Samstag, April 20, 2024

Martin Wagner, Geschäftsführer Verbund Energy4Business, über Entwicklungen des Strompreises, Unterstützung für Industriekund*innen und neue Wege zur Unabhängigkeit von Marktverwerfungen.

Wie ist Lage für die Unternehmen hinsichtlich der aktuellen Strompreissituation?

Martin Wagner: Verbund ist schon fast traditionell seit Jahrzehnten Partner der produzierenden Industrie in Österreich – mit einem Marktanteil um die 20 Prozent – und gerade jetzt intensiv in Diskussionen mit den Unternehmen. Im Laufe des Jahres haben sich die Strompreise extrem turbulent auf und ab bewegt, teilweise waren die Schwankungen auch innerhalb einzelner Tage sehr hoch. All das sind natürlich Faktoren, die Unternehmen intensiv auf der Kostenseite beschäftigen.
Das Managen dieser Preisvolatilität ist aber auch für die Energiewirtschaft eine große Herausforderung. Wir streben in dieser angespannten Situation trotzdem ein ausgewogenes Verhältnis und eine partnerschaftliche Umsetzung der Stromlieferungen an.

Auf Verbund-Konzernseite unterstützen wir notleidende Menschen und haben aus diesem Grund den Stromhilfefonds der Caritas auf fünf Millionen Euro angehoben. Langfristig aber sind unsere Investitionen von rund drei Milliarden Euro in den kommenden drei Jahren in den Ausbau von Netzen und erneuerbare Energie wichtig.

In die Glaskugel geblickt: Wie werden sich die Preise 2023 weiterentwickeln?

Wagner: Wir sehen an den Terminmärkten, dass die Großhandelspreise für 2023 weiter auf hohem Niveau bleiben. In den Folgejahren zeigt sich aus heutiger Sicht eine Entspannung. Die Preise für weiter entfernte Jahre sind generell niedriger als die des Folgejahres. Das kann sich auch wieder ändern und ist abhängig von den geopolitischen Entwicklungen. Langfristig muss es unser Ziel sein, die erneuerbaren Energien in Österreich und Europa massiv auszubauen, um uns unabhängiger von fossilen Importen und Preisdiktaten zu machen und die Klimaziele zu erreichen.

Wie unterstützen Sie die Beschaffungsstrategien der Industrie im Energieeinkauf?

Wagner: Wir bieten unterschiedliche Möglichkeiten für die Zusammenstellung der Energieversorgung. Das ist einerseits der Kauf von langfristigen Futures-Produkten an der Börse, andererseits der Zukauf in kurzfristigen Märkten, am sogenannten Spotmarkt. Wir evaluieren gemeinsam mit unseren Kund*innen die richtigen Zeiträume und Mix aus langfristigen und kurzfristigen Rückdeckungen.

Ebenfalls längerfristig betrachtet, sprechen wir mit Unternehmen aus der Industrie auch über Lieferungen aus erneuerbarer Energie auf einem günstigeren Kostenniveau. Das sind entweder die Anlagen der Energieversorger, die laufend auch neu hinzukommen, oder die gemeinsame Entwicklung von Photovoltaikanlagen auf den Dächern und Flächen der Kund*innen. Verbund hat dafür einen guten Contracting-Ansatz entwickelt, um große Kapazitäten bei Kund*innen risikofrei aufzubauen. 

Welche Anlagen haben Sie dazu bereits umgesetzt?

Wagner: Die erste Großanlage, die wir gemeinsam mit der OMV in Schönkirchen errichtet haben, war eine Zeit lang die größte Photovoltaikanlage in Österreich. Sie hat mittlerweile eine Leistung von knapp 15 MWp. Eine Partnerschaft gibt es weiters mit Lenzing, wo neben mehreren PV-Anlagen auf Dächern auch eine PV-Anlage auf einer Deponiefläche in Oberösterreich gebaut wurde. Uns ist wichtig, für den PV-Ausbau zuerst die Dächer und dann vielleicht benachteiligte Flächen wie Deponien und Schottergruben zu entwickeln.

Ein weiteres Projekt ist die Errichtung eines PV-Parks auf einem Industriegrundstück am Borealis-Produktionsstandort in Schwechat, der eine Leistung von 4,7 MWp liefern wird. Auch die voestalpine hat bereits einige Anlagen mit uns realisiert, um hier nur einige Referenzen zu nennen. 

