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»Die Menschen sind vernünftiger, als die Politik glaubt«
Die Zukunft des Bauens liegt im Bestand – davon ist Baumit-Geschäftsführer Robert Schmid überzeugt. Im Interview spricht er über die niedrige Sanierungsquote sowie den aus seiner Sicht problematischen Förderfokus der Politik und erklärt, warum nicht Wärmepumpen oder Klimaanlagen, sondern gut sanierte Gebäude der Schlüssel für mehr Energieeffizienz sind.
Bild: »Von der Politik fordere ich Planbarkeit. Ganz gleich, welche Maßnahmen beschlossen werden, sie müssen verlässlich und langfristig gelten«, sagt Robert Schmid.
Kürzlich wurde das zehnjährige Jubiläum der Fachzeitschrift Massiv Inside! mit der Veranstaltung »Visionär bauen. Zukunft gestalten« gefeiert. Bei der abschließenden Podiumsdiskussion lautete der Tenor: »Die Zukunft des Bauens liegt im Bestand.« Teilen Sie diese Einschätzung?
Robert Schmid: Ja, grundsätzlich schon. Allerdings müssen wir noch lernen zu unterscheiden, welcher Bestand tatsächlich erhaltenswert ist und welcher nicht. Es wird Gebäude geben, bei denen ein Neubau sinnvoller ist. Aber grundsätzlich macht es Sinn, bereits verbaute Flächen weiterzuentwickeln und dort neu zu bauen – natürlich immer unter Berücksichtigung der Bevölkerungsentwicklung und des tatsächlichen Bedarfs.
Gleichzeitig dümpelt die Sanierungsquote weiter vor sich hin. Statt der anvisierten 3 % ist man bei knapp unter 1%. Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, damit die Sanierungsquote nachhaltig steigt?
Schmid: Da spielen mehrere Faktoren zusammen. Ein Teil wird schlicht ein Generationenwechsel sein. Die kommende Eigentümergeneration muss mehr Freude daran entwickeln, bestehende Gebäude zu erneuern und zu modernisieren.
Wie kann man diese Bereitschaft fördern?
Schmid: Zunächst braucht es den Willen der Eigentümer selbst. Gleichzeitig gibt es aber auch strukturelle Hemmnisse. Gerade bei Mehrparteienhäusern oder mehreren Eigentümern dauern Entscheidungen oft sehr lange. Bis sich alle auf eine Sanierung einigen, vergeht häufig viel Zeit – manchmal kommt es gar nicht dazu.
Ein weiteres Problem sind die politischen Botschaften. Jahrelang wurde fast ausschließlich über Wärmepumpen gesprochen, jetzt wird über Klimaanlagen diskutiert. Dabei wäre die eigentliche Botschaft viel wichtiger: Wir müssen unsere Gebäude verbessern – Fassaden sanieren, Fenster tauschen, Dächer erneuern. Stattdessen konzentriert sich die öffentliche Diskussion häufig auf einzelne Geräte. Das verwirrt die Menschen.
Auffällig ist, dass Sie Förderungen bislang gar nicht erwähnt haben. Sie haben sich zuletzt sogar kritisch gegenüber Förderprogrammen geäußert. Warum?
Schmid: Erstens fehlt schlicht das Geld. Zweitens sind die verfügbaren Förderbeträge oft so gering, dass sie kaum Wirkung entfalten. Und drittens halte ich den psychologischen Effekt für problematisch. Sobald ständig über Förderungen gesprochen wird, warten die Menschen darauf. Viele sagen sich: »Warum soll ich jetzt investieren? Vielleicht gibt es bald wieder eine bessere Förderung.« Diese Haltung bremst notwendige Investitionen eher, als dass sie sie beschleunigt.
Mit dieser Meinung dürften Sie innerhalb der Branche nicht nur Zustimmung ernten.
Schmid: Ich spreche hier als Robert Schmid und nicht als Vertreter irgendeiner Organisation. Natürlich wird darüber diskutiert. Aber wenn ich meine Argumente erkläre, bekomme ich meist Zustimmung. Viele wissen eigentlich selbst, dass wir uns zu sehr an Förderungen gewöhnt haben.
