Sonntag, Mai 19, 2024

Der Wertewandel zugunsten der Erhaltung des Kastenfensters ist unleugbar da. Immer öfter wird versucht, die alten Fenster »hinüberzuretten« – als Fenstersanierung oder im Fenstertausch.

Holzkastenfenster sind ökologisch hochwertig, nachhaltig und flexibel«, postuliert die Planungsresortleiterin Maria Vassilakou die aktuelle politische Haltung in Wien. Mittlerweile sind hier allerdings rund 60 Prozent des charakteristischen, alten Fensterbestandes verloren gegangen, wie aus einem Bericht der Abteilung für Architektur und Stadtgestaltung hervorgeht. Charakteristisch für das historische Wien ist es das Kastenfenster in all seinen Variationen, wobei noch bis in die 1950er-Jahre Gemeindebauten oder in ländlichen Gegenden auch Höfe mit dem Fenstertyp ausgestattet wurden.

Charme und moderne Ansprüche vereint
Das Kastenfenster für Renovierungsobjekte neu zu bauen ist nur eine Herangehensweise, aber eine, die im Luxuswohnen immer öfter auftaucht. So wurden etwa beim Totalumbau eines historischen Amtsgebäudes in ein Heim für serviciertes Wohnen in der Josefstadt hunderte Fenster mitsamt Fensterstock getauscht. Produziert werden sie vom Pöllauer Unternehmen KAPO Fenster und Türen. »Wir sehen es als Aufgabe des Fensterproduzenten, modernste Technik bezüglich Beschlag, Sicherheit und Glas mit dem historischem Design zu verbinden«, sagt Geschäftsführer Wolfgang Bertl. Die Schönheit des Kastenfensters mache die historische Fassade eines alten Gebäudes erst aus. Altbauten mit Verbundfenstern nach modernem Zuschnitt gelten heutzutage als »kaputtsanierte Fälle« während umgekehrt originalgetreu sanierte Objekte Vermietungsrenner sind. Auch Fensterproduzenten sind daher bemüht, die Gratwanderung zwischen althergebrachtem System und modernen Anforderungen auf sich zu nehmen.

Für manche privatere Bereiche sind Design-Remakes nicht original genug und Fenstersanierung oder handgefertigte Reproduktionen sind möglicherweise die bessere Alternative. Die Bautischlerei Hessl im oberösterreichischen Tragwein ist ein Unternehmen, das sich in diesem Segment erfolgreich etabliert hat. Als Manufaktur und mit Nachbauten der Originale, bei Bedarf auch nach den Vorgaben des Denkmalschutzes, hat man sich einen Namen gemacht. Vom Landhaus über das Jagdschloss bis hin zum Nobelhotel an der Wiener Ringstraße werden Spezialaufträge durchgeführt. In Handarbeit wird versucht, heutige Ansprüche zu erfüllen und gleichzeitig möglichst originalgetreu zu sanieren. Zum Hotelprojekt Palais Hansen Kempinski teilt der Geschäftsführer Karl Hessl bezüglich der 780 gefertigten Kastenfenster mit: »Durchschusshemmende Verglasung in den Kastenfenstern gewährleistet die maximale Sicherheit der Gäste. Die Optik der Denkmalschutzfenster wurde bei der Ausführung in keinerlei Weise beeinträchtigt.«

Erhalten als Priorität
Von Fall zu Fall sind die geforderten Standards sehr unterschiedlich. Für die bauxund Forschung und Entwicklung GmbH steht fest, dass die eigentliche Priorität in der substanziellen Erhaltung des Fensterbestandes liegen müsste. Das Büro für Bauökologie hat eine Studie über den Erhalt des Originalfensters verfasst und ist zum Schluss gekommen, dass das Austauschen oft zu radikal betrieben wird und dass dann eine historische Gebäudeeinheit zerstört wird. Franz Leutgeb vom Forschungsunternehmen beschreibt die für ihn sinnvollere Herangehensweise: » Bevor man einen Kompletttausch erwägt, sollte eine gewissenhafte Prüfung erfolgen, ob der Fensterbestand eines Gebäudes nicht vielleicht technisch sanierbar und energetisch sinnvoll aufwertbar ist.« Die Richtung der Sanierungsentscheidung sei erst in einem nächsten Schritt abzuleiten, das heißt, ob Reparatur, Aufwertung, Teilnachbau oder doch der Kompletttausch den besten Weg darstellt. Auch im eingangs erwähnten Wiener Forschungsbericht fordert man auf, behutsam zu tauschen und Fenster möglichst nur dann zu ersetzen, wenn eine Sanierung nicht zielführend ist. Funktionstüchtige, am Stand gehaltene Fenster seien auch mit bis zu 200-jähriger Geschichte möglich.

