Montag, Jänner 30, 2023

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Energieintensive Industrien müssen ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen drastisch reduzieren, will die EU bis 2050 klimaneutral sein. Ein Konsortium, bestehend aus Vertreter*innen der Industrie, von Interessensverbänden und der Wissenschaft, zeigt Lösungen, wie der Umstieg auf 100 Prozent erneuerbare Energien gelingt.

Die Stahl-, Chemie-, Zellstoff- und Papier- oder die Zementindustrie – subsumiert unter dem Begriff energieintensive Industrie oder EII - spielen eine Schlüsselrolle auf dem Weg zu Klimaneutralität bis 2050. Auf die EII entfällt aktuell die Hälfte des Energieverbrauchs der gesamten EU-Industrie und aufgrund ihrer energieintensiven Produktionsprozesse zeichnet die EII für 14 Prozent der gesamten Treibhausgas-Emissionen in der EU verantwortlich. Gleichzeitig erwirtschaftet dieser Industriesektor direkt eine Wertschöpfung von 549 Milliarden Euro und beschäftigt rund 7,8 Millionen Menschen. Die Dekarbonisierung und Modernisierung dieses Sektors ist also für Klima und Wohlstand in Europa von entscheidender Bedeutung.

Bild oben: Stefan Stolitzka (IV Steiermark), Rainer Janssen (WIP Renewable Energies, Association of European Renewable Energy Research Centers), Brigitte Hasewend (ESAIA) und Rektor Harald Kainz (TU Graz). Bildquelle: Foto Fischer .

Herausforderungen für die energieintensive Industrie

Angesichts der Notwendigkeit, den Klimawandel einzudämmen und den Verbrauch von fossilen Brennstoffen zu senken sowie die Energieversorgung der Zukunft sicherzustellen, werden erneuerbare Energien zu einer wesentlichen Triebkraft für den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Zukunft. Um diesen Systemwechsel erfolgreich zu bewältigen, arbeiten die energieintensiven Industrien seit langer Zeit und unter Einsatz massiver finanzieller und technologischer Mittel daran, ihre Wachstumsstrategie mit den gesellschaftlichen Erfordernissen einer nachhaltigen Entwicklung und den gebotenen Klimaschutzmaßnahmen in Einklang zu bringen. EII und mit ihnen der Standort Europa stehen also vor der Herausforderung, diesen Übergang zu bewerkstelligen, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden oder wesentliche industrielle Prozesse zu beeinträchtigen.

Dekarbonisierungsstrategien für EII entwickeln und umsetzen

In dem von der EU geförderten multinationalen und multisektoralen Forschungsprojekt RE4Industry – 100% Renewable Energies for Energy Intensive Industries arbeiten Vertreter*innen der Industrie mit Expert*innen und Forscher*innen aus unterschiedlichen Bereichen gemeinsam an Szenarien und Lösungen für einen reibungslosen und sicheren Übergang zu 100 Prozent erneuerbaren Energien in Produktionsprozessen und -anlagen. In einem kollaborativen Ansatz werden die Bedürfnisse des Sektors ermittelt und es wird aufgezeigt, welche Technologien das größte Potenzial haben, um von der EII genutzt und in ihre industriellen Prozesse integriert zu werden – zum einen kurzfristig bis 2030, zum anderen langfristig bis 2050.

„Die aussichtsreichsten erneuerbaren Energien für EII in der Phase der CO2-Reduktion bis 2030 sind Biomasse, Bioenergieträger, Solar und Geothermie sowie Wasserstoff“, sagt Rainer Janssen, Geschäftsführer von WIP Renewable Energies und Präsident der Association of European Renewable Energy Research Centers. „Im Prozess der Transformation geht es für die EII jetzt vorrangig um die bestmöglichen Optionen für die Nachrüstung bestehender Industrieanlagen und die Umstellung der Produktionsprozesse auf Strom aus erneuerbaren Quellen. Und es geht darum, die Material- und Energieeffizienz massiv zu steigern. Im Rahmen unseres Projektes geben wir Anleitungen zur Entwicklung langfristiger Strategien für eine kohärente und sichere Nachrüstung und Integration aktueller und zukünftiger Lösungen in den Anlagen und Prozessen unserer Industriepartner.“

Gleichzeitig, so ist das Konsortium überzeugt, muss jetzt in die Forschung und Entwicklung von Technologien investiert werden, die in künftigen Phasen der Dekarbonisierung von zentraler Bedeutung sein werden, wie etwa Technologien zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid, neuartige Materialien oder alternative industrielle Prozesstechnologien. Die Weiterentwicklung der Wasserstoff-Technologie, der Einsatz von grünem Wasserstoff und von E-Fuels spielen ebenfalls eine zentrale Rolle.

