Samstag, Juli 02, 2022

Um die Ziele des European Green Deal zu erreichen, ­müssen enorme Mengen von mineralischen Rohstoffen zusätzlich gewonnen werden, um den zusätzlichen Bedarf zu decken. Ein Kommentar von Holger Paulick, Leiter der Fachabteilung Rohstoffgeologie, Geologische Bundesanstalt.

Schon seit den 1980er-Jahren weisen Geolog*innen und andere Geowissenschafter*innen auf die globale Erderwärmung hin. Mit dem Kyoto-Protokoll wurde 1997 erstmals eine internationale Vereinbarung geschaffen, die die Eindämmung des Eintrags von Treibhausgasen in die Atmosphäre durch den Menschen zum Ziel hat. Allerdings waren diese Anstrengungen bisher von begrenzter Wirkung: Bei einer Wanderung in hochgelegenen Alpenregionen kann man sich vom rapiden Rückzug der Gletscher mit eigenen Augen überzeugen.

Ein radikaler Umbau der Energieversorgung, Wirtschaft und Mobilität soll nun für einen entscheidenden Umschwung sorgen, zumindest in Europa. Der europäische »Green Deal« will ein klimaneutrales Europa bis zum Jahr 2050 erreichen. Insbesondere soll der anthropogene Ausstoß von CO2 substanziell eingeschränkt werden, auf ein Niveau, das mit der Fixierung von CO2 in natürlichen Speichern wie zum Beispiel Biomasse im Gleichgewicht steht.

Wandel erfordert Mengen

Dieses Vorhaben ist in erster Linie ein industrieller Transformationsprozess, der das Fundament der Energieversorgung von den fossilen Rohstoffen Kohle, Erdöl, Erdgas auf die regenerativen Quellen Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme verschiebt. Um diesen Wandel zu bewerkstelligen, müssen enorme Mengen von mineralischen Rohstoffen zusätzlich gewonnen werden, um den zusätzlichen Bedarf zu decken. Es müssen ja große Mengen an Windrädern, Solarpanelen, Elektroautos usw. erst gebaut werden. Allein für Lithiumionenakkus für die E-Mobilität muss die weltweite Primärproduktion von Lithium, Kobalt und Graphit verdreifacht bis verzehnfacht werden, je nach Schätzung. Das Recycling wird erst eine relevante Rolle einnehmen können, wenn die Nachfrage nicht weiter ansteigt und die Produkte das Ende ihrer – hoffentlich möglichst langen – Verwendungsdauer erreicht haben.

Tonnenschwere Erneuerbare

Bei den meisten Bedarfsanalysen werden für verschiedene Szenarien die Entwicklungen der zusätzlichen Nachfrage an unterschiedlichen Metallen wie Kobalt, Lithium, Platin, seltene Erden, Germanium, Gallium usw. für E-Motoren, Energiespeicherung und Energieumwandlung betrachtet. Der zusätzliche Bedarf an Baurohstoffen ist allerdings ebenfalls enorm. Für ein Windrad wird Beton in der Größenordnung von 1.000 Tonnen benötigt und die technische Lebensdauer liegt bei 20 Jahren.

Insgesamt betrachtet wird für die Erzeugung von 1 MW Strom aus Wind-, Wasser- oder Solarenergie deutlich mehr Beton benötigt, als das bei Kohle- oder Gaskraftwerken der Fall ist. Die Schätzungen liegen bei einem Mehrbedarf von fünf- bis zehnmal so viel Beton für 1 MW aus regenerativen Energieformen im Vergleich zu den fossilen Energieträgern. Die entsprechenden Vorkommen an Baurohstoffen müssen aus regionalen Quellen zu Verfügung gestellt werden, um die CO2-Bilanz von grüner Stromerzeugung nicht schon zu Beginn durch unnötig lange Transportwege zu belasten.

Die österreichischen Nahversorger von mineralischen Rohstoffen werden auch für die Erreichung der Ziele des Green Deal dringend gebraucht. Sie sind ein Teil der Lösung der vielfältigen Schwierigkeiten auf dem Weg zu einem klimaneutralen Wirtschaften in Europa. Hierbei ist die Geologische Bundesanstalt, die ab 2023 mit der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik zur »Geosphere Austria« fusioniert, ein verlässlicher Forschungspartner.n

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