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»Langfristig geht es um intelligente Investitionen«
Mitte Juni wurde Angela Bachmann überraschend an die Spitze von Holcim Österreich und des Clusters Zentraleuropa berufen. Im Interview spricht sie über den schwierigen Baumarkt, Carbon Capture and Storage sowie ihren persönlichen Führungsstil.
Bild: »Es braucht Unternehmen, die den ersten Schritt machen, innovativ sind und sich aus dem Fenster lehnen. Wir haben aus C2PAT+ viel gelernt«, sagt Angela Bachmann.
Frau Bachmann, welche Ziele haben Sie sich für Ihre neue Funktion gesetzt?
Angela Bachmann: Wir wollen den Standort Österreich und den Cluster Zentraleuropa stärken, die langfristige Wirtschaftlichkeit sicherstellen und gleichzeitig die Profitabilität steigern. Das sind auch meine persönlichen Ziele. Ich arbeite sehr strategisch und fokussiert: klare Ziele, klar definierte Themen und eine enge Verknüpfung dieser Themen. Dabei gilt für mich: weniger ist mehr, aber mit voller Kraft, aktiv und agil. Entscheidend ist, dass wir als Team handeln und alle an einem gemeinsamen Ziel arbeiten. Allein lässt sich eine solche Aufgabe nicht bewältigen.
Mit welchen konkreten Maßnahmen wollen Sie diese Ziele erreichen?
Bachmann: Langfristig geht es um intelligente Investitionen, die unsere Wirtschaftlichkeit und die Stärke unserer Standorte sichern. Dafür brauchen wir kurzfristig gute Ergebnisse. Ein zentrales Thema ist die Kreislaufwirtschaft: die Sicherung traditioneller und alternativer Rohstoffe, Recycling und nachhaltige Leitmärkte. Mit der ECO-Produktfamilie verfügen wir bereits über CO2-reduzierte Betone und Zemente. Gebäude müssen künftig stärker über ihren gesamten Lebenszyklus betrachtet werden. Beton und Zement spielen dabei eine wichtige Rolle, und wir wollen diesen Wandel aktiv vorantreiben.
Bislang war die Nachfrage nach CO2-reduzierten Baustoffen überschaubar. Sehen Sie einen Wandel?
Bachmann: Es verändert sich etwas, auch die Politik möchte das Thema weiter vorantreiben. Sind wir bereits auf dem Niveau, das wir uns wünschen? Ganz klar nein. Gerade in einer schwierigen Marktsituation wird der Preis häufig zum wichtigsten Faktor. Kurzfristig mag das nachvollziehbar sein. Langfristig wird es sich angesichts der europäischen Rahmenbedingungen und der kommenden regulatorischen Vorgaben aber nicht ausgehen, ausschließlich nach dem niedrigsten Preis zu entscheiden.
Sie waren bis Juni CEO von Holcim Tschechien und haben noch einen gewissen Blick von außen. Wie stellt sich Ihnen der österreichische Baumarkt dar?
Bachmann: Die Situation ist schwierig, das kann man nicht schönreden. Es gibt zu wenig Aktivität, wenige Infrastrukturprojekte und große Sparmaßnahmen bei Städten und Gemeinden. Das spüren wir deutlich. Ich bin dennoch überzeugt, dass sich die Wirtschaft wieder erholen wird. Die Frage ist, wie schnell das passieren wird.
In solchen Zeiten muss man das eigene Haus unter Kontrolle haben: Kosten steuern, Prozesse optimieren und die Anlagen effizient betreiben. Wir konzentrieren uns auf jene Themen, die wir selbst beeinflussen können.
Wie unterscheiden sich der tschechische und der österreichische Markt?
Bachmann: Der größte Unterschied ist derzeit die Marktdynamik. Tschechien ist aktuell sehr stark. Viele Infrastrukturprojekte laufen oder befinden sich in der Pipeline. Das sind konkrete Vorhaben für die kommenden zehn Jahre. Eine vergleichbare Perspektive gibt es in Österreich momentan leider nicht. Das ist allerdings eine Momentaufnahme. Solche Zyklen wiederholen sich. Entscheidend ist, in schwachen Phasen vorbereitet zu bleiben und mit kurzfristigen Maßnahmen nicht das langfristige Wachstum zu behindern.
Geschwindigkeit, Agilität und Zielstrebigkeit scheinen für Sie eine wesentliche Rolle zu spielen. Muss sich dafür auch die Unternehmenskultur verändern?