Sanieren oder Tauschen
Gezielt die Vorteile einer Sanierung mit jenen der Erneuerung koppelt die Methode des Wiener Komfort Fensters. Unter diesem Namen vertreibt der Architekt Georg Lux eine Systemlösung, die er auch selber entwickelt hat. Dabei werden nur die inneren Fensterflügel getauscht sowie die dazugehörigen Teile des Fensterstocks. »Für mich als Planer war einfach nichts Passendes aufzutreiben«, erläutert Lux, warum er auf die geniale Idee verfallen ist, für die er auch gleich einen Wirtschaftspreis bekommen hat. Speziell in Schutzzonen, wie sie die MA19 in Wien auf Basis der Wiener Bauordnung seit 1973 festschreibt, sei man damit in der Lage, einwandfrei rechtskonform zu sanieren. »Mit dem neuen Innenfensterelement bleibt die Fassade des Gebäudes jedenfalls im Original erhalten und gleichzeitig wird das Kastenfenster technologisch auf ein zeitgemäßes Niveau gehoben«, erklärt Lux.

Unabhängig von der Fassade könne im Inneren auch ein modernes Design gewählt werden. Weil jede Wohneinheit separat saniert werden kann, ergeben sich speziell für private Wohnungseigentümer Vorteile. Aber auch vermieterseitig macht die Methode Sinn, um einzelne Wohnungen vor Neuvermietungen in einen Neuzustand zu versetzen, auch wenn eine Fassadendämmung nicht möglich ist oder eine Haussanierung noch nicht ansteht. Versprochen werden um rund 60 Prozent verringerte Wärmeverluste, unveränderter Lichteintrag nach dem Umbau, Förderwürdigkeit für den Sanierungsscheck und ein Austausch binnen zwei Stunden pro Fenster und auch zehn Jahre Garantie per Wartungsvertrag.

Schimmel hintanhalten
Wie auch immer man bei historisch anspruchsvollen Fenstersanierungen verfährt, können Verbesserungen bei der Wärmedurchlässigkeit bekanntermaßen Schimmelbefall provozieren. Gemäuer, Rahmen, Scheiben, Laibungen und Holzkasten und sogar die Nutzung bilden eine eingespielte Situation und die Folgen der Eingriffe sind da nicht immer leicht absehbar. Empfohlen wird, bei Sanierungsmaßnahmen immer an den Innenflügeln anzusetzen (siehe Kasten). Fensterentwickler Georg Lux kann dem nur zustimmen und verweist auf die Unbedenklichkeit der von ihm entwickelten Lösung: »Wir haben ein Jahr bauphysikalisch mit einem Prototypen gezielt getestet. Schimmelgefahr besteht im Altbau im Gegensatz zu einem Fenstertausch auf herkömmliche Fenster nicht.« Beim Fensterproduzenten KAPO ist man sich der Problematik ebenfalls bewusst: »Wir nehmen in jener Hinsicht die Beratung besonders wichtig und analysieren im Einzelfall, wo sich die Heizkörper befinden, damit Schimmelgefahren im Griff sind.« Bei einem Punkt besteht jedenfalls Gleichklang über die Erneuerungen: Das Kastenfenster muss als Teil der Gebäudehülle betrachtet werden und nicht als einzelner Bauteil.


Hintergrund: Einfache Fenstersanierungen
Die in den Altbauten vorhandenen Fenster sind grundsätzlich gut auf die vergangenen freien Lüftungsverhältnisse in diesen Gebäuden abgestimmt. Die alten Kastenfenster sind oft technisch in einem reparierbaren Zustand, entsprechen aber hinsichtlich ihrer Luftdichtheit nicht den heutigen Anforderungen der Behaglichkeit und Energieeffizienz. Die thermische Sanierung von Kastenfenstern muss mit sichernden Maßnahmen für den Luftwechsel der betroffenen Räume oder Wohnungen einhergehen.
Bei der thermischen Bewertung des Fensterbestandes muss das Fenster als Teil der Gebäudehülle betrachtet werden und nicht als einzelner Bauteil. Lösungsmöglichkeiten einer thermischen Fenstersanierung, welche auch die Kondensatbildung wesentlich verringern, sind: Aufwertung auf eine höherwertig beschichtete Einfachverglasungen oder Klebefolien, Wechsel der Verglasung des Innenflügels von Einfachverglasung auf eine Wärmeschutzverglasung, Aufkleben oder Einarbeiten von Dichtungen im Falz des Innenflügels.
Quelle: Lerner Hilde, Leutgeb Franz, Mairinger Emanuel: Leitfaden Fenstersanierung. Erstellt im Auftrag des »ÖkoKauf Wien«, Wien 2009

