Freitag, April 12, 2024

Wohnen ist ein Grundbedürfnis jedes Menschen, kann aber manchmal nur schwer befriedigt werden. Der Wohnbau ist rückläufig, aktuellen Erfordernissen wird oft nicht Rechnung getragen. Der Bau & Immobilien Report hat mit Parteien, der Bundesinnung Bau, Umwelt+Bauen und BaumeisterInnen über den Wohnbau 2015ff gesprochen. UPDATE: Was mit Wohnbaufördergeldern passiert.

Von Karin Legat

Die Bevölkerung in Österreich wächst, der Wohnbedarf steigt. »Wir müssen uns diesem Bevölkerungszuwachs stellen, brauchen um die 48.000 Wohnungen pro Jahr«, erklärt Manfred Katzenschlager, Geschäftsführer der Bundesinnung Bau. »Derzeit fehlen uns jährlich 5.000 bis 7.000 Wohneinheiten. Mit der von unserer Umwelt+Bauen-Initiative konzipierten Wohnbauoffensive haben wir ein Modell erarbeitet, das in den nächsten fünf Jahren 30.000 Wohnungen zusätzlich zur Wohnbauförderung schafft und dabei die öffentliche Hand nicht belastet. « Die Geldaufbringung erfolgt über Mittel der EIB, Wohnbaubankemissionen, den internationalen Kapitalmarkt und Finanzierungstilgungen. Die direkte Finanzierung und Umsetzung wird über Wohnbauträger und Gemeinden abgewickelt. Als Dachgesellschaft fungieren die Bausparkassen. Der Bund hält eine Minderheitsbeteiligung. »Die Regierung muss unser Maßnahmenbündel nur umsetzen «, so Josef Muchitsch, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Bau-Holz und verweist auf die sehr schleppende Umsetzung. »Alle sind sich einig, aber es fehlt an Entschlossenheit.« Muchitsch rechnet mit einem Start der Wohnbauoffensive im dritten Quartal 2015.

Bau-Praxis

Optimierungsbedarf im Wohnbausieht das Institut für Architektur, Abteilung für Wohnbau, an der TU Wien. »Von technischen Details bis zu städtebaulichen und verkehrstechnischen Maßnahmen fehlt eine umfassende Lebenszyklusbetrachtung«, so Helmut Schramm, Vizestudiendekan Architektur. Seiner Meinung nach braucht die Stadtentwicklung Mut und Vielfalt. »Es bedarf kreativer ArchitektInnen, engagierter Gebietsbetreuer, innovativer Wohnbaugenossenschaften, BewohnerInnen, die sich um ihr Wohnumfeld sorgen und natürlich einer Stadtplanung, die einiges offen lässt, um oben genannten Akteuren den notwendigen Spielraum zu geben.« Es gehe nicht um neue Architektur, sondern um einen aktiven Diskurs und ein neues Verständnis von Wohnumfeld, Nachbarschaft, Stadtquartier und städtischem Raum. Auch Baumeisterin Renate Scheidenberger von Baukultur sieht Bedarf an guter Architektur. »Es braucht eine Vorausschau hinsichtlich Nah- und Verkehrsversorgung, damit keine Geisterstadt entsteht.« Wien sei bereits am Weg in Richtung einer qualitätsvollen Weiterentwicklung, heißt es aus dem Büro von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig. »Unser Rezept ist die Blocksanierung, um traditionelle Stadtteile fit zu machen. So wird auch hochwertiger Wohnraum geschaffen. In den großen Bezirken gibt es noch viele Entwicklungsgebiete, die urban und doch der Umgebung angepasst gestaltet werden können.« Ein innovatives Wohnbeispiel: Mit der Aktion 65Plus werden Pensionisten bei einem Wechsel auf eine kleinere Gemeindewohnung, die den Bedürfnissen des aktuellen Lebensabschnittes besser entspricht, unterstützt. Der Mietzins wird vergünstigt, altersgerechte Adaptierungsmaßnahmen werden gefördert. Thema, nicht nur in Wien, ist Nachverdichtung, die laut Katzenschlager ein wichtiges Element zur Schaffung von Wohnraum bildet. Nachverdichtung ist laut TU Wien seit der Postmoderne ein Thema: damals als Bekenntnis zur historischen Stadt, heute um bestehende Quartiere zu aktivieren, manchmal um Diversität zu fördern und natürlich um vorhandene Infrastruktur zu nutzen. Unbegrenzt nachverdichten ist natürlich nicht möglich. »Grenzen gibt es z.B. aufgrund von Statik, Erdbebennormen und Bebauungsvorschriften «, so Katzenschlager. Die Regierungsparteien haben die verpflichtende Prüfung zur Nachverdichtung bereits im Regierungsübereinkommen festgeschrieben. »Nachverdichtung muss aber sinnvoll umgesetzt werden. Es braucht eine überlegte Ressourcennutzung mit Blick auf Raum- und Umfeldqualität, anstatt Satellitenstädte zu forcieren«, wünscht sich Renate Scheidenberger. Potenzial gebe es auch bei zahlreichen Bauten aus den 60er-Jahren, die modernisiert werden könnten. Gabriela Moser von den Grünen verweist auf den Bereich Leerstand. Laut dem 10. Umweltkontrollbericht beträgt der Baulandüberhang mehr als 25 Prozent der gesamten gewidmeten Baulandfläche. »Das Angebot deckt sich aber nicht immer mit dem Bedarf«, zeigt Manfred Katzenschlager auf. »Genug Bauland im nördlichen Waldviertel nutzt wenig, wenn die Leute dort keine adäquate Arbeit finden – auch wenn es landschaftlich noch so schön ist.«