Basis ist eine sichere und leistbare Energieversorgung, die darüber hinaus das Fundament für den wirtschaftlichen Erfolg und den sozialen Zusammenhalt - heute, morgen und in zehn Jahren - bildet. Dafür müssen jetzt die Weichen gestellt und unter anderem der Ausbau der Erneuerbaren Energien bzw. der benötigten Infrastrukturen vorangetrieben werden.

Österreichs Süden als ideale Region für Entwicklung und Einsatz neuer Technologien

Gerade im Süden Österreichs sind überdurchschnittlich viele Unternehmen aus dem Bereich der energieintensiven Industrie aktiv, zugleich zeichnet sich die Region aber auch durch die Erzeugung von Umweltgütern und Umwelttechnologien ganz besonders aus. Die enge Kooperation von Industrie und Wissenschaft in der Steiermark befördert dabei technologische Entwicklungen und die notwendige Transformation, ist auch Stefan Stolitzka, Präsident der Industriellenvereinigung Steiermark, überzeugt: „Die Steiermark ist eine Region, in der die Entwicklung neuer Technologien und deren schnellstmöglicher Einsatz in der Produktion am selben Ort besonders gut gelingt. Mit umfangreichen Technologie- und Infrastrukturinvestitionen ist die südösterreichische Industrie schon längst ein Teil der Lösung. Dennoch muss uns allen bewusst sein, dass eine vollständige Dekarbonisierung der Prozesse mit dem derzeitigen Stand der Technologien in einzelnen Branchen nicht zu erreichen ist und erst mit radikalen Prozessinnovationen möglich sein wird“.

In der österreichischen Industrie befassen sich viele Unternehmen seit Jahren aktiv mit den Themen Reduktion der Treibhausgas-Emissionen, Energieeffizienz und Versorgung mit erneuerbaren Energien. So ist Österreichs Industrie nicht nur Vorreiterin in der Dekarbonisierung ihrer Prozesse – bei der Produktion von Zement etwa liegt Österreich bei den Emissionen je Tonne um 22 Prozent unter dem europäischen Durchschnitt –, sondern trägt durch weltweiten Technologietransfer auch über die Landesgrenzen hinweg zur Energiewende bei.

RE4Industry im Wissensaustausch

Im Rahmen des Horizon2020-Projektes RE4Industry hat am 21. Oktober an der TU Graz ein Wissenstransferseminar stattgefunden, wie energieintensive Industrien die Energiewende erfolgreich meistern können. Organisiert wurde das Seminar von ESEIA - European Sustainable Energy Innovation Alliance. Im Mittelpunkt des Programms stand die Vorstellung von Best-Practice-Beispielen ebenso wie die Diskussion von Lösungsansätzen in den Bereichen kreislauforientierte Bioökonomie oder grüne Wasserstofftechnologie. Exkursionen zum Papierhersteller Sappi, zu Österreichs erstem Wasserstoffforschungszentrum HyCentA und der Wasserstoffproduktion der Energie Steiermark rundeten das Programm ab.


Hintergrund

Projekt RE4Industry – 100% Renewable Energies for Energy Intensive Industries

Das Projekt wird mit drei Millionen Euro im Rahmen der EU-Förderschiene Horizon 2020 im Zeitraum von 2020 bis 2023 gefördert. Projektpartner sind Fundación CIRCE, BTG Biomass Technology Group, CERTH, WIP Renewable Energies, White Research, Bioenergy Europe, Energy Efficiency in Industrial Processes, European Sustainable Energy Innovation Alliance und die drei Vertreter energieintensiver Industrien SIDENOR, MYTILINEOS, CORBION. https://re4industry.eu/

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