Erwarten Sie einen klaren Trend, dass Unternehmen einen Teil ihres Energiebedarfs vor Ort selbst erzeugen?

Wagner: Die Errichtung von Erneuerbare-Energie-Anlagen, besonders Photovoltaik auf dem Gelände von Industrieunternehmen, ist sicher eine der »low hanging fruits«, die es aktuell gibt. Photovoltaik ist am wirksamsten, wenn die erzeugte Energie gleich am Standort verbraucht wird, ohne übers Netz gehen zu müssen. Wir beraten hier die Kund*innen bei der passenden Dimensionierung und der technischen Umsetzung der Anlagen. Wir planen und nehmen diese zur Finanzierung für 20 bis 25 Jahre in unsere Bücher. Unsere Kund*innen haben in der Ausführungsphase relativ wenig damit zu tun, da wir auch sämtliche Bau- und Betriebsrisiken übernehmen. Am Ende bekommt das Unternehmen einen fixierten Strompreis über die gesamte Laufzeit. Es ist eine der besten Möglichkeiten, dem volatilen Auf und Ab des Energiemarktes zu entkommen.

Während Unternehmen früher aktiv von Photovoltaik überzeugt werden mussten, können wir uns heute vor Anfragen kaum erwehren. Wir achten jetzt darauf, die wirksamsten und besten Anlagen zu bauen – einfach aufgrund der großen Nachfrage. 

Sehen Sie auch Ladeinfrastruktur für Elektromobilität als logischen Verbraucher vor Ort? Was bieten Sie dazu an?

Wagner: Eine eigene Energieproduktion sollte immer auf die direkte Verwendung der erzeugten Energie ausgelegt sein. Das kann einerseits im Produktionsprozess sein, auf der anderen Seite aber beispielsweise mit Elektromobilität. Verbund beschäftigt sich damit schon viele Jahre, so durfte ich innerhalb des Unternehmens Smatrics mitgründen. Smatrics gehört heute sicherlich zu jenen Anbietern in Mitteleuropa, die die Errichtung von Ladeinfrastruktur am besten beherrschen.
Auch in diesem Bereich entwickeln wir gemeinsam mit Geschäftskund*innen Lösungen, wie etwa bereits mit Lenzing. Wie ist die E-Flotte aufgestellt? Wie viele private Fahrten gibt es? Sollen auch Externe am Standort laden können? Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Faktoren wird von uns die Ladeinfrastruktur errichtet und wir finanzieren auf Wunsch die Anlagen – die Kund*innen zahlen dann nur eine Nutzungsgebühr über die Zeitdauer von ungefähr zehn Jahren.

Wir sehen uns als Energieversorger und Partner für alle Lebenslagen und Situationen. Das kann in Kombination von Photovoltaik mit Elektromobilität sein, optimiert auf den Verbrauch der Kund*innen und vielleicht noch unter Einsatz von Batteriespeichern – Verbund hat in Deutschland bereits über 100 MWh Batteriespeicherkapazitäten installiert. Auch die lokale Produktion von grünem Wasserstoff wird künftig für die Industrie wichtig sein. Wir sind hier ein Vorreiter gemeinsam mit voestalpine, mit der wir vor einigen Jahren eine Sechs-Megawatt-Elektrolyseanlage errichtet haben. Die Anlage liefert verlässlich und diese Technologie ist zukunftssicher.


Größte Freiflächenanlage in Oberösterreich

Mit einer Freiflächen-Photovoltaik-Anlage auf der ehemaligen Deponie »Ofenloch« hat die Lenzing Gruppe mit 5.560 kWp Leistung weitere eigene Stromerzeugung im Oktober in Betrieb genommen. Die jährlich erzeugte Strommenge entspricht 6000 MWh und lässt eine jährliche CO2-Ersparnis von rund 4.400 Tonnen erwarten. Schon in der ersten Jahreshälfte 2022 hatte der oberösterreichische Faserpionier drei PV-Dachanlagen mit einer Leistung von 1.454 kWp und einer Jahreserzeugung von rund 1508 MWh in Betrieb genommen. Der Strom fließt direkt in die Produktion vor Ort und künftig auch in E-Ladestationen. In einer ersten Ausbaustufe sind bis Ende des Jahres 16 Wallboxen geplant. Weitere 32 Ladepunkte sind für 2023 vorgesehen – zu Nutzung für Mitarbeiter*innen, Besucher*innen und den eigenen Fuhrpark des Unternehmens.

(Bilder: Verbund)

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