Sonntag, Juni 16, 2024

Die Arbeitslosigkeit in der Bauwirtschaft steigt kontinuierlich an. Besserung ist auch mittelfristig keine in Sicht. Die Meinungen, was im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit am besten hilft, gehen weit auseinander. Einen interessanten Aspekt bringt das IHS in die Diskussion.

Im April waren insgesamt 28.814 Personen aus der Bauwirtschaft arbeitslos gemeldet. Das ist ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr von 12,4 %. Was auf den ersten Blick dramatisch klingt, ist bei nüchterner Betrachtung gar nicht mal so schlimm. Denn die allgemeine Arbeitslosigkeit ist im selben Zeitraum um 14,5 % angewachsen. Die Gründe für den Anstieg sowohl der allgemeinen Arbeitslosigkeit als auch der spezifischen Arbeitslosigkeit am Bau sehen Experten vor allem in der schwächelnden Konjunktur. »Seit 2012 gab es makroökonomisch kaum noch Wachstum. Die letzten beiden Jahre brachten de facto eine Stagnation«, erklärt Helmut Hofer, Arbeitsmarktexperte beim IHS. AMS-Vorstand Johannes Kopf sieht den Hauptgrund für den Anstieg ebenfalls im geringen Wirtschaftswachstum. »Das Beschäftigungswachstum der Baubranche liegt mit 0,6 % bereits seit vier Jahren deutlich unter dem Durchschnitt«, weiß Kopf.

Zusätzlich sorgt ein steigendes Arbeitskräftepotenzial durch Personen aus dem EU-Ausland für Anspannung am Arbeitsmarkt. Dazu kommt, dass viele Unternehmen aufgrund der schlechten Wirtschaftslage und der negativen Stimmung im Land bei der Einstellung neuer Mitarbeiter sehr zurückhaltend sind. Das zeigt sich nicht zuletzt an den Lehrlingszahlen, die im dritten Jahr in Folge rückläufig sind. »Den Unternehmen fehlt einfach die Planungssicherheit «, weiß Paul Grohmann von der Bundesinnung Bau.

Eine Entspannung ist auch mittelfristig nicht in Sicht. Josef Muchitsch, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Bau-Holz, geht davon aus, dass die »überhöhte Bauarbeitslosigkeit auch in den nächsten Monaten anhalten wird«. Beim Wifo geht man davon aus, dass die allgemeinen Beschäftigtenzahlen heuer um 18.500 Personen oder 0,5 % steigen werden, während die Anzahl der Arbeitslosen um 30.000 Personen oder 10 % wachsen wird. In der Baubranche sollte die Aktivbeschäftigung bis 2019 im Jahresdurchschnitt um 5300 auf 252.100 steigen. Die Arbeitslosigkeit wird laut Prognose in den Bau- und Bauhilfsberufen um rund 8 % oder 1000 Personen steigen.

Was tun?
Die Frage, was man gegen die steigende Arbeitslosigkeit am Bau tun kann, ist auch von den Experten nicht leicht zu beantworten. Während etwa Helmut Hofer wenig von sektorspezifischen Konjunkturprogrammen hält, sieht das die Bauwirtschaft naturgemäß anders. Sowohl Bundesinnung als auch Gewerkschaft fordern konjunkturbelebende Maßnahmen. Große Hoffnungen ruhen auf der Wohnbauoffensive und dem neuen Bundesvergabegesetz, das regionale Unternehmen mit Eigenpersonal und Lehrlingsausbildung bei Auftragsvergaben eine fairere Chance erhalten. Weiters sollten laut Paul Grohmann Maßnahmen wie die Förderung der seniorengerechten Wohnraumadaptierung, die fertig in der Schublade liegen, endlich umgesetzt werden.

