Montag, Juni 24, 2024
Ruf nach einer neuen Wirtschaft
Anna Leitner, ­Global 2000, setzt sich für ein ­starkes Lieferkettengesetz ein. (Credit: Katharina Pichler)

Die Gesetze für nachhaltiges Wirtschaften werden kommen – das steht fest, und Unternehmen sollten sich darauf gefasst machen. Anna Leitner, Campaignerin für Ressourcen und Lieferketten bei Global 2000, über mehr Verantwortung in Wertschöpfungsketten und Engagement für eine bessere Welt.

Wofür setzt sich Global 2000 ein?

Anna Leitner: Wir kämpfen für das Schöne: Seit mehr als 40 Jahren setzt sich Global 2000 für ein gutes Leben für alle auf einem intakten Planeten ein. Zum Beispiel, indem wir aufzeigen, wie eine nachhaltige Landwirtschaft funktionieren kann oder wie wir die Energiewende vorantreiben. 

Was ist Ihre Aufgabe bei der NGO?

Leitner: Als Campaignerin für Ressourcen und Lieferketten setze ich mich für eine Trendwende beim Ressourcenverbrauch ein. Das beinhaltet auch die Forderung nach einem starken Lieferkettengesetz, damit Konzerne endlich Verantwortung für ihre Wertschöpfungsketten – vom Rohstoffabbau bis zur Reparatur – übernehmen.

Welche Bereiche in der Wirtschaft und auch einzelne Unternehmen sehen Sie als Vorreiter für den notwendigen Umbau hin zu einer nachhaltigen, ressourcenschonenden Wirtschaft?

Leitner: In jeder Branche gibt es »bad guys«, deshalb sind gleiche Spielregeln für alle so wichtig. Natürlich gibt es Unternehmen, denen es leichter fällt, einen Platz in der neuen Wirtschaft zu finden, weil sie essenzielle Güter für die Energiewende herstellen oder ohnehin wenig Ressourcen für ihr Geschäftsmodell verbrauchen. Aus unserer Sicht sind die systemischen Änderungen – die vor allem der Staat in der Hand hat – notwendig. Statt weiterhin auf BIP-Wachstum zu setzen, müssen dazu die Klima- und Kreislaufwirtschaftsziele sowie die Erfüllung von menschlichen Grundbedürfnissen als verbindliche Rahmen und Basis gelten.

Was kommt hier auch legislativ auf die österreichische Wirtschaft zu, etwa mit dem Lieferkettengesetz der EU?

Leitner: Die sogenannte Sorgfaltspflicht-Richtlinie – das EU-Lieferkettengesetz – wurde von der Europäischen Kommission im Februar 2022 vorgeschlagen. Einiges ist davon noch offen, doch Unternehmen werden beispielsweise ihre Bemühen nachweisen müssen, wie sie Umweltzerstörungen wie die Verschmutzung von Wasser und Boden oder negative Auswirkungen auf das Klima vermeiden, und insbesondere auch Arbeitnehmer*innen- und Menschenrechte beachten.

Es gibt hier eine Anlehnung an die bereits bestehenden OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen, die auf verantwortungsvolles unternehmerisches Agieren zielen. Diese Verantwortung ist bislang für die Lieferkette freiwillig. Nun wird auf EU-Ebene verhandelt, die Sorgfaltsprüfungen verpflichtend zu machen. Sobald die Richtlinie fertig verhandelt ist, wird auch Österreich innerhalb von zwei Jahren ein nationales Lieferkettengesetz umsetzen. Deshalb ist es wichtig für Unternehmen, bereits jetzt anzufangen und Wissen aufzubauen.

Wie können Unternehmen Nachhaltigkeit in ihren Lieferketten umsetzen?

Leitner: Wo gibt es Wissenslücken über Zulieferer und deren Lieferketten? Ein wichtiger erster Schritt ist hier die Zusammenarbeit innerhalb des Unternehmens: Weder Einkauf noch Nachhaltigkeits- oder Rechtsabteilung können diese Fragen allein beantworten. Zuallererst muss ein Unternehmen feststellen, wo die größten Risiken in seiner Wertschöpfungskette liegen. Über eine Risikoanalyse prüft man kritische Bereiche für ein »Supply Chain Mapping«, das je nach Branche unterschiedlich sein wird. Für einen Fahrzeughersteller etwa sind Rohstoffe besonders wichtig. Diese Unternehmen werden sichergehen müssen, dass bereits beim Abbau Umwelt- und Menschenrechtsstandards eingehalten werden.

