Tirol. Wie der deutsche Holzbaupionier Tom Kaden verweist auch Waugh darauf, dass das Projekt wesentlich schneller – nur in der Hälfte der Bauzeit – verglichen mit Standardbauweisen gebaut werden kann. Und auch die Kosten seien nicht höher als sonst, Holzbau ist also nicht teurer als vergleichbare Bauweisen. Außerdem werden im Vergleich zu einer konventionellen Bauweise in Stahlbeton – wie bei Gebäuden dieses Ausmaßes üblich – in der Dalston Lane insgesamt 2400 Tonnen CO2 eingespart. »Zieht man auch jenes Kohlendioxid in Betracht, welches im noch lebenden Holz per Photosynthese gespeichert wurde, ist der Bau quasi CO2-neutral«, so die Architekten. 

Günstiger als Stahl und Beton

Der Frage, ob man mit Holz kostengünstiger und schneller als mit Stahl und Beton bauen kann, stellt sich auch ein Team von Forschern der Universität Cambridge in Zusammenhang mit den Plänen für das »Barbican« – ein 300 m hohes Holzhochhaus in London.
Das Hochhaus soll 80 Stockwerke auf 1.000.000 m2 – in Worten: eine Million Quadratmeter  – mit gemischter Nutzung bekommen. Das Gewicht und die Brandsicherheit sollen mit Standardbauwerken verglichen werden können. Nicht nur in der Mega-City London geht der Platz für Neubauten aus, dasselbe Problem haben alle Riesenstädte. Und wenn kein Platz mehr ist – dann baut man eben in die Höhe. »Wir glauben, dass der Markt offen ist für hohe Gebäude in natürlichen Materialien, wie eben Holz«, so Michael Ramage, Direktor des Cambridge Center for Natural Material Innovation.

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