Sonntag, April 14, 2024

Kohlenstoffmärkte im Überblick und die Chance für Unternehmen, zertifizierte CO2-Senken mittels Pflanzenkohle zu erreichen. Ein Beitrag von Nikolaus Wohlgemuth, Carbon Markets Expert bei Carbonfuture.

Der Handel von CO2-Zertifikaten soll eine Emissionsminderung möglichst kosteneffizient ermöglichen. Dies funktioniert, da der Ort der Emission für die Reduktion des CO2-Gehalts unserer Atmosphäre nicht relevant ist. So können Projekte in Schwellen- und Entwicklungsländern mit dem gleichen finanziellen Beitrag höhere Emissionsminderungen erzielen, da dort im allgemeinen weniger effiziente Anlagen betrieben werden. In der Geschichte dieses Handels mit CO2-Zertifikaten, den »Kohlenstoffmärkten«, kann man zwischen verpflichtenden Märkten und dem freiwilligen Markt unterscheiden.

Die verpflichtenden Märkte

Zu den verpflichtenden Märkten zählen alle durch Politikinstrumente geschaffene Maßnahmen, die Emittenten dazu verpflichten, für deren Treibhausgasemissionen zu bezahlen. Dies kann über Emissionshandelssysteme (»Cap and Trade«-Systeme), oder auch über eine CO2-Steuer passieren. Die Regeln für die Teilnahme an solchen Systemen werden in Gesetzen verankert und sind für die betroffenen Unternehmen verbindlich. Bei den Cap and Trade-Systemen ist das EU-Emissionshandelssystem (EHS) das volumenmäßig bedeutendste. Unternehmen, die Anlagen mit mehr als 20 MW installierter Feuerungsleistung betreiben oder mehr als 25.000 t CO2 pro Jahr ausstoßen sind in der EU zur Teilnahme am EU-EHS verpflichtet. Sie erhalten eine jährliche Zuteilung an Emissionsrechten, deren Höhe sich an den effizientesten Unternehmen der Branche orientiert.

Stößt ein Unternehmen weniger Treibhausgase aus, als es Zuteilung erhalten hat, so können Zertifikate verkauft werden. Sind die Emissionen höher als die Zuteilung, so müssen Zertifikate eingekauft werden. Dadurch entsteht ein Markt, in welchem Emissionsrechte gehandelt werden. Die Preise orientieren sich prinzipiell nach Angebot und Nachfrage, wobei in der Vergangenheit ein Überangebot durch marktverknappende Maßnahmen künstlich reduziert wurde. Die Zertifikate aus dem freiwilligen Markt können nicht für die Erreichung der unternehmensspezifischen Ziele unter dem EU-EHS eingesetzt werden.

Freiwilliger Markt

Neben solchen Politikinstrumenten besteht auch ein freiwilliger Handel mit CO2-Zertifikaten. Projekte, die Emissionen reduzieren, können sich bei Standards für CO2-Zertifikate, wie beispielsweise dem Gold Standard oder dem Verified Carbon Standard registrieren lassen und in deren Registern handelbare Zertifikate ausstellen. Der Bedarf für solche Zertifikate entsteht durch Unternehmen, die ihren CO2-Fußabdruck kompensieren wollen.

Ausgelöst durch die schleppenden Verhandlungen rund um das Pariser Klimaabkommen haben sich etliche namhafte Unternehmen ambitionierte Klimaschutzziele gesetzt und diese veröffentlicht. Die Erreichung dieser Ziele kann durch emissionsmindernde Maßnahmen beim Unternehmen selbst oder in der Wertschöpfungskette passieren. Dies ist teuer und mitunter nicht sofort umsetzbar. Als Zwischenlösung und für Emissionen, die nicht reduziert werden können, werden CO2-Zertifikate freiwillig eingekauft und stillgelegt. Der Bedarf für derartige Zertifikate ist durch die ambitionierten Ziele in den letzten zwei Jahren stark gestiegen.