Ähnlich ist es beim Thema Energie. Sobald man über Wärmedämmung spricht, landet die Diskussion innerhalb weniger Minuten bei Heizungen oder Klimaanlagen. Dabei wird vergessen, dass eine gute Gebäudehülle die Grundlage ist. Gerade jetzt, bei den hohen Sommertemperaturen, sehen wir deutlich, dass Dämmung nicht nur im Winter Vorteile bringt, sondern auch im Sommer.
Die thermische Sanierungsförderung wurde heuer überraschend gestoppt. Offiziell hieß es, es seien zu viele Anträge für Sanierungen und zu wenige für den Heizkesseltausch eingelangt. War die Förderung letztlich ein Opfer ihres eigenen Erfolgs?
Schmid: Es war vor allem ein Zielkonflikt. Über Jahre wurde der Fokus fast ausschließlich auf den Heizungstausch gelegt. Entsprechend wurde auch hauptsächlich investiert. Später ist es gelungen, die Förderung breiter aufzustellen und sowohl Heizungsmaßnahmen als auch thermische Sanierungen zu unterstützen.
Interessant war dann das Verhalten der Menschen. Sie haben selbst entschieden, welche Maßnahme für sie sinnvoller ist – und viele kamen zum Schluss, dass die Sanierung der Gebäudehülle wichtiger ist als ein neuer Heizkessel. Damit hatte die Politik offenbar nicht gerechnet.
Welche Wünsche haben Sie an die Politik?
Schmid: Vor allem Planbarkeit. Ganz gleich, welche Maßnahmen beschlossen werden – sie müssen verlässlich und langfristig gelten. Bei einer Gebäudesanierung geht es um Investitionen, die sorgfältig geplant und finanziert werden müssen. Niemand entscheidet hier spontan. Unternehmen und private Eigentümer brauchen stabile Rahmenbedingungen, auf die sie sich über viele Jahre verlassen können.
Und wenn der Staat schon Förderungen vergibt, dann sollte er jene Maßnahmen unterstützen, die volkswirtschaftlich den größten Nutzen bringen. Eine thermische Sanierung ist genau so ein Fall: Sie spart langfristig Energie, erhöht den Gebäudewert und bringt dem Staat letztlich mehr zurück, als sie kostet.
Hintergrund: Kühl trotz Hitze
Messungen im Viva Forschungspark von Baumit zeigen: Dämmung und Speichermasse schützen wirksam vor sommerlicher Überhitzung – ganz ohne Klimagerät.
Die jüngste Hitzewelle macht deutlich: Nachtlüften allein reicht nicht mehr. Wirksamer Hitzeschutz beginnt bei der Gebäudehülle. Eine gute Fassadendämmung hält einen großen Teil der Hitze draußen. Massive Wände mit hoher Speichermasse verzögern die Erwärmung zusätzlich und tragen dazu bei, die Innenraumtemperatur über den Tag stabil zu halten – ohne Stromverbrauch und laufende Kosten.
Dämmung macht den Unterschied
Messungen im Viva Forschungspark von Baumit am 29. Juni 2026 um 14 Uhr bestätigen diese Wirkung eindrucksvoll. Bei einer Außentemperatur von 36,5 °C zeigte das Thermometer im gedämmten Haus mit 25er Ziegel 25,9 °C – um 10,6 °C weniger als draußen. Das vergleichbare ungedämmte Ziegelhaus erreichte hingegen bereits 29,7 °C.
Besonders deutlich zeigt sich der Effekt bei den beiden im Forschungspark nachgebauten Gründerzeithäusern mit 50er Vollziegel: Während das ungedämmte Haus (H11) auf 28,3 °C kam, blieb das gedämmte Vergleichshaus (H12) bei 24,2 °C. Damit lag die Temperatur im gedämmten Gründerzeithaus um 12,3 °C unter der Außentemperatur. Auch weitere gedämmte Forschungshäuser im Viva Forschungspark blieben bei der Innenraummessung deutlich unter 28 °C Raumtemperatur.
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