Auch eine bundesweite Winterbauoffensive nach steirischem Vorbild sollte der Regierung laut Bundesinnung Bau eine Überlegung wert sein. Seit 1996 hat das steirische Wirtschaftsressort mit 40,5 Millionen Euro insgesamt 719 Bauprojekte unterstützt. Dadurch wurden Investitionen von 440 Millionen Euro ausgelöst und 11.864 Personen am Bau in Beschäftigung gehalten. Außerdem wurden 989 zusätzliche Dauerarbeitsplätze und 272 neue Lehrausbildungsplätze geschaffen. Im Rahmen der Winterbauoffensive 2015 wurden mit einer Fördersumme von einer Million Euro Investitionen von über zehn Millionen Euro ausgelöst und die Beschäftigung von 441 Bauarbeitern über die Wintermonate ermöglicht.

Auch seitens des AMS werden Maßnahmen gesetzt, um die arbeitslos gemeldeten Personen aus der Bauwirtschaft besser vermitteln zu können. So gibt es etwa während der Wintermonate branchenspezifische Qualifizierungen in Bauhandwerkerschulungen. »Statt Arbeitslosengeld zahlt das AMS Betrieben zwei Drittel des Lohns und 55 % der Lohnnebenkosten.2014 haben rund 700 Teilnehmer das Angebot genutzt«, erklärt Kopf. Darüber hinaus gibt das AMS für arbeitslose Bauarbeiter pro Jahr zusätzlich vier Millionen Euro für branchenspezifische Schulungsangebote aus. Kopf fordert außerdem im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit verstärkte Kontrollen zur Einhaltung der Lohn- und Sozialversicherungsbedingungen bei ausländischen Unternehmen. Ähnlich sieht das Gewerkschafter Muchitsch: »Es muss aufseiten der EU zu einer Verkürzung der Aufenthaltsdauer bei Entsendungen kommen. Außerdem brauchen wir einen Strafvollzug bei Vergehen von Lohn- und Sozialdumping in ganz Europa bis hin zu einer Novelle der Gewerbeordnung, um Scheinselbstständigkeit vom Markt zu bringen.«

Frühzeitig reagieren
Einen relativ neuen Blickwinkel bringt IHS-Experte Helmut Hofer in die Diskussion ein. Er fordert, den Fokus auf die Umschulung von Bauarbeitern zu richten. »Die heimische Bauwirtschaft ist sicher nicht zu klein dimensioniert«, so Hofer. Wichtig wäre laut Hofer, mit den Umschulungen zu beginnen, bevor die typischen Berufskrankheiten einsetzen. Denn es sind vor allem ältere Bauarbeiter, die aufgrund der gesundheitlichen Beeinträchtigung durch die getätigte Schwerarbeit keine Chance mehr haben, in Beschäftigung zu kommen. In diesen Fällen greift seit Anfang des Jahres das sogenannte »Überbrückungsgeld« für Arbeitnehmer ab 58 Jahren bzw. 44 Versicherungsjahren. Im ersten Quartal 2015 befanden sich 436 Bauarbeiter im Überbrückungsmodell, konzipiert ist das Modell für rund 3.000 Arbeitnehmer. Eine frühzeitige Umschulung könnte laut Hofer die Notwendigkeit solcher Maßnahmen in Zukunft deutlich reduzieren.


Zitat: »Wir brauchen im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit verstärkte Kontrollen zur Einhaltung der Lohn- und Sozialversicherungsbedingungen bei ausländischen Unternehmen«,
fordert AMS-Vorstand Johannes Kopf.


Zahlen: Arbeitslose am Bau (Stand April 2015)


Burgenland: 1197 (absolut), 14,10% (Veränderung gg. Vorjahr)

Kärnten: 2319, 3,90%

Niederösterreich: 4849, 10,00%

Oberösterreich: 2876, -0,30%

Salzburg: 943, 11,60%

Steiermark: 4066, 12,00%

Tirol: 1507, 4,80%

Vorarlberg: 564, 3,90%

Wien: 10493, 22,10%

Österreich: 28814 (absolut), 12,40% (Veränderung gg. Vorjahr)

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