Unterschied zwischen Vermeidungs- und Senkenzertifikaten

Inzwischen ist es üblich, dass sich Unternehmen Ziele setzen, die mit dem Ziel des Pariser Klimaabkommens übereinstimmen. Dieses ist, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 °C, vorzugsweise auf maximal 1,5 °C, zu beschränken. Um dies zu erreichen, ist es notwendig, dass spätestens im Jahr 2050 keine zusätzlichen Treibhausgasemissionen in die Atmosphäre gelangen – wir müssen also Netto-Null-Emissionen erreichen. Dafür genügt es nicht, unternehmensspezifische Emissionen mit Vermeidungszertifikaten zu kompensieren. Durch diese wird die globale CO2-Bilanz nicht verbessert, da nur eine Verschiebung der Emissionen stattfindet –vom Ort des Projekts, welches Emissionen reduziert, zum Käufer der Zertifikate (siehe Abbildung).

Rechnerisch schneiden Senkenzertifikate gegenüber Vermeidungszertifikaten wesentlich besser ab.

Wir brauchen also Technologien, welche der Atmosphäre aktiv und permanent CO2 entziehen – Kohlenstoffsenken genannt – und müssen diese Ansätze rasch skalieren. Um diese Skalierungsambitionen erreichen zu können, ist die ergebnisorientierte Förderung von Projekten über CO2-Zertifikate ein gut geeigneter Mechanismus. 

Pflanzenkohle als Sweet Spot unter den Senkentechnologien

Der Entzug von CO2 aus der Atmosphäre geschieht über die Photosynthese auf natürlichem Wege, jedoch stellt die Speicherung des CO2 in Pflanzen keinen garantiert langfristigen zusätzlichen Entzug von CO2 dar, da dieser nur bestehen bleibt, solange etwa ein Wald nicht gerodet wird. Technische Lösungen, wie geologische Speicherung von CO2 in Kombination mit erneuerbarer Energieproduktion oder direkter technischer Entzug von CO2 aus der Atmosphäre sind sehr teuer, technisch noch nicht ausgereift und dadurch noch nicht skalierbar.

Pflanzenkohle ist derzeit die einzige verfügbare skalierbare Senke mit hoher Permanenz. Wird Biomasse pyrolysiert, entsteht langfristig stabile Pflanzenkohle. Diese kann in der Landwirtschaft mit verschiedensten positiven Nebeneffekten aber auch in Baustoffen zum Einsatz kommen. So verarbeitet, wird die Pflanzenkohle nicht mehr abgebaut und kann auch nicht weiter verbrannt werden. Der in der Kohle gespeicherte Kohlenstoff ist langfristig stabil; das beim Wachstum der Biomasse entzogene CO2 gelangt nicht zurück in die Luft.

Senkenzertifikate mit Carbon­future

Die Plattform Carbonfuture stellt Senkenzertifikate aus und unterstützt Senkenprojekte durch den Handel mit diesen Zertifikaten. Damit die CO2-Zertifikate ihre Wirkung erzielen, muss sichergestellt werden, dass die so geförderten Kohlenstoffsenken permanent sind, der gespeicherte Kohlenstoff also über einen langen Zeitraum – mehr als 100 Jahre – nicht mehr in die Atmosphäre gelangt. Damit dies gewährleistet werden kann, muss bekannt sein, wie die Kohlenstoffsenken entstanden sind und wo sich diese befinden. Carbonfuture hat dafür eine Softwarelösung entwickelt, die eine Nachverfolgung der Kohlenstoffsenken ermöglicht.

Am Beispiel von Pflanzenkohle kann für jedes von uns ausgestellte CO2-Zertifikat gezeigt werden, wo und wie diese angewandt wurde. Unsere Zertifikate folgen dem C-Sink-Standard des European Biochar Certificate (EBC), werden unabhängig geprüft und bei einer Drittpartei im Register des »Carbon Standards International« ausgestellt. Wir stehen in Kontakt mit den renommierten Standardisierungsgremien und streben eine Zusammenarbeit an, um diesen Akteuren die Nutzung unseres Trackingsystems zu ermöglichen. Durch die Nachverfolgung der Kohlenstoffsenken stellt Carbonfuture die derzeit glaubwürdigsten CO2-Senkenzertifikate aus. Wir sind überzeugt, dass wir mit unserem System aktiv einen signifikanten Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise leisten können.


Zur Info:

Carbonfuture ist eine Plattform und ein Online-Marktplatz für zertifizierte Kohlenstoffsenken und international tätig. Unternehmen wird ein einfacher Zugang zu einem Netzwerk von Partnern geboten, die CO2 aus der Atmosphäre nehmen und Kohlenstoff zurück in den Boden bringen.

(Bild: iStock)

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