Mittwoch, September 16, 2026

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Helmut Leopold leitet die Gaia-X-Initiative in Österreich – und damit den Aufbau eines neuen Systems, wie Wirtschaft in Zukunft funktionieren wird.

Helmut Leopold
Fotocredit: Zinner

Bild: Helmut Leopold ist Chairman des Gaia‑X Hub Austria und Head of Center for Digital Safety & Security am AIT Austrian Institute of Technology.


Report:
Was steckt hinter der Initiative Gaia-X?

Helmut Leopold: Für mich geht es dabei um die nächste große Entwicklungsphase des Internets. Vor 25 oder 30 Jahren wurde begonnen, das Internet aufzubauen. Damals wurde über E-Commerce und elektronische Marktplätze gesprochen, und viele haben zunächst den Nutzen nicht verstanden. Bei E-Mail war es ähnlich. Eine E-Mail hat für den Einzelnen keinen Vorteil, solange es niemanden gibt, mit dem er sie austauschen kann. Heute ist E-Mail eine der am stärksten in unsere Arbeitswelt eingebauten Anwendungen überhaupt. Sie ist Dokumentationssystem, Suchsystem, Archiv und Teil vieler Prozesse.

Beim Datenaustausch stehen wir heute vor einer ähnlichen Entwicklung. Im Grunde arbeiten wir noch immer primitiv. Wir schicken Dateien von einem Server zum anderen. Künftig müssen aber permanent riesige Mengen an Daten zwischen Unternehmen, Maschinen, Organisationen und IT-Services ausgetauscht werden. Denken Sie nur an KI und Datenanalyse. Dafür brauchen wir ein System, welches nachhaltig transparent ermöglicht, festzulegen, wer wann, warum und zu welchem Zweck welche Daten verwenden darf.

Warum reichen dafür unsere heutigen Regeln und Systeme nicht aus?

Leopold: Weil sie nicht skalieren. Wir haben im Datenschutz vor Jahrzehnten vernünftige Prinzipien festgelegt: Zweckbindung, Datenminimierung und Transparenz. Aber wie überprüfen wir das in einer Welt, in der Milliarden von Daten laufend verwendet, wiederverwendet und ausgetauscht werden?

Um zum Beispiel ein Auto zu bauen, sind über die Lieferkette hinweg sehr viele rechtlich eigenständige Unternehmen beteiligt. Da kann nicht jedes Mal ein Mensch in manuellen Prozesses kontrollieren, wer welche Daten verwenden darf. Gleichzeitig schafft Europa mit dem Data Act, dem Data Governance Act und anderen Regelwerken Vorgaben für den Umgang mit Daten. Wenn Millionen Akteure mit Millionen Daten arbeiten, muss die Einhaltung dieser Regeln im System selbst verankert sein. Datensouveränität muss „by Design“ funktionieren. Die Systeme müssen maschinenlesbar kontrollieren können, ob Regeln eingehalten werden, und die Vorgänge müssen transparent und auditierbar sein.

Was wäre die Alternative?

Leopold: Die technisch einfache Alternative sehen wir heute. Wir zentralisieren möglichst viele Daten bei einem großen Provider. Dann haben wir aber ein Monopolsystem. Aber Monopole sind keine Grundlage für einen freien Markt. Wenn ein Anbieter weltweit die Daten für die kommenden datengetriebenen Geschäftsmodelle kontrolliert, kann ein neuer Marktteilnehmer kaum noch unter vergleichbaren Bedingungen konkurrieren. Der etablierte Anbieter hat die Daten bereits und kann damit bessere oder billigere Services anbieten. Und es geht auch gesellschaftlich darum, wer Informationen verwendet und wie sie interpretiert werden. Jeder Datenbesitzer sollte zusätzlich eigene Regeln definieren können. Das System sorgt dann dafür, dass Daten nur nach diesen Regeln ausgetauscht werden.

Warum ist Gaia-X in der ersten Phase vor allem ein Thema für die Industrie?

