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Angebot für die Wirtschaft
Während in den ersten Jahren der Fokus auf Wohnbau und auf das Verdichten der Quartiere in der Wiener Seestadt lag, setzt die Seestädter Entwicklungsgesellschaft Wien 3420 AG jetzt auf neue Impulse.
Bild: Sabine Müller will nicht nur Häuser bauen, sondern Atmosphären schaffen, in denen sich Menschen wohlfühlen.
Mit dem aktuellen Baustart einer gemischten Gastro- und Flaniermeile an der Seestadtpromenade im Quartier »Seeterrassen« bietet Europas größtes Stadtentwicklungsgebiet eine neue Attraktion für Unternehmen: Vis-à-vis der Skyline am grünen, südlichen Uferbereich am namensgebenden Gewässer der Seestadt entsteht die Waterfront im Norden. Drei neue Gebäude bieten in Manier der Seestadt eine Mischnutzung von Wohnen und Arbeit – mit einem signifikanten Anteil an Gewerbeflächen in Kombination mit Gastronomie auf Erdgeschoßebene.
Die Spatenstiche im benachbarten Quartier »Seecarré« erfolgen 2027. Insgesamt werden in der Etappe Nord, der nächsten Ausbauphase in der Seestadt, rund 1,2 Millionen Quadratmeter Bruttogeschoßfläche entwickelt. »Das ist eine Dimension, die einzigartig ist«, bestätigt Sabine Müller, Vorständin der Wien 3420 AG. Sie ist im September des Vorjahres angetreten, den Wirtschaftsstandort stärker zu positionieren.
Das Konzept der Seestadt fußt auf einem Mix aus Wohnen, Wirtschaft, öffentlichem Raum und urbaner Infrastruktur. Wie weit konnten bislang Betriebe für die Ansiedlung gewonnen werden?
Sabine Müller: Es wohnt sich bekanntlich sehr angenehm in der Seestadt. 95 Prozent der Seestädter geben in Sachen Wohnzufriedenheit ein Sehr gut oder Gut. Im neuen Stadtentwicklungsgebiet direkt am See zu leben oder zu arbeiten, ist schon etwas Einzigartiges. Und dank der Einkaufs- und Gastroangebote spürt man die Lebendigkeit auf den Plätzen – es wuselt so richtig. Diesen Schwung will ich jetzt mitnehmen, um auch den Wirtschaftsstandort stärker in den Fokus zu rücken.
Derzeit befinden sich über 600 Unternehmen in der Seestadt, etwa 6.000 Menschen arbeiten hier. Große Unternehmen wie Hoerbiger und das biopharmazeutische Unternehmen Takeda haben sich für den Standort entschieden. Mit weiteren Biotech- und Pharma-Unternehmen hat sich ein regelrechter Life-Sciences-Hub entwickelt. Der Gewerbehof Seestadt der Wirtschaftsagentur Wien bietet ein Angebot für Handwerksbetriebe und produzierendes Gewerbe. Hier haben wir bereits Betriebe wie einen Bäcker, eine Schokolademanufaktur, ein Unternehmen für telemedizinische Geräte oder die Firma Sheyn, die im 3D-Druck Vasen anfertigt. Das Start-up Fantoplast verwandelt Kunststoffabfälle in Platten für den Innenausbau. Urban Manufacturing hat auch im Kleinen Platz in der Seestadt.
Ein weiteres großes Unternehmen aus dem Infrastruktursektor – den Namen kann ich hier noch nicht sagen – wird sich mit 400 Mitarbeitenden ebenfalls ansiedeln. Zuletzt errichtete der ÖFB für seine Nationalteams auf 55.000 m² ein Trainingszentrum und sein Hauptquartier. Das bestehende Gewerbehof-Konzept wird mit weiteren Projekten im Norden fortgesetzt. Die Idee ist, kleinere Handwerks- und Produktionsbetriebe mit entsprechender Infrastruktur zu versorgen.
Wie sehen dazu die Anbindungen an Infrastruktur für Betriebe aus?