Bachmann: Jedes Management hat seinen eigenen Führungsstil. Mir ist wichtig, dass das gesamte Team hinter denselben Zielen und strategischen Schwerpunkten steht. Ich bin erst seit zwei Monaten hier. Wir haben zunächst unseren Fünfjahresplan weitgehend abgeschlossen. Nun übersetzen wir die Ziele in konkrete Maßnahmen. Wenn wir uns in einem Jahr wieder unterhalten, möchte ich sagen können, dass das gesamte Team diesen Weg mitträgt. Heute wäre diese Antwort noch zu früh.
Ich bin sicher nicht mit dem Ziel nach Österreich gekommen, Personal abzubauen, sondern um die Profitabilität zu steigern. Dafür braucht es vor allem die richtigen Menschen in den richtigen Rollen und nicht zwangsläufig weniger Beschäftigte.
Kann der Export die schwache Nachfrage in Österreich ausgleichen?
Bachmann: Slowenien entwickelt sich weiterhin gut. In Ungarn fahren wir die Produktion wieder hoch. Für das gesamte Netzwerk ist das effizienter, weil lange Transporte entfallen. Für Österreich bedeutet es allerdings, dass ein Teil des bisherigen Absatzes wegfällt. Tschechien ist derzeit der stärkste Markt im Cluster, auch Slowenien läuft gut. Ungarn befindet sich in einer Übergangsphase. Österreich ist aus Marktsicht momentan leider das Sorgenkind im Holcim CE Cluster. Die Werke selbst performen hingegen im gesamten Cluster sehr gut.
Die Bundesregierung will das österreichische Verbot von Carbon Capture and Storage (CCS) lockern. Wie wichtig ist das für Holcim?
Bachmann: Das ist für unsere Industrie, den Standort und die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs sehr wichtig. Wenn wir diesen Schritt nicht gehen, drohen uns Nachbarländer zu überholen. Wir begrüßen daher die geplante gesetzliche Öffnung für CCS klar. Entscheidend wird sein, welche konkreten Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Ein Gesetz allein schafft noch keine Infrastruktur. Wann könnte CCS tatsächlich eingesetzt werden?
Bachmann: Die Infrastruktur fehlt, das ist richtig. Es gibt aber möglicherweise geeignete Onshore-Speicher in vergleichsweise geringer Entfernung zu unseren und anderen Werken. Wenn das CO2 regional gespeichert werden kann, bleiben die Kosten eher beherrschbar. Ein langer Transport etwa bis zur Nordsee wäre mit völlig anderen Beträgen verbunden.
Von welchen Investitionsummen sprechen wir?
Bachmann: Aus vergleichbaren Projekten lässt sich ableiten, dass eine Anlage 500 Millionen Euro und mehr kosten kann. Das kann Holcim nicht allein stemmen. Die Finanzierung muss zwischen öffentlicher Hand und privaten Unternehmen geteilt werden. Holcim wird dennoch selbst dreistellige Millionenbeträge investieren müssen. Dafür brauchen wir langfristig stabile, verlässliche und rechtssichere Rahmenbedingungen.
Holcim hat mit C2PAT+ bereits früh ein viel beachtetes CCU-Konzept verfolgt, das mittlerweile auf Eis liegt. War das Projekt rückblickend ein Fehler?
Bachmann: Absolut nicht. Es braucht Unternehmen, die den ersten Schritt machen, innovativ sind und sich aus dem Fenster lehnen. Wir haben aus dem Projekt sehr viel gelernt, und zahlreiche Erkenntnisse fließen in die nächsten Schritte ein. Das Konzept wird sich möglicherweise verändern, der Grundgedanke – CO2 abzuscheiden und dauerhaft zu binden – bleibt aber bestehen. Auch eine Nutzung des abgeschiedenen CO2, also CCU, schließe ich für die Zukunft nicht aus. Im Moment liegt der Fokus jedoch auf CCS.
Die Bauwirtschaft ist stark männlich geprägt. Haben Sie als junge Frau das Gefühl, mehr leisten zu müssen?
Bachmann: In meiner neuen Funktion habe ich eher das Gegenteil erlebt. Ich wurde sehr offen empfangen. Wenn ich auf meine 15 Jahre in der Industrie zurückblicke, musste ich vielleicht manchmal eine zusätzliche Runde drehen, mir Respekt stärker erarbeiten oder härter arbeiten als andere. Seit ich CEO bin, stehen die Türen aber offen und die Menschen hören zu. Weder hier noch zuvor in Tschechien hatte ich das Gefühl, wegen meines Alters oder meines Geschlechts nicht ernst genommen zu werden.
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