»Dieses Bemühen um Nachhaltigkeit ist im Grunde etwas, dass man Konsument*innen seit 20 Jahren aufträgt. Themen wie Menschenrechte und Fairness werden jetzt auch für Unternehmen verpflichtend sein, damit diese ebenfalls einen Teil beitragen«, sagt Anna Leitner.

Die Ergebnisse daraus wird man in den Jahresberichten der Firmen nachlesen können. Wichtig ist zu betonen, dass es beim Lieferkettengesetz um eine Sorgfalts- und eine Bemühenspflicht geht. Wird ein Unternehmen trotz umfangreicher Analyse negative Auswirkungen auf die Umwelt nicht vermeiden können, muss zumindest ein Bemühen nachgewiesen werden. Auf jeden Fall wird es Verantwortliche in den Wertschöpfungsketten geben. Im Vergleich zu einer reinen Berichterstattung soll es mit dem Lieferkettengesetz auch zivilrechtliche Haftung geben. Betroffene erhalten damit die Möglichkeit, tatsächlich Gerechtigkeit zu erfahren und Schadenersatz zu erhalten. 

Wie ist die rechtliche Situation in den internationalen Lieferketten bisher gewesen?

Leitner: 2012 gab es zum Beispiel den Fall in Pakistan des Brands einer Textilfabrik, in der für einen Auftraggeber aus Deutschland genäht wurde. Die Hinterblieben wurden von pakistanischen Gerichten ebenso wie von den deutschen Gerichten aus Zuständigkeitsgründen abgewiesen. Das soll nun vereinfacht werden, Auftraggeber werden sich nicht mehr aus der Verantwortung ziehen können.

Grundsätzlich aber wird es in diesem Gesetz eine Verhältnismäßigkeit geben: Große Unternehmen haben große Verantwortung und ein kleines Unternehmen eine entsprechend geringere. Die Friseurin von nebenan wird man nicht zur Rechenschaft ziehen, wenn etwas in einem anderen Erdteil passiert. 

Braucht es für Veränderungen in Wirtschafts- und Geschäftsmodellen unbedingt gesetzliche Rahmen? Können man das nicht einfach den Unternehmen selbst überlassen?

Leitner: Ich habe selbst schon in nachhaltigen Unternehmen gearbeitet und bei vielen Menschen dort herrscht große Frustration. Wenn man der Einzige in einer Branche ist, der sich für die Umwelt und für bessere Lebensbedingungen engagiert, wenn man immer die Extrameile geht, andere aber den einfachsten Weg – dann herrscht Wettbewerbsungleichheit mit allen Nachteilen für nachhaltigeres Wirtschaften. Gesetze bedeuten Regeln, die für jeden gelten. Sie stellen ein »level playing field« in Märkten her. Damit können wir gemeinsam Standards heben. Die Last liegt nicht mehr auf Einzelnen. 

Haben wir genügend Ressourcen für den Umbau der Energiesysteme und auch der Industrie?

Leitner: Was ist genügend? Wir haben nicht genügend Ressourcen für ein »Weiter-wie-bisher« in grünem Anstrich. Es wird nicht möglich sein, alle Verbrennerfahrzeuge durch E-Autos zu ersetzen, ohne dabei alle Ressourcenbudget zu sprengen. Wissenschafter*innen zeigen aber auf, dass es mit einer Mobilitätswende hin zu öffentlichem Verkehr und aktiver Mobilität funktionieren kann. Es werden damit einfach weniger Autos gebraucht. Dasselbe gilt für unsere Energiesysteme: Weniger Verbrauch ist die Grundvoraussetzung, sei es durch Sanierung oder Suffizienzmaßnahmen. Damit dieser Umbau gelingt und gerecht ist, müssen alle an einem Strang ziehen.

Klimastreik am 15. September in elf ­Städten in Österreich: »Es ist der Kampf unseres Lebens.«

Sind Sie persönlich optimistisch, dass Österreich die gesetzten Klimaziele schafft?

Leitner: Wir haben keine andere Wahl, als nicht aufzugeben. Es ist der Kampf unseres Lebens, die schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise abzuwenden und eine lebenswerte Zukunft zu schaffen. In dem Sinne bin ich auch sicher, dass wir in Österreich und Europa ein Umdenken sehen und in den nächsten Jahren massive Änderungen in der Wirtschaftsweise beobachten werden.

(Fotos: GLOBAL 2000/Katharina Pichler/Christopher Glanzl)

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