Müller: Wien wächst und die Seestadt wächst mit – auch mit Raum für Betriebsansiedlungen. Die Seestadt bietet aus meiner Sicht eine auch für Wien eher seltene Möglichkeit, Unternehmen in maßgeschneiderten Flächen direkt an hochrangigen öffentlichen Verkehrsanbindungen anzusiedeln – künftig auch an einem hochrangigen Straßenverkehrsnetz. Auch wenn der motorisierte Individualverkehr in der Seestadt selbst relativ gering ist, wünscht sich die Wirtschaft sehr wohl eine Anbindung an leistungsfähige Straßen. Von der Stadtstraße, die 2027 in Betrieb geht, und der S 1-Spange, die 2032 in Betrieb gehen soll, wird der Wirtschaftsverkehr in der ganzen Donaustadt profitieren.
Auch die nächsten Felder für Betriebsansiedelungen im Norden der Seestadt haben die U-Bahn-Anbindung vor der Tür und die Zugverbindung zum Wiener Hauptbahnhof in 15 bis 20 Minuten. Das Zentrum Bratislavas erreicht man per Bahn in 41 Minuten. Die Seestadt wird das neue regionale Zentrum für den stark wachsenden Nordosten Wiens. Allein hier und in den umliegenden Stadtentwicklungsquartieren werden sich in den nächsten Jahren 65.000 Menschen ansiedeln. Die Gastromeile, die derzeit gebaut wird, soll dementsprechend ein Anziehungspunkt für alle Donaustädter werden.
Sie haben langjährige Erfahrung in der Immobilienentwicklung und auch mit Standortkonzepten, zuletzt bei value one. Welche Ideen und Ansätze haben Sie daraus in die Seestadt mitgebracht? Welchen Fußabdruck wollen Sie hinterlassen?
Müller: Was mich antreibt, ist, attraktive Räume zu schaffen – innen wie außen. Eine Stadt findet zwischen den Gebäuden statt, deshalb ist der Freiraum wichtig. Wir bauen nicht Häuser, sondern wir gestalten Atmosphären, in denen sich Menschen wohlfühlen sollen. Die Anpassung an Klimaveränderungen ist hier wesentlich. Dafür haben wir in der Seestadt schon viel getan, aber auch sie wird wie alle Städte zu keinem Zeitpunkt fertig gebaut sein. Die Anpassung, die permanente Weiterentwicklung, sehe ich als wesentlichen Faktor.
Faszinierend an der Stadtentwicklung ist die langfristige Betrachtung. Wir planen heute ein Stadtbild für die Zukunft, einen Ort, an dem man sich wohlfühlt, wo man gerne arbeitet und herkommt. Ich arbeite dazu auch immer wieder mit Szenarien von Zukunftsforschern, um diese vorausschauend in die Planung aufzunehmen.
Außer mit Klimaresilienz beschäftigen wir uns nach wie vor mit Klimaschutz und Ressourcenschonung: Je länger Gebäude betrieben werden, desto nachhaltiger sind sie – hier geht es um Nutzungsphasen, Rezyklierbarkeit und Zirkularität. Also wieder um den Weitblick. Das schnelle Maximieren von Flächen oder schöne Architektur allein sind für mich nicht ausreichend. Wichtig ist immer die Perspektive nach vorne, der Fokus auf den Menschen. Wenn sich die Forscher der Aspern Smart City Research ASCR mit Digitalisierung und Smart Buildings auseinandersetzen, geht es um Effizienz und Verbesserungen für den Alltag. Die Technik darf nicht zum Selbstzweck werden.
Die Langfristigkeit der klassischen Stadtplanung verträgt sich mittlerweile gar nicht mehr mit rasanten klimatischen Veränderungen. Was lernt man in den Projekten?
Müller: In dem 2007 im Gemeinderat beschlossenen Masterplan für das Stadtentwicklungsgebiet wurden Prinzipien festgelegt, die immer noch gelten. Gleichzeitig gibt es aber die Flexibilität, permanent auch anpassen zu können. Es ist die Kunst guter Stadtplanung: Einerseits ein klares Bild von Qualität zu haben, wie die Durchmischung, der reduzierte motorisierte Verkehr, generell Nachhaltigkeitsthemen von Anfang an. Und andererseits offen für Nachbesserungen zu sein. So haben wir die Funktionen einiger Plätze zugunsten von mehr Begrünung geändert – teilweise nachträglich. Nehmen Sie unsere Quartiersgaragen: Heute wirkt das für viele selbstverständlich, vor 15 Jahren war das tatsächlich weit vorausgedacht und man hat hier viel Expertise und Know-how reingesteckt.