Branchenradar: Fenstermarkt schrumpft um fünf Prozent
Die letzten beiden Jahre stellten für die österreichische Fensterbranche laut Andreas Kreutzer, Geschäftsführer Kreutzer Fischer und Partner, eine Zäsur dar. »Aus dem jahrelang stabilen Wachstum wurde ein unerwarteter Abwärtstrend«, so der Marktforscher, der der Fensterwirtschaft in seinem aktuellen Branchenradar »Fenster & Hebeschiebetüren in Österreich 2015« rückläufige Herstellererlöse in der Höhe von fünf Prozent attestiert. Im Jahr davor lag das Minus noch bei vergleichsweise moderaten 2,7 Prozent. Damit ist der Markt in nur zwei Jahren von 832,7 Millionen Euro auf 769,4 Millionen Euro eingebrochen. Verantwortlich dafür ist laut Kreutzer das äußerst schwache Sanierungsgeschäft. »Gegenüber dem Jahr 2013 sank der Austausch von Fenstern um neun Prozent«, so Kreutzer. Gestützt sei die Nachfrage von einem moderaten Zuwachs im Neubau von etwas mehr als einem Prozent gegenüber dem Vorjahr geworden.
Vor allem die privaten Haushalte hielten sich mit Ersatzinvestitionen massiv zurück. Bei Ein- und Zweifamilienhäusern erhob der Branchenradar im Bestandsgeschäft sogar einen Rückgang von beinahe zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr. »Zweifelsohne hing die auffallend zurückhaltende Investitionsbereitschaft der privaten Haushalte zu einem großen Teil mit der gefühlten Unsicherheit bezüglich der allgemeinen Wirtschaftslage und den daraus resultierenden persönlichen Konsequenzen zusammen, etwa mit einer drohenden Arbeitslosigkeit oder aber der Notwendigkeit, den ›Notgroschen‹ aufzustocken«, ist Kreutzer überzeugt. Den Fenstermarkt treffe diese resignierende Stimmung, die sich unter anderen in einer geringen Konsumneigung und schwacher Investitionsbereitschaft ausdrückt, besonders hart. Denn in einem schlechten konjunkturellen Umfeld werden laut Kreutzer auch noch Vorzieheffekte abgeschichtet. Nichtsdestotrotz sei die Sanierungsquote bei keinem anderen Baustoff so hoch wie bei Fenstern. »Sie liegt im Wohnbau mit aktuell 2,2 Prozent des Gebäudebestands nach wie vor über jener von etwa Fassadendämmungen oder Dacherneuerungen«, so Kreutzer abschließend.

Sanierungsziel und Fördermöglichkeiten
- Fenster in Schutzzonen: sowie Fenster in erhaltungswürdig gegliederten Fassaden sind laut §118 (4) WrBO von den Bestimmungen betreffend Einsparung der verbrauchten Energiemenge ausgenommen.
- Die Wärmeschutzwerte: von in gutem Zustand erhaltenen oder fachgerecht instandgesetzten Kastenfenstern sind mit einfachen Isolierglasfenstern durchaus vergleichbar – ein neues Kastenfensters liegt bei 2,5 W/m²K.
- Thermische Sanierungsmaßnahmen: werden für private Bauherren mit dem Sanierungsscheck belohnt. Für Holzfenster gibt es eine zusätzliche Förderung von bis zu 500 Euro. So lassen sich bis zu 30 % der Investitionssumme sparen.
- Förderungen für gewerbliche Bauträger: gibt es, wenn der relevante Wärmeleitwert für den Scheibentausch nach Umbau erreicht wird. Der ist in den Richtlinien der Länder festgelegt und liegt im Allgemeinen bei 1,10 oder bei 1,35 W/m²K, wenn es um das ganze Fenster geht.
Quellen: Wiener Fenster – Gestaltung und Erhaltung, Werkstattbericht Nr. 140 im Auftrag der Wiener MA 19;  Tiroler Wohnhaussanierungsrichlinie 1-1-2015; Salzburger Wohnbaudurchführungsverordnung 2010; Sanierungsscheck für Private 2015, Kommunal Kredit Public Consulting

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