Leopold: Das hat einen einfachen Grund. Produzierende Unternehmen verstehen aus ihrer Supply-Chain-Logik heraus sehr schnell, warum sie solche Mechanismen brauchen. Ein Vorreiter ist die europäische Automobilindustrie. Sie muss sehr komplexe Lieferketten beherrschbar und resilienter machen. Dieselbe Logik gilt für Gesundheit, Landwirtschaft, Tourismus, Energie oder den öffentlichen Bereich.

Im Gegensatz zu den Anfängen von Gaia-X vor sieben Jahren, reden wir nicht mehr nur über eine Vision. Es gibt mittlerweile Spezifikationen und Architekturen, es laufen Standardisierungsaktivitäten, und es gibt ein Portfolio an Open-Source-Lösungen. Damit sinken für Unternehmen sowohl die Time-to-Market als auch die Investitionskosten. Unternehmen müssen nicht bei null anfangen. Dazu kommt ein Ökosystem von Gaia-X-Hubs, die Unternehmen beim Einstieg unterstützen.

Welche Rolle spielt der Gaia-X Hub Austria?

Leopold: Der Gaia-X Hub Austria soll diese Möglichkeiten dem österreichischen Standort näherbringen. Wir bieten Awareness, Weiterbildung,  Infrastruktur und „Test before Invest“Unterstützungen. Unternehmen können sich also zunächst mit der Technologie beschäftigen und Dinge ausprobieren, bevor sie größere Investitionen tätigen.

Wir haben beim AIT Know-how und Infrastruktur aufgebaut, um mit den Open-Source-Komponenten arbeiten zu können. Ein Unternehmen kann mit uns zunächst in einer Laborumgebung testen und gleichzeitig technisches und strategisches Know-how aufbauen. Wenn daraus eine größere Implementierung oder die Teilnahme an einem europäischen Data-Space-Projekt entstehen soll, können wir über unser europäisches Netzwerk Türen öffnen, Partner vermitteln und auch bei europäischen Fördermöglichkeiten unterstützen.

Dabei entstehen ganz unterschiedliche Rollen. Ein Unternehmen kann Datenbesitzer sein, Daten transportieren, Services anbieten, Cloud-Infrastruktur bereitstellen oder neue Lösungen entwickeln. Dieses Ökosystem beginnt sich jetzt zu formen.

Welche Bereiche könnte ein solcher Data Space - oder Datenraum – umfassen?

Leopold: Nehmen wir das Energiemanagement der Zukunft. Dafür brauche ich vielleicht den aktuellen Energieverbrauch eines Haushalts, den Ladezustand eines Elektroautos, Daten von Photovoltaikanlagen, Informationen aus dem Stromnetz und zusätzlich Wetterdaten. Plötzlich verbinde ich Automotive, Energieproduktion, Netze, Haushalte und öffentliche Daten miteinander. Entscheidend ist, dass diese Datenräume nicht voneinander isoliert bleiben dürfen.

Natürlich könnte ich all diese Daten bei einem Anbieter zentralisieren. Das ist technisch bequem. Wenn wir aber kein Monopol wollen, brauchen wir eine Alternative. Dann muss transparent und automatisiert geregelt sein, wer welches Datum zu welchem Zweck bekommt.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, wie daraus ein Geschäftsmodell entstehen kann?

Leopold: Wir haben beispielsweise einen Use-Case für die Batterieproduktion im Automotive-Bereich umgesetzt. Dort gibt es Produktionsdaten einer Batterie und später Gebrauchsdaten, Ladezyklen und Wartungsinformationen. Diese Informationen liegen bei unterschiedlichen Akteuren. Wenn die Batterie irgendwann in die Kreislaufwirtschaft kommt, möchte ich wissen, wie sie produziert wurde, welche Materialien enthalten sind und in welchem Zustand sie sich befindet. Dann kann ich entscheiden, ob sie wiederverwendet oder recycelt werden kann.

Ein sehr anschauliches österreichisches Beispiel ist ein Ski. Stellen Sie sich vor, ein Ski bekommt bei der Produktion eine eindeutige Identität, etwa über einen QR-Code. Die Produktionsdaten bleiben beim Hersteller. Später wird der Ski in unterschiedlichen Skigebieten von Servicemaschinen gewartet. Auch diese Wartungsdaten bleiben jeweils dort, wo sie entstehen.