In meiner früheren beruflichen Station, dem Viertel Zwei, wurde in der ersten Bauphase einfach nicht an Fahrradabstellplätze gedacht. Die wurden dann nachträglich gebaut. Jedes Stadtquartier, vor allem Neubauten, ist ein lernendes System. Stadtentwickler brauchen unbedingt Flexibilität im Kopf und auch in den Eckpfeilern eines Masterplans. Darüber verfügt die Seestadt, deshalb sieht man die Entwicklung auch in den verschiedenen Etappen. Man ist hier etwa sehr früh mit einem Fahrrad-Leihangebot in den öffentlichen Raum gegangen, lange bevor es im 22. Bezirk diese Infrastruktur gab. Die »Seestadtflotte« ist mittlerweile wie geplant im Wienmobil-Radangebot der Stadt Wien eingegliedert. Aber dass es dann so lange dauert, bis die Bezirke über der Donau Anschluss ans Wienmobil-Netz finden, hat man zu Beginn nicht erwartet.
Die Seestadt als Urban Lab ist ein mutiges Projekt der Stadt Wien gemeinsam mit der Wirtschaft im Public-Private-Partnership-Modell. Es ist viel ausprobiert worden und einiges davon ist auch wieder verworfen worden. Auch das ist wichtig: loszulassen, was nicht funktioniert.
Was wurde zum Beispiel wieder verworfen?
Müller: Man ist von den sehr breiten Straßenquerschnitten und freigehaltenen Flächen, auf die man noch im Pionierquartier gesetzt hat, wieder abgekommen. Die Idee war: Nicht jeden Raum sofort zu besetzen, sondern die Nutzung bewusst offen zu halten. Das wurde aber eher negativ empfunden. Die leere Fläche wirkte nicht einladend genug, damit Menschen sie sich aneignen. Teile davon wurden inzwischen umgestaltet. Auch die angebotenen Fahrradanhänger wurden kaum nachgefragt – ganz im Gegensatz zu den Fahrrädern selbst, den Lastenrädern und den Trolleys.

Energieforschung in Aspern
Siemens und die Wiener Netze betreiben seit 2013 gemeinsam mit Partnern wie dem AIT eines der innovativsten Energieforschungsprojekte Europas in der aspern Seestadt. Die aktuelle Phase des Forschungsprojektes, die von 2024 bis 2028 unter dem Motto »ASCR NeXt Level. 2028« läuft, baut auf einem »Living Lab« und bereits etablierten Innovationen auf und strebt nach einer ganzheitlichen Lösung für die Energiezukunft im urbanen Raum.
1. Transparenz
Das Projekt SENSE (Semantics-based Explanations of Cyber-physical Systems) sorgt für mehr Transparenz in Cyber-physischen Systemen (CPS) wie Smart Grids und intelligenten Gebäuden, die zunehmend komplexer, vernetzter und datengetrieben sind. SENSE kombiniert tiefgreifendes Systemwissen – etwa über Sensoren und Struktur – mit externen Einflussfaktoren wie Wetterbedingungen oder Energiepreisen. Über ein KI-Interface werden präzise und nachvollziehbare Erklärungen zum aktuellen Systemstatus oder einzelnen Ereignissen geliefert.
2. Integration
Ziel des Projekts OpEN (Operative Hüllkurven für DER auf Basis datengetriebener Modelle des Stromnetzes) ist die Erforschung des technischen Einsatzes von dynamischen Betriebsbereichen (Operativen Hüllkurven) als Flexibilitätsoption für die Planung und den Betrieb von Verteilernetzen mit einem hohen Anteil von dezentralen Energieerzeugungsressourcen in Österreich. Damit wird die Integration von dezentralen Energieressourcen unterstützt und ermöglicht, ohne die zulässigen Betriebsbereiche der Verteilernetze zu verletzen.
3. Gebäude
Seit einiger Zeit erprobt Siemens im Technologiezentrum Aspern die Building X-Plattform und deren Applikationen als Basis für zukunftsweisende Lösungen in der Gebäudetechnik. Die Plattform bietet offene Schnittstellen, auf deren Grundlage Siemens gemeinsam mit Partnern maßgeschneiderte Services entwickelt, die einen erheblichen Mehrwert für Gebäudebetreiber und -nutzer schaffen. Durch datenbasierte Inspektionen können Fehler frühzeitig erkannt und Betreiber automatisiert per E-Mail informiert werden.
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