Bau-Korrekturen

»Wir haben zurzeit ein suboptimales Verhältnis von Grundstückspreisen und Errichtungskosten. Hier müsste in der Bodenpolitik, etwa mit der Abschöpfung von Widmungsgewinnen, die Relation wieder zurechtgerückt werden«, nennt Helmut Schramm eine Forderung an die Baupolitik. Philipp Schrangl, Bereichssprecher Wohnen der FPÖ, berichtet aus seiner Praxis: »Immer wieder begegne ich der Forderung nach einer bundesweit einheitlichen Bauordnung. Überzogene thermische Standards sind ebenso Thema wie die Forderung nach Senkung der Lohnnebenkosten.« Die Grünen fordern neben der Sanierung des Altbestands den Abbau von Fehlbelegungen, ein besseres Mietrecht sowie eine stärkere Fokussierung der WBF auf den Mietwohnungsbau. Die ÖVP thematisiert das Thema Mobilisierung von privatem Kapital. »Dabei handelt es sich oftmals um steuerliche Maßnahmen, wie etwa eine Reform der Sonderausgaben oder eine Lohnsteuersenkung«, betont Johann Singer, Bereichssprecher Wohnen im Parlament, und kündigt an, dass das Wohnrecht im ersten Halbjahr 2015 im Zentrum der wohnungspolitischen Debatte steht. Den Abbau von Bürokratie und die Vereinfachung der rechtlichen Rahmenbedingungen sieht auch die SPÖ als vorherrschendes Thema. »Hierbei wird der Gesetzgeber noch in dieser Legislaturperiode mit tiefgreifenden Reformen aktiv«, kündigt Bereichssprecherin Ruth Becher an. Helmut Schramm begrüßt diese Ankündigungen. »Der Wohnbau taucht als politisches Thema in der breiten Öffentlichkeit meist nur vor Wahlen auf. Dies sehe ich nicht wirklich als Problem, denn ohne politische Querelen in Ruhe arbeiten zu können, schadet sicher nicht. Problematisch ist eher, dass offen diskutiert wird, ob Wohnbauförderung überhaupt für den Wohnbau zu verwenden ist. Dies zeigt doch eine fragwürdige Haltung vieler Parteien zu diesem Thema.«

Wohn-Praxis

In Umfragen zur gewünschten Wohnsituation fallen heute Schlagworte wie Gemeinschaftsräume, generationenübergreifendes Wohnen, Smart Home und flexible Zonierungen. Die Bedürfnisse im Wohnbau ändern sich, sind heute anders als noch vor zehn Jahren. Aus dem Büro von Stadtrat Ludwig heißt es: »Stadtentwicklung muss nach der Leitidee einer Smart City vonstatten gehen. Das geht weit über die Dämmung und die Baustoffe hinaus. Der soziale Gedanke muss einbezogen werden, etwa mit Mehrgenerationenwohnen oder der Unterstützung für Jungfamilien.« Entscheidend ist, dass die Infrastruktur funktioniert. »Die Herausforderung für den urbanen Wohnbau ist, dass die Sehnsüchte der Menschen, die das Einfamilienhaus verspricht, auch durch das Wohnen in der Stadt verwirklicht werden können«, ergänzt der BI Bau-Geschäftsführer. »Die steigenden Anforderungen dürfen aber nicht dem Ziel nach leistbarem Wohnraum entgegenstehen«, warnt Johann Singer. Den Faktor Kosten spricht auch die Bauwirtschaft an. »Bauindustrie, Planer und Bauträger sind ständig mit neuen Anforderungen aus Gesetzen und Normen konfrontiert, die den seit sieben Jahren nahezu unveränderten Baukostenobergrenzen für leistbares Wohnen gegenüberstehen«, zeigt Stephan Jainöcker, Geschäftsführer von Mischek Systembau (100 %-Tochter der Strabag), auf. »Um Bauleistungen wieder attraktiv zu machen, müssen die Auflagen gesenkt und damit die Kosten reduziert werden. Speziell die Dichte an Normen ist zu reduzieren«, fordern auch die Neos. »Bei den Stichworten Barrierefreiheit und thermischer Sanierung ist der Kosten-Nutzenfaktor abzuwägen«, zeigt Schrangl auf. »Manche Maßnahmen müssen hinterfragt werden. Ist es wirklich sinnvoll, ein Haus bis zum fünften Stock barrierefrei zu gestalten?« Sozialer Wohnbau werde manchma bereits in der Errichtung so teuer, dass er unleistbar wird. Die Einführung einer Widmungskategorie Förderbarer Wohnbau, wie ihn die Wiener Bauordnung bereits kennt, fordert die SPÖ. Das Um und Auf bei der Finanzierung ist aber die Wohnbauförderung. Sie ist und bleibt einer der wichtigsten Hebel zur Bewältigung der Nachfrage nach leistbarem Wohnraum.

Grafik: Was mit Wohnbaufördergeldern passiert

»Leistbares Wohnen« ist seit dem Nationalratswahlkampf 2013 ein fester Bestandteil der Tagespolitik. Ein wesentlicher Mosaikstein zur dauerhaften Sicherstellung der Leistbarkeit ist die Wohnbauförderung. Um zu zeigen, wie gut oder schlecht die Wohnbaufördertöpfe gefüllt sind und wohin dieses Geld fließt, hat der Bau & Immobilien Report einen Fragebogen an die Wohnbaulandesräte aller Länder verschickt. Die Ergebnisse finden Sie hier. Ein Bundesland lässt sich nicht so gern in die Karten schauen und ist nur bedingt auskunftsfreudig.

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