Wenn der Ski irgendwann verkauft wird, könnte ein Händler auf die freigegebenen Daten zugreifen und sagen: Ich weiß, wie dieser Ski hergestellt wurde, welche Materialien enthalten sind und wie oft er gewartet wurde. Damit lässt sich sein tatsächlicher Wert viel besser bestimmen. Ein Vermieter könnte sein Portfolio effizienter managen. Und am Ende des Lebenszyklus weiß ein Recyclingunternehmen, welche Materialien verarbeitet wurden. Die Daten werden dafür nicht in einer riesigen zentralen Datenbank gesammelt. Sie bleiben verteilt und werden erst dann abgerufen, wenn sie für einen bestimmten, erlaubten Zweck benötigt werden.

Datenräume sind damit auch eine Voraussetzung für Kreislaufwirtschaft?

Leopold: Für viele Anwendungen auf jeden Fall, etwa im Textilbereich. Von der Faserproduktion über die Verarbeitung bis zum Färben können Produktionsschritte dokumentiert werden. Wenn ein Kleidungsstück später recycelt werden soll, können die dafür notwendigen Produktions- und Verarbeitungsdaten abgerufen werden. Dasselbe sehen wir in der Landwirtschaft: bei Lebensmitteln, deren Herkunft, Verarbeitung und Lagerung dokumentiert werden.

In Europa wird bereits in sehr vielen Bereichen experimentiert. Was mir fehlt, ist manchmal der Blick auf den Gesamtkontext. Wir bauen hier eine neue Dateninfrastruktur auf, durch die Geschäftsmodelle möglich werden, die heute noch keinen Sinn ergeben, weil die notwendigen Daten nicht verfügbar sind. Morgen können diese Modelle sehr wohl wirtschaftlich funktionieren.

Welche Bedeutung hat das für KI? Die aktuelle Diskussion dreht sich ja sehr stark um Modelle und KI-Agenten.

Leopold: Genau deshalb darf man nicht nur an Daten denken, sondern muss auch IT-Services einbeziehen. Stellen Sie sich vor, ein KI-Agent verwendet hundert oder tausend andere Services. Wie wollen Sie danach noch nachvollziehen, wie ein Ergebnis zustande gekommen ist?

Wir brauchen deshalb Identitäten und maschinenlesbare Beschreibungen für Daten und Services. Entsprechend eines digitalen Produktpasses. Wenn ein KI-Service einen „Pass“ hat, in dem beispielsweise beschrieben ist, welche Trainingsdaten oder welche anderen Services verwendet wurden, kann ich im Nachhinein nachvollziehen, wie ein Ergebnis zustande gekommen ist.

Für mich gibt es keine wirklich vertrauenswürdige und effektive KI ohne eine vernünftige Datenbasis darunter. Heute haben wir vielfach ein System, bei dem ich einem zentralen Anbieter einfach glauben muss. Das reicht auf Dauer nicht.

Das klingt prinzipiell interessant, aber warum sollten Unternehmen heute schon investieren?

Leopold: Wenn ich morgen wettbewerbsfähig sein möchte, muss ich mich heute mit den Veränderungen meines Marktes beschäftigen. Das war beim Internet genauso. Damals wurde ernsthaft über „Old Economy“ und „New Economy“ diskutiert. Die Welt dreht sich trotzdem weiter.

Es gibt aus meiner Sicht zwei Ebenen. Die erste ist sehr unmittelbar. Unternehmen müssen sicherstellen, dass sie morgen noch Teil ihrer Supply-Chain sind. Schauen Sie auf Catena-X (Anm. Datenökosystem für die Automobilindustrie). Wenn sich eine Industrie auf bestimmte Spielregeln für den Datenaustausch verständigt, werden Zulieferer diese Regeln erfüllen müssen. Irgendwann sagt der Einkäufer: Entweder du kannst in diesem System mitspielen oder du bist als Lieferant nicht mehr interessant.

Die zweite Ebene ist strategischer. Welche neuen datengetriebenen Geschäftsmodelle entstehen? Wie kann ich mich mit meinen Produkten und Services neu positionieren? Das ist kein reines IT-Thema. Das gehört auf die Ebene des Geschäftsführers und des Eigentümers. Es geht darum, wettbewerbsfähig zu bleiben oder neues Geschäft zu erschließen. Das ist ein Thema für die kommenden Jahre bis 2030.

Wie kann in diesem System sichergestellt werden, dass Daten tatsächlich nur für den vereinbarten Zweck verwendet werden?

Leopold: Dafür brauchen wir neben der Beschreibung der Daten auch digitale Identitäten. Wer bietet Daten an, wer verwendet sie und welche Eigenschaften hat diese Organisation? Dafür werden Clearing-House-Services entstehen. Ein Unternehmen kann sich mit entsprechenden Zertifikaten dort registrieren und erhält einen Identifier. Ein Datenbesitzer kann dann maschinenlesbar festlegen: Ich gebe diese Daten nur Organisationen mit bestimmten Eigenschaften und die Datenplattform überprüft diese Bedingungen und Regeln automatisch.

Natürlich kann es weiterhin Betrug geben. Technik wird das normale Rechtssystem nicht ersetzen. Aber der Unterschied ist, dass wir einen nachvollziehbaren Vertragszustand und Fakten schaffen. Wenn vereinbart wurde, dass Daten nur für Forschung verwendet werden dürfen und jemand sie kommerziell nutzt, lässt sich feststellen, dass gegen die vereinbarten Bedingungen verstoßen wurde.

Wichtig ist außerdem, dass nicht Gaia-X ein einziges Regelwerk für die ganze Welt vorgibt. Staaten werden Regeln festlegen, die EU wird Regeln schaffen, Branchen definieren zusätzliche Bedingungen und einzelne Unternehmen können ihre eigenen Vorgaben ergänzen. Gaia-X hat dazu Funktionen entwickelt, um für einzelne Unternehmen einfach eigene Regeln festlegen zu können.   

Gaia-X wurde in den ersten Jahren auch missverstanden. Man hat davon gesprochen, an einem europäischen Gegenentwurf zu den großen amerikanischen Cloud-Anbietern aufzubauen.

Leopold: Es geht nicht darum, einen europäischen zentralisierten Cloud-Provider aufzubauen. Selbst wenn wir mehrere große europäische Cloud-Provider hätten, wäre die entscheidende Frage noch immer dieselbe: Wie tauschen diese Anbieter und ihre Kunden Daten über Unternehmens-, Branchen- und Systemgrenzen hinweg aus?

Wir brauchen einen Mechanismus für verteilten und domänenübergreifenden Datenaustausch. Das ist etwas völlig anderes als der Bau eines europäischen Rechenzentrums oder eines neuen Cloud-Anbieters. Dass Gaia-X anfangs teilweise anders wahrgenommen wurde, ist sicherlich ein Kommunikationsproblem und hängt auch mit der Entstehungsgeschichte zusammen. Aber die Diskussion darüber lenkt heute eher vom eigentlichen Thema ab.

 

Veranstaltung: Gaia-X Summit im November
Am 19. und 20. November 2026 findet der Gaia-X Summit in Wien statt. Unter dem Motto „Season 2.0 of Sovereign, Trusted AI & Data Ecosystems“ stehen vertrauenswürdiger Datenzugang, digitale Souveränität, KI-basierte Wertschöpfung sowie kollaborative digitale Ökosysteme in Europa im Mittelpunkt. Der Summit bringt Vertreter aus Wirtschaft, Forschung, Politik und Verwaltung zusammen, um aktuelle Entwicklungen, konkrete Anwendungsbeispiele und zukünftige Perspektiven rund um Datenräume, vertrauenswürdige KI und europäische digitale Infrastrukturen zu diskutieren. Der Besuch bietet eine großartige Möglichkeit, sich mit der europäischen Gaia-X Community zu vernetzen.

www.gaia-x.at/gaia-x-summit/

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